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Birgit Mandel (Hrsg.): Teilhabeorientierte Kulturvermittlung

Cover Birgit Mandel (Hrsg.): Teilhabeorientierte Kulturvermittlung. Diskurse und Konzepte für eine Neuausrichtung des öffentlich geförderten Kulturlebens. transcript (Bielefeld) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-8376-3561-4. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.

Schriften zum Kultur- und Museumsmanagement.
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Thema

Wenn das Interesse an den klassischen, öffentlich geförderten Kultureinrichtungen, also an Theatern, Konzert- und Opernhäusern, Museen nachlässt, diese auch (immer noch) nicht „Kultur für alle“ anbieten, dann tun diese Institutionen gut daran, sich um neues, jüngeres, bislang nicht erreichtes Publikum zu bemühen. In den angelsächsischen Ländern steht dafür der Begriff des Audience Development.

Herausgeberin, Autoren und Autorinnen

Dr. Birgit Mandel ist Professorin für Kulturvermittlung und Kulturmanagement an der Universität Hildesheim und u.a.auch Vizepräsidentin der Kulturpolitischen Gesellschaft.

Die Beiträge stammen von Persönlichkeiten aus dem Inland, Australien, USA, der Türkei und England, die wissenschaftlich und künstlerisch, vor allem in leitenden Positionen im Kulturbetrieb tätig sind.

Aufbau

Der Band versammelt 22 Beiträge, davon drei auf Englisch und zwei in Interviewform.

Es sind vier Themenschwerpunkte, auf die sich diese Beiträge aufteilen, nämlich

  1. Audience Development,
  2. Empirisches über die „Nicht-Besucher“,
  3. neue Konzepte und Formate sowie
  4. Community Building.

Inhalt

Das sind die Ausgangspunkte, die Birgit Mandel, Thomas Renz und Sabine Keuchel unmissverständlich darstellen:

  • Die klassischen Kulturangebote werden von 10% der Bevölkerung regelmäßig, von ca. 40% gelegentlich wahrgenommen.
  • Die Nutzer sind überdurchschnittlich stark in bildungsbürgerlichen, besserverdienenden Milieus zu finden.
  • Im Publikum sind vergleichsweise wenig junge Leute, d.h. diese aktuelle Kohorte ist weniger kulturaffin, was sich mit zunehmendem Alter auch nicht mehr verändert.

Damit ist der Anspruch „Kultur für alle“ aus den 1970er Jahren noch nicht eingelöst, die öffentliche Förderung kommt den bessergestellten Schichten zu Gute. So mancher Kultureinrichtung kann über kurz oder lang das Publikum ausgehen, die Finanzierung aus Steuermitteln ist nicht mehr gerechtfertigt.

Die Lösung des Problems sehen die Fachleute zunächst einfach nur darin, die „Vermittlung“ zu verbessern, d.h. die „kulturfernen“ Bevölkerungsgruppen zu motivieren, zu mobilisieren. Allerdings kann als erwiesen gelten, dass der gemeinsame Theaterbesuch mit der Schulklasse weniger bringt als das elterliche Vorbild. Wirksam, wenngleich nicht immer nachhaltig ist die persönliche Ansprache, wie sie etwa Ehrenamtliche schaffen, die für die „Kulturloge“ bzw. „KulturLeben Berlin“ Resttickets kostenlos an die Personen mit geringem Einkommen bringen. Selbst wenn die Komische Oper in Berlin mit den „großen Kinderopern“ jedes Jahr etwa 40.000 Kinder aus allen Schichten erreicht, erwartet auch Barrie Kosky nicht, dass sich daraus notwendigerweise Opernpublikum auf Lebenszeit machen lässt.

Alexander Henschel zeigt an einem Beispiel aus Bozen, dass Vermittlung nicht einseitiges Oktroi („die Kulturfernen müssen sich eben mal bewegen“) sein kann, sondern Kontroverse, Spannung und prozesshaft ist. Aus der „Vermittlung“ kann auch der öffentlich geförderte Kulturbetrieb nicht unverändert herauskommen.

Einige Beiträge stellen denn auch Konzepte und Praxis vor, die auf Teilhabe setzen, also die Nutzer einbeziehen, auf Mitwirkung und gemeinsames Schaffen angelegt sind. Die Kooperation der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen mit der Gesamtschule, mit der sie den Campus teilt, ist ein solches Beispiel: Schülerinnen und Schüler bringen ihre Texte, die Orchesterleute die Musik in die „Melodien des Lebens“ ein. Alle zusammen entwickeln jedes Jahr eine Stadtteiloper. Die Komische Oper Berlin hat immerhin auch ein türkischsprachiges Stück (deutsche Kinder singen türkische Texte) im Repertoire, grundsätzlich gibt es nur Aufführungen mit Untertitel (u.a. In Deutsch, Englisch, Türkisch). Allerdings kommt, so Vera Allmanritter, auch das beste „Ethnomarketing“ nur dort an, wo es auf das bekannte intellektuell-kosmopolitische Milieu trifft, das auch bei der Bevölkerung ohne Migrationshintergrund kulturaffin ist.

Es gibt nun viele Vorhaben, sich zum Publikum hin zu bewegen, das sog. Outreach. Dies beginnt mit einem Schaufenster und Clubraum für Jugendliche im Deutschen Theater Berlin und führt über die Präsenz im Stadtteil und Kooperation mit einer benachbarten Gemeinschaftsschule, einem Basketballverein und einem Übergangswohnheim von Geflüchteten schließlich bis zur Beteiligung von Schülern und Jugendlichen; das Junge DT hat gemischte Theatergruppen gebildet, in denen viele Geschichten und Fertigkeiten „gewechselt“, auch Fluchterfahrungen ausgetauscht werden.

Unter dem Stichwort Outreach sind auch Klangspiele auf öffentlichen Plätzen, zeitgenössische Kunst im Einkaufszentrum zu nennen (logischer weise kommerziell und damit privat finanziert). Damit ist auch klar: Es gibt Menschen, die sich nicht für „klassische Kulturangebote“ interessieren, aber für andere. Damit sind alle möglichen Formen der populären Kultur gemeint, ob nun Graffiti, Breakdance oder Popmusik. Damit kann indes der überwiegend aus Steuermitteln finanzierte Kulturbetrieb sein Legitimationsproblem, die Selektivität, auch nicht lösen, ganz im Gegenteil.

Kulturvermittlung ist jedoch, ob nun als Initiative, partiell oder gar nicht subventioniert, gut begründet, wenn damit die (individuelle) kulturelle Bildung von Kindern gefördert, „jedem Kind ein Instrument“ geliehen wird oder mit der außerschulischen Veranstaltung „Spielkultur München“ Selbstbewusstsein und Handlungsfähigkeit vermittelt werden.

Aus den USA berichten Flood/Redaelli über eine Entwicklung, die aus dem Audience Development herausgeführt hat: Die künstlerischen Initiativen und kreativen Ressourcen, die in jedem Stadtteil zu finden sind, werden dazu genutzt, das Gemeinwesen zu revitalisieren. Kultur schafft Wohlbefinden, Zusammengehörigkeitsgefühl. Föhl/Wolfram sehen in der kulturellen Arbeit in der Community sogar die Chance, deren „zum Teil drohenden Bedeutungsverlust“ entgegenzusteuern.

Diskussion

Der Buchtitel deutet es schon an: Da gibt es offensichtlich zwei Probleme. Das erste ist die Frage, wie legitim und zukunftsfähig es ist, herkömmliche und sozial selektive Kultureinrichtungen zu subventionieren. Das zweite besteht darin, dass allzu oft die verschiedenen künstlerische Produkte von den einen gemacht, von den andern konsumiert werden. Aber was haben die beiden Probleme miteinander zu tun?

Kultur für alle – ja, aber auch Kultur von allen! Kultur soll doch dazu beitragen, dass sich Menschen allen Alters und aus allen Schichten und Lebenslagen ausdrücken, betätigen, kreativ sein können. Dafür stehen eben nicht nur Opernhäuser und Orchester, sondern u.a. auch Kirchenchöre, Rockbands, Spielmannszüge, Breakdancer, Musikschulen usf. Im Konzertsaal sitzen ist nicht cool. Kulturpolitik sollte vom Kulturbürger und der Kulturbürgerin ausgehen,deren Interessen und Lebenswelten. Das sog. Outreach belässt es indes bei der institutionellen Perspektive: Wenn deren „Kultur“ nicht mehr vermittelt werden kann, liegt es vielleicht an der Institution, dem Format, vielleicht am Inhalt? Marketing heißt doch, das Produkt so auszurichten, dass es dem (potentiellen) Publikum zusagt. Warum bleibt „Produktpolitik“ ein „Tabu“ (Mandel)?

Der vorliegende Band ist darauf angelegt, viele Sparten und Formate von Kultur anzusprechen, insbesondere Oper, Theater, Konzert, Museum (allerdings nicht Film). Um deren Vermittlungsleistung zu diskutieren, bräuchte man mehr als Nutzer und Nichtnutzerdaten, nämlich Vergleiche zwischen einzelnen „Häusern“, auch in Abhängigkeit zum soziokulturellen Umfeld der Region. Allein zum Thema Museum oder Theater täte sich hier eine gigantische Stoffmenge auf.

Fazit

Der Sammelband bereitet viele Überlegungen auf, wie kulturelle Demokratie zu machen und zu fördern ist. Das Erfolgsrezept ist noch nicht gefunden, gibt es wohl auch nicht.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 12.10.2016 zu: Birgit Mandel (Hrsg.): Teilhabeorientierte Kulturvermittlung. Diskurse und Konzepte für eine Neuausrichtung des öffentlich geförderten Kulturlebens. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3561-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21173.php, Datum des Zugriffs 18.11.2019.


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