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Herbert Günther, Susanne Fritsch u.a.: Kita von A bis Z

Cover Herbert Günther, Susanne Fritsch, Werner Trömer: Kita von A bis Z. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 203 Seiten. ISBN 978-3-7799-3355-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Das Buch ist als Lexikon, somit als Nachschlagewerk konzipiert.

Aufbau

Alphabetisch sortiert werden wichtige Begriffe der Kindheitspädagogik erläutert.

Ausgewählte Inhalte

Nach einer kurzen Einweisung in die Benutzung des Nachschlagewerks beginnt das Lexikon mit dem Begriff Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge und endet mit dem Begriff Zuwanderungsgesetz.

So lassen sich z.B. unter A folgende Definitionen finden: Abkommen über die Rechtsstellung der Flüchtlinge, Abschiedsritual, Adaption, Affekt, Aha-Erlebnis, Äquilibration, Äqulibrium, Agitiertheit, Ainsworth, Akkomodation, Akkulturation, aktiver Wortschatz, aktives Zuhören, Alleinstellungsmerkmal, Allgemeines Gleichstellungsgesetz, Altersgruppen, altersheterogene Gruppe, altershomogene Gruppe, Ambiguitätstoleranz, Analphabetismus, Anamnese, Anlage-Konzept, Anschlussfähigkeit versus Übergangskompetenz, Anthroposophie, antiautoritäre Erziehung, Anti-Bias-Ansatz, Antipädagogik, Antisemitismus, Arbeitsrecht, Arbeitsvertrag, Aristoteles, Assimilation, Asyl, Asylgesetz, Asylrecht, Audit, Aufenthaltserlaubnis, Aufenthaltsgesetz, Aufenthaltsgestattung, Ausländer, Ausländerfeindlichkeit, Autonomie, Autonomiephase, autoritärer Erziehungsstil, autoritativ-partizipativer Erziehungsstil.

Unter H werden folgende Begriffe definiert:

  • Habitus (lat. habere „haben“; habitus „Gehaben“): Der H. eines Menschen bezeichnet dessen individuelles persönliches Auftreten, das sich beispielsweise durch Gestik, Mimik, Kleidung, Sprachweise, und Bildungsstand der jeweiligen Person auszeichnet. Der H. ist geprägt durch die Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe. Der französische Kultursoziologe Pierre Bourdieu prägte den Begriff des H. seit den 1980er-Jahren grundlegend. Nach Bourdieu hat die soziale Klasse, in der eine Person aufwächst, aber auch das Geschlecht und die Ethnizität großen Einfluss auf den Habitus. Es lassen sich durch Beobachtung eines Menschen Rückschlüsse auf dessen soziale Position ziehen. Die denk- und Verhaltensstrukturen, aus denen der H. besteht, bestimmen die Möglichkeiten und Grenzen des Denkens und Handelns. Der H. ermöglicht es, etwas als richtig oder falsch zu betrachten, dabei handelt es sich um implizites, dem Verstand nicht zugängliches Wissen. Im pädagogischen Bereich wird der Begriff H. meist synonym zum Begriff Haltung benutzt, ist jedoch weitaus vielschichtiger. Bei der Ausübung eines pädagogischen Berufes ist der H. einer Person entscheidend für dessen Haltung und Handlungen in Bezug auf Kinder bzw. kindliche Entwicklungsbegleitung. Wichtig ist hierbei, den eigenen H. kontinuierlich zu reflektieren und um dessen Einfluss auf die eigene Arbeit zu wissen. Dies kann dazu führen, bestimmte, der Entwicklung des Kindes nicht zuträgliche Verhaltensweisen zu hinterfragen und ggf. zu verändern.
  • Handlungskompetenz (? Erlebnispädagogik,? Kompetenz? Interaktion)
  • Heterogene Elternschaft (griech. Heteros „anders, abweichend“; genos „Geschlecht, Art, Gattung“): Erzieher/innen sehen sich heute nicht mehr einem als Einheit wirkenden Elternkollektiv gegenüber, sondern haben es mit vielen individuellen Elternteilen und ihren Besonderheiten zu tun. Die notwendigen Beziehungen aufzubauen und zu unterhalten ist daher zeit- und kraftaufwändig. Die Eltern verschiedenster Provenienz (Herkunft) und? Lebensformen – arm oder reich, gebildet oder ungebildet, mit oder ohne Migrationshintergrund – stellen je eigene Erwartungen an die Erziehung ihrer Kinder in der Kita. Aus dieser fehlenden Einheit resultiert einerseits mangelnde Solidarität, die den Einfluss der Eltern schwächt, andererseits aber eine größere Freiheit des Einzelnen, die es den Erzieher/innen erschwert, auf sie einzuwirken. Hier einige Beispiele für die erschwerenden Unterschiedlichkeiten innerhalb der Elternschaft: erwerbstätige Eltern oder nichterwerbstätige Eltern mit drohender Armut, alleinerziehende Elternteile,? Patchworkfamilien, Eltern mit und ohne Migrationshintergrund, Eltern von Kindern mit Behinderung bzw. einer drohenden Behinderung, vernachlässigende Eltern, überbehütende Eltern, Flüchtlinge et.
  • Hinduismus: Der H. ist eine der fünf? Weltreligionen. Er ist vor etwa ca. 4500 Jahre entstanden (Indus-Kultur). Der Hinduismus gilt als Vielgötterglaube. (Polytheismus, aus griech. Polys „viel“ und theoi „Götter“). Aber: alle „Götter“ sind letztlich nur als verschiedene Manifestationen oder Erscheinungsformen des einen Brahman gedacht, der letzten, absoluten Wirklichkeit, aus der alles existiert. Es ist unendlich, allgegenwärtig, eigenschaftslos und unnennbar. Der Mensch ist in seinem Innersten als Atman mit Brahman vereint und identisch mit ihm. Wichtige „Götter“ sind Brahma, Vishnu, Krishna, Ganesha und vor allem Shiva. Es gibt keinen Religionsstifter, der Name entstand durch die ersten Siedler des Flusses Indus. Die Perser nannten den Fluss Hindu und den Glauben der Siedler Hinduismus, eine frühe Bezeichnung ist Brahmanismus. Die Heilige Schrift nennt sich Veda (Wissen). Alle Lebewesen besitzen in ihrer sterblichen Körperhülle eine unsterbliche Seele. Nach dem Tod wird die Seele in einem neuen Körper wiedergeboren, reinkarniert (lat. Re-„wieder“; incarnatio „Fleischwerdung“). So funktioniert das ewige Welt-Gesetz (sanatana dharma): Die Seelen irren umher nach dem Gesetz der Vergeltung. Wer sein Leben tugendhaft gemäß seiner Kaste verbringt, kann im nächsten Leben aufsteigen. Ist das Gegenteil der Fall, ist der Abstieg z.B. in Form einer Wiedergeburtals Pflanze die Konsequenz. Die Erlösung aus dem Kreislauf ist möglich, dazu muss die Kette von Ursachen und Wirkungen durchbrochen werden.
  • Humanismus: Der Humanismus war eine im 14. Jahrhundert von Italien ausgehende Bildungsbewegung, die ihrer Zeit die Ideale der griechischen und römischen Philosophie, Kunst und Architektur entgegenhielt, den einzelnen Menschen emanzipierte und das Menschliche zum Ideal erhob (lat. homo „Mensch“, lat. humanus „human, menschlich, menschenfreundlich,menschenwürdig“,Antonym: inhuman). Schon vor der Aufklärung verlangte der H. Toleranz (jeder darf nach seinem Gewissen entscheiden und seine Meinung vertreten), Gewaltlosigkeit und Mitgefühl (Empathie), Freiheit und das Recht des Einzelnen auf die harmonische Ausbildung seiner Fähigkeiten. Eine Weiterentwicklung erfolgte durch? Wilhelm von Humboldt (Neuhumanismus).
  • Humboldt, Wilhelm von (*1767 Potsdam,? 1836 Tegel). H. war ein preußischer Gelehrter und Sprachwissenschaftler. Er wurde bis zum Studium von Hauslehrern unterrichtet. Vor Aufnahme des Studiums arrangierten die Eltern für ihn und seinen Bruder Privatvorlesungen in Nationalökonomie Statistik, Naturrecht und Philosophie. Humboldt gilt als Vertreter des Neuhumanismus, er hatte entscheidende Reformideen für das deutsche Schulsystem. Er setzte sich für eine einheitliche Gestaltung des Bildungswesens ein und war Vertreter einer universellen, humanistischen Bildung nach hellenistischem Vorbild. Er schlug ein dreigliedriges Schulsystem vor, das sich in Elementar-, Schul- und Universitätsunterricht gliedert. Im Elementarunterricht orientiert er sich an der Pestalozzischen Vorstellung. Der Schwerpunkt liegt auf der „Muttersprache“, Form und Zahl. Im Schulunterricht geht es um linguistische, historische und mathematische Bildung. Bei der universitären Bildung steht schließlich die eigenständige Forschung im Mittelpunkt, um damit eine Einsicht in die großen Zusammenhänge der Wissenschaft zu gewinnen. Alle drei Schulformen verfolgen das gleiche Ziel (humanistische Bildung) in verschiedener Vertiefung und Weite. Die Universität hat damit einen Bildungsauftrag, der weit über den Erwerb berufsverwertbarer Kenntnisse hinausgeht. Die Grundlage des eigenständigen Forschens und Denkens ist hierbei nach Humboldt der Fachbereich der Philosophie. Zentraler Punkt der Bildung ist zunächst die Bildung der eigenen individuellen Persönlichkeit. „Bilde dich selbst und wirke auf andere durch das, was du bist.“ Humboldt definierte Bildung als einen aktiven, sozialen Prozess, in dem der Mensch sich ein Bild von der Welt macht. Kinder sollten bei diesem Aneignungsprozess von Menschen begleitet werden, die es verstehen, auf eine natürliche Balance zwischen Forderung und Fürsorge zu achten. Die Lernimpulse des Erwachsenen orientieren sich dabei am Entwicklungsstand des Kindes.
  • Hygieneplan: In der folgenden Tabelle (S. 100f) wird ein Muster-Hygieneplan für Kindertageseinrichtungen des Gesundheitsamtes des Landkreises Saarlouis exemplarisch vorgelegt, ohne jedoch den Anspruch auf nationale Systematik und Vollständigkeit zu erheben (Stand April 2013).

