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Arne Burchartz, Hans Hopf u.a.: Psychodynamische Therapien von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen

Cover Arne Burchartz, Hans Hopf, Christiane Lutz: Psychodynamische Therapien von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Geschichte, Theorie, Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 212 Seiten. ISBN 978-3-17-029863-7. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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Thema

Dieses Buch stellt die Geschichte, die theoretischen Grundlagen und die therapeutischen Implikationen der psychodynamischen Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen in kompakter Form dar. Neben der Beschreibung der wichtigsten psychoanalytischen Theorien – Triebtheorie, Objektbeziehungstheorie, Ich- und Selbstpsychologie – wird der Sicht der analytischen Theorie nach C. G. Jung ein verhältnismäßig breiter Raum gegeben.

Autor_innen und Entstehungshintergrund

Das Buch ist der erste Band einer Reihe, die auch von den drei Autoren herausgegeben wird, die sich „Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Perspektiven für Theorie, Praxis und Anwendungen im 21. Jahrhundert“ nennt und es sich zum Ziel gesetzt hat, die aktuellen Entwicklungen und den gegenwärtigen Stand des Prozesses der psychodynamischen Psychotherapie in den Blick zu nehmen.

  • Arne Burchartz, Dr. phil., Diplom-Pädagoge und Theologe, ist Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut mit eigener Praxis sowie Dozent und Supervisor am Psychoanalytischen Institut Stuttgart. Psychodramaleiter.
  • Hans Hopf, Dr. rer. biol. hum., ist als Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut und in der Ausbildung von Psychotherapeuten tätig, Gutachter für ambulante tiefenpsychologisch fundierte und analytische Psychotherapie bei Kindern und Jugendlichen, Dozent und Kontrollanalytiker an den Psychoanalytischen Instituten Stuttgart, Freiburg und Würzburg.
  • Christiane Lutz ist als Kinder- und Jugendpsychotherapeutin sowie als Paar- und Familientherapeutin in eigener Praxis in Stuttgart tätig. Sie ist Dozentin am C. G. Jung- Institut in Stuttgart und an der Akademie für Tiefenpsychologie in Stuttgart.

Aufbau

Das Buch ist in zwei Teile und insgesamt sieben Kapitel gegliedert.

  1. Der erste Teil widmet sich der Geschichte der psychodynamischen Therapien – damit sind die analytische Psychotherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie gemeint – und beschreibt im ersten Kapitel die historischen Anfänge und im zweiten Kapitel die zunehmende Bedeutung des Spiels im Verhältnis zur Traumdeutung.
  2. Der zweite Teil befasst sich mit den theoretischen Grundlagen und den therapeutischen Implikationen; er beginnt mit dem dritten Kapitel, das die triebtheoretischen Grundlagen erörtert. Das vierte Kapitel beschäftigt sich mit der Ich-Psychologie, das fünfte mit der Objektbeziehungstheorie und das sechste mit der Entstehung des Selbst. Das letzte und siebte Kapitel ist der analytischen Psychologie, die auf C. G. Jung zurückgeht, gewidmet. Jedes Kapitel schließt mit Betrachtungen zur klinischen Relevanz, Literaturempfehlungen und weiterführenden Fragen.

Inhalt

„Die Kinderpsychoanalyse beginnt bei Sigmund Freud“ (17) – mit diesen Worten beschreiben die Autor_innen die Anfänge der psychodynamischen Therapie für Kinder und Jugendliche. Es werden verschiedene Sequenzen, bei denen Freud mit Kindern u. a. mit seiner Tochter Anna gearbeitet hat, geschildert, woraus der Schluss gezogen wird, dass die sog. bis heute gültigen Essentials psychodynamischer Therapie mit Kinder und Jugendlichen, darunter die Bedeutung des Arbeitsbündnisses sowie von Neutralität, Abstinenz, Übertragung und Gegenübertragung von Sigmund Freud zu Grunde gelegt wurden. Als eigentliche Begründerinnen der Kinderanalyse gelten jedoch Anna Freud und Melanie Klein. Anna Freud entdeckte wesentliche Unterschiede zu der Analyse von Erwachsenen so z. B. eine anders geartete oder auch fehlende Motivation von Kindern sowie die reale Abhängigkeit von den Eltern, die auch verhindern würde, dass das Kind eine komplette Übertragungsneurose entfalten könne. Im Unterschied zu Anna Freud war Melanie Klein, „… unerschütterlich davon überzeugt, dass bereits Kleinkinder vollständige Übertragungen auf den Kinderanalytiker entwickeln und dass ihr Spiel in allen Einzelheiten als der symbolische Ausdruck unbewusster Konflikte angesehen werden kann…“ (40).

