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Annegret Wittenberger, Hans Hopf u.a. (Hrsg.): Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Kindern

Cover Annegret Wittenberger, Hans Hopf, Arne Burchartz, Christiane Lutz (Hrsg.): Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Kindern. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 190 Seiten. ISBN 978-3-17-030206-8. D: 34,00 EUR, A: 35,00 EUR.
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Thema

Dieses Buch beschreibt den aktuellen Stand der auf Sigmund Freud zurückgehenden Kinderanalyse und deren Weiterentwicklung. Es thematisiert verschiedene Aspekte darunter Entwicklungstheorie, Neurosenlehre und Verlauf der Kinderanalyse und illustriert diese mit Fallbeispielen. Abschließend werden modifizierte Verfahren wie die tiefenpsychologisch fundierte Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie und die Arbeit mit Bezugspersonen skizziert.

Autorin und Entstehungshintergrund

Annegret Wittenberger ist Psychoanalytikerin für Kinder und Jugendliche und Dozentin und Kontrollanalytikerin am Institut für Psychoanalyse und Psychotherapie Kassel. Das Buch ist Teil einer Reihe, die von Anne Buchartz, Hans Hopf und Christiane Lutz herausgegeben wird und sich „Psychodynamische Psychotherapie mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen – Perspektiven für Theorie, Praxis und Anwendungen im 21. Jahrhundert“ nennt und es sich zum Ziel gesetzt hat, die aktuellen Entwicklungen der psychodynamischen Psychotherapie in den Blick zu nehmen.

Aufbau

Das Buch ist in insgesamt 15 Kapitel gegliedert, an die sich ein Glossar und ein Stichwortverzeichnis anschließen.

Nach einer Einführung in die Thematik beschäftigen sich das zweite bis fünfte Kapitel mit theoretischen Grundlagen, worunter u. a. die Anamnese, Ausführungen zum Ödipuskomplex, Entwicklung und Neurosenlehre, Psychodynamik und Indikation fallen.

Das sechste bis 13te Kapitel befassen sich mit dem analytischen Prozess unter verschiedenen Gesichtspunkten, zu denen u. a. der Rahmen, die Haltung und die Beziehung zählen. In den letzten beiden Kapiteln geht die Autorin auf die Kurzzeittherapie und die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie sowie auf die Arbeit mit relevanten Bezugspersonen ein.

Jedes Kapitel schließt mit einer kurzen Zusammenfassung, Literaturempfehlungen für eine vertiefende Lektüre und einigen weiterführenden Fragen, die zur Lernkontrolle oder auch zu Diskussionsanstößen dienen können.

Inhalt

Das Buch beginnt mit der Skizzierung der Fallvignette vom „Kleinen Hans“ und dessen Pferdephobie, die quasi als erste Kinderanalyse gilt, obwohl Sigmund Freud den fünfjährigen Jungen nur einmal persönlich gesehen hat und die Behandlung des Jungen nur mittelbar über den Vater des Jungen erfolgte. Laut der Autorin ist es Ziel dieses Buches, „darzustellen, wie wir heute, mehr als 100 Jahre nach dieser ersten Kinderanalyse, Freuds revolutionäre Entdeckung des Unbewussten und dessen Wirksamkeit im Seelenleben nutzen, um Kindern mit seelischen Nöten zu helfen“ (10). Ausgangspunkt dafür ist eine sorgfältige Diagnostik und Indikationsstellung, wobei dem „Hören mit dem dritten Ohr“ (13) des Analytikers eine besondere Bedeutung zukommt.

Die Autorin beschreibt eindrücklich, wie die Analytikerin von Beginn an ihre eigenen Gefühle bei der Begegnung mit Eltern und Kind – also das was in der Analyse als Gegenübertragung bezeichnet wird – nutzt, um eine klinisch relevante Einschätzung der Symptomatik und Problematik zu erhalten. Bei der psychologischen Untersuchung des Kindes, das oftmals einen anderen oder auch geringeren Leidensdruck als die Eltern hat, wird die Verwendung projektiver Verfahren und auch der Spielbeobachung beschrieben.

Die Autorin widmet anschließend dem Ödipus-Komplex ein eigenes Kapitel, um dessen Bedeutung für eine gelingende oder misslingende Triangulierung von Jungen und Mädchen zu erläutern. In den Kapiteln „Entwicklung und Neurosenlehre“ und „Psychoanalytische Schlussbildung“ werden die bedeutsamen psychoanalytischen Theorien – Triebtheorie, Objektbeziehungstheorie, Ich- und Selbstpsychologie sowie Gedanken zur Psycho- und Familiendynamik und Diagnose, Indikation und Prognose dargestellt. Dabei geht es um die Erläuterung, wie Kinderanalytiker zu einem Verständnis der Symptombildung gelangen sowie u.a. darum, wie bei Kindern innere Objektrepräsentanzen entstehen und diese gute und böse Anteile von sich selbst und anderen integrieren können. Hinsichtlich der Psychodynamik dominiert das Verständnis der inneren Welt des Kindes und dessen unbewusster Vorgänge; bei der Familiendynamik das Verhältnis der realen Familienverhältnisse zu den mehr oder weniger unbewussten Rollenzuschreibungen und Delegationen. Bei der Indikation weist die Autorin auf den notwendigen Umgang mit einer oftmals auftretenden Skepsis der Kinder und auf den Stellenwert der Motivation seitens der Eltern hin.

In den folgenden Kapiteln werden die Besonderheiten des Beginns, der Beendigung, der Haltung, des Rahmens, der Beziehung, des Spiels, des Prozesses sowie die besondere Bedeutung von Symbolisierungsvorgängen erläutert. Dabei werden zahlreiche Aspekte, wie z. B. die Verantwortlichkeit des Analytikers, den Rahmen und das Setting der Therapie zu schützen, die unbedingte Notwendigkeit seiner abstinenten und neutralen Haltung, die an eine gleichschwebende Aufmerksamkeit gekoppelt ist, die Bedeutung des Spiels als Übergangsphänomen und als Ausdruck innerer und gestaltender Kräfte sowie die Mechanismen von projektiver Identifikation und Gegenübertragung beschrieben.

Bei den modifizierten Verfahren werden die Kurzzeitherapie, die ausreiche um einen Aktualkonflikt zu bearbeiten sowie die tiefenpsychologische fundierte Psychotherapie beschrieben, die in niedrigerer Konsequenz für bewusstseinsnähere Konflikte indiziert sei. Das Buch schließt mit dem Kapitel über die Arbeit mit relevanten Bezugspersonen, wobei es zwischen leiblichen und Pflege- bzw. Adoptiveltern differenziert und auf die Besonderheiten bei der Arbeit mit getrennt lebenden Eltern eingeht.

Diskussion

Das Buch gibt einen ausgesprochen gut verständlich und kompakt verfassten Überblick über die wichtigsten Aspekte der psychoanalytischen Therapie mit Kindern und Jugendlichen. Der Autorin gelingt das Kunststück, die generell eher schwierig zu verstehende psychoanalytische Theoriebildung einfach aber nicht vereinfacht zu erklären. Auch werden zahlreiche und für die Praxis relevante Fragen aufgegriffen, so z. B. welche Rolle Deutungen in der Kinderanalyse spielen oder wie mit dem Phänomen des Therapieabbruchs umzugehen sei. Kritisch ist anzumerken, dass aus dem Buchtitel nicht zu ersehen ist, dass es fast ausschließlich um die Psychoanalyse und nicht um die tiefenpsychologische Therapie mit Kindern und Jugendlichen geht und weiterhin, dass Psychotherapieforschung bzw. das Verhältnis der Kinderanalyse zur Psychotherapieforschung gar nicht erwähnt wird. Insofern erscheint die Kinderanalyse als ein mehr oder weniger ahistorisches und nicht in aktuelle Kontexte eingebundenes Verfahren, was hoffentlich (!) nicht der Realität entspricht.

Fazit

Dieses Buch ist insbesondere für Studierende und Praktiker_innen auf Grund seiner klaren und prägnanten Sprache als Einführung in die Psychoanalyse mit Kindern und Jugendlichen sehr zu empfehlen. Im Hochschulkontext ist die Einschränkung zu machen, dass auf die Forschungslage zu der Wirksamkeit dieses Verfahrens auch nicht am Rande eingegangen wird. Insgesamt aber ein sehr lesenswertes übersichtliches Fachbuch!


Rezensentin
Prof. Dr. phil. habil. Barbara Bräutigam
Professorin für Psychologie, Beratung, Psychotherapie an der Hochschule Neubrandenburg
Homepage www.hs-nb.de/fachbereich-soziale-arbeit-bildung-und ...
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Zitiervorschlag
Barbara Bräutigam. Rezension vom 15.12.2016 zu: Annegret Wittenberger, Hans Hopf, Arne Burchartz, Christiane Lutz (Hrsg.): Psychoanalytische und tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie bei Kindern. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-030206-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21165.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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