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Albert Lenz, Silke Wiegand-Grefe: Ratgeber Kinder psychisch kranker Eltern

Rezensiert von Prof. Dr. em. Andrea Zielke-Nadkarni, 05.09.2016

Cover Albert Lenz, Silke Wiegand-Grefe: Ratgeber Kinder psychisch kranker Eltern ISBN 978-3-8017-2590-7

Albert Lenz, Silke Wiegand-Grefe: Ratgeber Kinder psychisch kranker Eltern. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. 60 Seiten. ISBN 978-3-8017-2590-7. D: 8,95 EUR, A: 9,30 EUR, CH: 11,90 sFr.
Ratgeber Kinder- und Jugendpsychotherapie, Band 23.

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Thema

Das kleine Werk mit 60 Textseiten „Ratgeber Kinder psychisch kranker Eltern“ (2016) von Albert Lenz und Silke Wiegand-Grefe wendet sich an Eltern, Lehrer und Erzieher sowie an die betroffenen Kinder und Jugendlichen selbst.

Ziel des Ratgebers ist eine Aufklärung über Belastungen und Risiken für Kinder und Jugendliche psychisch kranker Eltern sowie über Möglichkeiten, sie zu unterstützen.

Autor und Autorin

Die Autoren sind beide Psychologen und Professoren mit Forschungserfahrung zum Thema. Prof. Dr. phil. Albert Lenz lehrt an der Katholischen Hochschule Nordrhein-Westfalen, Paderborn, und ist Leiter des Instituts für Gesundheitsforschung und soziale Psychiatrie. Prof. Dr. phil. habil. Silke Wiegand-Grefe ist Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie an der MSH Medical School Hamburg.

Aufbau und Inhalt

Da viele Kapitel, einem Ratgeber entsprechend, eher kurz gehalten sind, schließt sich eine Diskussion, wo sinnvoll, jeweils an die Darstellung von Aufbau und Inhalt an.

Das erste Kapitel stellt knapp vier Fallbeispiele von Eltern-Kind-Beziehungen (insbesondere Mutter-Kind-Beziehungen) mit Kindern im Alter von 6 – 12 Jahren vor. In 3 Fällen sind die Mütter alleinerziehend und leiden unter Depressionen, in einem Fall davon gepaart mit Magersucht. Eine weitere Mutter leidet unter Panikattacken nach Trennung von dem gewalttätigen Vater des Kindes.

Kapitel 2 referiert die genetischen, familiären, individuellen und sozialen Belastungsfaktoren der Kinder sowie die Symptome, die sie aufgrund von Vererbung, Bindungsstörungen und Überlastung im Sinne eines Krankheitsrisikos aufweisen können. Dazu wird das Krankheitsrisiko anhand von Untersuchungen ausgewogen beschrieben.

In Kapitel 3 wird einfühlsam und aus verschiedenen Blickwinkeln die Situation der Kinder dargelegt.

Kapitel 4 widmet sich dem Problem Geheimhaltung der Erkrankung aus elterlicher Sicht sowie auch der Gefährdung der Kinder während eines psychotischen Schubs durch die Eltern, wenngleich leider ausschließlich aus der Perspektive der Eltern.

In Kapitel 5 geht es um Möglichkeiten, die Kinder zu unterstützen. Beschrieben werden Resilienz, persönliche Schutzfaktoren des Kindes sowie familiäre und soziale Schutzfaktoren im Allgemeinen. Die ausführliche Darstellung dieser Faktoren ermöglicht Eltern den konkreten Vergleich mit der eigenen Familiensituation und die Ableitung eigener günstigerer Verhaltensweisen für die Stärkung ihrer Kinder in der Zukunft. Mit dem Unterkapitel zu spezifischen Schutzfaktoren für Kinder psychisch kranker Eltern werden die Vorteile eines offenen kindgerechten Umgangs mit der Erkrankung thematisiert.

Kapitel 6 konkretisiert über 20 Seiten die Handlungsmöglichkeiten der Eltern und geht detailliert auf entwicklungspsychologische Bedürfnisse von Kindern und deren Erfüllung im Alltag ein. Themen sind (Körper-)Kontakt, Anerkennung, Sicherheit, Problembewältigung. Dazu gehören auch Vorschläge, wie Kindern das Krankheitserleben des betroffenen Elternteils sprachlich nahegebracht werden kann sowie das Erstellen von Netzwerkplänen und einem Krisenplan. Sehr hilfreich ist Tabelle 1 (S. 52) zu Fragen von Kindern psychisch kranker Eltern sowie der anschließend dargestellte altersgerechte Umgang mit den Sorgen, Ängsten und Schuldgefühlen von Kindern und Jugendlichen und ihre möglichen Reaktionen auf Informationen zur Krankheit der Eltern.

Kapitel 7 nennt nochmal zusammenfassend die wichtigsten Gesprächs Themen zwischen Eltern und Kindern mit Bezug auf die Krankheit und bietet dazu sprachliche Hilfen an.

Kapitel 8 wendet sich spezifisch an Erzieher und Lehrer, gibt Erkennungshilfen für die Belastungssymptome von Kindern und Jugendlichen und weist auf angemessene Möglichkeiten, mit den Eltern darüber zu reden, hin. Dabei geht es um sprachliche Hilfen wie auch um non-verbale Signale an die Eltern, um mögliche eigene Vorurteile bei den Erziehern und Lehrern sowie weitergehende Hilfsangebote.

Kapitel 9 und 10 erläutern abschließend sonstige Hilfsangebote für die Eltern.

Im Anhang finden sich, neben Literatur, Klinikadressen und nützliche Weblinks.

Diskussion

Grundsätzlich werden in verständlicher, nachvollziehbarer und einfühlsamer Form Belastungen und Entlastungsmöglichkeiten der betroffenen Kinder/Jugendlichen und Eltern beschrieben. Einige Ergänzungen hätten den Ratgeber jedoch noch bereichern können:

In Kapitel 2 wäre hier der Hinweis wünschenswert gewesen, dass Auffälligkeiten wie z.B. Konzentrationsstörungen bei den betroffenen Kindern und Jugendlichen auch Resultat der in Kapitel 3 beschriebenen Aufgaben im Haushalt und bei der Betreuung des betroffenen Elternteils sein können (Metzing & Schnepp, 2008).

Im Kontext des Erlebens der Kinder (Kapitel 3) hätte darauf hingewiesen werden können, dass die Geheimhaltung der Erkrankung auch aus der Angst heraus geschieht, dass die Kinder vom Jugendamt aus der Familie genommen werden, wenn die Erkrankung bekannt wird. Es wird – etwas zu ausschließlich – von „Verrat am erkrankten Elternteil“ (S. 26) gesprochen, sollte die Krankheit gegenüber Außenstehenden erwähnt werden. Häufig wird der innere Zusammenhalt der Familie gerade durch das Schweigen nach außen gestärkt (Metzing & Schnepp, 2008).

Die Gefährdung der Kinder während eines psychotischen Schubs des erkrankten Elternteils kommt in Kapitel 4 leider ausschließlich aus der Perspektive der Eltern zur Sprache. Da gerade in dieser Hinsicht seitens der Kinder große Ängste sowie ein hohes Gefährdungspotential bestehen, wäre eine Ergänzung des Kapitels 3 hier für Eltern als Zielgruppe erhellend gewesen (Metzing & Schnepp, 2008).

Die Intention der Fallbeispiele aus dem 1. Kapitel ist sicher ihr Wiedererkennungswert für die Zielgruppe. In einer weiteren Auflage könnten sie vielleicht insbesondere in den Kapiteln 6 und 8 noch einmal aufgegriffen werden, um daran die Vorschläge für Eltern, Erzieher und Lehrer plastischer werden zu lassen.

Während in einigen (Unter-)Kapiteln teilweise Aussagen durch Hinweise auf Studien belegt werden, fehlen diese in anderen Kapiteln völlig. Dies ist sicher der Zielgruppe geschuldet, verweist aber zugleich auf ein inkonsequentes Vorgehen. Sinnvollerweise wird am Ende des Buches die Literatur unterteilt in Ratgeber, Informationsbroschüren, Bücher für Kinder, zitierte und weiterführende Fachbücher. Hier hätte weitere wissenschaftliche Fachliteratur ebenfalls ihren Platz finden können.

Fazit

Der Ratgeber ist eine sinnvolle, hilfreiche sowie gehaltvolle und übersichtliche Ergänzung vorhandener Literatur für die Jugendlichen, Eltern, Erzieher und Lehrer.

Literatur

Metzing, S.; Schnepp, W. (2008): Kinder und Jugendliche als pflegende Angehörige. In: Schaeffer, D.; Behrens, J.; Görres, S. (Hrsg.): Optimierung und Evidenzbasierung pflegerischen Handelns. Ergebnisse und Herausforderungen der Pflegeforschung. Wiesbaden: Verlag Juventa

Rezension von
Prof. Dr. em. Andrea Zielke-Nadkarni
Professorin Pflegewissenschaft, Pflegepädagogik FH Münster
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Es gibt 1 Rezension von Andrea Zielke-Nadkarni.

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ISSN 2190-9245