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Wolfgang Keim, Ulrich Schwerdt u.a. (Hrsg.): Reformpädagogik und Reformpädagogik-Rezeption in neuer Sicht

Cover Wolfgang Keim, Ulrich Schwerdt, Sabine Reh (Hrsg.): Reformpädagogik und Reformpädagogik-Rezeption in neuer Sicht. Perspektiven und Impulse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. 315 Seiten. ISBN 978-3-7815-2107-0. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.
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Thema

Der Sammelband stellt sich dem Thema historische und aktuelle Deutungsmuster, Schwerpunkte, aber auch Lücken in der Historiographie der Reformpädagogik erkennbar zu machen.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Dr. Wolfgang Keim, emeritierter Professor für Allgemeine und Historische Pädagogik, Universität Paderborn
  • Dr. Ulrich Schwerdt, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut Erziehungswissenschaft der Universität Paderborn
  • Dr. Sabine Reh, Professorin für Historische Bildungsforschung ab der Humboldt- Universität zu Berlin, Direktorin der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung des Instituts für Internationale Pädagogische Forschung

Entstehungshintergrund

Der Blick auf die Historiographie der Zeit der Reformpädagogik, hier ist die Zeitspanne vor und nach dem ersten Weltkrieg gemeint, ist lange nicht mehr intensiv geschehen. Aus diesem Grund luden die Herausgeber zu einer Tagung. In dem Sammelband sind sowohl Beiträge der Tagung als auch speziell eingeworbene Artikel veröffentlicht.

Aufbau und Inhalt

In der Einleitung beschreiben die Herausgeber kurz jeden Artikel und schaffen Zusammenhänge zwischen den Aufsätzen. Von Keim, Schwerdt und Reh wird festgestellt, dass es auch in diesem Sammelband unterschiedliche Auffassungen von Reformpädagogik gibt. Ob es nicht auch „Reformpädagogiken“ heißen könnten oder eher eine „Denkform“ ist, bleibt nach wie vor ungeklärt. Die AutorInnen der Beiträge sind in der Lehre in verschiedenen Städten und Bereichen (Erziehungswissenschaften, Pädagogik, Heilerziehung, Sozialgeschichte u.a.) oder in Bibliotheken tätig.

Der Sammelband gliedert sich in vier Teile.

1. Rezeption

In der Einführung von Keim unter dem Titel „100 Jahre Reformpädagogik – Rezeption in Deutschland“, zeigt er auf, dass es eine Diskrepanz zwischen der Euphorie (hinsichtlich der pädagogischen Konzepte) und der Distanzierungen (hinsichtlich der z.B. offen gelegten sexualisierten Gewalt unter anderem in der Odenwaldschule) gibt. Keim zeigt Forschungsthemen auf und stellt fest, dass man die Reformpädagogik auch in ihrer Zeit (bis zu den 30er Jahren des 20. Jh.), mit ihren spezifischen Problemen und dunklen Seiten und ihren Auswirkungen bis in die Gegenwart betrachten kann.

2. Neue Zugänge und Fragestellungen

Carola Groppe stellt in ihrem Beitrag „Reformpädagogik und soziale Ungleichheit“ fest, dass die soziale Herkunft in der Forschung der Reformpädagogik bislang kaum thematisiert wurde. Was für das Bürgertum die Landerziehungsheime waren, waren für die Arbeiterkinder die Versuchsschulen auf Volksschulebene. Eine Untersuchung der reformpädagogischen Schulen hielte Groppe für lohnend.

Ulrich Schwerdt fragt in „Reformpädagogik und Behinderung“ inwieweit Kinder und Jugendliche mit Behinderungen in der Reformpädagogik mitgedacht oder ausgegrenzt wurden. Schwerdt geht es unter anderem um die Eugenik (Erbgesundheitslehre, Erbhygiene), deren Forschung in den Anfängen ist. Er stellt dar, dass auch die Klassiker der Reformpädagogik (s. Ellen Key, Das Jahrhundert des Kindes) von einem „edlem Menschen“ mit besonderen Erbanlagen ausgeht.

Peter Dudeck macht im Beitrag „Sexualisierte Gewalt in reformpädagogischen Kontexten“ am Beispiel deutlich, vor welchen Problemen und Herausforderungen die erziehungshistorische Forschung in diesem Thema steht. Per se eine Vorverurteilung der „historischen Reformpädagogik“ vorzunehmen, die die Liebe zum Kind betont, wäre allerdings falsch und irreführend.

Elija Horn stellt in „Indienmode und Tagore- Hype“ einen Zusammenhang zwischen Indien und der Reformpädagogik dar. Horn beschreibt unter anderem die Sehnsucht nach einem Kindsein, so wie es sich vermeintlich im europäischen Bild der Inder zeigt.

Klemens Ketelhut erinnert an Berthold Otto in dem Beitrag „Reformpädagogik in neuer Perspektive“. Es wird die These vertreten, ob heutige reformpädagogische Einrichtungen von seinen Gedanken des pädagogischen Unternehmertums profitieren könnten. Mit dem Schulwesen sollte dann auch eine Gesellschaftsreform einhergehen.

3. Neue Kontextuierungen

Christa Uhlig stellt sich in „Reformpädagogik im Spiegel proletarischer Zeitschriften“ die Frage, inwieweit die bürgerliche Reformpädagogik in der deutschen Arbeiterbewegung wahrgenommen wird.

Till Kössler zeigt in seinem Beitrag: „Religiöser Fundamentalismus und Demokratie“ am Beispiel einer konservativen katholischen Praxis in Spanien auf, dass dies deutlichen Parallelen zur Reformpädagogik hat.

Sven Kluge weist in „Alfred Adler als Wegbereiter einer modernen Tiefenpädagogik“ auf die Verbindung zwischen der Individualpsychologie Adler´s und der Reformpädagogik hin.

4. Quellen als Ausgangspunkte der Forschung

Ulrike Pilarczyk Natur- Erlebnis- Gemeinschaft. Fotos werden 3fach interpretiert: als Produkt sozialer Interaktion, hinsichtlich ihres ästhetischen und symbolhaften Gehalts und in Bezug auf die soziale Praxis des Gebrauchs.

Bettina Irina Reimers, Stefan Cramme, Sabine Reh „Gedruckte Quellen, Archivbestände und Forschung zur ‚Reformpädagogik‘ in der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung“ stellen dar, wie sich der Literaturbestand und damit der Fokus im Thema Reformpädagogik entwickelt hat.

Es folgt ein Verzeichnis der Autorinnen und Autoren.

Fazit

Die Beiträge des Tagungsbandes und die zusätzlich eingeworbenen Beiträge zeigen ein breit gefächertes Bild der Reformpädagogik auf. Dabei werden Aspekte berührt, die bislang wenig oder keine Aufmerksamkeit fanden. Der gemeinsame Nenner ist die Zeitspanne, vor und nach dem Ersten Weltkrieg, über die geforscht wurde. Für den Leser erschließen sich neue Aspekte und interessante Hintergrundinformationen. Die Themen regen so oder so zum Nachdenken an: Behinderung in der Reformpädagogik? Pädophilie in den Landschulheimen als Folge der Reformpädagogik. Ist das möglich? Gleichzeitig wirken manche Themen weit hergeholt und exotisch (z.B. Indienmode und Tagore- Hype). Dennoch werden Zeitzeugen und historische Quellen genutzt und so bleiben die Themen Teil der Geschichte der Reformpädagogik. So lohnt es sich für diejenigen, die sich auch am Rande mit der Historiographie der Reformpädagogik auseinandersetzen und für die Gegenwart ihre Schlüsse daraus ziehen und daraus lernen wollen. Selbstverständlich sind die jeweiligen Autoren der Ansicht, dass ihr Thema ein interessantes Forschungsthema wäre. So kann man gespannt sein, was daraus noch entsteht.


Rezensentin
Monika Pietsch
Training und Konstruktives Lernen
selbständige Trainerin und Beraterin, Schwerpunkt: Team- und Führungskompetenzen mit den Methoden des konstruktiven Lernens
Homepage www.training-konstruktiv.de
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Zitiervorschlag
Monika Pietsch. Rezension vom 05.10.2017 zu: Wolfgang Keim, Ulrich Schwerdt, Sabine Reh (Hrsg.): Reformpädagogik und Reformpädagogik-Rezeption in neuer Sicht. Perspektiven und Impulse. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2016. ISBN 978-3-7815-2107-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21152.php, Datum des Zugriffs 23.10.2017.


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