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Maren Ziese, Caroline Gritschke (Hrsg.): Geflüchtete und Kulturelle Bildung

Cover Maren Ziese, Caroline Gritschke (Hrsg.): Geflüchtete und Kulturelle Bildung. Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld. transcript (Bielefeld) 2016. 270 Seiten. ISBN 978-3-8376-3453-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

In Deutschland sind Menschen angekommen, die vor Krieg, Zerstörung, Verfolgung, Not und Elend geflüchtet sind. So wichtig die existentielle und materielle Sicherheit jetzt für sie ist, so gehören doch Bildung und Ausbildung maßgeblich dazu, aber auch die Beteiligung am sozialen und kulturellen Leben vor Ort. Institutionen und Verantwortliche der kulturellen Bildung sehen ihre aktuelle Aufgabe darin, Geflüchteten Gelegenheiten zu eröffnen, sich auszudrücken und Selbstbewusstsein zu gewinnen, generell Austausch und Verständnis zwischen den Menschen mit und ohne Fluchterfahrung zu fördern.

Herausgeberinnen, Autoren und Autorinnen

Die Kunsthistorikerin Maren Ziese ist im Freundeskreis Willy-Brandt-Haus Berlin für Bildung und Vermittlung zuständig, Caroline Gritschke in ähnlicher Funktion im Haus der Geschichte in Stuttgart.

Die Beiträge stammen von Personen, die – teils mit Migrationshintergrund, einige auch mit früherer Fluchterfahrung – mit Kulturarbeit wissenschaftlich und/oder pädagogisch und vermittelnd zu tun haben.

Aufbau

Der umfängliche Band enthält 34 Beiträge von 40 Autorinnen/Autoren, ferner neun Projektbeschreibungen und 15 Seiten mit Materialien. Jeder Beitrag wird durch eine Zusammenfassung eingeleitet, die auch ins Englische übersetzt ist (ebenso wie das Einleitungskapitel). Einige Beiträge sind in Form eines Interviews gehalten.

Im Wesentlichen hat der Band zwei Teile, nämlich die theoretische Auseinandersetzung mit der Frage, wie sich kulturelle Bildung mit Geflüchteten gestalten lässt, ohne sie zu kolonialisieren, also fremdzubestimmen, zu bevormunden, zu instrumentalisieren etc. Der zweite Teil ist eine Beschreibung der Praxis, oft auch selbstkritische Analyse derselben.

Wegen des Umfangs des Bandes können die einzelnen Beiträge nicht im Detail wiedergegeben werden.

Inhalt

Geflüchtete sind zweifelsohne, wie auch die Genfer Konvention formuliert, Opfer: Opfer der Verhältnisse, denen sie, oft unter schrecklichen Bedingungen, entkommen sind. Sie sind aber keineswegs nur Opfer, sondern Personen mit vielen Kompetenzen und Eigenschaften, voller Energie und Mut. Flucht beschreibt also nicht die ganze Identität (Ziese). Kulturarbeit kann ihr Selbstbewusstsein stärken, aber auch dabei helfen, ihre Bedürfnisse und Interessen auszudrücken.

Man erwarte nicht, dass sich Geflüchtete der Aufnahmegesellschaft dankbar zeigen: Letztlich treffen sich, so einige Beiträge, auch Gritschke, hier Menschen, deren Vorfahren einst beherrscht und ausgebeutet wurden, mit Personen, deren Vorfahren dies geschehen ließen oder akzeptierten. Das kollektive Gedächtnis ist existent und wirksam. Polania sieht in den Fluchtbewegungen nach Europa die Aufforderung und den Anspruch, historische Gerechtigkeit zu schaffen.

Die Erfahrungen im Libanon, wo syrische und palästinensische Flüchtlinge ein Viertel der Bevölkerung ausmachen, zeigen nach Auffassung von Leila Mousa, dass Kulturarbeit in Flüchtlingsgemeinschaften Raum für Teilhabe und Expressivität fördern.

Es ist auch zu thematisieren, dass sich die Lebenslagen von Kulturarbeiter/innen, die fest bei einer Institution angestellt sind, anerkannten Flüchtlingen und Migranten mit Aufenthaltstitel einerseits, Asylbewerbern und von Abschiebung bedrohten Menschen andererseits grundlegend unterscheiden (Felipe Polania).

Kulturelle Bildung ist Empowerment, stärkt die „Handlungsmächtigkeit“ (Maria Castro Varela/Alisha Heinemann). Carmen Mörsch warnt davor, Geflüchtete zur „Zielgruppe“ zu machen d.h. sie als „Andere“ zu adressieren, ihnen Defizite zuzuschreiben, aber auch ihre Lebenslage zu kulturalisieren.

Es genügt eigentlich, so Mohammed Jouni, Sprecher der Selbstorganisation geflüchteter Jugendlicher, JOG, dass junge Leute aus den Turnhallen raus zu Wohnungen, Förderunterricht, Ausbildung, zur Freiwilliger Feuerwehr kommen, eben wie ihre Altersgenossen auch; wichtig sind in jedem Fall Begegnungsräume, in denen sie mal unter sich sind. Der Kulturbetrieb interessiert eigentlich nicht, der ist „alt und weiß“.

Eben da knüpfen Linnemann/Ronacher an, wenn sie von der kulturellen Bildung erwarten, dass sie sich mit Rassismus befasst, speziell die Privilegien der „Weißen“ bewusst macht und reflektiert.

Aus der Fülle von Praxis seien folgende Unternehmungen angedeutet:

  • Der „Bleibeführer“ Zürich, aber auch die „reisegruppe heim-weh“ Leipzig: Geflüchtete gewinnen Orientierung (durch Kartenarbeit), damit auch Kontrolle über die Stadt, in der sie leben, bzw. sie zeigen alteingesessenen Bürgern ihre Orte in der Stadt.

  • Kampnagel Hamburg: Flüchtlinge aus der Lampedusa-Gruppe bauen Wohnraum und provozieren Diskurs über angemessene, offene Unterbringung.

  • Grandhotel Cosmopolis Augsburg: Das Hotel ist für Menschen mit und ohne Asyl offen, Heimat für Reisende aller Art.

  • Multaka (Treffpunkt) Museum Berlin: Geflüchtete aus Syrien und dem Irak werden als Guides in Berliner Museen ausgebildet, die orientalische oder islamische Kultur präsentieren.

  • Kino Asyl München: Personen mit Fluchterfahrung organisieren ein Festival mit Filmen aus ihren Herkunftsländern.

Diskussion

Es ist richtig, der gutgemeinten, paternalistischen Spontaneität ethische und methodische Überlegungen entgegenzustellen. Dass Engagierte gerne über die Interessen und Bedürfnisse „ihrer“ Zielgruppen verfügen, kommt nicht nur in der kulturellen Bildung vor.

Es ist wichtig, Menschen, die Fluchterfahrungen zu verarbeiten haben, nicht darauf zu reduzieren; manchen tut es aber auch gut, wenn sich Bürgerinnen und Bürger für sie und ihre Lebensgeschichte interessieren.

Es ist richtig, sich bei Begegnungen mit Flüchtlingen auch den rassistischen Kontext bewusst zu machen, dem sie ausgesetzt waren und sind.

Es ist auch richtig, auf „koloniale Verflechtungen“ (Sandrine Micossé-Alkins/Bahareh Sharifi) hinzuweisen, etwa wenn deutsche Archäologen mit Zustimmung der osmanischen oder britischen Kolonialmacht Kulturgüter (u.a. das „Ischtar Tor“ oder das „Aleppo-Zimmer“) aus dem heutigen Irak oder Syrien nach Deutschland gebracht haben. Razan Nassreddine berichtet allerdings auch davon, dass Besucher, eben auch Geflüchtete aus diesen Ländern, solche Objekte in Berliner Museen mit Stolz betrachten, glücklich, dass sie konserviert und nicht zerstört sind. Ob diese „Verflechtung“ wirklich dazu beiträgt, wie die Autorin hofft, dass die Geflüchteten leichter und besser in der Mehrheitsgesellschaft ankommen, ist fraglich. Es würde ja auch voraussetzen, dass sich Individuen mit historischen Kollektiven identifizieren (sollen).

Dass der Krieg in Syrien so viele Menschen zur Flucht getrieben und nach Deutschland geführt hat, hat indes weniger mit (deutsch-syrischer?) Kolonialgeschichte als mit politischen, strategischen und religiösen Interessen in und an der Region, auch mit Waffenhandel zutun.

Entscheidend ist, was der Band schön herausarbeitet, dass Menschen mit Fluchterfahrungen in Deutschland (wieder) starke Subjekte, selbstbewusste Autorinnen und Autoren ihres Lebens werden.

Fazit

Ziese und Gritschke haben einen materialreichen, anregenden Band vorgelegt, der zeigt, wie in der kulturellen Bildung Wohlwollen mit Gleichberechtigung, Konzepte mit Respekt, Handeln mit Fairness einhergehen können.


Rezensent
Prof. Dr. Wolfgang Berg
Hochschule Merseburg
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Zitiervorschlag
Wolfgang Berg. Rezension vom 11.10.2016 zu: Maren Ziese, Caroline Gritschke (Hrsg.): Geflüchtete und Kulturelle Bildung. Formate und Konzepte für ein neues Praxisfeld. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3453-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21174.php, Datum des Zugriffs 10.12.2019.


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