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Julia Franz: Kulturen des Lehrens

Cover Julia Franz: Kulturen des Lehrens. Eine Studie zu kollektiven Lehrorientierungen in Organisationen Allgemeiner Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. 272 Seiten. ISBN 978-3-7639-5746-0. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

In dieser empirischen Studie über den Einfluss des organisatorischen Kontextes auf kollektive Handlungsorientierungen in der Lehre sollen die wechselseitigen Zusammenhänge der unterschiedlichen Steuerungs- und Verwirklichungsebenen der Erwachsenenbildung erkundet werden. Das Ziel ist die wissenschaftliche Identifikation der Bedingungen und Faktoren jenseits der individuellen Lehrkompetenz der Lehrenden, also die professionelle wirksame Anregung und Förderung der Lernprozesse von Erwachsenen durch das organisatorische Umfeld.

Die Autorin untersucht die Frage, wie didaktische Orientierungen in der pädagogischen Praxis strukturell verankert sind. Der Begriff der Orientierung beschreibt dabei die konjunktiven und impliziten Wissensformen, die das praktische Handeln und das Denken zum Lehren beeinflussen.

Es geht insbesondere darum, die impliziten und handlungsanleitenden Wissensformen über das Lehren in erwachsenenpädagogischen Organisationen zu untersuchen und daraus eine organisationspädagogische Anreicherung der didaktischen Theorie in der Erwachsenenbildung sowie der organisationspädagogischen Theorie abzuleiten.

Autorin

Dr. Julia Franz ist Professorin für Erziehungswissenschaften mit dem Schwerpunkt Erwachsenenbildung und Weiterbildung an der Eberhard Karls Universität Tübingen.

Entstehungshintergrund

Trotz der zunehmenden Diskussion um die Gestaltung von Lernarrangements mit dem Ziel selbstorganisierter Lernprozesse dominieren in der Erwachsenenbildung nach wie vor die Lehrveranstaltungen mit formellen Charakter. In dem Forschungsprojekt der Autorin stand deshalb die Frage im Vordergrund, wie die didaktischen Orientierungen in der Praxis der Erwachsenenbildung strukturell verankert sind. Dabei kombiniert sie eine hypothesengenerierendes Verfahren mit einem qualitativ-rekonstruktiven Design sowie einem fallanalytischen Vorgehen.

Aufbau und Inhalt

Zunächst arbeitet die Autorin den Forschungsstand zum Lehren in der Erwachsenen- und Weiterbildung heraus und zeigt auf, dass es bisher nur wenige empirische Erkenntnisse über Orientierungen in der Lehre der Erwachsenen- und Weiterbildung gibt.

Im zweiten Kapitel werden zunächst der thematische Kontext der Untersuchung und damit die theoretischen Implikationen der Forschungsfrage vorgestellt. Der Forschungsgegenstand der Studie, das Phänomen des Lehrens, wird theoretisch reflektiert. Danach werden die theoretischen Vorannahmen zu den erwachsenenpädagogischen Organisationen dargestellt und das Forschungsfeld der Allgemeinen Erwachsenenbildung eingegrenzt.

Im dritten Kapitel entwickelt die Autorin das methodische Vorgehen und das Forschungsdesign der Studie. Sie beschreibt das Sample, die Methoden der Datenerhebung und -auswertung, sowie den Prozess der Ergebnisverdichtung.

Im vierten Kapitel werden die empirischen Ergebnisse der Studie dargestellt. Die dabei heraus gearbeiteten Typen organisationaler Lehrorientierung werden anhand von Referenzfällen auf Basis des empirischen Materials dargestellt und analysiert.

  • Ein Typus orientiert sich am Lehren im Modus legitimierter, fachlich orientierter Inhaltsvermittlung und anerkennt die Relevanzstruktur von Förderstrukturen. Der Lehrende ist primär der Fachexperte, der Inhalte „vermittelt“.
  • Ein anderer Typus strebt eine reflexive Prozessbegleitung an, bei der Lehren und Lernen ins Verhältnis zueinander, orientiert an der Gesellschaft als zentrale Relevanzstruktur, gesetzt werden. Es soll damit die gesellschaftliche Teilhabe durch Bildung ermöglicht werden. Der Lehrende sieht seine Rolle primär in der reflexiven Begleitung der Lernprozesse.
  • Ein dritter Typ des Lehrens im Modus normierend-strategischer Extensionalitätschafft Situationen, die ein bestimmtes Lernpotenzial beinhalten. Damit steht die Entwicklung des Subjekts in und durch die Gemeinschaft der Organisation im Zentrum. Der Lehrende stellt einen methodisch gestalteten „Lernraum“ zur Verfügung, in dem die Lernenden gemeinschaftlich lernen und sich entwickeln können. Dieser Typus findet sich vor allem im kirchlichen Bildungsbereich.
  • Der Typus, der Lehren im Modus lokal-strategischen Organisierens versteht, erkennt den Weiterbildungsmarkt als äußeren Referenzrahmen des eigenen Handelns an. Deshalb beobachtet er innovative Konzepte anderer Einrichtungen und Veränderungen der Bildungsnachfrage. Lehren wird vor allem als eine organisatorische Aufgabe verstanden, bei der marktgerechte Bildungsangebote entwickelt werden.

Insgesamt zeigt es sich, dass die Lehrprozesse nicht nur durch die Lehrenden, sondern vor allem auch durch die Art und Weise, wie das Lehren organisiert wird sowie die Situation und das Selbstverständnis der jeweiligen Weiterbildungsorganisation geprägt werden.

Im fünften Kapitel wird eine organisationspädagogische Theorie des Lehrens bzw. eine Theorie der Lehrkultur entwickelt. Abschließend werden die Studienergebnisse in Hinblick auf die empirische Forschung, die Theoriebildung und die Praxis- der Erwachsenen- und Weiterbildung eingeordnet.

Fazit

Die Studie zeigt deutlich die hohe Bedeutung der Organisationen für die Art und Weise des Lehrens auf und leitet daraus eine Didaktik ab, bei der die spezifische Organisationsform der Erwachsenenbildung berücksichtigt wird. Die Studie liefert dabei vielfältige Anregungen für die erwachsenenpädagogische Lehr-Lernforschung, für die organisationspädagogische Forschung sowie für die Gestaltung des Lernens in Organisationen der Erwachsenen- und Weiterbildung.


Rezensent
Prof. Dr. Werner Sauter
Blended Solutions GmbH
Homepage www.blended-solutions.de
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Zitiervorschlag
Werner Sauter. Rezension vom 27.03.2017 zu: Julia Franz: Kulturen des Lehrens. Eine Studie zu kollektiven Lehrorientierungen in Organisationen Allgemeiner Erwachsenenbildung. W. Bertelsmann Verlag GmbH & Co. KG (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-7639-5746-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21126.php, Datum des Zugriffs 15.12.2017.


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