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Dirk Rohr, Sarah Strauß u.a.: Der Peer-Ansatz in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Cover Dirk Rohr, Sarah Strauß, Sabine Aschmann, Denise Ritter: Der Peer-Ansatz in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Projektbeschreibungen und -evaluationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-7799-2359-6. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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AutorInnen

Dirk Rohr ist Akademischer Direktor und Leiter des hochschuldidaktischen Zentrums an der Universität zu Köln.

Sarah Strauß, Sabine Aschmann und Denis Ritter waren oder sind wissenschaftliche Mitarbeiterinnen an der Universität zu Köln.

Diese Arbeitsgruppe war in die konzeptionelle Entwicklung verantwortlich und in die praktische Durchführung mit unterschiedlichen Intensitäten eingebunden.

Aufbau

Die vorliegende Veröffentlichung stellt nach einer kurzen Einleitung vier Peer-Projekte vor:

  1. Zur Gewaltprävention,
  2. zur Suchtprävention,
  3. zu Kindern in alkoholbelasteten Familien und
  4. zur Studienberatung durch Peers.

Abschließend wird der radikale Peer-Ansatz diskutiert.

Aufbau und Inhalt

Einleitung. Der in den Projekten praktizierte radikale Peer-Ansatz als eine Form der Peer-Education beruht in der freiwilligen Zusammenführung von Gleichaltrigen und Gleichgesinnten Jugendlichen/Studierenden, die eine eigene Erfahrung mit der jeweiligen Thematik haben. Diese Erfahrungen werden mit professionellen Fachkräften reflektiert und auf eine Vermittlungs- und Handlungsebene bezogen. Das Vermittlungskonzept wird gemeinsam erarbeitet und nach Abschluss dieser Phase sind die beteiligten Jugendlichen/Studierenden Peer-Educatoren und setzten eigenständig das Vermittlungskonzept um (z.B. in Schulklassen). Dabei werden sie von den Professionellen supervidiert.

Gewaltprävention: Das Projekt „schlag.fertig“. Der Projektbeschreibung vorgeschaltet ist ein umfangreicher Exkurs zum Thema Jugend und Gewalt, zu Gewaltursachen, zu Präventionsansätzen und so weiter. Das ca. vier Jahre dauernde Projekt in Köln wurde von einem Träger der Diakonie institutionell getragen und von Fachkräften u.a. aus der Heil- und Sozialpädagogik durchgeführt. Die erste Zielgruppe waren männliche gewalttätige Jugendliche (z.T. mit Mehrfach-Anzeigen wegen Körperverletzung). Diese Gruppe belief sich auf 50 Jugendliche; dort sollte Gewaltvermeidung erlernt werden wobei auch die jeweilige Persönlichkeit des Jugendlichen unterstützt wurde. Die zweite Zielgruppe bestand aus Schülerinnen und Schülern aus unterschiedlichen Kölner Schulen. Die erste Zielgruppe wird durch entsprechende Trainingsformen zum Peer-Educator ausgebildet und entwickelt dann eigenständig Vermittlungskonzepte, die in Schulklassen umgesetzt werden und dort eine Gewaltprävention leisten. An den sechsstündigen Aktionen in Schulklassen nahmen 639 Schülerinnen und Schüler teil. Das allgemeine Ziel der erfolgreichen Aktionen ist hier die Aufklärung über Gewalt eben durch Gleichaltrige. Die wissenschaftliche Begleitung führt eine umfangreiche Evaluation durch und versteht diese Arbeit auch als einen Beitrag zur Erforschung der Peer-Education.

Suchtprävention: Das Projekt „an.sprech.bar“. Eingeleitet wird der Projektbericht durch die Erläuterungen grundlegender Begriffe wie Substanzmissbrauch, Drogenkonsum, Drogen- und Suchtpolitik. Eingeführt wird auch in bekannte und empirisch gesicherte Kenntnisse über Peer-Projekte in der Suchtprävention. Bei dem Projekt an.sprech.bar handelt es sich um ein Projekt der Drogenhilfe Köln gGmbH (Projektleitung Dirk Rohr). Sechzehn ausgebildete Peers mit einschlägigem Erfahrungshintergrund (hier: Peer-Counselor genannt) sprechen in Schulen, Jugendclubs sowie auf Festivals Gleichaltrige an. Auch in diesem Projekt findet eine umfassende Evaluation statt, die sich auf die Peers konzentriert (Qualität der Schulung, Vermittlung von Wissen und Kompetenzen) als auch auf die User (Angebot und Wirkung des Projektes, Erreichung suchtpräventiver Ziele). Von den Peers sind 34 Prozent mit dem Projekt sehr zufrieden, 66 Prozent sind zufrieden. Von den Usern sagen 89 Prozent das Projekt sei sehr gut/gut. Im Rahmen der qualitativen Evaluation werden angesprochene Jugendliche interviewt. Die Aussagen werden sodann inhaltsanalytisch ausgewertet. Auch beschäftigt sich die Evaluation mit einer Wirkungsanalyse hinsichtlich des Konsumbewusstseins und des Konsumverhaltens der Befragten. Festgestellt wird, dass die Jugendlichen „in ihren persönlichen Ressourcen, Kompetenzen und Möglichkeiten bekräftigt werden“ (S.180), um bestehende Drogenprobleme aus eigener Kraft zu bewältigen.

Kinder aus alkoholbelasteten Familien: Das Projekt „AlkoPaps“. Dieses langjährige Projekt ist Teil eines Forschungsfeldes an der Universität zu Köln. Zunächst beschrieben wird die aktuelle Situation der betroffenen Familien und die diesbezügliche nicht hinreichende Forschungslage. Das gilt besonders für Kinder aus diesen Risikofamilien, für die das Resilienzkonzept angemessen eingesetzt werden kann. Erörtert werden ferner wissenschaftliche Methoden, die für die Durchführung des Peer-Projekts bedeutsam sind (Qualitative Ansätze, dokumentarische Methode). Für die Projektdurchführung wurden Studentinnen und Studenten mit eigenen Erfahrungen in der Thematik alkoholbelasteter Familien gesucht, um eine Peer-Gruppe aufzubauen. Die Autorin dieses Projektberichtes ist selbst Betroffene und Akteurin in dieser Gruppe. Diese Peer-Gruppe erarbeitet Fortbildungsmaterialien für Multiplikatorinnen und Multiplikatoren. Aus der Selbstreflexion in der Gruppe entwickeln sich Erkenntnisse und Einsichten, um Unterstützungskonzepte für betroffene Kinder zu erstellen. Der Dynamik und den Arbeitsformen in dieser studentischen Peer-Gruppe wird eine große Aufmerksamkeit geschenkt und die jeweiligen Vorgehensweisen werden detailliert beschrieben. So wurden mit der Analyse der eigenen Erfahrungen Rollen, Risiko- und Schutzfaktoren erkannt. Die Arbeit der Peer-Gruppe konzentriert sich sodann auf Unterstützungsstrategien für Schülerinnen und Schüler. Diese erarbeitenden Strategien bzw. Handlungsansätze sollen Lehrkräfte im Schulalltag sensibilisieren und sie im jeweiligen Unterstützungsprozess bei Bedarf leiten und unterstützen. Elemente des 13 Handlungsansätze umfassenden Unterstützungskonzepts sind z.B.: Offener Umgang mit dem Thema Alkohol, Grenzen respektieren, Vertrauen in die eigene Wahrnehmung, Mut und Schwächen zeigen. Eine Umsetzung in die schulische Praxis wird nicht beschrieben.

