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Hubert Kolling: „Ein Behälter des Elends“ (Strafanstalt Plassenburg)

Cover Hubert Kolling: „Ein Behälter des Elends“. Die Plassenburg als Strafanstalt (1817 - 1928). Verlag Heinz Späthling (Weißenstadt) 2016. 371 Seiten. ISBN 978-3-942668-25-5. D: 18,90 EUR, A: 19,50 EUR.
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Thema

Die Plassenburg, heute ein Museum und kulturelles Zentrum im bayerischen Kulmbach, war in ihrer über 880-jährigen Geschichte nicht nur Residenz und Festung fränkischer Grafen. Sie diente auch über 100 Jahre als Zucht- und Arbeitshaus und während des ersten Weltkrieges als Kriegsgefangenenlager – ein dunkler und wenig prunkvoller Teil der Geschichte dieses Ortes, welchen Kolling in dem vorliegenden Band mithilfe zahlreicher, zum großen Teil unveröffentlichter Quellen erhellt. Es ist „ein vergessenes, vielleicht auch bewusst unterschlagenes oder ausgeblendetes Kapitel in der Geschichte der Plassenburg“, welchem sich der Autor mit viel Akribie und großem Materialreichtum zuwendet, wobei das Augenmerk vor allem „den inhaftierten Menschen und ihrem Leben innerhalb der Anstalt“ gilt. (S. 9)

Dabei wird nicht bloß Einblick in die Plassenburg als Strafanstalt, in ihre Strukturen und architektonischen Veränderungen wie in Ablauf und Organisation des Vollzugs gewährt, sondern auch über den Wandel des Justizsystems aufgeklärt und getreu dem vorangestellten Motto: „Im Strafvollzug spiegeln sich die Auffassungen vom Menschen und die gesellschaftspolitische Realität wieder“ (Eisenhardt) auf die sozialhistorischen Umstände verwiesen.

Aufbau und Inhalt

Das Buch umfasst 25 Kapitel und einen umfangreichen Anhang. Mit 161 Abbildungen, Fotografien und Originaldokumenten hält der Band Zustände und Veränderungen der Burg fest und dokumentiert die Bedingungen der Haft, wobei sowohl auf die Lebensumstände und -hintergründe der Inhaftierten als auch auf die Arbeits- und Wohnsituation des Personals eingegangen wird.

Eingangs wird die Nutzung der Plassenburg als Strafanstalt im Kontext gesellschaftlicher, normativer und rechtlicher Veränderungen des 19. Jahrhunderts erläutert. „Mit der Abschaffung der Leibesstrafen und der immer mehr zunehmenden Anwendung der Freiheitsstrafen wuchs in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts die Zahl der Gefangenen in ungeahnter Größe.“ (S. 16) Es standen in diesem Zeitraum nicht genügend Gefängnisbauten zur Verfügung, sodass „ehemalige Burgen, Schlösser und Klöster“ geeignet schienen, den Ansprüchen an eine Gefangenenanstalt zu genügen. In diesem Kontext wurde auch die Plassenburg erst zum Zwangsarbeitshaus, dann ab 1862 zum Zuchthaus.

Der Gedanke der „Besserung“ der Sträflinge trat in den Vordergrund und es sollte vor allem durch Arbeit eine Resozialisierung erreicht werden. Strafanstalten sollten fortan so eingerichtet sein, „dass man hoffen darf, der Mensch werde nach überstandener Strafe gebessert der bürgerlichen Gesellschaft zurückgegeben.“ (S. 12) Dass Methoden und Lebensumstände auf der Plassenburg einer solchen Besserung nicht zuträglichen waren, wird deutlich, wenn es im elften Kapitel um „Aufnahme, Entlassung und Verhaltensvorschriften – oder: Ordnung, Disziplin und ‚grobe Excesse‘“ geht. Die Gefangenen waren „von der Außenwelt mehr oder weniger stark abgekapselt und zu einem ‚abgeschlossenen‘ und formal reglementierten Leben bestimmt.“ (S. 121) Ordnung und Disziplin, was neben dem streng getakteten Tagesablauf auch die Abgabe persönlicher Gegenstände und das Sprechverbot nebst harten Strafen bei kleinsten Übertretungen umfasste, sollten „die moralische Besserung und Umwandlung der Insassen in arbeitsame, gottesfürchtige und nützliche Menschen“ (ebd.) bezwecken, wobei häufige Rückfälle am Erfolg dieser Strategie der ‚Resozialisierung‘ durch Disziplin und Arbeit zweifeln ließen. „Der Sinn und Zweck des Zwangsarbeitshauses wurde scheinbar nicht immer erfüllt, indem ein Großteil der Gefangenen – Männer wie Frauen – wiederholt rückfällig wurde“. (S. 70)

Aufschlussreich, auch was soziale Gründe der auffälligen Rückfallquoten betrifft, ist, was in Kapitel acht über die Gefangenen der Plassenburg zusammengetragen wird. Die am häufigsten vertretenen Delikte der Inhaftierten („Bettelei und Landstreicherei, Müßiggang und Ausschweifung, liederliches Leben und öffentliches Ärgernis sowie Diebstahl und Betrug“) lassen den Schluss zu, dass in der Plassenburg vor allem soziale Randgruppen inhaftiert waren und damit das Zwangsarbeitshaus ein „Instrument staatlicher Disziplinierung gegenüber sozial benachteiligten Randgruppen“ war. (S. 71) Im Zuchthaus Plassenburg (ab 1862) sah die Verteilung dann wiederum anders aus. Nach dem neuen Strafgesetzbuch (1861) wurden Menschen wegen ganz unterschiedlicher Delikte zu einer Zuchthausstrafe verurteilt. Über Herkunft und beruflichen oder privaten Hintergrund der Inhaftierten liegen wenige Dokumente vor. Kolling ist es aber gelungen exemplarische Fälle zu rekonstruieren (S. 83-87).

Sanitäre Anlagen, Wasser- und Lebensmittelversorgung auf der Plassenburg werden ebenso thematisiert wie Krankheits- und Sterbefälle sowie Suizide. Auffällig sind hohe Raten kranker Personen, wobei eine Stellungnahme des zuständigen Landgerichtsarztes aus dem Jahr 1818/19 zitiert wird, der auf die „Klasse Menschen“ verweist, „welche in diese Anstalt kommen. Meistens sind es Leute von schlechter physischer Gestalt und körperlicher Beschaffenheit, viele sind aus [anderen] Arbeitshäusern hierher gekommen, viele waren sonst wo im Arreste, viele waren Landstreicher, Bettler, also insgesamt in ihrer Lebensart moralisch und physisch tiefer gesunken, von Kräften erschöpft, deshalb zu Krankheiten schon viel disponierter.“ (S. 192) Detailliert werden Daten über Erkrankungen und Todesfälle auf der Plassenburg ausgewertet und die verschiedenen Maßnahmen dargestellt, mit denen auf Krankheitsausbrüche reagiert wurde. Anhand dessen wird deutlich, dass allein schon aufgrund der Bedingungen des Freiheitsentzuges und der Unterbringung in baulich nicht angemessenen Räumen ein erhöhtes gesundheitliches Risiko gegeben war, wobei nicht vergessen werden darf, dass Menschen, die zu der Zeit ‚in Freiheit lebten‘, vor allem solche „in den unteren sozialen Schichten“ ebenfalls unter harten Lebens- und Arbeitsbedingungen litten und „daher bereits in ihrem mittleren Lebensalter ähnliche Symptome körperlicher Schwäche auf[wiesen] wie Zuchthausinsassen.“ (S. 224) Dennoch zeigt sich, dass gerade die Zuchthausinsassen – und aus den angeführten staatlichen Maßnahmen ist zu schließen: nicht nur der Plassenburg – einem erhöhten Risiko ausgesetzt waren zu erkranken bzw. eine erschwerte Rekonvaleszenz hatten. „Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass trotz Reformen die Freiheitsstrafe auch im 19. Jahrhundert noch eine schwere körperliche Belastung darstellte, die sehr leicht zu massiven Gesundheitsschäden führen konnte.“ (ebd.)

Über verschiedene Maßnahmen zur Züchtigung und Disziplinierung der Insassen (Arrest, Dunkelarrest, Fesseln, Entzug von Mahlzeiten, ‚Hiebe‘ etc.) im Hinblick auf die unterschiedlichsten Vergehen in der Anstalt wird eingegangen, ebenso wie auf Probleme, Sicherheitsvorschriften mit Überwachungsfunktionen in Einklang zu bringen. Die massive Belastung und die Gefahren, welchen auch die Wärter der Plassenburg ausgesetzt waren, werden ebenso geschildert.

1928 wurde die Strafanstalt in der Plassenburg erneut geschlossen. Sie entsprach nicht den Anforderungen an eine moderne Strafanstalt und ließ sich u.a. aus infrastrukturellen Gründen auch ökonomisch nicht mehr halten. Seither wird sie als kulturelles Zentrum genutzt. Im nationalsozialistischen Deutschland ab 1933 dann als Schulungszentrum der NSDAP für den Parteinachwuchs, „1935 zur ‚Schulungsburg der NSDAP‘ aufgewertet“. (S. 265) Heute gilt sie als „Wahrzeichen der alten Markgrafenstadt Kulmbach“ (S. 7) und dient als Museum, als Veranstaltungsort und Ausflugsziel.

Diskussion

Studien und Internet-Darstellungen zur Plassenburg blenden bis heute diese Kapitel der Geschichte dieses prächtigen Bauwerks weitgehend aus. „Ein Behälter des Elends“ – so die Bezeichnung von Jakob Wassermann aus seiner Novelle „Die Gefangenen der Plassenburg“ (1923) – war die Plassenburg lange Zeit. Dieses im Gedächtnis zu behalten und dabei die Verquickung von Kultur und Herrschaft aufzuzeigen, ist in diesem Buch gelungen. Dient dieses prunkvolle Bauwerk heute als Symbol kultureller Erhabenheit, so darf nicht vergessen werden, zu welchen Zwecken die Burg genutzt wurde und was mit Menschen in dieser Burg geschah.

Kolling zeigt mit seiner Studie auf, dass die Geschichte eines solchen Ortes nicht ohne sozialhistorischen Blick rekonstruiert werden kann. Sozioökonomische Veränderungen veranlassten zu Beginn des 19. Jahrhunderts ebenso die Nutzung der Plassenburg als Gefängnisanstalt durch ‚Freisetzung‘ einer Masse an mittellosen Menschen wie auch die Reformierung der Strafmaßnahmen. Ihrer Nutzung als Zuchthaus wurde ein Ende gesetzt, da sie „nicht mehr den Anforderungen eines modernen Zuchthausbetriebes“ entsprach und auch als Industriestandort nicht mehr nutzbar war. (S. 263) Ökonomisch gesehen unrentabel blieb so nur die „kulturelle Nutzung der Anlage“. Kolling verweist auf gesellschaftliche Rahmenbedingungen, auf Veränderungen im bürgerlichen Strafrecht und zeigt, wie sich dies in den Bedingungen des Justizvollzug niederschlug. Eine fundiertere theoretische Einbettung dieser Einzelstudie wäre möglich gewesen und scheint interessant, wird doch in dem Buch deutlich, dass eben die gesellschaftlichen Strukturveränderungen maßgebend waren für den Strafvollzug in der Plassenburg.

Die Bedingungen in einer solchen Strafanstalt ‚können‘ nicht besser sein als die Bedingungen, welche die delinquenten Menschen ‚in Freiheit‘ zu erwarten hätten. Dies wird im angeführten Zitat des Juristen Feuerbach deutlich: „Jeder weiß so, auf seine Tat werde unausbleiblich ein Übel folgen, welches größer ist, als die Unlust, die aus dem nicht befriedigten Antrieb zu Tat entspringt.“ (S. 12) Zugleich sollte allerdings nicht mehr nur Isolation oder Todestrafe auf die Gefangen warten, sondern Ziel wurde die Eingliederung in die Gesellschaft, heute unter dem Begriff der Resozialisation gefasst. Wenn, wie Rusche argumentiert, aber „alle Bemühungen um die Reform der Behandlung der Verbrecher ihre Grenze finden an der Lage der untersten sozial bedeutsamen proletarischen Schicht, die die Gesellschaft von kriminellen Handlungen abhalten will“ und dies eben auch der Einwirkung auf die psychische Struktur bedarf, wäre im Anschluss an diese Studie die Frage danach zu stellen, wie die ‚Normalität‘ 1817-1928 auf die Zustände auf der Plassenburg einwirkte und wie sie die Individuen hervorbrachte, welche dort inhaftiert waren.

Dies aber sind gleichsam theoretisierende Ansätze, die sich bei der Lektüre dieser detaillierten Einzelstudie aufdrängen, aber nicht ihr Thema waren. Die Eindrücke und Aufnahmen, die der Autor vom Leben der Inhaftierten auf der Plassenburg, von den Bedingungen ihrer Haft und den Arbeitsbedingungen der Aufseher gibt, führen den Leser zu solchen weitergehenden Fragen.

Ebensowenig war die Nutzung der Plassenburg durch die Nazis ab 1933, die in diesem Zusammenhang erfolgte Eliminierung von Zeichen der Nutzung als Strafanstalt und erneute ‚Adelung‘ als Burg, an welche im bundesdeutschen Bayern nahtlos angeschlossen wurde, Thema des Buches, wenngleich dies (Teil-)Motiv gewesen sein mag, dieses Buch zu verfassen.

Fazit

Diese Studie ist nicht nur lokal Interessierten zu empfehlen, die sich über die Geschichte der Plassenburg jenseits von vermarkteter Kultur informieren möchten, sondern sie bietet auch aufgrund ihres theoretischen Rahmens und ihrer detaillierten Quellenauswertung Einsichten in die Entwicklung des Justizvollzugs im 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Das Buch ist damit sowohl Historikern als auch für soziologische Forschung zu empfehlen.


Rezensentin
Sabine Hollewedde
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Zitiervorschlag
Sabine Hollewedde. Rezension vom 11.10.2016 zu: Hubert Kolling: „Ein Behälter des Elends“. Die Plassenburg als Strafanstalt (1817 - 1928). Verlag Heinz Späthling (Weißenstadt) 2016. ISBN 978-3-942668-25-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21177.php, Datum des Zugriffs 18.08.2019.


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