socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Birgit Spinath, Roland Brünken: Pädagogische Psychologie - Diagnostik, Evaluation und Beratung

Cover Birgit Spinath, Roland Brünken: Pädagogische Psychologie - Diagnostik, Evaluation und Beratung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. 330 Seiten. ISBN 978-3-8017-2222-7. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 39,90 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Während sich die Werke von Wild und Möller (2009; vgl. die Rezension), Seidel und Krapp (2014) sowie Steinebach, Süss, Kienbaum und Kiegelmann (2016; vgl. die Rezension) durchaus einem breiteren, gar interdisziplinären AdressatInnenkreis annehmen – also Studierende oder Professionals aller mit der Pädagogischen Psychologie betrauten Fachgebiete –, liefert die vorliegende Darstellung einen Überblick für das (Bachelor-)Studium der Psychologie. Von Interesse ist der skizzierte Umstand besonders vor dem Hintergrund, dass zunächst geringfügigere Komplexitätsreduktionen zu erwarten sind, Inhalte indes keinem breiten Publikum zugänglich gemacht werden. Was einen Nachteil augenscheinlich zu machen versucht, kann umso deutlicher den Vorteil eines Bandes darstellen – doch auch im Fall eines Einführungswerkes?

Autorin und Autor

Birgit Spinath ist seit dem Wintersemester 2004/05 Professorin für Pädagogische Psychologie an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Nebst diversen Herausgeberinnentätigkeiten für internationale Fachzeitschriften des Gegenstandsbereiches zeichnet sie sich gemeinsam mit Silke Hertel für die Austragung der 5. GEBF-Tagung an ihrer heimischen Universität im kommenden Jahr verantwortlich.

Roland Brünken ist seit April des Jahres 2006 Professor für Erziehungswissenschaft und zudem seit 2012 Dekan der Philosophischen Fakultät III an der Universität des Saarlandes. Seine Expertise umfasst u. a. das Lernen mit Neuen Medien.

Entstehungshintergrund

„Pädagogische Psychologie – Diagnostik, Evaluation und Beratung“ entstammt einer ganzen Bandbreite an Publikationen des Hogrefe-Verlages, die verschiedene Themengebiete und Anwendungsfelder Studierenden des Faches Psychologie darzubieten vermag; der 24. Band der Reihe „Bachelorstudium Psychologie“ widmet sich nun dezidiert dem Pädagogischen in der Psychologie. In Vorbereitung, als Nachtrag zum vorliegenden Werk, befindet sich der Titel „Pädagogische Psychologie – Lernen und Lehren“ (Brünken & Spinath, in Vorb.).

Aufbau und Inhalt

Obschon Pädagogik und Psychologie – sei es in der wissenschaftlichen Betrachtung oder andernorts – engmaschig miteinander verzahnt scheinen, versucht der erste von zwei Bänden eine deutlich psychologischere Betrachtung auf das Gebiet zu werfen – eine reine Einführung für Bachelorstudierende der Psychologie?

Allgemein verfolgt die Publikation eine klassische Lehrbuchgliederung, wobei sie deutlicher noch als andere Bände die Empirie systematisch darstellt. Zwölf Kapitel werden dafür aufgewendet, Theoreme rund um Diagnostik, Beratung und Evaluation zu präsentieren. Strukturell wird hierbei eine Einführung in den jeweiligen Themenbereich geliefert, ehe zumeist – unterfüttert mit einer Vielzahl empirischer Resultate und diesbezüglichen Fachdiskursen – die inhaltliche Auseinandersetzung erfolgt und vor dem Hintergrund des Bandes auch mit Informationen über Testbatterien (z. B. für Lese-Rechtschreibschwäche, ADHS), Fördermöglichkeiten oder tiefergehende Anmerkungen exemplifiziert werden. Abschließend werden Zusammenfassungen sowie Rekapitulationsfragen geboten; Lösungen können dabei zusätzlich online bezogen werden. Ergänzt wird das Werk von einem umfassenden Glossar.

  1. Einleitung
  2. Grundlagen und Methoden pädagogisch-psychologischer Diagnostik
  3. Hochbegabung
  4. Lese-Rechtschreibschwäche
  5. Aufmerksamkeitsdefizit/-Hyperaktivitätsstörung (ADHS)
  6. Schuleintritt, spezifische Förderbedarfe und Grundschulübergang
  7. Leistungsbeurteilung in der Schule
  8. Standardisierte Leistungsbeurteilung
  9. Schulleistungsuntersuchungen
  10. Qualitätsverbesserung im Bildungswesen
  11. Evaluation von Hochschullehre
  12. Wo arbeiten Pädagogische Psychologinnen und Psychologen?

Während Kapitel 1 – entsprechend der dem Untertitel zu entnehmenden Dreiteilung – zunächst jene Begriffe ausführt und Psychologie im Allgemeinen konzeptualisiert, kommt das 2. Kapitel deutlicher methodischen, auch forschungsmethodischen, Grundlagen näher. Dies liefert zugleich einen wichtigen Grundstein, um folgende Kapitel verstehen zu können oder im Strudel der Fachtermini – und dies trotz Glossar – nicht zu verzweifeln.

Das 3. Kapitel widmet sich als erstes der thematischen Auseinandersetzung: Hochbegabung wird sozialperspektivisch problematisiert, auch hinsichtlich etwaiger Auswirkungen (vgl. S. 78ff.), um im Anschluss den Fragen nach verschiedenen AchieverInnen-Kategorien nachzugehen (vgl. S. 80ff.). Skizziert werden zuvor drei Modelle von Hochbegabung, die unterschiedliche Methoden einer empirischen Validierung offenbarwerden lassen und zudem Fragen nach deren Gültigkeit stellen (S. 68ff.). Im Weiteren werden Problem- und Förderbereiche diskutiert, die überdies das diskutierte Phänomen hochbegabteR UnderachieverInnen darlegen (S. 81ff.).

Kapitel 4 beginnt notwendigerweise damit, die häufig synonyme Verwendung der Begriffe Lese-Rechtschreibschwäche (LRS), Legasthenie und Dyslexie aufzudröseln; nicht grundlos wird dabei auf die negative Konnotation des Begriffes Legasthenie verwiesen, „[…] da dieser seinem Ursprung nach mit der Annahme neuronaler Defizite als Ursache der Lese- und Schreibprobleme verbunden war“ (S. 89). Mögliche Etikettierungen erscheinen dabei denkbar und sollen bestenfalls vermieden werden. Die Betrachtung der Intelligenz wird vor dem Hintergrund einer Differenzierung in LRS und Legasthenie herausgestellt und, mit der Empirie verzahnt, als wenig sinnvoll abgeschlagen, obgleich unterschiedliche Fördermöglichkeiten betrachtet werden müssen (vgl. S. 90f.). Von Interesse sind auf Basis der phonologischen und morphologischen Bewusstheit kulturelle Spezifika, was das Beispiel Chinesisch karikiert (vgl. S. 95f.). Beschlossen wird dieses Kapitel erneut mit der Diagnostik und folglich auch erprobten Batterien sowie etwaigen Förder-/Trainingsmöglichkeiten. Als besonders fortschrittlich stellt sich die Gesetzeslage in Baden-Württemberg heraus, die einen Nachteilsausgleich für SchülerInnen mit LRS vorsieht (vgl. S. 99f.).

Ebenfalls wie die vorherigen Abschnitte erörtert das 5. Kapitel zunächst die begriffliche Ebene der ADHS (vgl. S. 111ff.), den Verlauf (S. 113ff.) sowie die Prävalenzraten (vgl. S. 115ff.), um die begleitende Variation rund um 5 % auch mit Inanspruchnahmen und hierauf basierenden Tests im Kontext der Beratung zu koppeln.

Die Feststellung spezifischer Förderbedarfe und die Bedeutung des Grundschulübergangs bei geringer Aufwärtsmobilität im Rahmen des dreigliedrigen Schulsystems pointiert das 6. Kapitel. Die Empfehlungspraxis – und gerade der Hintergrund, vor welchem ebenjene Förderbedarfe mit dem Übergang zusammenhängen – lässt einen Rückstand standardisierter Testverfahren verlauten, da der Rückbezug nur auf den Urteilen von Lehrkräften sowie der Notengebung beruht (vgl. S. 146). Bildungschancen werden somit früh determiniert und zeigen, dass die Pädagogische Psychologie „im Dienst der Bildung“ (S. 149) durch diagnostische Verfahren wichtige Entscheidungshilfen liefern kann.

Gleichzeitig wird damit der Hinweis auf den 7. Abschnitt geliefert, der Leistungsbeurteilung in der Schule und ebenso kritisch die Notengebung mithilfe der Gütekriterien Objektivität, Reliabilität und Validität diskutiert. Dass Noten durchaus mehr widerspiegeln können und sollen als den Ist-Zustand im Rahmen eines durch die Lehrkraft kreierten Tests (vgl. S. 153 f.), wird nicht zuletzt durch die motivationale Funktion ebendieser deutlich – eine Abweichung von standardisierten Kriterien zugunsten des Nachzeichnens von Entwicklungen (vgl. S. 160).

Kapitel 8 und 9 waten weiter entlang eines Pfades zu standardisierten Verfahren. So werden in Ersterem zunächst – auch auf Grund eines „Booms“ (S. 174) in Bildungswissenschaften und Pädagogischer Psychologie – diese auf den alltäglichen Schulkontext, also bspw. die Lesekompetenz eines Klassensatzes, projiziert. Letzteres stellt international vergleichende Schulleistungsuntersuchungen, die medial vor allem bekanntgewordenen Akronyme großer Assessments, vor, welche nach diversen Schockstarren womöglich eine Expansion derselben hervorriefen.

Der Qualität des Schulwesens wird im Rahmen des 10. Kapitels Rechnung getragen: Nicht zuletzt ist weiterhin eine Lücke hinsichtlich der flächendeckenden Umsetzung von Bildungsstandards existent (vgl. S. 226).

Entlang dieser zum Abschluss deutlich entfalteten Qualitätsmaxime – als ein zentraler Arbeitsbereich der Pädagogischen Psychologie – wird LeserInnen im 11. Abschnitt Hochschulevaluation durch eine hilfreiche Mixtur aus Studierendenbefragungen, Fachexpertisen durch KollegInnen, AbsolventInnenbefragung und Eigeneinschätzungen vorgestellt und im Stile der Mixed Methods deren Kopplung vorgeschlagen (vgl. S. 258f.).

Zum Abschluss wird der eindrückliche Blick in das gewagt, was nach dem Studium folgt – und anders als in vielen Lehrbüchern die Frage danach eröffnet, wofür die Inhalte dienlich sind, was konkret die Zukunft darstellen kann. Generell positiv wird die Zukunft nach einem Abschluss in der Psychologie betrachtet, wenn 82 % und somit die überwiegende Mehrheit in genuin psychologischen Tätigkeitsfeldern arbeitet (vgl. S. 262). Das 12. und letzte Kapitel liefert damit vier mögliche Berufsperspektiven, die nebst deutlicher, mit psychologischen Themen verschwimmenden Bereichen u. a. jene der Personalentwicklung in Wirtschaftsunternehmen umfasst. Dabei wurde nach kurzer Vorstellung je Perspektive ein Interview geführt, das einen intensiven Blick durch ExpertInnen in den Alltag eröffnet. Werden die im Feld der Psychologie behafteten Möglichkeiten durch eine breite Angebotsvielfalt und dringend auch deren Nutzung betont, so empfiehlt das Statement des interviewten Mitarbeiters der Lufthansa eine deutliche Fokussierung auf ein Themengebiet, bereits im Studienverlauf. Final gelingt ihm die Verknüpfung und folglich der häufig hinkende Theorie-Praxistransfer gut pointiert. „Wenn ich meine Arbeit in einem Satz zusammenfassen sollte, würde ich antworten: ‚Inhalte aus der Psychologie begreifbar und anwendbar machen, den Menschen damit ihre Arbeit zu erleichtern und so für noch mehr Sicherheit […] zu sorgen‘“ (S. 280).

Diskussion

Folglich eine reine Einführung für Bachelorstudierende der Psychologie? Ja und nein! Es handelt sich sicher mit diesem ersten von zwei Bänden um eine Veröffentlichung, welche die Breite des Publikums eher abzuschrecken vermag als einlädt, sich dem komplexen Gegenstandsbereich anzunähern. Dennoch gelingt eine durchweg kohärente Darstellung der aus Sicht von Spinath und Brünken essentiell mit Diagnostik, Evaluation und Beratung verknüpften Themen. Ein roter Faden zieht sich insofern auch durch das Werk, als jene Termini, die später für das Verständnis einzelner Ausführungen zum einen grundlegend und zum anderen hilfreich sind, eingangs vorgestellt werden und überdies ein Glossar LeserInnen bei etwaigen Missverständnissen rasch mit Informationen dient. Wird keine Scheu vor Korrelationskoeffizienten und wirkliches Interesse an Test- und Fördermöglichkeiten gezeigt, so kann dieses Werk gerade auf Basis fehlender Komplexitätsreduktionen zum Nachschlagen dienen. Gezeigt wird eine auf theoretischer Ebene kaum erfolgte Vereinfachung, deren Informationsgehalt in dieser Form – und später in Kombination mit dem zweiten Band – eine umfassende Skizze der thematischen Schnittmengen mit der Pädagogischen Psychologie aufzeichnen kann. Insofern, gerade hinsichtlich des Rückgriffes auf die in Kapitel 12 erfolgten Hinweise ob der Nutzung von Studieninhalten sowie des Theorie-Praxistransfers für den Berufsalltag, muss auf Werke wie dieses verwiesen werden – die eingangs gestellte Frage kann folglich mit dem aus der Pädagogik bekannten „Ja, aber … “ in diesem Fall nicht einschlägig beschlossen werden.

Fazit

Mit der Lektüre gelingt ein gleichsam gewichtiger, aktueller und dennoch dringend zu empfehlender Einstieg in die Themengebiete Diagnostik, Evaluation und Beratung der Pädagogischen Psychologie; es kann davon ausgegangen werden, dass der erste Band vor allem als Nachschlagewerk verwendet wird und nicht zuletzt durch die inhaltliche Ausgestaltung ein wesentliches Kompendium für das Studium der Psychologie bietet.

Literatur

  • Brünken, R. & Spinath, B. (in Vorb.). Pädagogische Psychologie – Lernen und Lehren. Göttingen: Hogrefe.
  • Seidel, T. & Krapp, A. (Hrsg.). (2014). Pädagogische Psychologie (6., vollst. überarb. Aufl.). Weinheim: Beltz.
  • Steinebach, C., Süss, D., Kienbaum, J. & Kiegelmann, M. (2016). Basiswissen Pädagogische Psychologie. Die psychologischen Grundlagen von Lehren und Lernen. Weinheim: Beltz.
  • Wild, E. & Möller, J. (Hrsg.). (2009). Pädagogische Psychologie. Berlin: Springer.

Rezensent
Mathias Dehne
Student an der Friedrich-Schiller-Universität Jena, Studentische Hilfskraft und Tutor am Institut für Erziehungswissenschaft
E-Mail Mailformular


Alle 5 Rezensionen von Mathias Dehne anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Mathias Dehne. Rezension vom 05.10.2016 zu: Birgit Spinath, Roland Brünken: Pädagogische Psychologie - Diagnostik, Evaluation und Beratung. Hogrefe Verlag GmbH & Co. KG (Göttingen) 2016. ISBN 978-3-8017-2222-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21175.php, Datum des Zugriffs 17.08.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung