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Christof Loose, Peter Graaf: Schematherapie mit Kindern

Cover Christof Loose, Peter Graaf: Schematherapie mit Kindern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-621-28157-7. 98,00 EUR.

Beltz Video-Learning. 2DVDs, Laufzeit: 330 Minuten.
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Thema und Entstehungshintergrund

Die Schematherapie zählt zu den Verhaltenstherapiemethoden der so genannten „dritten Welle“. Sie wurde 2008 von Jeffery E. Young aus der kognitiven Therapie für Persönlichkeitsstörungen nach Aaron Beck entwickelt und erweitert Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie um Elemente psychodynamischer Konzepte, der Objektbeziehungstheorie, der Transaktionsanalyse, der Hypnotherapie und der Gestalttherapie. Die Schematherapie geht von diversen erlernten Grundschemata aus, die darauf abzielen, seelische Grundbedürfnisse zu befriedigen und hierdurch Verhalten steuern. In der Folge entstünden sogenannte „maladaptive Bewältigungsstile“. Mittlerweile werden zehn Schemamodi, die vier Kategorien zugeordnet sind, unterschieden. Ein Schemamodus beschreibt hierbei die Schemata, die im konkreten Augenblick aktiv sind. In der Therapie erfolgt die diesbezügliche Einschätzung und Edukation, um anschließend eine Phase der Veränderung einzuleiten, bei der dann in der Regel klassisch verhaltenstherapeutische Vorgehensweisen eingesetzt werden. Folglich erfüllt das spezifisch schematherapeutische Vorgehen zudem einen erklärenden und motivierenden Zweck in der Behandlung von Klienten und Klientinnen.

Obwohl das Verfahren noch relativ jung ist, gibt es bereits diverse Wirksamkeitsnachweise, insbesondere für die Behandlung von Menschen mit emotional instabilen Persönlichkeitsstörungen (Giesen-Bloo et al., 2006; Farrell et al., 2009 & Dickhaut & Arntz, 2012). Für das Jugendalter gibt es bislang noch relativ wenig Evidenz, für das hier vorgestellte Kindesalter wurde dieser Ansatz bislang noch kaum beforscht (Loose & Petrowsky, 2016).

Autoren

Dr. Christof Loose ist Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut sowie zertifizierter Schematherapeut in privater Praxis in Düsseldorf sowie wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Düsseldorf, Abteilung Klinische Psychologie.

Peter Graaf, Dipl.-Psych., ist Psychologischer Psychotherapeut und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut. Aktuell ist er am Werner-Otto-Institut (Kinder- und Jugendpsychiatrische Abteilung und Eltern-Kind-Klinik) in Hamburg tätig.

Aufbau und Inhalt

Es werden zwei DVDs mit einem beigefügten Heftchen geliefert:

Das Begleitheft enthält:

  • Eine Einführung in die Schematherapie mit Kindern und Jugendlichen
  • Erläuterungen zu den Lehrvideos
  • Fallskizzen (Lilly, 8 Jahre; Luna, 5 Jahre & Jan, 10 Jahre).
  • Steckbriefe der beiden Autoren
  • Werbung für weitere Produkte zur Schematherapie mit Kindern
  • Ein Inhaltsverzeichnis der DVDs

Auf den DVDs werden in insgesamt 330 Minuten drei Fallbeispiele präsentiert.

Auf der ersten DVD geht es um Lilly, 8 Jahre; ein Mädchen mit regelmäßigen Konflikten mit der Mutter im Rahmen der Hausaufgabenbearbeitung (aufsässig-oppositionelles Trotzverhalten). Die Therapie wird von Peter Graaf durchgeführt. Die Videosequenzen zeigen folgende Interventionen:

  • Modusarbeit mit (Ergänzungs-)Geschichten, Zeichnungen, Fingerpuppen und Stuhlarbeit
  • Elternarbeit mit strafendem Elternmodus und verletztem inneren Kind
  • Nachbesprechung mit Kind und Mutter zur Fingerpuppenarbeit mit Hausaufgaben
  • Edukation zum Schema- und Moduskonzept (Mutter und Kind) mit „Brillen“.
  • Nachbesprechung unter Therapeuten

