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Fabian Virchow, Martin Langebach u.a. (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus

Cover Fabian Virchow, Martin Langebach, Alexander Häusler (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Band 1: Analysen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. 597 Seiten. ISBN 978-3-531-18502-6. D: 79,95 EUR, A: 82,20 EUR, CH: 99,50 sFr.
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Thema und Aktualität

Wurde vor wenigen Jahren noch angenommen, dass rechtspopulistische oder -extremistische Einstellungen eher ein politisches Randthema seien, hat sich dies mit dem Aufkommen von PEGIDA und ihren Ablegern sowie der sich daraus speisenden AfD geändert. Offensichtlich treffen diese und ähnliche politische Bewegungen den Nerv eines Teils der Bevölkerung. Dabei bilden sich Schnittmengen (z.B. Frauenbild, Geschlechterrollen, Traditionen) zwischen bürgerlich-konservativem Milieu und offen nationalsozialistischen Einstellungen.

Mit einer zahlreiche und wichtige Facetten abdeckenden Herangehensweise liefert das Handbuch einen Überblick über den Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse und Diskussionen. Beiträge u.a. zu den Themen „geschichtliche Entwicklung der extremen Rechten“, „menschenfeindliche Einstellungen“, „Strategien“, „Aktionsformen“ oder „Organisationsformen“ geben Orientierung, zeigen Zusammenhänge und noch zu erforschende Bereiche.

Populistische Bewegungen, wie z.B. in Polen, Ungarn oder den USA, die zum Teil offen menschenfeindlich argumentieren, erreichen mit ihren Aussagen und der damit oft verbundenen Polarisierung den Lebensalltag vieler Menschen. In welcher Gesellschaft wir leben wollen, welche Werte wir als Konsens anerkennen oder was wir ablehnen, sind Fragen, die sich mit der öffentlichen Diskussion auch politisch weniger interessierten Menschen stellen. Es ist eben nicht gleichgültig, welches Frauenbild gesellschaftlich akzeptiert wird, welche Vermögensverteilung als „gerecht“ empfunden wird oder ob sich Individualität einem Glauben an „Volk, Nation und Vaterland“ unterordnen soll.

Gerade weil diese Bewegungen Unsicherheiten und Ängste ansprechen, die aus gesellschaftlichen Veränderungen resultieren, helfen differenzierte Betrachtungen dem Verständnis, der Reflexion und der Entwicklung von (Gegen)Strategien. Insbesondere, weil von populistischen Bewegungen thematisierte Fragen einhergehende gesellschaftspolitische Diskurse eine große Breite und Tiefe abbilden, ist das Handbuch hilfreich.

Ausgewählte Autorinnen und Autoren

Den wissenschaftlichen Werdegang von zwanzig Autoren darzustellen, würde den Rahmen der Rezension sprengen. Deshalb werden im Folgenden nur Qualifikationen und Positionen von Herausgebern und Autoren behandelter Kapitel dargestellt (alphabetische Reihenfolge).

  • Renate Bitzan ist Professorin für Gesellschaftswissenschaften (Lehr-/ Forschungsschwerpunkte: Geschlechterforschung, Migration, Integration, Rassismus, extreme Rechte, Diversitätsstudien) an der Technischen Hochschule Nürnberg. Sie ist Gründungsmitglied des Forschungsnetzwerks Frauen und Rechtsextremismus.
  • Alexander Häusler ist diplomierter Sozialwissenschaftler und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/ Neonazismus (FORENA) an der Hochschule Düsseldorf.
  • Martin Langebach ist Soziologe (M.A.), diplomierter Sozialpädagoge und Referent bei der Bundeszentrale für politische Bildung.
  • Karin Priester lehrte als Professorin mit dem Schwerpunkt Politische Soziologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster.
  • Fabian Virchow (Prof. Dr.phil.) lehrt Theorien für Gesellschaft und politisches Handeln am FB Sozial- und Kulturwissenschaft der Hochschule Düsseldorf. Er ist darüber hinaus Leiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/ Neonazismus (FORENA).
  • Felix Wiedemann ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am FB Geschichts- und Kulturwissenschaften der FU Berlin mit den Forschungsschwerpunkten „Geschichte des Rassismus“, „Wanderungsnarrative der Wissenschaft im Alten Orient“, „Antisemitismus und Rechtsextremismus“, „Neureligiöse Bewegungen“.

Aufbau

Nach der Einleitung (Fabian Virchow, Martin Langebach, und Alexander Häusler) behandelt das Handbuch die aus Sicht der Herausgeber zentralen Themen der Rechtsextremismusforschung (Autoren in Klammern):

  • „‚Rechtsextremismus‘: Begriffe – Forschungsfelder – Kontroversen“ (Fabian Virchow),
  • „‚Nationale Opposition‘ in der demokratischen Gesellschaft. Zur Geschichte der extremen Rechten in der Bundesrepublik Deutschland“ (Gideon Botsch),
  • „Rechtsextreme und menschenfeindliche Einstellungen“ (Andreas Zick/ Beate Küpper),
  • „Strategien der extremen Rechten in Deutschland nach 1945“ (Jaschke),
  • „Themen der Rechten“ (Häusler),
  • „Aktionsformen und Handlungsangebote der extremen Rechten“ (Heiko Klare/ Michael Sturm),
  • „Organisationsformen des Rechtsextremismus“ (Bianca Klose/ Sven Richwin),
  • „Die extreme Rechte als Wahlkampfakteur“ (Christoph Kopke),
  • „Die Wahl von Rechtsaußenparteien in Deutschland“ (Tim Spier),
  • „Die extreme Rechte als soziale Bewegung. Theoretische Verortung, methodologische Anmerkungen und empirische Erkenntnisse“ (Jan Schedler),
  • „Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten“ (Renate Bitzan),
  • „Rechtsextremismus und Jugend“ (Langebach),
  • „Bedeutung und Wandel von ‚Kultur‘ für die extreme Rechte“ (Volker Weiß),
  • „Befunde und aktuelle Kontroversen im Problembereich der Kriminalität und Gewalt von rechts“ (Stefan Dierbach),
  • „Das Verhältnis der extremen Rechten zur Religion“ (Felix Wiedemann),
  • „Rechtspopulismus – ein umstrittenes theoretisches und politisches Phänomen“ (Karin Priester) und
  • „Die ‚Neue Rechte‘ in der Bundesrepublik Deutschland“ (Martin Langebach/ Jan Raabe).

Ausgewählte Inhalte

Im Folgenden werden drei Kapitel des Buches näher behandelt:

  1. „Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten“ (Renate Bitzan),
  2. „Das Verhältnis der extremen Rechten zur Religion“ (Felix Wiedemann) sowie
  3. „Rechtspopulismus – ein umstrittenes theoretisches und politisches Phänomen“ (Karin Priester).

Zu „Geschlechterkonstruktionen und Geschlechterverhältnisse in der extremen Rechten“

Für die extreme Rechte, so die Autorin, sind Geschlechterkonstruktionen und -verhältnisse gegenwärtig aus mehreren Gründen wichtig. Denn geschlechtsspezifischen Rollenkonstruktionen kommt eine zentrale Funktion bei der Begründung von Sexualität und Familie zu, weil dieser Aspekt eng mit den Ideologien von „Rasse“ und „Volksgemeinschaft“ (S. 325) verknüpft ist. Neben solchen ideologischen Verankerungen ist die Rollenkonstruktion allerdings auch für die Mobilisierung von Männern relevant. So kommt, Untersuchungsbefunden zufolge, der Einbindung von Frauen in der extremen Rechten eine langfristig stabilisierende Funktion zu. Sie fördern das Image, Partnerinnensuche aktiver Männer und ideologisch homogene Familiengründungen und unterstützen darüber die Durchdringung der Zivilgesellschaft (S. 335).

In ihrem Beitrag erläutert Renate Bitzan das Entstehen von Geschlechtern, ihre Funktionsweise und Wirkung aber auch Unterschiede zwischen „biologischer und gesellschaftlich-sozial-kultureller Ebene“ und deren Wirkung als (patriarchale) Herrschaft sicherndes Instrument. Ihrer Meinung nach ist der gesellschaftliche Diskurs zu Geschlechterrollen notwendig, um nicht „naturalistischen Deutungen aufzusitzen und homogenisierende Identitätslogiken. zu bestätigen“ (S. 328).

Interessant ist der Befund, dass propagierte traditionalistische Frauenbilder der extremen Rechten für die meisten befragten Frauen „kaum relevant waren“ und teilweise explizit abgelehnt wurden (S. 333). Sie kommen damit kaum als Motivation sich der extremen Rechten anzuschließen in Frage. Relevanter, so die Autorin, ist die Motivation über Nationalismus und Rassismus im Kontext von Gelegenheitsstrukturen oder biographischen Konstellationen (S. 333 f.). Gleichwohl sollte nach Meinung der Autorin die häufig „trennscharfe und traditionalistisch-biologistisch fundierte Geschlechterdifferenz“ nicht dazu führen, Differenzierungen der Szene zu übersehen (S. 341). So stehen den im Frauenbild des Nationalsozialismus verwurzelten Positionen z.B. der „Deutschen Frauenfront“ oder der „Gemeinschaft deutscher Frauen“ emanzipatorische Ansätze z.B. des „Mädelrings Thüringen“ gegenüber (S. 343 ff.). Einer zitierten Studie (S. 347) von Welk (2008) zufolge fällt auf, „wie groß die Toleranz ist, die die Frauen untereinander walten lassen“.

Männlichkeitsbilder der Szene sind, anders als Frauenbilder, geprägt von ritualisiertem Wettbewerb in dem andere Männer als Gegner und Partner wahrgenommen werden (S. 348), sich als „Macher“ inszenieren (S. 349) und auf der Grundlage des „mythischen Ausgangspunktes Volk & Nation“ doppelte Dominanzstrukturen (gegenüber Frauen und anderen Männlichkeiten) aufweisen (a.a.O.). Gleichwohl wird darauf hingewiesen, dass sich auch Männlichkeit im Rechtsextremismus ausdifferenziert, die u.a. in soldatischer Männlichkeit, (neo)konservativer Bürgerlichkeit und „fun-and-risk-orientierter Jugendszene-Männlichkeit“ Ausdruck finden. Das Männlichkeitsbild begründet den dominanten Anteil der von Männern begangenen Szenestraftaten. Allerdings verweist die Autorin darauf, dass hier eine Überzeichnung vorliegen kann, da einige direkte und indirekte Beteiligungsformen (z.B. Anstiftung, Schmiere stehen, Anfeuern, entlastende Aussagen, Zusehen oder Anfeuern; S. 337) von Frauen und Mädchen nicht im unmittelbaren Blickfeld von Strafverfolgungsbehörden stehen.

Renate Bitzan weist in ihrem Fazit auf die zentrale Bedeutung der Zweigeschlechtlichkeit für die „rassistische Volkserhalts- und Volksgemeinschafts-Ideologie“ (S. 361) hin. Gesellschaftliche Handlungsstrategien und Diskussionen sollten ihrer Meinung nach berücksichtigen, dass zunehmend Kinder in weltanschaulich homogenen extrem rechten Familien aufwachsen (a.a.O.). Daraus ergeben sich Herausforderungen für Pädagogen.

Zu „Das Verhältnis der extremen Rechten zur Religion“

Felix Wiedemann zeigt in seinem Beitrag sowohl die Vielschichtigkeit religiöser Bezüge der extremen Rechten, als auch deren Differenziertheit. Angesichts offensichtlicher Bezugspunkte erstaunt ihn das weitgehende Fehlen empirischer Untersuchungen. Er zeichnet drei Themenbereiche, die seiner Meinung nach systematisch betrachtet werden sollten: 1. der religiöse Charakter der extremen Rechten, 2. deren Verhältnis zur Religionen/ religiösen Bewegungen sowie 3. das Verhältnis von Religionen/ religiösen Bewegungen zur extremen Rechten (S. 511). Dabei erweist sich die Unbestimmtheit des Religionsbegriffs für die thematische Annäherung als problematisch.

Nach einer differenzierten Behandlung des Religionsbegriffs verweist er auf die Ähnlichkeiten von Religion und extremer Rechter im Hinblick auf Semantik, Symbolik und Praktiken. Dabei stellt er fest, dass die „ … potentiell totalitäre Bewegung, die sämtliche Lebensbereiche zu regulieren und kontrollieren beansprucht, … grundsätzlich darauf [zielt], die Grenze zwischen Politik und Religion einzureißen“ (S. 513). Hierbei argumentiert er mit einer „Familienähnlichkeit im Sinne einer Merkmalskombination“, die Widersprüchlichkeiten religiöser Komponenten der extremen Rechten verstehen helfen (S. 514). Insbesondere macht er „Familienähnlichkeit“ an der Mystifizierung zentraler Begriffe fest, wie „Volk“, „Volksgemeinschaft“, „Nation“, „Reich“, „Blut“ oder „Rasse“, der Verwendung religiöser Attribute („Heiliges Deutschland“) und einer diesseitsgerichteten heilsgeschichtlichen Einbettung (a.a.O.). Mit dieser Überhöhung verbundene Narrative erfüllen dabei eine wichtige sinnstiftende Funktion.

Die Adaption religiöser Praktiken umfasst, so der Autor, auch die Inszenierung von Kulten und Riten. Deren Ziel ist es, Bindungen von Individuen an die Gemeinschaft aufzubauen und zu pflegen. Ein von der extremen Rechten propagierter Helden- und Märtyrerkult zeigt im Übrigen eine interessante Schnittmenge zu den von Renate Bitzan analysierten Geschlechterrollen.

Der Autor arbeitet im Folgenden die religiöse Differenzierung und deren geschichtliche Entwicklung der extremen Rechten heraus. Interessant ist dabei insbesondere der Verweis auf sowohl pro-islamisch/-jüdische/-christliche, als auch anti-islamische/-jüdische/-christliche Ansätze, zur Esoterik oder heidnischen Referenzen. Er stellt fest, dass mit der „Radikalisierung der Partei und ihres Erfolgs in den weitgehend konfessionslosen ostdeutschen Bundesländern … sich immer stärker antichristliche Tendenzen“ durchsetzten (S. 521).

Als Fazit seiner Ausführungen sieht Felix Wiedemann das Verhältnis von Religion und extremer Rechter als vielschichtig und wichtig an. Er warnt davor, religiöse Aussagen als grundsätzlich politisch motiviert oder umgekehrt, politische Aussagen als grundsätzlich religiös aufzufassen (S 526).

Zu „Rechtspopulismus – ein umstrittenes theoretisches und politisches Phänomen“

Karin Priester erläutert in ihrem Beitrag den Begriff des Rechtspopulismus und seine geschichtliche Entwicklung und stellt ihn in spezifische gesellschaftspolitische Kontexte und Handlungsbedingungen überwiegend europäischer Länder. Ihrer Meinung nach ist er durch den Verzicht auf totalisierende Ideologien, mittlere Reichweite von Zielen, spezielle Fragen und der Stärkung einzelner Kandidaten gekennzeichnet (S. 533). Getragen wird seine Entstehung von der Ablehnung „identitätsbedrohender Modernisierungsschübe“ und als relationales Phänomen zu Elitenhandeln und Zeitgeist (S. 534). Ihr zufolge lebt Rechtspopulismus von Dualismen zwischen „Wir“ und „Anderen“, „Gut“ und „Böse“ oder „moralische Überlegenheit“ und „moralischer Defizienz“ (ebd.). Alleinstellungsmerkmal ist sein „inhaltlich variabler Identitätsdiskurs“.

Im Folgenden behandelt Karin Priester unterschiedliche theoriegeleitete Erklärungsansätze (z.B. Minkenberg, Hübner, Rydgren) und setzt sich inhaltlich mit ihnen auseinander. Ihr Zwischenfazit ist, dass sich unterschiedliche Strömungen des Rechtspopulismus in „exkludierendem Verständnis von Identität“ (S. 358) und der Ablehnung der Globalisierung verbunden sehen. Damit leitet die Autorin zu Themen des „Rechtspopulismus der zweiten Generation“, „Ethnopluralismus und Anti-Islamismus“ sowie „Rechtsextremismus und Rechtspopulismus: unterschiedliche politische Familien“ über. Sie berührt damit Themen, die zum tieferen Verständnis hilfreich sind und monokausale Erklärungsversuche widerlegen.

In dem Abschnitt „Die Ambivalenz des Populismus“ begründet sie, warum Populismus als Agenda Setter (S. 545) funktioniert und weshalb er kurzlebig, ambivalent und transversal sei. Eine Verortung entlang der „Rechts-links-Achse“ ist ihrer Meinung nach deshalb nicht möglich.

Bei der Betrachtung von „Typen des Rechtspopulismus“ beschäftigt sie sich mit unterschiedlichen Ausprägungen des Phänomens in europäischen Ländern. Gründe des Erstarkens rechtspopulistischer Parteien sieht die Autorin in makro- (z.B. Tertiarisierung, Postindustrialisierung, Entideologisierung), meso- (z.B. „neokorporatistische“ Absprachepolitik zwischen Staat, Gewerkschaften und Vertretern des Großkapitals; neue gesellschaftliche Trennlinien; postmaterialistischer Wertewandel der politischen Eliten) und mikrostrukturellen (z.B. Hegemoniekrise vorherrschender Parteien) Ebenen.

In ihrem Fazit kommt die Autorin zu der These, „dass der Rechtspopulismus sich von der alten Rechten durch Abkehr von einem holistischen Weltbild unterscheidet und auf der Hybridisierung von Zielvorstellungen aus unterschiedlichen politischen Familien beruht“ (S. 555). Darauf begründe sich die Heterogenität dieser gesellschaftspolitischen Bewegungen, deren umfassende Gemeinsamkeiten in der Ablehnung „des Establishments“ und des Identitätsdiskurses liege (ebd.). Es sind soziale Fragmentierungen, Pessimismus und Unsicherheiten, aus denen sich der Widerstand gegen politische Eliten speist. Dem Identitätsbegriff kommt insofern eine verbindende Funktion der Rechtspopulisten zu, als er Gegenpol zu einer als kosmopolitan wahrgenommenen (politischen/ kulturellen/ ökonomischen) Führungselite ist.

Karin Priester appelliert, Rechtspopulisten nicht unter den Generalverdacht des Rechtsextremismus zu stellen, sondern sie als „funktionales Äquivalent“ einer Gesellschaft zu behandeln (S. 556).

Diskussion

Die Beiträge lassen verstehen, wie rechtspopulistische und -extreme Bewegungen entstehen (können). Sie zeigen insbesondere, dass und warum eine Unterscheidung zwischen „rechtspopulistisch“ und „rechtsextrem“ erforderlich ist. Pauschale Verunglimpfungen von Menschen („Pack“), die sich mit ihren Ängsten und Bedürfnissen nicht mehr im gesellschaftspolitischen Diskurs vertreten fühlen, helfen nicht weiter. Auch oder gerade wenn diesen Menschen die Fähigkeit fehlen mag, ihre Meinung differenziert und angemessen und in geeigneten Foren zu vermitteln, ist es notwendig, sie aufzunehmen. Dies erfordert wahrscheinlich andere Formen gesellschaftspolitischer Diskurse, in denen sich auch gesellschaftliche Gruppen einbringen können, die (tatsächlich oder gefühlt) ausgeschlossen oder abgehängt sind. Möglicherweise können bei der Entwicklung neuer Ansätze Erkenntnisse aus der Demokratieforschung (z.B. van Reybrouck 2016) helfen.

Zahlreiche der von Rechtsextremen und Rechtspopulisten aufgeworfenen oder instrumentalisierten Themen (z.B. Finanzausgleich in der Euro-Zone, Globalisierung, Erhalt/ Bewahrung von Traditionen) lassen sich, so Karin Priester, nicht über das vertraute „Rechts-Links-Schema“ erklären. Sie erfordern eine differenzierte und umfassende öffentliche Auseinandersetzung, die die Bevölkerung ernst nimmt und zum Verständnis befähigt. Bisherige, oft vereinfachende und mit Teilwahrheiten (z.B. in Bezug auf die Fähigkeit Griechenlands, seine Verbindlichkeiten zu tilgen oder der Regulierung und Verantwortung von Finanzmärkten) operierende Diskussionen schaden dem Ansehen und der Akzeptanz unserer Wirtschafts- und Gesellschaftsordnung und fördern populistische Bewegungen.

Zentrale gesellschaftliche Fragen werden sich z.B. mit globaler und nationaler Verteilungsgerechtigkeit, Diskursformen und Gesellschaftsmodellen beschäftigen müssen. Denn Menschen sind eben gerade nicht, wie von Wirtschaftswissenschaften oft behauptet, „homo economici“, die rational und vernunftbezogen handeln. Vielmehr ist u.a. aus der Institutionenökonomik bekannt, wie stark Menschen durch (soziale, gesellschaftspolitische usw.) Kontexte in ihrem Handeln beeinflusst werden (Ostrom 1999).

Fazit

Mit seinen facettenreichen und fundierten Beiträgen liefert das Handbuch wichtige Anregungen, Informationen und Impulse zum Verständnis rechtspopulistischer und rechtsextremer Bewegungen. Die Beiträge zeigen die Notwendigkeit einer differenzierteren öffentlichen Argumentation und legen die Grundlage für andere, erfolgversprechendere Gegenstrategien. Eine Populisten „imitierende“ Argumentation, wie sie zu Teilen von CDU und CSU verfolgt wurde, erscheint mit dem Hintergrundwissen des Handbuchs langfristig wenig erfolgversprechend.

Literatur

  • Elinor Ostrom: Die Verfassung der Allmende. Tübingen 1999
  • David van Reybrouck: Gegen Wahlen. Warum Abstimmen nicht demokratisch ist. Göttingen 2016.

Rezensent
Dr. Andreas Siegert
Fachhochschule für Ökonomie und Management (Studienort Berlin)
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Zitiervorschlag
Andreas Siegert. Rezension vom 14.08.2017 zu: Fabian Virchow, Martin Langebach, Alexander Häusler (Hrsg.): Handbuch Rechtsextremismus. Band 1: Analysen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2016. ISBN 978-3-531-18502-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21139.php, Datum des Zugriffs 17.12.2017.


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