socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Wilma Weiß, Tanja Kessler u.a. (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik

Cover Wilma Weiß, Tanja Kessler, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. 478 Seiten. ISBN 978-3-407-83182-8. D: 49,95 EUR, A: 51,40 EUR, CH: 64,30 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Das Handbuch bietet eine umfassende Darstellung der Traumapädagogik im Kontext der Kinder- und Jugendhilfe und der Sozialen Arbeit. Neben der Genese, Charakteristik und der praktischen Umsetzung traumapädagogischer Überlegungen und Konzepte werden traumapädagogische Handlungsfelder und Methoden vorgestellt. LeserInnen erhalten zudem eine fundierte Einführung in praxisrelevante psychotraumatologische Inhalte.

Herausgeberinnen und AutorInnen

Die Diplompädagogin und Dipl.-Sozialpädagogin Wilma Weiß begleitete langjährig traumatisierte Mädchen und Jungen. Sie bietet seit langem traumapädagogische Fortbildungen an, initiierte die Gründung der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik leitet das Zentrum für Traumapädagogik in Hanau.

Tanja Kessler (Erzieherin und Diplomsozialarbeiterin) leitet ein Zentrum für Traumpädagogik. Auch sie war lange in der pädagogischen Praxis tätig.

Silke Brigitta Gahleitner lehrt als Professorin für klinische Psychologie und Sozialarbeit an der Alice Salomon Hochschule Berlin. Vorher war sie langjährig als Sozialarbeiterin und Psychotherapeutin in sozialtherapeutischen Einrichtungen für traumatisierte Frauen und Kinder tätig.

Die Herausgeberinnen gewannen für dieses Buch 39 weitere namhafte PraktikerInnen, TheoretikerInnen und ForschungsvertreterInnen der Traumapädagogik, der Entwicklungswissenschaften und der Psychotraumatologie.

Entstehungshintergrund

Über Jahrzehnte war die Beschäftigung mit Traumata eine Domäne der Psychotherapie, obwohl insbesondere in der Kinder- und Jugendhilfe seit jeher psychosoziale Fachkräfte aus dem Bereich der Sozialen Arbeit und der (Heil-) Pädagogik tätig sind. Daher soll dieses Handbuch eine umfassende Darstellung der Traumapädagogik mit Übersichts- und Zusammenfassungscharakter bieten.

Aufbau

Das Handbuch gliedert sich in sechs Abschnitte, es fokussiert einbettende Bezüge der Traumapädagogik, grundsätzliche Inhalte, Handlungsfelder, methodische Vorgehensweisen, übergreifende Themen der Psychotraumatologie sowie einen Abschnitt zu aktuellen und aktuelle Entwicklungen.

Inhalt

Einführend fasst Wilma Weiß im ersten Kapitel die Entstehung, Inspirationen und Konzepte der Traumapädagogik zusammen. Weitere Themen sind die reformerische und emanzipatorische Pädagogik, die psychoanalytische Pädagogik, milieutherapeutische und -pädagogische Konzepte und abschließend die Behindertenpädagogik.

Zentrale Inhalte der Traumapädagogik werden im zweiten Kapitel mit Ausführungen über den Nutzen traumapädagogischer Haltungen – Konzepte für ethische Fragestellungen im pädagogischen Alltag, die Pädagogik der Selbstbemächtigung, die Partizipation, die Bindungstheorie in ihrer Bedeutung für die Traumapädagogik, Aspekte zu den Dynamiken von Übertragung und Gegenreaktion in der traumapädagogischen Arbeit, die Strukturkategorie Gender und die sekundäre Traumatisierung thematisiert.

Im 3. Kapitel werden die schulische Bildung, die Traumapädagogik in Kindertageseinrichtungen und der stationären Kinder- und Jugendhilfe vorgestellt. Anschließend werden die trauma-sensible pädagogische Arbeit mit Familien, die traumapädagogische Familienhilfe, die Zwangsmigration und ihre Bedeutung für eine Traumatisierung, der Umgang mit unbegleiteten minderjährigen Flüchtlinge in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe, die Pflegekindschaft als Chance für traumatisierte Kinder, die Traumapädagogik in der Behindertenhilfe, in der Psychiatrie und traumapädagogische Angebote zur Fallsteuerung durch das Jugendamt erörtert.

Das Kapitel vier – Methoden der Traumapädagogik- fokussiert das diagnostische (Fall-)Verstehen, die Bindungsproblematik, Methodisches zur Arbeit mit traumatischer Übertragung und der Gegenreaktion, die Pädagogik der Selbstbemächtigung, die traumapädagogische Gruppenarbeit, traumapädagogische Fortbildungen für Kinder und Jugendliche, das Feld der Kooperation und der Netzwerkarbeit und die Vernetzung der Traumatherapie/Traumapädagogik.

