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Stefan Borrmann: Theoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit

Cover Stefan Borrmann: Theoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Ein Lehrbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 94 Seiten. ISBN 978-3-7799-3080-8. D: 14,95 EUR, A: 15,40 EUR, CH: 20,90 sFr.
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Thema

Das als Lehrbuch konzipierte Werk will Studierenden der Sozialen Arbeit in den ersten Semestern Orientierung und Antworten auf die Frage nach dem, was Soziale Arbeit eigentlich ist, geben. Es will einen Zugang zu den theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit vermitteln und den Studierenden zu einem Grundverständnis von Sozialer Arbeit verhelfen. Der Autor will damit zudem den von ihm konstatierten Professionalisierungsdiskurs weiter voranbringen bzw. in Handeln umsetzen.

Autor

Stefan Borrmann, Professor für internationale Sozialarbeitsforschung an der Hochschule für angewandte Wissenschaften Landshut, befasst sich schwerpunktmäßig mit Theorien Sozialer Arbeit, mit Sozialer Arbeit als Wissenschaft sowie mit internationalen Aspekten Sozialer Arbeit.

Entstehungshintergrund

Aus der Beobachtung, dass „Studierende der Sozialen Arbeit in den ersten Semestern eine Orientierung suchen und sich fragen, was Soziale Arbeit eigentlich ist“ (S. 7) ließ sich Borrmann zum Schreiben des vorliegenden Buches motivieren. Hinzu trat offensichtlich die Erkenntnis, dass den meisten Studierenden der rechte Zugang zu den theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit fehlt.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in acht mit unterschiedlich vielen Unterkapiteln versehene Hauptteile auf und schließt mit einem die wesentlichsten Werke erfassenden Literaturverzeichnis ab. Dabei lässt die Gliederung eine durchaus sinnvolle Abfolge thematischer Bereiche erkennen, indem – nach einem zur Thematik hinführenden Einleitungs-Kapitel – zunächst die Frage gestellt wird, warum man sich mit Theorien befassen müsse, sodann Antworten gesucht werden, weshalb es so viele unterschiedliche Theorien in der Sozialen Arbeit gibt, wie sich diese systematisieren lassen, welche zentrale Rolle die Soziale Arbeit in den Theorien einnimmt, worin die Vergleichbarkeit der Theorien zu finden ist und schließlich wird die Frage gestellt, welche Konsequenzen der Theoriediskurs sowohl für die Lehre wie auch für die Praxis Sozialer Arbeit hat. Diese stets in Frageform vorgenommene Abfolge mündet in abschließende Bemerkungen und Überlegungen und offeriert dem Leser ein nachvollziehbares und Interesse weckendes Angebot.

Inhalt

Der Autor geht zunächst davon aus, dass die ursprüngliche Motivation und Erwartungshaltung der Studierenden gleich zu Beginn des Studiums aufgrund einer sehr praxisbezogenen Sichtweise enttäuscht werden könnte – was sicher auch durch die Praxis des Rezensenten Bestätigung findet.

Borrmann glaubt jedoch an eine Einsicht in die Notwendigkeit der Beschäftigung mit Theorien, indem er postuliert, dass es ohne Theorien kein Verständnis von sozialen Situationen im Allgemeinen, aber auch von der Praxis der Sozialen Arbeit und kein methodisches Handeln in der Praxis geben könne (vgl. S. 17). Aus diesen Postulierungen heraus gibt der Autor auf vier Ebenen sowohl personenbezogene, wissenschaftstheoretische, wie auch handlungs- und professionsbezogene Antworten. Er kommt dabei zu dem Schluss, dass sich die Handlungswissenschaft Soziale Arbeit seit jeher aufgrund eines unterschiedlichen Grundverständnisses bezüglich der theoretischen Grundlagen Sozialer Arbeit in einem Theorie-Praxis-Dilemma befindet.

Nachfolgend beschäftigt sich Borrmann mit den unterschiedlichen Theorieangeboten, die sich seiner Ansicht nach zum Teil deutlich voneinander unterscheiden. Er unternimmt es zu klären, warum dies so ist, indem er auf die unterschiedlichen Bezugspunkte, die zu dieser Vielfalt führen, verweist und will sodann Hilfestellung zur Sortierung und Strukturierung der Theorieangebote geben. Dies geschieht in einem weiteren Kapitel erneut durch Aufzeigen von vier verschiedenen Ebenen. Zunächst verweist Borrmann jedoch darauf, dass es ihm äußerst wichtig erscheint, eine klare und nicht nur semantische Unterscheidung zwischen den Theorien der Sozialen Arbeit und den theoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit vorzunehmen. Er meint damit, „dass es um die abstrakteren Ebenen der Theorien der Sozialen Arbeit geht“ (S. 41) und will die Ebenen der erkenntnistheoretischen und der wissenschaftstheoretischen Grundlagen der Sozialen Arbeit sowie von Objekttheorien im Allgemeinen differenziert darstellen.

Borrmann geht von der Überzeugung aus, dass Theorien der Sozialen Arbeit nur dann zu verstehen seien, wenn man sich mit deren theoretischen Grundlagen beschäftigt habe; dies geschehe durch Reflexion als Voraussetzung dafür, Wissen bewusst verwenden zu können, somit offensichtlich erst dann wissenschaftliches Wissen erkennen und anerkennen zu können. Schließlich kommt er zu dem Schluss, dass Theorien der Sozialen Arbeit weder Erkenntnis- noch Wissenschaftstheorien sind, sondern Objekttheorien die auf einen Gegenstand bezogen sind.

Im fünften Kapitel nimmt sich der Autor der Frage an, warum der Gegenstand Sozialer Arbeit das zentrale Kriterium für ihre Theorien ist? Versteht man Soziale Arbeit als Objektwissenschaft, dann werde ein Gegenstand benötigt, auf den sie bezogen ist, da ohne eine Gegenstandsorientierung das zentrale Kriterium für die Definition einer Theorie nicht gegeben sei (vgl. S. 56). Der Autor konzediert, dass der Gegenstand der Sozialen Arbeit nicht eindeutig zu definieren ist und unternimmt es in diesem Kapitel die verschiedenen Diskussionsstränge einerseits und eine Systematik der unterschiedlichen Angebote andrerseits aufzuzeigen. Daraus ergibt sich zunächst die Bestimmung des Gegenstandes Sozialer Arbeit als Material- oder Formalobjekt in Gestalt der sozialen Probleme, welche es zu verhindern, bzw. zu bewältigen gelte, woraus wiederum die der Sozialen Arbeit zueigen werdende Perspektive entstehe. Borrmann konzediert zugleich, dass sich aus dem Gegenstandsbezug Sozialer Arbeit das eigentliche Dilemma ergibt, „stringente und kohärente Theorien der Sozialen Arbeit zu entwickeln“ (S. 58). Als Folge daraus versucht er drei Beispiele von Gegenstandsbestimmungen Sozialer Arbeit aufzuzeigen, um sodann einen eigenen Vorschlag zum Gegenstand der Sozialen Arbeit zu entwickeln. Er geht zunächst auf die von Hans Thiersch vorgenommene Trennung der Sozialen Arbeit in die Bereiche ‚Sozialarbeit‘ und ‚Sozialpädagogik‘ ein, ehe er sich der Gegenstandsbestimmung durch Silvia Staub-Bernasconi annimmt, welche die sozialen Probleme als den exklusiven Gegenstand der Sozialen Arbeit postuliert hat. Schließlich befasst sich Borrmann noch mit der Unterscheidung der Praxis der Sozialen Arbeit und der Wissenschaft Soziale Arbeit, wie sie Wolfgang Krieger in jüngerer Zeit vorgenommen hat, um sich dann genau damit näher auseinanderzusetzen und zu dem Schluss zu kommen, dass sich Soziale Arbeit mit dem Verhindern und Bewältigen sozial problematisch angesehener Lebenssituationen befasst, während Soziale Arbeit als Wissenschaft die für die Praxis relevanten Theorien kritisch reflektiert.

I n den nachfolgenden Kapiteln hinterfragt der Autor zum einen eine Vergleichbarkeit von Theorien der Sozialen Arbeit und zum anderen stellt sich für ihn die Frage nach den Konsequenzen der Theoriediskussion sowohl für die Lehre wie auch für die Praxis Sozialer Arbeit. Gerade hier erkennt der Autor, dass die Auseinandersetzung mit der Lehre von der Wissenschaft Soziale Arbeit vor allem für die ersten Semester eine besondere Herausforderung darstellt – hauptsächlich wegen mangelnder Vorkenntnisse, aber auch wegen der der schwierigen Verortung aufgrund der Vielzahl unterschiedlicher Theorien. Borrmann erkennt zugleich, dass eine positive Veränderung dieser Gegebenheiten auf absehbare Zeit nicht zu erwarten sei. Dennoch bzw. gerade deswegen schlägt er vor, zum einen eine konsensuale Kurzformel für die Lehre der Sozialen Arbeit und zum anderen einen offenen Umgang mit den Möglichkeiten und auch den Grenzen der verwendeten Theorien zu suchen (vgl. S. 79). Seine Überlegungen gipfeln in der Forderung, dass „eine Orientierung der Lehre in den Bezugswissenschaften Sozialer Arbeit am Gegenstandsbereich der Sozialen Arbeit. eine Selbstverständlichkeit sein“ müsse (S. 80), zugleich konzedierend, dass das durch die Bezugswissenschaften generierte Wissen für die Beschreibung und die Erklärung sozialer Probleme unabdingbar ist. Gemessen an der studentischen Forderung nach einem verstärkten Praxisbezug der Lehre Sozialer Arbeit kommt Borrmann zu dem Schluss, dass es ohne Theorien kein Verständnis von sozialen Situationen, kein Verständnis der Sozialen Arbeit und auch kein methodisches Handeln in der Praxis geben kann (vgl. S. 84).

Diskussion

Borrmann greift in seinem Buch eine seit wohl mehr als zwanzig Jahren währende Diskussion über den Stellenwert und die Relevanz von Sozialer Arbeit als Wissenschaft auf. Er rekurriert in vielfacher Weise auf dem unablässigen Bemühen seines in anderen Publikationen als Mitherausgeber genannten Kollegen Ernst Engelke Theorien der Sozialen Arbeit fortzuentwickeln und die Soziale Arbeit als Wissenschaft sowohl im Bewusstsein der Lehrenden wie auch der Studierenden zu etablieren, zugleich eine Eigenständigkeit der Bezugswissenschaften dadurch zu relativieren, dass gewissermaßen eine Unterordnung unter den hauptsächlichen Gegenstandsbereich Sozialer Arbeit zwangsläufig vorhanden und durchgesetzt werden müsse. Damit wird zwar den Bezugswissenschaften eine spezifische Bedeutung nicht unbedingt abgesprochen, jedoch eine Unterordnung zum Zwecke der Herausstellung von Eigenständigkeit und Bewusstheit sowohl des Wissenschaftsanspruchs wie auch einer theoriebezogenen Begründbarkeit und Selbstdarstellung Sozialer Arbeit das Wort geredet.

Fazit

Der Autor setzt sich in seinem Buch offen mit der Frage einer Wissenschafts- und Theoriebezogenheit von Sozialer Arbeit auseinander; er geht auf die Problematik von sowohl einer Vermittelbarkeit von Theorien Sozialer Arbeit in ihrer Vielheit ebenso ein wie auf jener einer stärkeren Verwissenschaftlichung nicht zuletzt in Konkurrenz oder bestenfalls im Gleichklang mit den etablierten und für das Verständnis von Sozialer Arbeit notwendigen Bezugswissenschaften.

Somit erweist sich das Werk von Borrmann in seiner Überschaubarkeit als durchaus wichtige Empfehlung für all jene, die am Beginn ihres Studiums der Sozialen Arbeit stehen, aber auch für jene, die sich um die ständige Weiterentwicklung von Sozialer Arbeit sowohl vom theoretischen wie auch wissenschaftlichen Anspruch her im Sinne einer selbstbewussten Eigenständigkeit im Kreise der Sozialwissenschaften bemühen.


Rezensent
Prof. Dr. Dr. habil. Peter Eisenmann
Professor für Andragogik, Politikwissenschaft und Philosophie/Ethik an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Würzburg-Schweinfurt, Fakultät Angewandte Sozialwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Eisenmann. Rezension vom 18.11.2016 zu: Stefan Borrmann: Theoretische Grundlagen der Sozialen Arbeit. Ein Lehrbuch. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3080-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21167.php, Datum des Zugriffs 18.10.2019.


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