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Baldo Blinkert, Thomas Klie: Solidarität in Gefahr? (Pflegebedürftigkeit)

Cover Baldo Blinkert, Thomas Klie: Solidarität in Gefahr? Pflegebereitschaft und Pflegebedarfsentwicklung im demografischen und sozialen Wandel. Vincentz Verlag (Hannover) 2004. 336 Seiten. ISBN 978-3-87870-099-9. 22,80 EUR.
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Einführung

Gegenwärtig wird in der Bundesrepublik Deutschland die Pflege älterer Menschen primär durch familiäre Pflegearrangements sichergestellt, dies überwiegend ohne Hinzunahme (professioneller) ambulanter oder teilstationärer Hilfen. Familiale Pflegearrangements werden als grundlegende Voraussetzung für die Sicherung der Pflege angesehen; dass auf diese Basis auch weiterhin gesetzt werden soll, spiegelt sich aktuell in der Einführung des Kinderberücksichtigungsgesetzes im Rahmen der Pflegeversicherung ab Januar 2005 wieder. Angesichts der zu erwartenden demografischen wie sozialen Veränderungen, ist jedoch künftig davon auszugehen, dass die Pflege nicht mehr allein durch Familienangehörige getragen werden kann.

Mit dem Titel "Solidarität in Gefahr" greifen die Autoren die Problematik der quantitativen und qualitativen Veränderungen des familialen Pflegepotentials auf, die aus kommunaler Sicht die Entwicklung einer angemessenen pflegerischen Infrastruktur erforderlich macht. Um dem Anspruch der Gewährleistung einer angemessenen ambulanten wie stationären Versorgung (§ 8 SGB XI "gemeinsame Verantwortung für die Pflege") innerhalb der kommunalen Altenhilfeplanung gerecht werden zu können, hat die Stadt Kassel an die Kontaktstelle für praxisorientierte Forschung e.V. an der ev. Fachhochschule Freiburg und das Freiburger Institut für angewandte Sozialwissenschaft e.V. einen entsprechenden Forschungsauftrag erteilt. Dieser beinhaltete die Erstellung einer Studie, die - über eine reine Infrastrukturplanung hinaus gehend - Aufschluss über Pflegearrangements und pflegekulturellen Orientierungen unter veränderten demographischen und sozialen Bedingungen geben soll. Das vorliegende Buch enthält den Endbericht zu dieser Studie.

Zielgruppe

Interessierte im Bereich der pflegerischen Versorgungsforschung und Altenhilfeplanung

Gliederung und Inhalte

Nach einleitenden Worten der Autoren, wird die Arbeit in den aktuellen Forschungsstand zur Situation von Pflegebedürftigen und ihren Angehörigen eingebettet. Das Buch beinhaltet im Folgenden eine zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der Forschungsarbeit und gliedert sich in drei Schwerpunkte:

Im ersten Teil Szenarien zur Entwicklung der Versorgungssituation von Pflegebedürftigen in der Stadt Kassel werden ein sicheres, ein wahrscheinliches und ein mögliches Szenario zum demografischen und sozialen Wandel skizziert. Auf dieser Grundlage werden Versorgungssituationen Pflegebedürftiger in der Stadt Kassel modelliert und "bedingte Prognosen" zur zukünftigen Pflegebereitschaft und Pflegebedarfentwicklung gegeben.

Das Kapitel Die Verankerung von Solidarität in der Sozialstruktur. Eine empirische Untersuchung über milieuspezifische Pflegebereitschaften und bürgerschaftliches Engagement umfasst ausgewählte Ergebnisse der telefonischen und persönlichen Interviews, die mit Kasseler Bürgern der sog. "pflegenahen Jahrgänge" (der Altersgruppe der 40 bis 60 Jährigen) geführt wurden. Den Schwerpunkt dieses Abschnittes bildet das Thema pflegekulturelle Orientierungen. Es wird der Fragestellung nachgegangen, wie stark und in welcher Weise Pflegeverpflichtungen in sozialen Milieus verankert sind. Dabei steht die soziologische Bedeutung dieser Thematik im Vordergrund (Von welchen strukturellen Bedingungen sind Formen der sozialen Solidarität abhängig und welchem Wandel unterliegen sie?). Die Einstellung der Kasseler Bürger zum bürgerschaftlichen Engagement (gemeinwesenorientiertes Engagement; Solidarität im "Nahraum" und "Fernraum", Zusammenhang zwischen sozialem Milieu und Solidarität im Fernraum) sowie zur Sterbehilfe und Euthanasie werden im Überblick dargestellt.

Im abschließenden Kapitel Pflegepolitische Implikationen steht die Bedeutung der Studienergebnisse auf kommunaler, landes- und bundespolitischer Ebene im Mittelpunkt. Es werden pflegepolitische Optionen formuliert; dieser sehr differenzierte Abschnitt umfasst ein breites Themenspektrum mit folgenden Schwerpunkten:

  • Kulturentwicklung (z.B. Förderung gemischter Pflegearrangements, Entlastung der Hauptpflegepersonen durch bürgerschaftliches Engagement, Hospizbewegung, Palliativtherapie, professionelle Pflege, Outcomeorientierte Qualitätssicherung).
  • Infrastrukturentwicklung (z.B. moderner Pflegemix; Förderung teilstationärer Entlastungsangebote; Deregulierung gesetzlicher Vorgaben in der stationären und ambulanten Pflege; Erprobung persönlicher Budgets und Case-Management-Strukturen; institutionsübergreifende Beratung, integrierte Versorgung; Investoren-/Projektberatung, Engagementkonzept, moderierte Infrastrukturentwicklung)
  • Nachhaltige Sicherung der Pflegebereitschaft (z.B. Vereinbarkeit von Pflege und Beruf, Ressourcen beruflicher Pflege; Berufsgruppenöffnung in der Pflege; Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes).

Die Autoren weisen im Anschluss darauf hin, dass sowohl auf kommunaler Ebene als auch auf Landesebene Investitionen erforderlich sind (z.B. institutionenübergreifende Beratung, Case-Management-Strukturen, entlastende ambulante und teilstationäre Angebote), um den langfristig gesehen zunehmenden stationären Versorgungsarrangements, die in weitaus höhere Kosten münden, zu begegnen.

Im Hinblick auf die bundespolitische Bedeutung kritisieren die Autoren, dass die letzten gesetzgeberischen Veränderungen den Studienergebnissen entgegenstehen (z.B. Altenpflegegesetz, Krankenpflegegesetz, Heimgesetz). Wegweisend - aber nicht ausreichend - erscheint ihnen in dieser Hinsicht allein das PflEG (Bedarf an komplementären Hilfen, bürgerschaftliches Engagement, Infrastruktur, Beratung, Begleitung). Auch die Empfehlungen der Rürup- und Herzog-Kommission greifen Aspekte der Kasseler Studie auf (Erprobung personenbezogener Budgets und Case-Management-Strukturen). Darüber hinaus stützen die Studienergebnisse die Bemühungen des BMFSFJ im Hinblick auf das Gesetzesvorhaben "Altenhilfestrukturgesetz".

Der umfangreiche Anhang enthält Beiträge von Projektmitarbeitern und Beteiligten:

  • Jürgen Spiegel stellt anhand einer kurzen Zusammenfassung das methodische Vorgehen der "Kasseler Studie" vor (Erhebungsformen: telefonisches und persönliches Interview; Ausschöpfung und Repräsentativität; Inhalte der Fragebögen).
  • Im Folgenden geht Heinz Blaumeiser in seinem Beitrag "Beteiligung und Vernetzung" auf die Grundlagen partizipativer Altenplanung ein, woran eine Darstellung der Umsetzung von Partizipation im Rahmen der "Kasseler Studie" anschließt. Obwohl dieser Abschnitt bisweilen sehr detailliert ist, erweist er sich insofern als aufschlussreich, als dass ein Verständnis für das gesamte Ausmaß der Studie geschaffen wird.
  • Abschließend kommentiert Angelika Trilling, Altenreferentin der Stadt Kassel, den Studienverlauf und Ergebnisse aus kommunaler Sicht. Neben allgemeinen Informationen (Forschungsauftrags, Finanzierung, die Kasseler Altenhilfepolitik und -planung) und der Darstellung zentraler altenhilfepolitischer Fragestellungen, unterstreicht Trilling, dass die komplexen und abstrakt formulierten Empfehlungen des Abschlussberichtes nunmehr mit Blick auf konkrete Umsetzungsmöglichkeiten geprüft und "heruntergebrochen" werden müssen.

Kritische Würdigung

Während in anderen Untersuchungen die gegenwärtigen Bewältigungsformen von Pflegebedürftigkeit im Vordergrund stehen, fokussiert die "Kasseler Studie" die Einschätzung der 40 bis 60 jährigen Kasseler Bürger - der sogenannten "pflegenahen Jahrgänge" - zur zukünftigen Bewältigung eigener und fremder Pflegebedürftigkeit. Wenngleich der Prognosecharakter zu berücksichtigen ist, werden interessante mögliche Entwicklungslinien und Trends der zukünftigen Pflegesicherung aufgezeigt (pflegekulturelle Orientierungen). Insgesamt gelingt ein Überblick zur Thematik zukünftiger Pflegearrangements, wobei insbesondere die Bedeutung gemischter Pflegearrangements hervorgehoben wird. Blinkert und Klie zeigen die Notwendigkeit moderner Pflegemixturen auf; das abnehmende familiale Pflegepotential soll durch berufliche Pflege und bürgerschaftliches Engagement gestützt werden.

Diese Entwicklung wird insofern eine Herauforderung darstellen, als dass gegenwärtig die ambulante Pflege - verstanden als primär familiale Pflege - insbesondere in Zeiten knapp bemessener Haushalte - favorisiert wird. Nichts desto trotz unterstreichen die Studienergebnisse, dass ein derart verstandener Grundsatz "ambulant vor stationär" kritisch zu hinterfragen ist. Ambulante Versorgung kann zukünftig nicht mehr mit primär familialer Pflege gleichgesetzt werden. Angesichts der Ausprägungen von Pflegebedürftigkeit und der hohen Belastung pflegender Angehöriger durch eine oftmals zeitintensive und langjährige Pflege sind eine dementsprechende Anpassung der ambulanten und teilstationären Infrastruktur, die Förderung der Inanspruchnahme entlastender Angebote seitens der Pflegehaushalte sowie eine bessere Vereinbarkeit von Pflege und Beruf erforderlich. An dieser Stelle sei angemerkt, dass im Rahmen der "Kasseler Studie" zwar die zunehmende Erwerbstätigkeit als eine Größe angesehen wird, die das familiale Pflegepotential beeinflusst. Dabei wäre ebenfalls von Interesse, ob bzw. inwiefern sich die anhaltende Arbeitslosigkeit auf das familiale Pflegepotential auswirkt.

Darüber hinaus zeigen die Autoren im Rahmen ihrer Empfehlungen ein breites Spektrum an möglichen Ansatzpunkten auf, wie den zukünftigen Entwicklungen im Hinblick auf die Sicherung der Pflege begegnet werden könnte; deren praktische Umsetzungsmöglichkeiten werden - mit Ausnahme des personengebunden Budgets, das mehrfach Erwähnung findet- jedoch nicht weiter vertieft.

Das persönliche Pflegebudget wird von den Autoren als Option zur Sicherung der Pflege favorisiert. Gegenwärtig sind diesbezüglich die Bemühungen bereits weiter vorangeschritten. Die Stadt Kassel beteiligt sich nunmehr an dem Modellprojekt "Persönliches Pflegebudget", das unter der Leitung von Prof. Klie im Juli 2004 begonnen hat. Welche Chancen damit verbunden sein werden, bleibt abzuwarten. Festzuhalten ist jedoch bereits an dieser Stelle, dass das persönliche Pflegebudget sich nur dann voll entfalten kann, wenn dementsprechende Rahmenbedingungen gegeben sind: so betonen Blinkert und Klie, dass diesbezüglich der Aufbau von Case Management-Strukturen, aber auch die Flexibilisierung und Deregulierung des Arbeitsmarktes (Niedriglohnjobs für pflegenahe Aufgaben) erforderlich sind.

Rein formal ist zum Aufbau des Buches anzumerken, dass bei der Darstellung der Versorgungssituation in Kapitel 4 der Eindruck entsteht, dass dieser Teil für die Veröffentlichung nicht aufbereitet wurde. Darüber hinaus erscheint es der Rezensentin ungeeignet, die Angaben zum Forschungsdesign überwiegend auf den Anhang zu beschränken, zumal auch an dieser Stelle nicht in systematischer Weise das gesamte Design erläutert wird. Der Hinweis im Untertitel auf "die Kasseler Studie" weckt bei der Leserschaft das Interesse an ausführlicheren Informationen zum Gesamtaufbau und Umfang der Studie.

Fazit

Das Buch stellt eine Grundlage für die Diskussion der zukünftigen Gestaltung von Pflegearrangements dar und kann vor dem Hintergrund der aktuellen Entwicklungen im Rahmen des Modellprojektes "Persönliches Pflegebudget" Zusammenhänge verdeutlichen.

Die zunehmende Bedeutung gemischter Pflegearrangements zeichnet sich als Trend auch in anderen europäischen Ländern ab. Eine Balance zwischen familialer und beruflicher Pflege im Sinne einer geteilten Verantwortung zu finden, besitzt auch im Rahmen integrierter Versorgungsmodelle erhebliche Bedeutung, wenngleich diese Balance (bislang) nicht immer gefunden wird. Eine weitaus größere Herausforderung wird jedoch darin bestehen, ein selbstbestimmtes Leben älterer, pflegebedürftiger Menschen, die nicht auf ein familiäres Netz zurückgreifen können, sicherzustellen.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Andrea Kuhlmann
Institut für Gerontologie an der Universität Dortmund, Abteilung Gesundheitliche und pflegerische Versorgungsforschung
Homepage www.uni-dortmund.de/FFG
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Zitiervorschlag
Andrea Kuhlmann. Rezension vom 28.12.2004 zu: Baldo Blinkert, Thomas Klie: Solidarität in Gefahr? Pflegebereitschaft und Pflegebedarfsentwicklung im demografischen und sozialen Wandel. Vincentz Verlag (Hannover) 2004. ISBN 978-3-87870-099-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2116.php, Datum des Zugriffs 19.11.2019.


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