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Thomas Harms: Emotionelle Erste Hilfe

Cover Thomas Harms: Emotionelle Erste Hilfe. Bindungsförderung – Krisenintervention – Eltern-Baby-Therapie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 260 Seiten. ISBN 978-3-8379-2615-6. D: 22,90 EUR, A: 23,60 EUR.
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Thema

Das Buch beschreibt sehr detailliert, wie Eltern in schwierigen Zeiten nach der Geburt, wenn ein liebevolles Miteinander sehr erschwert ist, die emotionale Verbindung zu ihrem Kind (wieder-)finden und erfolgreich stärken können.

Autor

Thomas Harms ist Diplom-Psychologe und leitet seit 1997 das Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie in Bremen.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist eine überarbeitete Version aus dem Jahr 2008, in dem Thomas Harms erstmalig seine Arbeit im Feld der Krisenintervention und bindungsbasierten Körperpsychotherapie mit Säuglingen, Kindern und Erwachsenen vorstellte. Dabei richtet sich das Werk nicht nur an Fachkräfte, sondern – mit Ausnahme von Teil IV – gleichermaßen auch an betroffene Eltern.

Aufbau

Nach einem Vorwort zur Neuauflage, einem Geleitwort von Prof. Annelie Keil und einem Vorwort gliedert sich das Buch in vier inhaltliche Teile, bevor es mit Fazit, Dank, Anmerkungen und einem Literaturverzeichnis abschließt.

  1. Prolog: Anfänge, wissenschaftliche Einflüsse und Phänomenologie
  2. Grundlagen: Körper, Energie, Resonanz, Trauma und Bindung
  3. Methoden der EEH: Atmung, Wahrnehmung, Berührung und Bindung, Kraft innerer Bilder
  4. Praxis der EEH: Drei Säulen, Rebonding, Trauma-Lösung, Gespenster im Kinderzimmer, Arbeit mit dem Baby, Rolle des Helfers, Einsatzbereiche

Den größten Raum nehmen die Teile III (Methoden) und IV (Praxis) ein.

Inhalt

In Teil I des Werkes, dem Prolog, beschreibt der Autor in kurzer Form die Entstehungs- und Entwicklungsgeschichte der Emotionellen Ersten Hilfe (nachfolgend: EEH). Beginnend mit einer „Schreiambulanz für Eltern“ im Jahr 1993 in Berlin setzte er ab 1997 diese Arbeit in dem von ihm gegründeten Zentrum für Primäre Prävention und Körperpsychotherapie in Bremen fort. Es folgen Ausführungen zur zentralen Ausrichtung der Methode, die darin besteht, Eltern zu unterstützen, die Nähe und Verbundenheit mit ihrem Baby zu fördern, wiederfinden oder bewahren zu können. Die Aussage, dass Bindung einen Körper, präzise ausgedrückt das subjektive Erleben eines Körpers benötigt, fokussiert auf eine besondere Art der Beratung von Eltern, die darin besteht. Im Kontakt mit dem Baby mehr auf das eigene innere Erleben zu achten, um die Bindungskräfte zu stärken. Es wird betont, dass die EEH einen alternativen Umgang mit dem Schreien der Säuglinge praktiziert. Es geht hier nicht vordringlich darum, das Schreien des Babys abzustellen. Vielmehr steht im Zentrum der Arbeit, die verlorene Sicherheit zurück zu gewinnen und über den eigenen Stressabbau ein „sicherer Hafen“ für ihr Kind zu werden. Es folgt ein kurzer Rekurs zur Bedeutung der wissenschaftlichen Leistung von Wilhelm Reich und seiner Tochter Eva Reich für die EEH (S. 30 ff.). Neben dieser Körperpsychotherapie ist die Bindungstheorie nach Bowlby und Ainsworth eine weitere Säule der Methode, gefolgt von Forschungen zur pränatalen Psychologie (Chamberlain, Emerson u.a.) sowie der modernen Gehirnforschung, speziell Hüther, Bauer und Porges. Eine Phänomenologie der Schreibaby-Krisen und die korrespondierende Krisensymptomatik der Eltern (S. 35 ff.) schließen diesen Teil ab.

In Teil II, den Grundlagen, wird ausführlich die Bedeutung einer sicheren Bindung für das Baby herausgearbeitet. Sehr detailliert wird vorgestellt, welche Bedeutung das autonome oder vegetative Nervensystem bei Säugling und Eltern hat. Ist die eigene Regulationsmöglichkeit eingeschränkt oder gar blockiert bzw. die Abstimmung zwischen Säugling und Eltern gestört, kommt es zu den bekannten Belastungssymptomen. Im Zentrum stehen dann auf beiden Seiten Stress, der – wird nicht erfolgreich dagegen gearbeitet – eine deutliche Bindungsschwäche zur Folge haben kann. Die einzige dem Baby zugängliche eigene „Stresslösung“, das exzessive Schreien, vergrößert aber leider nur das Problem massiv, wenn keine Entlastung realisiert werden kann. Anhand von Fallbeispielen (S. 87, 118, 123, 129, 131, 138, 151, 162) werden exemplarisch konkrete Belastungssituationen dargestellt.

Teil III fokussiert ab S. 96 auf das praktische Tun im Rahmen der EEH. Bezugnehmend auf den Ergebnissen der Bindungsforschung wird vorgestellt, welche Bedeutung der Atmung zukommt, wie die Körperwahrnehmung verbessert und durch Körperberührung die Bindungskräfte gestärkt werden. Speziell die Kraft von inneren Bildern, d.h. eine unterstützende innere Visualisierung, kann die unsicheren Eltern unterstützen, um den täglichen Stress zu minimieren.

Teil IV schließlich – der sich besonders an Fachkräfte wendet – erläutert ausführlich die drei Säulen der EEH, nämlich die Bindungsförderung, die Krisenintervention und (sofern erforderlich) die Eltern-Baby-Therapie. Das konkrete praktische Vorgehen wird anhand eines Sieben-Schritte-Modell vorgestellt (S. 177 ff.). Abgeschlossen wird dieser Teil mit einem kurzen Überblick über die im Laufe der Zeit entwickelten anderen Einsatzgebiete wie während der Schwangerschaft, bei Stillförderung oder bei Kleinkindern.

Diskussion

Das vorliegende Buch kann als ein wertvoller Beitrag zur Unterstützung von stress- und kummerbeladenen Eltern von Säuglingen bzw. als Handreichung für erfahrene Fachkräfte in entsprechenden Unterstützungseinrichtungen gesehen werden. Über die Lektüre erhält man einen umfangreichen Einblick in die physiologischen Voraussetzungen von Bindung, deren Belastung oder gar Verlust sowie seinem Ausdruck durch Weinen/Schreien beim Baby und den dazu gehörenden Emotionen wie Verzweiflung, Wut und Ohnmacht.Es gelingt Harms sehr gut, seine zentrale Idee der EEH, die Unterstützung und Bewahrung der emotionalen Bindung zwischen Eltern und Säugling von Beginn an, theoretisch und praktisch darzustellen.

Die Kernthese, dass ein feinfühliger und liebevoller Dialog der Erwachsenen mit ihrem Baby nur auf der Basis eines entspannten Körpers gelingen kann, wird an vielen Praxisbeispielen eindrücklich vorgestellt. Es wird im Verlauf der Lektüre deutlich, dass EEH nicht als nur eine technisch anwendbare und übertragbare Methode entwickelt wurde. Vielmehr gilt wohl, sie als eine Wegweisung zu den Grundlagen einer gelungenen zwischenmenschlichen Kommunikation zu sehen. Durch die konkrete Unterstützung der EEH können belastete Eltern lernen, die Signale ihres eigenen Körpers zu nutzen, um problematische Kreisläufe aus Angsterleben, Stress und Verlust der Nähe zum Kind frühzeitig zu unterbrechen. Das (erlernte) Spüren einer Enge in der Brust wird beispielsweise für eine Mutter mit dem exzessiven Schreibaby zum körperlichen Frühwarnsignal, welches sie frühzeitig darauf hinweist, dass der Stress übermäßig zunimmt und sie ihren emotionalen Draht zum Kind zu verlieren droht.

Fazit

Dieses Buch kann metaphorisch durchaus als eine Art Schatzkiste für Fachkräfte aus den Bereichen der Emotionellen Ersten Hilfen bezeichnet werden. Sie finden hier eine gelungene Verbindung von theoretischer Begründung und darauf aufbauend konkreter Umsetzung in die Praxis. Speziell belastete Eltern mit einem anstrengenden Säugling könnten sehr davon profitieren, wenn ihnen dieses Buch zur Unterstützung in einer schwierigen Zeit anempfohlen würde. Alle anderen interessierten Menschen finden hier eine lesenswerte und vor allem verständliche Darstellung über die Grundlagen von Bindung und die Einbeziehung des Körpers als Voraussetzung für eine gelungene Beziehung zwischen Eltern und ihrem Baby. Es ist zu wünschen, dass alle öffentlichen Bibliotheken, speziell Fachhochschul- und Universitätsbibliotheken, dieses Buch anbieten können.

Summary

This book can be metaphorically described as a kind of treasure chest for specialists from the fields of the “emotional first aid“. Here you will find a successful combination of theoretical justification and a concrete implementation into practice. Specially burdened parents with an exhausting infant could benefit greatly if this book were recommended to them in support of a difficult time. All other interested people find here a readable and, above all, comprehensible account of the fundamentals of attachment and the inclusion of the body as a prerequisite for a successful relationship between parents and their baby. It is to be hoped that all public libraries, especially universities of applied sciences and universities, will be able to offer this book.


Rezensent
Prof. i.R. Dr. Peter Bünder
Vormals Hochschule - University of Applied Sciences - Düsseldorf, Lehrgebiet Erziehungswissenschaft am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Peter Bünder. Rezension vom 24.02.2017 zu: Thomas Harms: Emotionelle Erste Hilfe. Bindungsförderung – Krisenintervention – Eltern-Baby-Therapie. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2615-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, http://www.socialnet.de/rezensionen/21189.php, Datum des Zugriffs 29.03.2017.


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