Studienberatung durch Peers: Das Projekt Studierenden-Service-Center. In dieser sehr kurzen Projektbeschreibung werden Studienberatungsangebote der Universität zu Köln verglichen. In die Untersuchung eingebunden sind unterschiedliche Fakultäten. Dabei stellt sich heraus, dass in der beratungsintensiven Studieneingangsphase die Studienberatung von Studierenden durch Studierende „als nachhaltiger und gewinnbringender gesehen“ (S.238) wird. Dies gilt vergleichsweise für Seminarbüros und Beratung durch Lehrende. Als Problem wird gesehen, dass die genannten Peer-Beratungen keine Rechtsverbindlichkeit besitzen und eine Beratung durch das Prüfungsamt dazu alternativlos ist. Eine Übertragbarkeit an andere Hochschulen erscheint durchaus möglich wobei auch Online-Beratung und Beratung über soziale Netzwerke in Zukunft berücksichtigt werden müssen.

Fazit. In dieser abschließenden Betrachtung wird der radikale Peer-Ansatz erörtert und insbesondere auf die Beratungshaltung des jeweiligen Peer-Educators oder Peer-Counselors eingegangen. Empathie, Kongruenz (Echtheit) und Wertschätzung gegenüber jeder Person sind hierfür die Grundlagen für die Beratungshaltung.

Diskussion

Zweifellos handelt es sich um eine interessante Veröffentlichung, weil Peer-Ansätze in Deutschland nicht im Mittelpunkt fachlicher Aufmerksamkeit stehen. So zeigen die ersten beiden Projekte welche Handlungsalternativen sich z.B. für die Jugendhilfe ergeben. Die umfangreichen Evaluationen der Handlungsfelder stellen eine wichtige legitimatorische Grundlage dar, gerade wenn an einen Transfer in unterschiedliche Institutionen gedacht wird. Wirkungsuntersuchungen bleiben allerdings komplex, da in den Projekten eine beträchtliche Offenheit herrschen muss, um die Qualität der Peer-Kompetenz zur Entfaltung zu bringen. Bezüglich der professionellen Begleitung ist notwendig zu beachten, dass Peer-Gruppen ein Sozialisationsfeld in Eigenregie der Peers darstellen. Die sich hier ergebende Spannung zwischen dem „Original“ und der professionell inszenierten Peer-Gruppe, wird in dem Band zu wenig reflektiert.

Bei dem dritten Projekt, den Alkopaps, ist natürlich bedauerlich, dass eine Umsetzung in der schulischen Praxis nicht stattfindet oder nur angedeutet wird. Denn die Praktikabilität des erarbeiteten Unterstützungskonzeptes für Kinder aus alkoholbelasteten Familien dürfte in seiner Umsetzung nicht einfach sein. Das vierte Projekt zur erfolgreichen Studienberatung durch Peers ist in seinem Innovationsgehalt nicht gerade umwerfend. Informelle Beratung im Studierendenmilieu gibt es an Universitäten vom Erstsemester bis zum Doktorandenkolloquium – und das wahrscheinlich schon seit 800 Jahren. Eine formale Beratung ist allerdings dadurch nicht zu ersetzen, in einer Verquickung beider Ansätze liegt die Beratungsqualität in den Hochschulen.

Fazit

Der Band richtet die Aufmerksamkeit auf Peer-Ansätze, die in Deutschland leider nicht im Mittelpunkt professioneller Aufmerksamkeit stehen. Dazu ist die gewählte Bandbreite der dargestellten Projekte, von Einrichtungen der Jugendhilfe bis zur Universität, sehr angemessen. Die jeweils umfangreichen Evaluationen geben auch einen Einblick in die Erforschung von Peer-Ansätzen.


Rezensent
Prof. Dr. Erich Hollenstein
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Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 16.09.2016 zu: Dirk Rohr, Sarah Strauß, Sabine Aschmann, Denise Ritter: Der Peer-Ansatz in der Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Projektbeschreibungen und -evaluationen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-2359-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21134.php, Datum des Zugriffs 22.07.2017.


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