Die Triebtheorie, die im dritten Kapitel erläutert wird, bildet nach Auffassung der Autor_innen die Voraussetzung für ein grundsätzliches Verständnis der kindlichen Sexualität, der analytisch geprägten Entwicklungspsychologie und der Phänomene des Widerstandes und der Übertragung. Die Triebtheorie bildet darüber hinaus die Basis für das Konfliktmodell, das sich aus dem Strukturmodell ableitet und welches eine wesentliche Grundlage für das therapeutische Handeln mit Kindern und Jugendlichen darstellt.

Das vierte Kapitel, das sich mit der Ich-Psychologie beschäftigt, erörtert die Bedeutung der auf Anna Freud zurückgehenden Abwehrmechanismen, die nicht nur der Abwehr von Angst dienen sondern auch wichtige Funktionen des gesunden Ichs erfüllen. „Die Arbeit an der Reifung und Stärkung des Ich ist ein wesentlicher Parameter in der therapeutischen Arbeit mit Kindern, insbesondere mit Jugendlichen, deren Ich in einer prekären Umbruchsituation ist“ (90).

Im fünften Kapitel steht die Bedeutung der Objekte im Vordergrund. Die Autor_innen gehen neben Ferenczi, Balint und Klein, die sich insbesondere mit dem Phänomen der Spaltung und der Projektion auseinandergesetzt hat, auch auf Kernberg, Bion und Winicott ein; bei letzterem werden u. a. seine Konzeptionen der genügend guten Mutter sowie des wahren bzw. falschen Selbst dargestellt.

Das sechste Kapitel beschreibt die Bedeutung des Selbst als Selbstrepräsentanz und Selbsterleben sowie als Organisator der basalen Motivationen des Menschen. „Eine gelungene therapeutische Beziehung ermöglicht und fördert Selbst-Objekt-Übertragungen. Der Therapeut wird als Selbstobjekt erkannt und verwendet und entsprechende Bedürfnisse werden auf ihn gerichtet“ (127).

Im siebten und längsten Kapitel werden sehr ausführlich verschiedene Aspekte der analytischen Psychologie nach C.G. Jung geschildert. Darunter fällt u. a. die Darstellung des persönlichen Unbewussten, das vor allem die eigenen dunklen Seiten enthält, des kollektiven Unbewussten, das sich in Märchen, Mythen und Träumen ausdrückt sowie der Umgang mit Symbolen und Archetypen, die auch eine wesentliche Rolle für die therapeutische Relevanz bestimmter Techniken (Malen, Zeichnen, Spielen mit Wasser, Sand oder auch figürlichem Material) spielen. Das Buch schließt mit der Skizzierung Jungs Archetyps des göttlichen Kindes, das die Aufforderung enthält, sich selbst in seiner ursprünglichen Ganz- und Wesenheit zu suchen und zu erkennen.

Diskussion

Das Buch zeichnet als Auftakt der Reihe „Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen“ vor allem unter historischen Aspekten einen sehr gut verständlichen Überblick über relevante Entwicklungslinien der psychodynamischen Therapie. Die vier zentralen psychodynamischen Theorien – Triebtheorie, Objektbeziehungstheorie, Ich- und Selbstpsychologie – werden sehr gut erklärt und deren klinische Relevanz mit Fallbeispielen unterfüttert. Nicht ganz verständlich ist die enorme Gewichtung der analytischen Psychologie nach C.G. Jung – im Gegensatz dazu wird beispielsweise Alfred Adler als Begründer der Individualpsychologie überhaupt kein Platz eingeräumt. Ebenso wird die Bindungstheorie, die doch in den letzten Jahren auch für die psychodynamische Therapie mit Kindern und Jugendlichen an enormer Bedeutung gewonnen hat, vergleichsweise stiefmütterlich behandelt. Auch fehlt eine zumindest kurze Skizzierung des Forschungsstandes zur Wirksamkeit psychodyamischer Therapien mit Kindern und Jugendlichen, die doch ein nicht ganz unwichtiger Bestandteil des gegenwärtigen Standes dieser Behandlungsformen ist.

Fazit

Dieses Buch ist als Einführung in die Geschichte der psychodynamischen Therapien für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene sehr zu empfehlen, auch die vier wesentlichen psychoanalytischen Theorieansätze werden ausgesprochen gut und verständlich erläutert. Der gegenwärtige (Forschungs)Stand psychodynamischer Therapien und die Beeinflussung durch andere Theorieansätze wie Bindungsforschung und Neuropsychologie geraten dagegen deutlich zu kurz. Dennoch ein sehr lesenswertes Grundlagenbuch!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 22.11.2016 zu: Arne Burchartz, Hans Hopf, Christiane Lutz: Psychodynamische Therapien von Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen. Geschichte, Theorie, Praxis. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-029863-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21164.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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