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Sonja Hintermeier: Psychodrama-Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen

Cover Sonja Hintermeier: Psychodrama-Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Facultas Verlag (Wien) 2016. 296 Seiten. ISBN 978-3-7089-1345-2. D: 24,20 EUR, A: 24,90 EUR, CH: 30,70 sFr.
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Thema

Die Persönlichkeit eines Menschen macht ihn einzigartig, unterscheidbar von anderen und typisiert ihn unverkennbar. Störungen der Persönlichkeit zählen zu den am schwierigsten zu behandelnden psychischen Erkrankungen, werden oft als äußerst stigmatisierend erlebt und bedeuten ein hohes subjektives Leiden der Betroffenen und ihrer sozialen Umgebung. Die Therapie von Persönlichkeitsstörungen, v.a. in der privaten Praxis, stellt hohe Anforderungen an den Psychotherapeuten /die Psychotherapeutin und zwar sowohl ich fachlicher, als auch in menschlicher Hinsicht. Die Erkrankung ist andererseits nicht selten und das Vorkommen in der Allgemeinbevölkerung wird in verschiedenen Studien mit 5-15% angegeben, insofern werden die ohnehin seltenen Publikationen zur Therapie dieser Störungen in der Fachwelt sicher dankbar aufgenommen.

Autorin

Mag.a phil. Sonja Hintermeier, MSc ist klinische und Gesundheits-Psychologin, (Lehr-) Psychotherapeutin und (Lehr-) Supervisorin mit freier Praxis in Wien und Lehrtätigkeit an der Donau-Universität Krems. Ihr beruflicher Hintergrund besteht in mehrjähriger Tätigkeit im Behandlungs- (Straf-) Vollzug und in der ambulanten Suchthilfe. Ihre vorangegangenen Publikationen weisen sie aus als Expertin in der Psychodrama-Psychotherapie, aber auch in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen.

Entstehungshintergrund

Die Autorin widmet sich der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen, einem Thema, zu dem derzeit noch von wenigen Psychotherapieschulen erfolgreiche Behandlungskonzepte vorgelegt werden können. Das Psychodrama, als eine der ältesten Therapiemethoden, bietet eine breite Auswahl an Techniken von denen nicht wenige von anderen Psychotherapieschulen übernommen wurden, gerade wenn es um den Einsatz in der Therapie von Persönlichkeitsstörungen ging. Die Autorin möchte daher die Behandlung aus psychodramatischer Sicht beleuchten und ein Modell einer störungsspezifischen, strukturbezogenen Psychodramatherapie bei Persönlichkeitsstörungen vorstellen.

Das Werk richtet sich aber nicht nur an Psychodrama-Fachleute, sondern auch an Vertreter und Vertreterinnen anderer Fachrichtungen und Professionen, die sich über psychodramatische Behandlungsmöglichkeiten bei Persönlichkeitsstörungen informieren möchten.

Aufbau und Inhalt

Das Werk hat 288 Seiten und ein achtseitiges Literaturverzeichnis. Schon das sehr hoch strukturierte Inhaltsverzeichnis lässt den Anspruch der Autorin erkennen eine ausführliche Darstellung aller Aspekte des Themas vorzulegen und es entsteht sofort der Eindruck eines gelungenen Lehrbuchs. Das Buch enthält ein Vorwort von Hildegard Pruckner, eine Einleitung und Danksagung und ist in zehn Hauptkapitel gegliedert.

Im ersten Kapitel widmet sich die Autorin unter dem Titel „Persönlichkeitsstörungen – was ist das?“ der Definition der Persönlichkeitsstörung, ihrer Einordnung in die Klassifikationssysteme, der Einteilung in Untergruppen, Zahlen und Fakten zur Häufigkeit, Komorbidität und Verlauf und Empfehlungen in Bezug auf ihre Diagnostik. Die 31 Unterpunkte des Kapitels machen schnell klar, dass die Autorin der Komplexität des Themas Raum gibt, dass die Darstellung den Leser / die Leserin nicht überfordert, wird durch die Beschränkung auf 25 Seiten und die sehr klare Sprache der Autorin garantiert.

Das zweite Kapitel bietet v.a. Psychodrama-fremden Lesern und Leserinnen einen guten Einstieg in die Grundlagen des Psychodramas. Allerdings lohnt sich die Lektüre auch für Psychodrama-Kundige, die Darstellung ist gut komprimiert und geht auf themenspezifische Fragestellungen ein.

Die Psychodramatherapie ist Thema im dritten Kapitel und vermittelt einen profunden Einblick in die vielfältigen Techniken dieser Therapieform. Abläufe, Instrumente und Techniken werden vorgestellt und störungsspezifische Modifikationen vorgeschlagen.

Im vierten Kapitel werden Entstehungsmodelle und Behandlungsansätze für Persönlichkeitsstörungen vorgestellt. Hier gelingt der Blick über den Tellerrand der Psychodramatherapie hin zu anderen wichtigen störungsspezifischen Therapieansätzen. Die Autorin entdeckt immer wieder Versatzstücke des psychodramatischen Zugangs in den psychodrama-fremden Zugängen, es gelingt aber auch die Würdigung anderer Ansätze.

Persönlichkeitsstörungen aus Sicht der Psychodramatheorien sind Gegenstand des fünften Kapitels, das v.a. auf die Rollentheorie, aber auch auf die Theorie der perfekten Ziele rekurriert. Annahmen aus der Schematherapie, der klärungsorientierten Therapie und der interpersonellen Psychotherapie werden nun miteinbezogen und der Zusammenhang zwischen (innerer) Rollendynamik und (äußerer) Interaktionsdynamik wird hergestellt.

Das sechste Kapitel listet grundsätzliche Überlegungen zur Psychodramatherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Beziehungsaufnahme, Behandlungsvereinbarung, Gestaltung der therapeutischen Beziehung, Verlauf und ein strukturorientiertes psychodramatisches Vorgehen werden thematisiert und bieten wichtige praktische Handreichungen für Psychodramatiker und Psychodramatikerinnen, vielfach abgesichert durch Beiträge auch anderer Autoren und Autorinnen.

Die Kapitel sieben, acht und neun gehen nun ins Detail der unterschiedlichen Typen von Persönlichkeitsstörungen. Die Autorin strukturiert nach „Nähestörungen“ (narzisstisch, histrionisch, selbstunsicher und abhängig), „Distanzstörungen“ (zwanghaft, passiv-aggressiv, schizoid und paranoid) und „Borderlinestörung und andere schwere Persönlichkeitsstörungen“. Für jeden Typ werden, basierend auf den vorangegangenen theoretischen Überlegungen, typenspezifische Profile erstellt, die folgende Kategorien umfassen:

  • Urszene und perfekte Ziele
  • Störungsspezifische Rollenausstattung
  • Rolleninteraktion: Ressourcen und Defizite
  • Empfohlene Therapiestrategie
  • Fallbeispiele

Auf die Besonderheiten bei der Behandlung von besonders schweren Persönlichkeitsstörungen und auf die Therapie beim gleichzeitigen Vorliegen mehrerer Persönlichkeitsstörungen wird zusätzlich noch im neunten Kapitel eingegangen.

Im zehnten Kapitel werden die Möglichkeiten und Grenzen der Psychodrama-Gruppentherapie mit Menschen mit schweren und kombinierten Persönlichkeitsstörungen diskutiert. An dieser Stelle werden die umfangreichen Erfahrungen der Autorin mit dieser Zielgruppe besonders deutlich und neben grundsätzlichen Überlegungen werden wichtige Details, von der Sitzungsgestaltung bis hin zu einzelnen empfohlenen Vorgangsweisen und Übungen, vorgestellt.

Diskussion

Der Autorin gelingt eine ausgezeichnete Darstellung der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen mit Hilfe der humanistischen Psychodramatherapie. Die Betrachtung erfolgt anfangs mehrperspektivisch auch aus Sicht anderer Therapierichtungen und Kategorisierungen. Die Autorin fokussiert erfolgreich darauf die Komplexität des Gegenstands der psychotherapeutischen Behandlung der Persönlichkeitsstörung darzustellen, ohne die Leserschaft gänzlich zu verwirren. Die umfassende Recherchearbeit, die hohe Strukturierung und die klare Sprache der Autorin machen sich schließlich bezahlt, auf oberflächliche Vereinfachungen wird verzichtet und die Darstellung bleibt trotzdem übersichtlich und immer themenbezogen. Trotz komprimierter Ausführungen verschiedener Theorien und schwerpunktmäßig der Psychodramatheorie und Praxis, können die ersten sechs Kapitel in einem Zug durchgelesen werden.

Die Kapitel sieben bis neun eignen sich dazu weniger gut, zu vielfältig sind die insgesamt zehn Typen von Persönlichkeitsstörungen. Hier zeigt sich jedoch der Wert dieses Lehrbuchs zum Nachschlagen einzelner Typen, sobald sich die Notwendigkeit in der Praxis ergibt. Die Fallbeispiele sind prototypisch gewählt und entbehren daher ein wenig der Lebendigkeit, dies ist allerdings dem Schutz der Patienten und Patientinnen geschuldet (worauf die Autorin auch verweist) und der beabsichtigten Illustrierung der psychodramatischen Vorgangsweise tut dies keinen Abbruch. Im Gegenteil, die Vorgangsweise betont, wie an vielen anderen Stellen des Werkes, die Wichtigkeit von Begegnung und Gestaltung der therapeutischen Beziehung(en). „Nebenbei“ wird die „altehrwürdige“ Methode des humanistischen Psychodramas aktualisiert und die Wirksamkeit der störungsspezifischen Modifikationen wird deutlich. Dies findet auf einem hohem Niveau des Einbezugs psychodrama-fremder Theorien statt, die aber nicht unkritisch übernommen, sondern immer in die psychodramatischen Paradigmen übersetzt werden. Nicht zuletzt wird die große Erfahrung der Autorin in der Behandlung von Persönlichkeitsstörungen deutlich und das Buch, obwohl als Lehrbuch konzipiert, verbleibt nicht nur auf der Theorieebene, sondern bietet wichtige Handreichungen für die Praxis.

Fazit

Das vorliegende Werk bietet einen ausgezeichneten Einstieg in die Thematik der Psychodrama-Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen, der durchaus praktisch angelegt ist und wesentliche Aspekte abdeckt. Die Autorin erreicht das Ziel, die Eignung des humanistischen Psychodramas für die Behandlung von Persönlichkeitsstörungen zu demonstrieren. Ein interessantes Lehrbuch, das sicher über den engeren Kreis der Psychodramatiker und Psychodramatikerinnen hinaus seine Leserschaft finden wird.


Rezensent
Prof. Kurt Fellöcker
MA, MSc, DSA, Psychotherapeut (PD), Fachhochschule St. Pölten
Homepage www.fh-stpoelten.ac.at
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Zitiervorschlag
Kurt Fellöcker. Rezension vom 11.11.2016 zu: Sonja Hintermeier: Psychodrama-Psychotherapie bei Persönlichkeitsstörungen. Facultas Verlag (Wien) 2016. ISBN 978-3-7089-1345-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21157.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


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