Diskussion

Dem Klappentext ist entnehmbar, dass sich das Nachschlagewerk als „ … Bereicherung sowohl für Berufsanfänger/-innen als auch für erfahrene Erzieher/-innen und Kita-Leiter/-innen“ versteht. Dieses vollmundige Versprechen löst der Band nicht ein: es fehlen grundlegende Verweise und Erläuterungen zu Themen von Gewalt, zu Missbrauch, zu Prävention und Intervention. Begriffe wie Krankheiten, Tod, Trauer fehlen ebenso wie Verweise auf gängige Praktiken wie Beobachtung und Gesprächsführung. Verweise zur Sexualität sind ebenfalls nicht aufgeführt.

In den unter H aufgeführten Definitionen werden ebenfalls Lücken und Vernachlässigungen sichtbar: Hunger bleibt ausgespart, Haushalt bleibt ausgespart (und das erscheint umso verwunderlicher, als an einigen Stellen durchaus auf Kita-Management verwiesen wird). Warum diese (und zahlreiche weitere) Themen und Handlungsfelder exkludiert sind, wird nicht erklärt und nicht begründet.

Fazit

Als Nachschlagewerk ist das Buch nicht geeignet – dazu fehlen zu viele Themen. Die aufgeführten Themen sind an einigen Stellen zu flach, zu einseitig dargestellt (z.B. Entwicklungsrisiken): eine gründliche Überarbeitung hätte dem Buch qualitativ gutgetan. In der vorliegenden Form erscheint es sinnlos.


Rezensentin
Dr. Miriam Damrow
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg Lehrstuhl für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Diversity Education und Internationale Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Miriam Damrow. Rezension vom 21.08.2017 zu: Herbert Günther, Susanne Fritsch, Werner Trömer: Kita von A bis Z. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3355-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21142.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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