Die zweite DVD zeigt zwei Fälle, die von Christof Loose behandelt werden: Luna, 5 Jahre, trennungsängstlich und Jan, 10 Jahre, Aufmerksamkeitsstörung (ADHS) mit ausgeprägter Selbstwertproblematik. Hier werden folgende Vorgehensweisen präsentiert:

  • Einführung in die Modusarbeit mithilfe eines therapeutischen Kuscheltieres (Molly)
  • Einsatz von Smileys und Klappmaul-Puppen
  • Clever-Modus-Tagebuch
  • Diagnostik von Schemadispositionen bei Vorschulkindern mithilfe des Pinguin-Interviews
  • Skizzierung eines Modus-Teams
  • Modusarbeit mit Fingerpuppen, Schlümpfen & Tieren
  • Psychoedukation mit Zeichnungen & Brillen (jeweils mit Vater und Sohn)
  • Stuhldialoge mit dem unaufmerksamen und dem verletzbaren Modus des Kindes
  • Fantasiereise zum Clever-Modus (Imaginationsübung)
  • 3-Stühle-Dialog mit dem Vater (Bestrafer-Kritiker-Fürsorge-Modus)
  • Nachbesprechung unter Therapeuten

Die Arbeit mit Jugendlichen lässt sich indirekt aus den gezeigten Interventionen mit den Eltern ableiten. Zu den Videos lassen sich jeweils Untertitel, die die jeweilige therapeutische Strategie erläutern, zuschalten und einleitende Texte machen zudem deutlich, was in der Therapie zusätzlich bereits erfolgt ist. Die abschließenden Nachbesprechungen unter Therapeuten verdeutlichen die Interventionen zusätzlich. Sämtliche in den Videos präsentierten Arbeitsblätter können online abgerufen werden.

Diskussion

Eine derart professionelle Umsetzung von videografierten Therapiesitzungen ist zum Verdeutlichen des Vorgehens sinnvoller, als das Lesen von diversen Fachbüchern. Die Videos sind kurzweilig, da mit Perspektivwechseln gearbeitet wird, ohne dass dies jedoch vom eigentlichen Inhalt ablenkt. Es wurden keine „echten“ Patienten gefilmt, vielmehr wurden typische Situationen von Bekannten der Autoren gespielt. Hierbei sind die schauspielerischen Leistungen – insbesondere der Kinder – besonders hervorzuheben. Wenn man es im Kleingedruckten nicht liest, würde man nicht merken, dass es sich hier um nachgestellte Szenen handelt.

Die beiden Therapeuten liefern unterschiedliche Modelle in Ansprache und Umsetzung der Interventionen. Dennoch wird es wie immer von der betrachtenden Person abhängen, ob diese Modelle einem entsprechen. So scheint es irritierend, wenn teilweise in der Arbeit mit 5-jährigen bereits Fachbegriffe (z.B. „Modi“) Verwendung finden. Dies ließe sich sicher auch anders umschreiben. Allerdings könnte es auch sein, dass dies bewusst erfolgt. Eine Erläuterung, warum der Therapeut dies tut, wird nicht gegeben. Auf der anderen Seite werden auch der ältere Patient und die Eltern teilweise in einer relativ kindgerechten Art angesprochen, die teilweise etwas befremdlich wirkt. Dies ist jedoch Stilfrage und hat letzten Endes etwas mit der persönlichen Vorliebe zu tun. Teilweise wird dies auch gezielt eingesetzt. So arbeitet Cristof Loose beispielsweise in einer Szene bewusst mit dem inneren Kind der Mutter, die er auch auf einen Kinderstuhl setzt und entsprechend mit „Du“ anspricht. Dies ist kein persönlicher Stil, sondern eine bewusst gewählte Intervention, die entsprechend anmoderiert wird. Sie ist spannend anzusehen.

Insgesamt sind die gewählten Techniken sehr kreativ und altersangemessen. Besonders beeindruckend sind beispielsweise Übungen wie das Einsprühen mit einem fiktiven „Teflon-Spray“ oder der Imaginationsübung, die mit aromatherapeutischen Elementen angereichert, teilweise ein wenig an Ansätze aus dem neurolinguistischen Programmieren erinnert. Die Autoren machen jedoch deutlich, dass das Procedere grundsätzlich komplett der klassischen Konditionierung entspricht und somit im Grunde originär verhaltenstherapeutisch ist. Sämtliche Übungen sind sehr erlebensbasiert und somit dem häufig in Manualen angebotenen Paper-Pencil-Verfahren klar vorzuziehen. Die wenigen klassischen Arbeitsbögen, die online abgerufen werden können, unterstützen in klassisch verhaltenstherapeutischer Manier das Vorgehen und sind sehr hilfreich.

Ob die vorgestellte Modus-Arbeit mit den Eltern nicht schon über ein reines Elterntraining hinausgeht und eventuell eine psychotherapeutische Intervention, für die Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten keine Zulassung haben, darstellt, bleibt an dieser Stelle dahingestellt. Es wäre jedoch spannend, von den erfahrenen Autoren diesbezüglich mehr zu erfahren.

Die Untertitel helfen sehr, das Vorgehen zu verstehen, sie sollten unbedingt zugeschaltet werden. Die Fallbeispiele sind gut gewählt, da sie ein typisches Spektrum des kinder- und jugendlichenpsychotherapeutischen Spektrums abbilden. Im Fallbeispiel „Jan“ wird auch der hyperaktive Modus behandelt. Diesbezüglich wäre eine fachliche Diskussion darüber, ob dies überhaupt erfolgversprechend ist, spannend. Das Vorgehen impliziert ja, dass ein betroffenes Kind die hyperkinetische Symptomatik gezielt kontrollieren kann, was eher nicht der Fall ist. Zur entsprechenden Behandlung gibt es auch diverse verhaltenstherapeutische Ansätze, am besten wissenschaftlich gesichert ist jedoch die sogenannte Multimodale Therapie, die neben verhaltenstherapeutischen Vorgehensweisen insbesondere die medikamentöse Einstellung und ein umfassendes Elterntraining beinhaltet. Die Verhaltenssteuerung erfolgt hier also eher „von außen“. Schlüssiger erscheint beim hier präsentierten Vorgehen eher der Umgang mit der komorbid nicht selten auftretenden depressiven Symptomatik und den Selbstwertproblemen. Hier kann die Schematherapie sicher den Kindern und Jugendlichen Erklärungskonzepte liefern, die zu einer deutlichen Entlastung und damit verbundenen höheren Therapiemotivation führen können. Wie einleitend beschrieben, ist dieser Therapieansatz in der Altersgruppe noch kaum beforscht. Es bleibt also spannend, entsprechende Ergebnisse abzuwarten.

Fazit

Die DVD ist trotz des hohen Preises für alle Kinder- und JugendlichenpsychotherapeutInnen, die sich mit dem schematherapeutischen Ansatz näher auseinandersetzen, wärmstens ans Herz gelegt. Man lernt durch die dargestellten Therapien mehr als durch so manches Buch. Am besten kombiniert man jedoch beides, ergänzt dies durch eine entsprechende Ausbildung (die von den Autoren in Hamburg angeboten wird) und behandelt Kinder unter Supervision. Offen bleibt die relevante Frage, ob dieses intuitiv sehr sinnvolle Vorgehen ähnlich evidenzbasiert gesichert werden kann, wie dies im Erwachsenenbereich bereits der Fall ist und für welche Zielgruppen es am sinnvollsten ist.


Rezension von
Dr. Alexander Tewes
Ausbildungsambulanzleiter LAKIJU-VT Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (KJPP)
Psychiatrische Klinik Lüneburg gemeinnützige GmbH im Verbund der Gesundheitsholding Lüneburg
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Zitiervorschlag
Alexander Tewes. Rezension vom 23.01.2017 zu: Christof Loose, Peter Graaf: Schematherapie mit Kindern. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2014. ISBN 978-3-621-28157-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21155.php, Datum des Zugriffs 04.07.2020.


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