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Günter J. Friesenhahn, Andreas Thimmel (Hrsg.): [...]Engagement und Kompetenz (internationale Jugendarbeit)

Cover Günter J. Friesenhahn, Andreas Thimmel (Hrsg.): Schlüsseltexte. Engagement und Kompetenz in der internationalen Jugendarbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2004. 326 Seiten. ISBN 978-3-89974-053-0. 22,80 EUR.
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...so definiert die "Kampagne Internationale Jugendarbeit" (KIJA) der Europäischen Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar ein wichtiges Aufgabengebiet der Jugendbildungsarbeit. In den "Leitlinien für die internationale Jugendpolitik und internationale Jugendarbeit von Bund und Ländern", die von der Jugendministerkonferenz 2001 in Weimar erlassen wurden, heißt es u.a.: "Die Internationale Jugendarbeit will ... jungen Menschen helfen, durch Erfahrungen mit Gleichaltrigen in anderen Ländern und mit ausländischen Gästen zu Hause die eigene Situation und den eigenen Standort besser zu erkennen". Im ersten Jugendplan des Bundes, 1950, wurde die internationale Jugendarbeit als eine besondere Bildungs- und Aufklärungsaufgabe formuliert und gefördert. Ein "Quo vadis internationale Jugendarbeit?" zu schreiben, liegt deshalb nahe. Ob ein solches Vorhaben schon eine "Geschichte der internationalen Jugendarbeit" sein kann, bezweifeln die Herausgeber einer bemerkenswerten Arbeit selbst. Günter J. Friesenhahn, Professor für European Community Education Studies an der Fachhochschule Koblenz und Andreas Thimmel, Professor für Wissenschaft der Sozialen Arbeit an der FH Köln, legen in einem Reader theorie- und praxisorientierte Texte zur internationalen Jugendarbeit und in diesem Zusammenhang, zur auswärtigen Kulturpolitik in der Bundesrepublik Deutschland, vor, die von 1956 bis 2003 reichen. Eine interessante Variante macht das Handbuch zu mehr: Die Autorinnen und Autoren interpretieren ihre damaligen Texte im Rückblick, setzen konzeptionelle und biografische Akzente und reflektieren die aktuelle Entwicklung der internationalen Jugendarbeit heute und morgen.

Aufbau und Inhalt

Die Herausgeber gliedern das Buch in fünf Bereiche.

  • Im ersten Teil geht es um "Orientierungen", die in den 50er und 60er Jahren entstanden sind; z. B. vom "Grand Old Man" der internationalen (Jugend)Zusammenarbeit, Dieter Dankwortt, mit seiner 1956 verfassten sozialwissenschaftlichen Analyse; von Heinz Hahn, der 1963 den Start zur "Entwicklung des Jugendtourismus" gab; und von Hermann Giesecke, der 1967 mit seiner "Kritik pädagogischer Urlaubsvorstellungen" ein neues Pädagogik- und Bildungsverständnis propagierte.
  • Der zweite Teil stellt Texte vor, die von 1974 bis 1983 entstanden sind, als "Bilanzierung und programmatische Perspektiven"; etwa Margot Umbachs Fundamentalkritik: "Defizite und Verbesserungsmöglichkeiten internationaler Begegnungsprogramme"; Dieter Breitenbachs Arbeit zu den gruppendynamischen Bedingungen interkultureller Kommunikation und interkulturellen Lernens; Helmut Brinkmanns damalige Bestandsaufnahme (1982) zur Förderung der internationalen Jugendarbeit in der Bundesrepublik Deutschland; Josef Freises Anfrage, ob und in welcher Form interkulturelles Lernen in Begegnungen eine Möglichkeit für eine entwicklungspolitische Bildung sei; und der Erfahrungsbericht von Brigitte Gayler zu organisierten Jugendreisen durch gemeinnützige Veranstalter.
  • Der dritte Teil widmet sich der "Konzeptdiskussion", mit Beiträgen von Wolfgang Berg zur interkulturellen Jugendarbeit (1983); Burkhard Müllers "Perspektiven einer Pädagogik des Austauschs", orientiert an den Konzepten und Erfahrungen des Deutsch-Französischen Jugendwerks (1984); Gerhard Winters Paradigma zu Konzepten und Programmen im Lernfeld außerschulischer internationaler Jugendarbeit; Hendrik Ottens Plädoyer für "Interaktionismus als fruchtbares Prinzip für internationale Jugendarbeit"; und Werner Müllers Aufruf zur "Neustrukturierung des internationalen Jugendaustauschs unter besonderer Berücksichtigung einer verbesserten Kooperation zwischen Wissenschaft und Praxis" (1987).
  • Im vierten Teil geht es um Texte, die "multiperspektivische Zugänge" ermöglichen; mit dem von Ulrich Zeutschel und Anita Orlovius verfassten Ergebnisprotokoll der Impulstagung zum Forscher-Praktiker-Dialog im Bereich der internationalen Jugendbegegnung" (1989); mit dem Beitrag von Norbert Ropers zum interkulturellen Lernen, in dem er besonders "Empathie als Beitrag zur Entwicklung eines zeitgemäßen Paradigmas der Völkerverständigung" darstellt; Alexander Thomas wies 1991 in seinem Text die "psychologische Wirksamkeit von Kulturstandards im interkulturellen Handeln" hin; Jens D. Kosmales Arbeit zur "Praxis der internationalen Jugendarbeit" mit seiner aktuellen Reflexion, dass Jugendauslandsreisen als ein niedrigschwelliges interkulturelles Lernfeld anzusehen seien; die Reflexion von Bernhard Porwol und Thomas Korbus "Jugendreisen und ihre Pädagogik zwischen Ethik und Ästethik" mit dem Aufruf zur "pädagogischen Bescheidenheit"; Astrid Klösterkes Untersuchung zu "Urlaubsreisen und interkulturelle Begegnungen", in der vielfach zitierte Vor- und Nachteile von Urlaubserfahrungen von jungen Menschen dargestellt werden.
  • Schließlich werden im fünften Teil aktuelle Positionierungen zur internationalen Jugendarbeit in den Blick genommen; mit der Darstellung der "Richtlinien zur internationalen Jugendarbeit" (2001) des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend; Reinhard Schwalbachs Resümee zu "Fünfzig Jahre Förderung der internationalen Jugendarbeit auf Bundesebene"; und die von Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Konferenz "Kampagne für internationale Jugendarbeit", vom Mai 2003 in Weimar verfasste Absichtserklärung zur Intensivierung der internationalen Jugendarbeit als zentralen Bereich der Kinder- und Jugendarbeit, weil sie "wesentliche Beiträge zur persönlichen Entwicklung und zur konstruktiven Gestaltung der Gesellschaft liefert". Zum Abschluss geben Friesenhahn und Thimmel einen Rückblick und gleichzeitigen Ausblick auf die internationale Jugendarbeit, indem sie interkulturelles Lernen als ein neues Paradigma in der immer interdependenter sich entwickelnden Einen Welt darstellen und drei Zieldimensionen der internationalen Jugendarbeit aufzeigen:
    1. Die jugendpädagogische Dimension der persönlichen Erfahrungen im Kontext der eigenen Identitätsbildung und von Interaktions-, Kommunikations- und Verstehensprozessen mit den beteiligten Jugendlichen aus anderen Ländern und Kulturen.
    2. Die jugendpolitische Dimension als Form der Zusammenarbeit zwischen verschiedenen Nicht-Regierungsorganisationen (NGO) in europäischen und außereuropäischen Ländern, als zivilgesellschaftliche und transnationale Perspektive.
    3. Die außenpolitische, globale Dimension, als Beitrag zur auswärtigen Kulturpolitik und zur globalen Zusammenarbeit von Menschen und Organisationen.

Exemplarisch für den interessanten Spagat zwischen "Damals und Jetzt" mögen zwei Stellungnahmen ausreichen. Hendrik Otten reflektiert 2003 seinen Beitrag von 1985: "Die Notwendigkeit, an einer politischen Didaktik interkulturellen Lernens weiter zu arbeiten, besteht unverändert - politische Didaktik hat sich im Hinblick auf die Förderung emanzipierter europäischer Bürgerinnen und Bürger zu wenig weiterentwickelt und schulische Curricula sind immer noch zu sehr nationalstaatlich orientiert". Alexander Thomas, der in seinem Text zur psychologischen Wirksamkeit von Kulturstandards beim interkulturellen Handeln 1991 schreibt, stellt 2003 u. a. fest: "Die Entwicklung in der internationalen Jugendarbeit in Deutschland ... hat gezeigt, dass aus den im Artikel thematisierten Anregungen nichts weiterentwickelt wurde. Außer einigen kläglichen Versuchen, hier und da einmal auf die Kulturstandardthematik Bezug zu nehmen, war weder im Bereich der Forschung zum internationalen Jugendaustausch noch im Bereich der in den letzten zehn Jahren erfolgten Qualifizierung von Teamern eine nachhaltige Aktivität zu beobachten". Und Dieter Dankwortt resigniert 2003, anlässlich der immer restriktiver sich gestaltenden staatlichen und institutionellen Fördermöglichkeiten für die internationale Jugendarbeit, es bestehe die Gefahr, dass die internationale Jugendarbeit wieder mittelschichtorientiert werde und benachteiligte bzw. bildungsunerfahrene Jugendliche nicht erreiche. Die (Schlag)Schatten von PISA reichen über die schulische Bestandsaufnahme bis in die außerschulische Bildungsarbeit hinein. Und die Konsequenzen für eine multikulturelle Gesellschaft sind eindeutig: Jeder Mensch muss mit interkultureller Kompetenz ausgestattet sein, um menschenwürdig leben zu können.

Fazit

Für die Adressaten des Buches - Jugendliche, Jugendbildner, Bildungstheoretiker und -praktiker, Politiker - ist deshalb die Aufforderung wichtig: "Um den kommenden Herausforderungen sinnvoll begegnen zu können, ist die pädagogische Praxis und die Jugendpolitik gut beraten, die Erkenntnisse der interdisziplinär orientierten sozialwissenschaftlich-pädagogischen Forschung zur internationalen Jugendarbeit zu rezipieren, deren Vorschläge zur Konzeptionsentwicklung umzusetzen und die wissenschaftliche Weiterentwicklung in diesem Feld weiter anzuregen und zu unterstützen".

Nur an einer Stelle in der Sammlung übrigens, im Text der "Kampagne internationale Jugendarbeit", wird darauf verwiesen: "Auch in der Deutschen Demokratischen Republik hatte Völkerverständigung und internationale Solidarität einen hohen Stellenwert im staatlichen Leben"; ein Zufall?


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.11.2004 zu: Günter J. Friesenhahn, Andreas Thimmel (Hrsg.): Schlüsseltexte. Engagement und Kompetenz in der internationalen Jugendarbeit. Wochenschau Verlag (Frankfurt am Main) 2004. ISBN 978-3-89974-053-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2115.php, Datum des Zugriffs 03.04.2020.


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