Im fünften Kapitel diskutieren die AutorInnen das Verhältnis von Bewältigung und Anerkennung, die langzeitigen Folgen früher Traumatisierung durch Gewalt und Vernachlässigung, die Dissoziation, die transgenerationale Weitergabe von Traumatisierungen, den Bezug von Trauma und Körper und sie problematisieren Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Arbeitsfeldern Traumatherapie, Beratung und Pädagogik und Aspekte der internationalen Traumaarbeit.

Das sechste Kapitel beschäftigt sich mit aktuellen Entwicklungen, hier speziell der Forschung und Qualitätssicherung, der Bedeutung der Bundesarbeitsgemeinschaft Traumapädagogik e. V., der Entwicklung traumapädagogischer Standards. Abschließend werden die Grenzen der Traumapädagogik erörtert.

Das Buch schließt mit einem Glossar, Stichwortverzeichnis und dem Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Diskussion

Das umfangreiche Handbuch behandelt kenntnisreich in einem Überblick in ca. sieben bis zehnseitigen Beiträgen viele bedeutsame Themen der Traumapädagogik. Hilfreich sind auch die jeweils umfangreichen Literaturverzeichnisse. Obwohl auch solch ein umfangreiches Werk nicht alles enthalten kann, hätte ich mir manche Beiträge durchaus noch etwas umfassender gewünscht.

Im Kontext dieser Rezension kann nur auf einzelne Beiträge aus einer sicherlich subjektiven Perspektive meiner eigenen Interessen eingegangen werden. Besonders hervorzuheben sind m.E. die Beiträge von Tanja Kessler über den methodischen Umgang mit der Übertragung und der Gegenreaktion, der Artikel von Winja Lutz, in der die Autorin Dissoziationen als Anpassungsleistungen beschreibt und der Beitrag von Wilma Weiß über die Pädagogik der Selbstermächtigung. Besonders gefallen hat mir auch der Hinweis von Jochen-Wolf Strauß, der anmerkt, dass wir eigentlich von einer Anti-Trauma-Pädagogik sprechen müssten, denn wir sprechen ja auch von Erlebnispädagogik oder Bewegungspädagogik und wollen nicht traumatisieren. Renate Jegotka thematisiert in ihrem Beitrag über die sekundäre Traumatisierung nicht nur individuelle Reaktionsmuster der HelferInnen, sondern auch verursachende gesellschaftliche, soziale und institutionelle Bedingungen.

Mir fehlt lediglich ein Kapitel, das sich offensiver und mutiger die oftmals unsinnige Separierung einer Traumapädagogik, Traumaberatung und Traumatherapie in Frage stellt und versucht diese zum Nutzen der Betroffenen und der Helfer langfristig aufzuheben. [1]

Fazit

Den LeserInnen bietet dieses Handbuch mit seinen vielfältigen Übersichtsartikeln eine umfassende Darstellung der Traumapädagogik, ihrer Konzepte und Handlungsfelder, sie erhalten eine fundierte Einführung in praxis- und ausbildungsrelevante Themen. Praktikern und Studierenden kann dieses Handbuch empfohlen werden.


[1] Dies hätte zum einen den mittelfristigen Vorteil einer Aufwertung der Tätigkeit der HelferInnen. Zum anderen könnte solch eine neue Beschreibung der Tätigkeiten sozialer Fachkräfte Überlegungen anstoßen, wo für die betroffenen Menschen über einen langen Zeitraum, oftmals über die Jugendzeit hinaus, eine/einen ProzessbegleiterIn installiert werden könnte. Nötig wäre ein Überschreiten der Grenzen, die durch die aktuellen Funktionssysteme Pädagogik, Bildung, Familie, Soziale Arbeit, Therapie und Medizin gesetzt werden. Solch eine Unterstützung im Kontext eines Case Management (wobei Menschen keine Fälle sind), ließe sich unterschiedlich verorten. Denkbar wären hier neben entsprechend zu qualifizierenden Betreuern auch SozialarbeiterInnen, die langfristig in Hausarztpraxen tätig sind.


Rezensent
Dr. Jürgen Beushausen
Hochschule Emden Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit (LfbA), Supervisor, Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut
E-Mail Mailformular


Alle 23 Rezensionen von Jürgen Beushausen anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Jürgen Beushausen. Rezension vom 18.08.2016 zu: Wilma Weiß, Tanja Kessler, Silke Birgitta Gahleitner (Hrsg.): Handbuch Traumapädagogik. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2016. ISBN 978-3-407-83182-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21133.php, Datum des Zugriffs 21.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Stellenangebote

Kinderbetreuer/in (m/w/d), Sankt Augustin

Krippenleitung (w/m/d), Jesteburg

Weitere Anzeigen im socialnet Stellenmarkt.

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung