socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Carmen E. Hamm, Harald J. Freyberger u.a.: Psychoonkologie in der Nachsorge

Cover Carmen E. Hamm, Harald J. Freyberger, Alfons O. Hamm: Psychoonkologie in der Nachsorge. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Manual - Mit 32 Arbeitsblättern zum Download. Schattauer (Stuttgart) 2016. 163 Seiten. ISBN 978-3-7945-3180-6. 34,99 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Zielgruppe

In der therapeutischen Arbeit mit onkologischen Patientinnen und Patienten am Universitätsklinikum Greifswald entwickelten die AutorInnen – fußend auf einem amerikanischen kognitiv-verhaltenstherapeutischen Programm – das vorliegende Manual zur (Einzel-und) Gruppenarbeit. Es umfasst zehn zweistündige Sitzungen und richtet sich an psychoonkologisch tätige TherapeutInnen.

AutorInnen

Carmen Hamm ist niedergelassene Psychotherapeutin in Greifswald, Harald Freyberger ist Professor für Psychiatrie, psychosomatische Medizin und Psychotherapie an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald und Klinikdirektor im Klinikum der Hansestadt Stralsund und Alfons Hamm ist Inhaber des Lehrstuhls für Physiologische und Klinische Psychologie/ Psychotherapie an der Ernst-Moritz-Arndt Universität Greifswald.

Aufbau

Das Buch gliedert sich nach einem Vorwort zum Entstehungshintergrund in drei Teile:

  1. Ein knapp gehaltener Abschnitt: „Hintergrundwissen“ mit Ausführungen zu Krebs und psychosozialer Belastung sowie einer Vertiefung zu medizinischen Aspekten von Brustkrebs (Das Manual wurde vorwiegend mit Brustkrebs-Patientinnen erprobt.)
  2. Eine ausführliche Beschreibung des Manuals mit einer Einführung in das Gruppenprogramm und ein mögliches Einzelsetting sowie einer Darstellung der Inhalte mit konkreten Anleitungen zu den 10 Sitzungen
  3. Eine kurze empirische Auswertung

Die Arbeitsblätter für die Sitzungen stehen unter www.schattauer.de/3180 zum Download zur Verfügung.

Inhalt

Ausgehend von der Tatsache, dass sich auch nach überstandener Krebserkrankung ungefähr 1/3 psychisch belastet fühlt, entwickeln die AutorInnen ein kognitiv verhaltenstherapeutisches Interventionsprogramm und beziehen sich dabei auf Evaluationsergebnisse vorhandener Programme. Das vorliegende psychoedukatorische Manual beruht auf einer Adaptierung und Weiterentwicklung des Stressmanagement-Programms B-Smart der Arbeitsgruppe um Michael H. Antoni (Miami). Die AutorInnen empfehlen ein geschlossenes Gruppensetting mit 6 bis 8 TeilnehmerInnen. Von Vorteil sei eine Gruppenzusammensetzung, die hinsichtlich der Tumoren und Krankheitsstadien homogen sei. Auf Wunsch der (Brustkrebs-)Patientinnen, mit denen das Programm erprobt wurde, werden Themen wie Schlafstörungen, Fatigue und kognitive Defizite im Vergleich zu anderen Programmen besonders ausführlich behandelt.

Die zehn Einzelsitzungen haben folgenden Aufbau:

  • Vorstellung des Programms (nur in der ersten Sitzung)
  • Rückmeldung zur letzten Sitzung und Auswertung der Hausaufgaben
  • Erläuterungen der TherapeutInnen zum Thema der Sitzung
  • Diskussionen und Austausch in der Gruppe
  • Sammeln von Beiträgen der TeilnehmerInnen zum Thema
  • Durchführung von Übungen (insbesondere Achtsamkeits- und Entspannungsübungen)
  • Abschlussrunde, Austeilen von Arbeitsblättern und Erläuterung von Hausaufgaben

In der ersten Sitzung „Krebs geheilt und jetzt?“ geht es um die Bedeutung von chronischem Stress für die körperliche und seelische Gesundheit. Die Teilnehmerinnen explorieren, wie sie selber auf Stress reagieren und machen eine Übung zur Wahrnehmung von körperlicher Anspannung. Nach der ersten Sitzung beginnen sie zu Hause, ein Tagebuch zu erstellen, das auch eigene Zukunftsziele umfasst.

Die zweite Sitzung: „Nicht die Dinge selbst beunruhigen die Menschen, sondern ihre Urteile und Meinungen über sie“ beruht auf dem vereinfachten Stressmodell nach Lazarus: Die TeilnehmerInnen erfahren, dass sie individuelle Stressverstärker identifizieren können, wenn sie ihre automatischen Gedanken beobachten. Zu diesem Zweck wird die ABC-Technik (Situation, Bewertung, Konsequenzen) der Selbstbeobachtung eingeführt. In der folgenden Woche werden die TeilnehmerInnen gebeten, zu Hause einfache Situationen selbst zu analysieren:

  • In welchen Situationen gerate ich in Stress?
  • Welche automatischen Gedanken schießen mir in den Kopf?
  • Was sind meine typischen Reaktionen auf solche Situationen?
  • Wie hängen in diesen Situationen meine Gedanken mit meinen Gefühlen zusammen?
  • Wie beeinflussen meine Gedanken und meine Gefühle mein Verhalten, mein Selbstvertrauen und mein Selbstbewusstsein?

Darüber hinaus werden die TeilnehmerInnen zu Atemübungen angeleitet.

Die dritte Sitzung „Wie setze ich mich selbst unter Druck?“ setzt das Thema der zweiten Sitzung fort mit dem Fokus, stressverstärkende Denkstile und Einstellungen zu identifizieren. Hierbei werden typische Denkstile wie Schwarz-Weiß-Denken, Katastrophisieren oder „müsste“/ „sollte“ Aussagen besprochen. Die Teilnehmerinnen werden ermutigt alternative Gedanken zu finden.

Die vierte Sitzung „Schäfchen zählen?“ gibt Hilfe bei Schlafstörungen: Sie führt in Schlafregeln ein, leitet an, Schlafprotokolle zu führen, und unterstützt mit Ruhebildern.

Die fünfte Sitzung „Gefühle sind Freunde!“ unterstützt im Umgang mit belastenden Gefühlen: Die TeilnehmerInnen lernen, achtsam und wertschätzend ihren eigenen Gefühlen gegenüber zu sein und ihre Gefühle so anzunehmen wie sie sind, ohne dabei notwendigerweise die Situation zu akzeptieren. Stresstoleranz bedeute: Ich kann meine Gefühle aushalten, meine Kraft sparen und meine Ziele im Auge behalten.

In der sechsten Sitzung: „Ja, ich kann!“ geht es um das Erkennen eigener Stärken und Fähigkeiten, um positive Selbstinstruktionen und die Planung angenehmer Aktivitäten.

Die siebte Sitzung: „Wenn alles mühsam ist!“ beschäftigt sich mit chronischer Erschöpfung und Fatigue. Das Ursachengefüge von Fatigue wird hierbei in biologische Faktoren, Verhaltensfaktoren und kognitive/ emotionale Faktoren differenziert. Die TeilnehmerInnen entwickeln Strategien im Umgang mit chronischer Erschöpfung, die einerseits Belastungsgrenzen akzeptieren, aber zugleich ein schrittweises Belastungstraining ermöglichen.

Die achte Sitzung: „Chemohirn oder Stresshirn?“ vermittelt Informationen zu Ursachen von kognitiven Defiziten nach einer Krebserkrankung. Die TeilnehmerInnen entwickeln positive Selbstinstruktionen in Form eines Selbstgesprächs sowie Kompensationsstrategien bei Vergesslichkeit.

In der neunten Sitzung: „Angst oder Ärger?“ wenden die TeilnehmerInnen die zuvor erworbenen Fähigkeiten auf Situationen an, die Angst oder Ärger auslösen.

Die zehnte Sitzung: „Die Segel setzen!“ dient einem Rückblick und Ausblick.

Auf den letzten fünf Seiten des Buches wird die Evaluation des Gruppenprogramms vorgestellt. Hierbei wird deutlich, dass von 800 über das Programm informierten Brustkrebs-Patientinnen nur 40 tatsächlich an den Gruppen teilnahmen. Als Gründe nicht teilzunehmen wurden Anreiseprobleme, physische Einschränkungen und Unterstützung durch die eigene Familie, aber auch Vorbehalte gegenüber Gruppenbehandlungen genannt.

Die 40 Patientinnen wurden auf sechs Gruppen aufgeteilt, die ohne Kontrollgruppen evaluiert wurden. Hierbei zeigte sich nach Abschluss der Gruppe und drei Monate später ein Rückgang depressiver Stimmungen und ein Zuwachs an Lebensqualität.

Diskussion

Das kognitiv verhaltenstherapeutische Manual wird gut verständlich und in angemessener Ausführlichkeit dargestellt. Psychoedukative Verfahren, kognitiv verhaltenstherapeutische Interventionen und supportiv-expressive Gruppentherapien sind die Intervention, die bislang am besten wissenschaftlich untersucht wurden. So kommt es, dass gerade diese Verfahren an Universitätskliniken besonders favorisiert werden. Dies führt zu soliden Manualen, die zwar kontinuierlich weiterentwickelt werden, aber insgesamt sehr ähnliche Bausteine enthalten.

In der Evaluation erfährt man wenig über den Bildungsgrad und die soziale Lage der 40 TeilnehmerInnen, die an den sechs Gruppen teilgenommen haben. Die zunehmende Standardisierung von psychoedukativen Verfahren kann dazu führen, dass bestimmte Zielgruppen außen vor bleiben und andererseits bestimmte Inhalte nach und nach quasi zur Allgemeinbildung werden.

Nichtsdestotrotz handelt es sich um eine gelungene Anleitung, um bestimmte onkologische Patienten nachzubetreuen. Es braucht jedoch zusätzlich kreative Entwicklungen alternativer Verfahren, die beispielsweise gemeinsam mit bestimmten Zielgruppen onkologischer PatientInnen, Künstlern und Therapeutinnen unkonventionellerer Richtungen entwickelt werden könnten.

Fazit

Die AutorInnen legen mit diesem Buch ein gut verständliches, solides kognitiv verhaltenstherapeutisches Psychoedukations-Manual zur Nachsorge von KrebspatientInnen vor, das vorwiegend mit Brustkrebspatientinnen erprobt und evaluiert wurde. Es enthält zehn zweistündige Sitzungen und greift auf Wunsch der TeilnehmerInnen in drei Sitzungen die Themen Schlafstörungen, Fatigue und kognitive Defizite auf.


Rezension von
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialpsychiatrie an der Fakultät 4 der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
E-Mail Mailformular


Alle 128 Rezensionen von Annemarie Jost anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 13.09.2016 zu: Carmen E. Hamm, Harald J. Freyberger, Alfons O. Hamm: Psychoonkologie in der Nachsorge. Ein kognitiv-verhaltenstherapeutisches Manual - Mit 32 Arbeitsblättern zum Download. Schattauer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-7945-3180-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21182.php, Datum des Zugriffs 27.01.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht