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Ralph J. Butzer: Heinz Kohut zur Einführung

Cover Ralph J. Butzer: Heinz Kohut zur Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. 200 Seiten. ISBN 978-3-8379-2610-1. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
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Das vorliegende Buch widmet sich Leben (weniger) und Werk (hauptsächlich) des 1913 in Wien geborenen und 1981 in Chicago gestorbenen Arztes und Psychoanalytikers Heinz Kohut (https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Kohut und https://en.wikipedia.org/wiki/Heinz_Kohut). Dass man dessen Leben und Werk nur schwerlich trennen kann, wird im Buch hie und da deutlich.

Heinz Kohut wurde in eine großbürgerliche assimiliert-jüdische Familie geboren. Forscher, die einen biographischen Erklärungsbeitrag dafür liefern wollen, weshalb er sich später dem Selbst und seiner Entwicklung zugewandt hat, verweisen auf die physische Abwesenheit des Vaters wegen des 1. Weltkriegs – dessen Ausbruch war knapp nach seinem ersten Geburtstag – und auf die psychische Abwesenheit seiner Mutter, aber auch seines Vaters in der Nachkriegszeit (vgl. etwa Wolf, 1996). Zu Heinz Kohuts Eltern erklärt sein Sohn Thomas Kuhn 2016 (S. 11): „Seine Mutter war schwierig und ernsthaft gestört, und sein Vater ließ ihn … weitgehend allein, wahrscheinlich, um von seiner Frau wegzukommen.“

Heinz Kohut schloss 1938 sein Medizinstudium an der Universität Wien ab und befand sich zu der Zeit in (Heil-)Analyse bei dem „Laien-Analytiker“, bedeutsamen Funktionär der frühen psychoanalytischen Bewegung und als Begründer der psychoanalytischen Sozialpädagogik geltenden August Aichhorn (https://de.wikipedia.org/wiki/August_Aichhorn), der – er war nicht jüdischstämmig – als einer von drei (Ex-)Mitgliedern der (früheren) Wiener Psychoanalytischen

Vereinigung (WPV) von 1938 bis 1945 in Wien blieb, „wobei er als einziger versuchte, die Psychoanalyse in diesen Jahren in Wien am Leben zu halten“ (www.psyalpha.net/biografien/august-aichhorn). Er war der einzige Wiener Psychoanalytiker, der – aus welchen Gründen auch immer das möglich war – „seine Privatpraxis weitgehend unbehindert weiterführte“ (Thomas Aichhorn & Schröter, 2016, S. 16).

Heinz Kohut blieb mit August Aichhorn stets emotional eng verbunden. Die erste Analysestunde war offensichtlich am 13. April 1938 (Thomas Aichhorn & Schröter, 2016, S. 16). In der Volksabstimmung drei Tage zuvor hatte Heinz Kohut der Frage zugestimmt (so Thomas Kohut, 2016, S. 12): „Bist Du mit der am 13. März 1938 vollzogenen Wiedervereinigung Österreichs mit dem Deutschen Reich einverstanden und stimmst Du für die Liste unseres Führers Adolf Hitler?“ (https://de.wikipedia.org/wiki/Anschluss_%C3%96sterreichs#Volksabstimmung). Es half nichts. Er, der sich nie als Jude fühlte – „Mein Vater war kein Jude, sondern Wiener.“ (Thomas Kohut, 2016, S, ) –, wurde von außen als solcher identifiziert. „Sich identifizieren mit – von anderen identifiziert werden als“ – darum geht es in der Identitäts-Frage. Die hat Heinz Kohut stets unterschieden von der Frage nach dem Selbst; möglicherweise stecken hinter der Schärfe, in der er das tut, seine lebensgeschichtlichen Erfahrungen. Welche er – abgesehen von der Analyse bei August Aichhorn – in der Zeit zwischen dem „Anschluss“ Österreichs ans Deutsche Reich und seiner Flucht gemacht hat, wissen wir nicht: „Nie hat mein Vater über die Zeit zwischen dem 11. März und seiner Abreise nach England im Frühjahr 1939 gesprochen.“ (Thomas Kohut, 2016, S. 10)

Heinz Kohut konnte im Frühjahr 1939 nach England fliehen und von da aus im Februar 1940 in die USA emigrieren; beides war nur mit Hilfe Wohlgesonnener möglich. In Chicago praktizierte und lehrte er zunächst als Neurologe (und teilweise als Psychiater). Seine 1942 erfolgte Bewerbung am Chicagoer Psychoanalytischen Institut wurde abgelehnt; der damalige Leiter des Instituts war der aus Ungarn stammende und – auf einen Ruf (Visiting Professor of Psychoanalysis) hin aus Berlin in die USA übergesiedelte Arzt und Psychoanalytiker Franz Alexander (https://en.wikipedia.org/wiki/Franz_Alexander), der 1930 erster Professor für Psychoanalyse an der Universität Chicago und bis 1956 Direktor des Chicago Institute for Psychoanalysis war.

Aber nicht bei diesem machte er (ab 1943) seine nach dem Krieg als Lehranalyse anerkannte Heilanalyse, wie das im deutschen wikipedia-Eintrag (https://de.wikipedia.org/wiki/Heinz_Kohut) zu lesen ist, sondern bei Ruth Eissler-Selke (Strozier, 2001). Die war die Ehefrau von Kurt Eissler (https://de.wikipedia.org/wiki/Kurt_Eissler), früher ebenfalls Analysand bei August Aichhorn (Strozier, 2001; ja, die psychoanalytische Community der frühen Jahre war sehr klein), der in die psychoanalytische Geschichtsschreibung als prominentester Vertreter der „normativen Idealtechnik (‚basic model technique‘)“ (Thomä & Kächele, 2006, S. 44) einging. Auch diese „normative Idealtechnik“ griff Heinz Kohut zunehmend mehr an, woran die jahrelange Freundschaft zwischen ihm und den Eisslers zerbrach. Auch viele andere Freundschaften aus alten Tagen verlor Heinz Kohut durch seine im vorliegenden Buch dokumentierten (behandlungs-)praktischen und theoretischen („metapsychologischen“) Neuerungen. Darüber hinaus sah er sich ihn schmerzenden Angriffen und beruflichen Benachteiligungen ausgesetzt.

Und dabei hatte es doch anfangs und für eine lange Passage seines Lebens als Psychoanalytiker ganz anders ausgesehen. Er war aus Sicht der psychoanalytischen Bewegung nicht einfach nur „a nice guy“, er wurde „Mr. Psychoanalysis“ genannt. Dies weil er ein äußerst rühriger Funktionär der psychoanalytischen Bewegung war. Zur Illustration: 1963-1964 Präsident der Chicagoer Psychoanalytischen Gesellschaft, 1964-1965 Präsident der Amerikanischen Psychoanalytischen Vereinigung (dem damals noch mehr als heute mächtigsten nationalen psychoanalytischen Verband) und 1965-1973 Vizepräsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV; „Vereinigung“ und nicht „Gesellschaft“, wie es im vorliegenden Buch aus S. 197 fälschlicherweise heißt).

Heinz Kohut sah sich bis zuletzt als Psychoanalytiker – und das heißt (auch) für ihn: in der Tradition Sigmund Freuds stehend. Viele andere Psychoanalytiker(innen) (die meisten von ihnen?) sahen das für den Heinz Kohut ab den 1970ern und verstärkt in den 1980ern anders; denen galt er als „Abweichler“ (zur Rezeptionsgeschichte im deutschsprachigen Raum vgl. Herzog, 2016), Milch, 2016). Und heute? Wolfgang Milch, der 2001 ein „Lehrbuch der Selbstpsychologie“ (Stuttgart: Kohlhammer) vorgelegt hat, formuliert in einem aktuellen Beitrag (Milch, 2016): „Für die gegenwärtige Psychoanalyse „im Mainstream“ sind viele Vorstellungen der Selbstpsychologie wie Konzepte zum Narzissmus, zur Behandlungstechnik narzisstischer Störungen ebenso wie die Integration von Wissen aus der Kleinkindforschung und der Neuroforschung inzwischen zum allgemeinen Wissensgut geworden. Der Artikel von Kohut und Wolf (1980) über die Behandlung narzisstischer Persönlichkeitsstörungen hat seine Aussagekraft und Aktualität behalten; er gehört zu den zehn bei PEP-Archives im Jahre 2014 am häufigsten aufgerufenen Artikeln.“ (S. 63; das „PEP-Archive“ ist „the most authoritative source of peer-reviewed, psychoanalytic literature “; https://www.ebscohost.com/academic/pep-archive).

In der Zeit zwischen dieser Einschätzung und Heinz Kohuts Tod, einer Zeit, da die Diskussion um seine Ideen (auch) hierzulande noch hohe Wellen schlug, wurde das vorliegende Buch von einem deutschen Psychoanalytiker verfasst. Es erschien erstmals 1997 im Hamburger Junius-Verlag, genauer: in dessen „Einführungs“-Reihe, die sowohl Themen (von „Analytische Philosophie“ bis „Wissenschaftstheorie“) als Personen (von Theodor W. Adorno bis Slavoj?i?ek) zum Gegenstand hat. Unter den Themen findet sich (Klinische) Psychologie bzw. Psychotherapie überhaupt nicht, und unter den Personen nur vier Vertreter eines psychotherapeutischen Ansatzes; neben dem Buch über Heinz Kohut gibt es drei weitere: über Sigmund Freud, Carl G. Jung und Jacques Lacan. Eine eigentümliche oder eigenwillige Mischung, die sich hier zeigt: zwei wohletablierte Vertreter der psychodynamischen Psychotherapie und zwei „Außenseiter“ oder „Randständige“.

Aus der Sicht der Freudschen Orthodoxie, die damals die deutsch(sprachig)e Psychoanalyse (und die Psychodynamik überhaupt) weitaus mehr beherrschten als heute, waren Heinz Kohut und Jacques Lacan „draußen vor der Tür“. Nach der Jahrtausendwende hat der (auch in Sachen Psychoanalyse und Psychodynamik seit einem viertel Jahrhundert aktive) Wiener Verlag Turia + Kant Jacques Lacan (für sich) entdeckt und gibt dessen Schriften und Seminar-Bände heraus (www.turia.at/lacan/). Die Rechte an Heinz Kohut hat sich der Gießener Psychosozial-Verlag gesichert: 2016 editiert er dessen „Gesammelte Werke in 7 Bänden“ (vgl. meine Rezension). Zeitgleich erscheint dort in 2. unveränderter Auflage das hier zu rezensierende Buch.

Autor

Ralph J. Butzer, ist Dr. phil., Psychologe (PsyMsc) und Psychoanalytiker in eigener Praxis, seit Jahren Lehrbeauftragter am Institut für Psychologie der Goethe-Universität, Frankfurt am Main, niedergelassener Mitarbeiter des Frankfurter Sigmund-Freud-Instituts und Mitarbeiter des Frankfurter Psychoseprojekts. Unter seinen Publikationen (vgl. www.frankfurterpsychoseprojekt.de) findet sich nur ein Buch – das vorliegende.

Aufbau und Inhalt

Das Buch hat zwischen Einleitung und Anhang fünf Kapitel.

Der Anhang, um mit dem Buchende zu beginnen, enthält

  • die bald 150 Anmerkungen, von denen manche bloße Quellenangaben sind, andere aber Informationen enthalten, die weit über den vorliegenden Kontext hinaus bedeutsam sind,
  • Literaturhinweise, gesondert für Heinz Kohuts Veröffentlichungen sowie eine Auswahl von 1. Publikationen, die sein Werk darstellen und 2. solchen, die sich mit ihm kritisch auseinandersetzen,
  • Eine Zeittafel mit einer Kurzbiographie Heinz Kohuts.

Die Einleitung bietet eine Kurzbiographie Heinz Kohuts, die von seinen Wiener Tagen bis zu seinen letzten Lebensmonaten. In denen sah er sich wegen seiner (behandlungs-)praktischen wie theoretischen („metapsychologischen“) Neuerungen scharfen Angriffen, die ihm berufliche Nachteile und persönliche Verletzungen beibrachten, ausgesetzt. Sie kamen auch von Seiten des psychoanalytischen Establishments, dem er selbst jahrzehntelang angehört hatte.

In Kapitel 1 Von der Trieb- zur Selbstpsychologie

finden sich zunächst Ausführungen zur psychoanalytischen Trieb- und Ich-Psychologie sowie den in diesen Kontexten entwickelten Konzepten des Narzissmus (das dient als Hintergrundsfolie), bevor dann in den Abschnitten

  • „Kohuts Weiterentwicklung der psychoanalytischen Narzißmustheorie“ und
  • „Kohuts Narzißmus-Buch aus dem Jahre 1971“

die Entstehung und die besondere Struktur des Kohutschen Narzissmus-Konzeptes (seine „Figur“) skizziert wird.

Es sei an dieser Stelle angemerkt, dass das genannte „Narzißmus-Buch“ 1973 als deutsche Übersetzung bei Suhrkamp (Frankfurt am Main) unter dem Titel „Narzißmus: Eine Theorie der psychoanalytischen Behandlung narzißtischer Persönlichkeitsstörungen“ erschien, das US-amerikanische Original (New York: International Universities Press) aber den Titel „Analysis of the Self“ trägt. Im selben Verlag erscheint sechs Jahre später „The Restoration of the Self“ (1977) und dieses Mal erscheint auch im Titel der deutschen Übersetzung (1979 bei Suhrkamp) der Begriff „Selbst“: „Die Heilung des Selbst“. Ich führe dies an, weil es eine zentrale Frage berührt: Ist die Entwicklung, die Heinz Kohut vom ersten zum zweiten Buch genommen hat, eine, die als „Bruch“ oder als „Fortentwicklung“ anzusehen ist? Man kann wie bei allen geschichtlichen Prozessen, von denen die der individuellen Entwicklung ein Teil sind, den Aspekt der Kontinuität betonen – oder aber den der Diskontinuität.

Tatsache ist, dass Heinz Kohut seine Konzeptualisierungen des Narzissmus immer weniger im Rahmen einer Trieb-/Selbst-Psychologie verorten kann. Ob er mit seiner neuen „Rahmung“, einem von ihm entwickelten (Re-)Framing sich noch innerhalb der Psychoanalyse bewegt, ist eine Frage, deren Beantwortung davon abhängt, welchen Maßstäbe man anlegt. Heinz Kohut selbst empfand sich bis zu seinem Tode als Psychoanalytiker, bedeutsame Andere hingegen hielten ihn nicht mehr für einen solchen. So etwa Anna Freud, mit der er jahrelang freundschaftlich verbunden und in Fragen der „Laien-Analyse“ gegen die US-amerikanischen Psychoanalytiker(innen) einig war. Die erklärte ein Jahr nach Erscheinen von „The Restauration of the Self“, Heinz Kohut sei „antipsychoanalytisch“ geworden (S. 16). Und ihre Stimme, der sich gewichtige andere zugesellten, wog schwer: Sie galt damals als die Gralshüterin der „wahren“ Freudschen Lehre.

Wie die Fortentwicklung vom ersten zum zweiten Buch konkret aussah und worin die Kohutsche Selbst-Psychologie besteht, ist dargestellt im

2. Kapitel Eine eigenständige „Psychologie des Selbst“,

dessen Basis im Wesentlichen „Die Heilung des Selbst“ sowie der 1978 erstpublizierte und 1980 in deutscher Übersetzung erschienene Aufsatz „Die Störungen des Selbst und ihre Behandlung“ (Kohut & Wolf, 1978; deutsch 1980) bilden.

Was bei aller Kontinuität des Denkens jetzt den Unterschied zu früher markiert ist die Entwicklung einer Psychologie, in der das Selbst nicht mehr (nur) als ein Inhalt des psychischen Apparates gesehen wird (in konventioneller Manier und konservativer Absicht wie noch in „Narzißmus“; Psychologie des Selbst im engeren Sinne), sondern als Mittelpunkt des psychologischen Universums (Psychologie des Selbst im weiteren Sinne). Das sprengt den traditionellen Rahmen, und muss in den Augen der Traditionalist(inn)en als „Verrat“ erscheinen.

Dieser Veränderung parallel laufen andere (z.T. schon früher einsetzende):

  • Der Freudschen „Lust“ wird die selbstpsychologische „Freude“ zur Seite gestellt.
  • Im Dreischritt „Erinnern, Wiederholen und Durcharbeiten“ (Freud, 1914) wird dem Wiederholen („Erleben“) gegenüber der Tradition besondere Bedeutung beigemessen.
  • Die prä-ödipale Entwicklungsphase bekommt in ihrer Bedeutung für die Entwicklung des Individuums eine gleichwertige, ja sogar höhere Bedeutung als die ödipale.
  • Die äußere Realität bekommt ihre Dignität zurück: „In Kohuts Selbstpsychologie erhalten die realen elterlichen Selbstobjekte eine den traumatischen Kräften der Verführungstheorie analoge Stellung.“ (S. 120) D.h.: „Bei Kohut wird nun der Realität als ätiologischem Faktor für die Entstehung psychischer Störungen große Bedeutsamkeit eingeräumt…“ (S. 120).
  • Das Menschenbild verändert sich: „Kohut hatte demgegenüber [gegen Freuds Menschenbild und in Übereinstimmung mit dem der humanistisch-experienziellen Therapie] ein entfaltungsorientiertes und positives Menschenbild: Er erachtet den Menschen, der von Anfang an nach Anbindung und Einfühlung sucht, im Wesentlichen als gut.“ (S. 30)

Im Vorstehenden wurde erstmals der Begriff „Selbstobjekt“ benutzt. Er ist kennzeichnend für Heinz Kohuts Denken. Er markiert einerseits die von ihm gegen die Tradition reklamierte Bedeutung realer früh(st)kindlicher Bezugspersonen (Mutter, Eltern). Andererseits markiert er auch, wie sehr er noch im traditionellen Denken verhaftet, in seinem Befreiungsprozess an diesem Punkte also gleichsam „stecken geblieben“ ist: „[René] Spitz … hatte aufgezeigt, dass Freud das libidinöse Objekt ganz vorwiegend vom Standpunkt des Kindes (und seiner unbewussten Wünsche) aus und nicht vor dem Hintergrund der wechselseitigen Beziehung zwischen Mutter und Kind betrachtet hat. Diese Tradition hat sich jedoch so tief eingegraben, dass selbst Kohut die Selbstobjekte aus der hypothetischen narzisstischen Sicht- und Erlebnisweise des Säuglings abgeleitet hat.“ (Thomä & Kächele, 2006, S. 50)

In diesem Kapitel gibt es zwei durch Zwischenüberschriften gekennzeichnete Abschnitte:

  • In „Die bipolare Struktur des Selbst“ wird einmal auf die in der Überschrift angesprochene Unterscheidung zwischen zwei wesentlichen Bereichen des Selbst eingegangen: Exhibitionismus (des Größen-Selbst) und Idealisierung(swünsche des kleinen Kindes) sowie zum anderen vier Syndrome der Selbst-Pathologie und fünf nach selbstpsychologischen Gesichtspunkten gebildete Charaktertypen skizziert.
  • Der nächste Abschnitt „Selbstpsychologie und Ödipuskomplex“ behandelt einen für die binnen-psychoanalytische Diskussion zentralen Punkt. Denn: „Kohuts Selbstpsychologie hat ihren Ausgangspunkt in Unzufriedenheiten mit der neoklassichen Technik und ihrer theoretischen Basis, den innerseelischen ödipalen Konflikten bestimmter Übertragungsneurosen.“ (Thomä & Kächele, 2006, S. 11)

Auch in Kapitel 3 Wie heilt die Psychoanalyse? steht im Zentrum der Betrachtung ein neues – erst nach Heinz Kohuts Tod erschienenes – Buch: „How Does Analysis Cure?“ (1984, Chicago: University of Chicago Press; deutsch „Wie heilt Psychoanalyse?“, 1987 bei Suhrkamp erschienen). Dieses Buch entfaltet in vielerlei Variationen, was in „Heilung des Selbst“ (HdS) bereits als Leitmotiv angeklungen war. Danach finden die strukturellen Veränderungen, die wesentlich für eine Aufhebung der Pathologie von Patient(inn)en sind, nicht infolge „intellektueller Einsichten statt, sondern infolge der allmählichen Verinnerlichungen, die durch die Tatsache bewirkt werden, daß die alten Erfahrungen wiederholt von der jetzt reiferen Psyche durchlebt werden“ (HdS 41). Damit relativiert Kohut den Aspekt der veränderungswirksamen „Einsichten“ („Nicht die Deutung ist es, die den Patienten heilt“; HdS 42) zugunsten einer stärkeren Akzentuierung der Beziehung zum Analytiker. (S. 122)

Das 3. Kapitel hat drei durch eigene Überschriften abgesetzte Abschnitte:

  • „Neue Einschätzung der Selbst-Selbstobjekt-Beziehungen“
  • „Zur Theorie des Heilungsvorgangs“ und
  • „Zum Umgang mit Abwehr und Widerstand“.

In den beiden letzten Abschnitten finden sich zentrale Aussagen zur Behandlungstechnik. Die kann und muss verstanden werden auf dem Hintergrund einer neuen (Behandlungs-)Theorie: Wesentlich an Kohuts neuer Einschätzung der Selbstobjektbeziehungen ist, daß er die frühere Position verläßt, die besagte, daß Selbstobjekte durch Strukturen ersetzt werden können, indem durch Internalisierungsvorgänge die Funktionen des Selbstobjektes angeeignet und in innere Strukturen verwandelt werden. Stattdessen vertritt er die Position einer Unentrinnbarkeit, eines lebenslänglichen Angewiesenseins auf Selbstobjekte. Somit geht es um die Entwicklung reifer Selbstobjektbeziehungen, letztlich also um die Fähigkeit, solche Beziehungen für sich zu finden, die dazu dienen, das eigene Selbst in einer responsiven reifen Matrix zu stärken und somit gesund zu erhalten. (S. 134)

Mit dieser Bestimmung, das sei – ein Stück Diskussion vorwegnehmend – gleich hier angemerkt, macht Heinz Kohut die Psychoanalyse anschlussfähig an einen philosophischen Diskurs, für den in neuerer Zeit etwa Axel Honneth (https://de.wikipedia.org/wiki/Axel_Honneth) mit seiner „Philosophie der Anerkennung“ steht, die aber eine lange Tradition hat. In der steht auch (der junge) Hegel, der uns lehrte, dass sich jedes Selbst-Bewusstsein nur in der Anerkennung des jeweils anderen ausbildet. Besteht in diesem Vorgang (durch gesellschaftliche Verhältnisse bewirkte) starke Asymmetrie, bilden sich (nur) Deformationen aus: ein Selbstbewusstsein des Herrn und eines des Knechts (woran dann Karl Marx theoretisch und Kommunismus wie Sozialismus praktisch angeknüpft hat).

Der Jahrzehntewechsel von den 1960ern zu den 1970ern markiert eine Wendemarke im Leben und Werk Heinz Kohuts. 1969 wurde nicht er, der seit 1965 Vizepräsident der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung (IPV) gewesen war, deren Präsident (wie er sich das gewünscht hatte), sondern der kalifornische Psychiatrieprofessor Leo Rangell (https://en.wikipedia.org/wiki/Leo_Rangell), neben (unter?) dem er weitere vier Jahre IPV-Vizepräsident war. 1969 hatte er die Arbeit an seinem „Narzißmus“-Buch beendet, das 1971 veröffentlicht wurde. In eben dieser Zeit um die Jahrzehntenwende unterzog sich Heinz Kohut einer Selbstanalyse, um seine (Heil-/Lehr-)Analyse bei Ruth Eissler aufzuarbeiten. Zeitgleich war seine Mutter an einer paranoiden Störung erkrankt; sie starb 1972. Im Herbst zuvor war bei Heinz Kohut Lymphzellenkrebs diagnostiziert worden.

Von nun an, und er wusste das, hatte er nicht mehr allzu lange zu leben; ein Jahrzehnt Lebens- und Schaffenszeit blieb ihm noch. Wir wissen bis heute nicht mit der Sicherheit zu der gediegene biographische Forschung gelangen kann, welche der genannten möglichen Einflussfaktoren in welcher Kombination und welchem Gewicht dazu beigetragen haben, bei Heinz Kohut als Psychoanalytiker und Wissenschaftler eine Entwicklung zu beschleunigen und zu radikalisieren, die unter anderen Umständen vielleicht gemächlicher vonstatten gegangen wäre und von externen Beobachter(inne)n mehr unter dem Aspekt der Kontinuität als dem der Diskontinuität hätte bewertet werden können.

Wie auch immer. Fakt ist: Heinz Kohut, der mit seinem „Narzißmus“-Buch von 1971 seinem Ruf als „Mr. Psychoanalysis“ noch alle Ehre gemacht hatte, wird spätestens mit „Heilung des Selbst“ von 1977 zum Gegenstand binnen-psychoanalytischer Kritik, die durch „Wie heilt die Psychoanalyse“ neue Nahrung erhält und weit über seinen Tod hinaus andauert. Von dieser Diskussion werden uns

Im 4.Kapitel Kritik an Kohut

Proben in drei gesonderten Abschnitten – vom Autor bewertet – vorgeführt:

  • In „Kohut und seine Vorläufer“ wird die Frage behandelt, ob Heinz Kohut so originär ist, wie er sich – durch Nicht-Benennung von Vordenker(inne)n – gibt, oder aber ob er ein „Schwindler“ ist. „Wie dieser Bericht zeigt, ist Ferenczi in den letzten 50 Jahren für viele zum Steinbruch geworden, aus dem sie die Materialien für ihre ‚Neubauten‘ bezogen haben, oft ohne den Fundort anzugeben – beschämend für die viel gerühmte Redlichkeit der Wissenschaft.“ Das hat Johannes Cremerius 1983 (S. 1006) vorgebracht zur Ehrenrettung Sándor Ferenczis und zwei Jahre zuvor hatte er Heinz Kohut wissenschaftliche Unredlichkeit im Umgang mit Denktraditionen und Quellen vorgeworfen. Er war, wie vorliegender Abschnitt zeigt, mit solchem Angriff weder der erste noch der letzte.
  • Um inhaltliche Kritikpunkte geht es in den beiden nächsten Abschnitten. Zunächst um seine These von „Komplementarität“ als Beziehung zwischen der traditionellen Konflikt- und seiner Selbstpsychologie.
  • Im Abschnitt „Selbstobjekt und ‚true object‘“ wird dann in Tiefe und Breite dargestellt, wie Heinz Kohut das Konstrukt „Selbstkonzept“ im Laufe seiner Denkentwicklung in sich verändernden Weise konzipiert hat und wie es von seinen Nachfolger(inne)n wie seinen Kritiker(inne)n unterschiedlich aufgefasst wurde.

Mit „Abschließende Perspektiven“ (5. Kap.) endet der Textteil des Buches. In den Abschnitten

  • „Anspruch der Selbstpsychologie“ und
  • „Lösungswege“

diskutiert der Autor die Frage, wie und wo denn der Kohutsche Ansatz im Gesamtzusammenhang der Psychoanalyse zu verorten sei.

Diskussion

Was, werden manche Leser(innen) fragen, was soll man denn anfangen mit einem Buch, das schon vor zwei Jahrzehnten verfasst wurde? Ist es denn nicht veraltet? Gibt es denn nichts Neueres? Die Antwort ist eine dreifache:

  • Erstens gibt es bis heute keine deutschsprachige Monographie zu Heinz Kohut, die jüngeren Entstehungsdatums wäre. Allen M. Siegels „Einführung in die Selbstpsychologie. Das psychoanalytische Konzept von Heinz Kohut“ erschien zwar 2000., doch handelt es sich um die Übersetzung des englischsprachigen Originals von 1996.
  • Zweitens ist das vorliegende Buch der Sache nach vollständig, weil es keine bedeutsamen erst nach 1996 veröffentlichten Schriften Heinz Kohuts gibt, und
  • drittens wirkt es in keinem Sachpunkt veraltet. Sicher, man – auch Ralph J. Butzer selbst – könnte heute unbefangener über Heinz Kohut schreiben. Die geschichtliche Entwicklung lief zu dessen Gunsten, und über „Neuerer“ schreibt sich nun mal unbeschwerter als über „Dissidenten“.

In der Psychoanalyse finden sich heute drei etablierte Grundrichtungen: „die Selbstpsychologie neben Trieb- bzw. Ich- (die beiden können zusammengefaßt werden) und Objektbeziehungstheorie“ (S. 171). Otto Kernberg (https://de.wikipedia.org/wiki/Otto_F._Kernberg) hat in seinem berühmt gewordenen Vortrag „Wandlungen psychotherapeutischer Konzepte“ auf den Lindauer Psychotherapiewochen 1991 (Kernberg, 1991) eine vergleichbare Dreiteilung vorgenommen: die „Ichpsychologie“, die „Objektbeziehungstheorien“ und die „interpersonellen Theorien“. Der ins Auge springende Unterschied: Wo bei Ralph J. Butzer „Selbstpsychologie“ steht, findet sich bei Otto Kernberg „interpersonelle Theorie“. Ist die jeweils dritte Grundausrichtung für die beiden eine verschiedene? Der Sache nach nicht, wohl aber in der Bezeichnung. Unter den „interpersonellen Theorien“ findet sich bei Otto Kernberg (1991) nämlich neben Harry Stack Sullivan (https://de.wikipedia.org/wiki/Harry_Stack_Sullivan) auch Heinz Kohut. „Selbstpsychologie“ und „interpersonelle Therapie“ sind beide, weil unterschiedliche Perspektiven bei Betrachtung ein und desselben „Gegenstandes“ einnehmend, zutreffende „Katalogisierungen“ des Ansatzes von Heinz Kohut.

Bei Otto Kernberg (1991), der in der Narzissmus-Frage in direkter Konkurrenz zu Heinz Kohut stand, findet sich eine knappe Charakterisierung des interpersonellen oder Selbstpsychologie-Ansatzes:

„Die Einstellungen der interpersonellen Theorien gehen auch von unbewußten intra-psychischen Konflikten aus, unterstreichen aber die traumatischen Erlebnisse der Vergangenheit, die die normale Entwicklung der Persönlichkeit verhindern. Diese traumatischen Erfahrungen mit anderen werden in die Persönlichkeit relativ unmotiviert eingebaut und tauchen dann in der Übertragung wieder auf als eine Aktivierung dieser traumatischen Erfahrungen mit dem Therapeuten.

Die Technik besteht nun darin, die Verzerrung der jetzigen Beziehung angesichts dieser Aktivierung vergangener traumatischer Beziehungen durch das korrigierende Erlebnis der jetzigen Behandlung zu reduzieren.

Die Hauptvertreter der interpersonellen Theorien sind einerseits Sullivan und andererseits Kohut. Vielleicht verwundert es Sie, daß ich Sullivan und Kohut zusammenbringe, aber ich glaube, sowohl Sullivan als auch Kohut haben auf der Bedeutung der realen frühen Erlebnisse bestanden und darauf hingewiesen, die umgebungsbedingte Ursache neurotischer Erkrankungen und die Realität dieser traumatischen Erfahrungen zu respektieren. Sie haben beide die reale Beziehung mit dem Therapeuten als ein heilendes Mittel dargestellt.

Im Gegensatz dazu ist für die Objektbeziehungstheorie die unbewußte Umwandlung der Vergangenheit viel wichtiger als ihre direkte Reproduktion. Die Objektbeziehungstheorie und die Ichpsychologie bestehen auf der Bedeutung der triebbedingten Ursachen der pathologischen Interaktionen und traumatischen Erfahrungen in der Vergangenheit.“ (Kernberg, 1991, S. 10)

Die o.g. „Trieb- bzw. Ich-Theorie hatte mit den Schriften von Sigmund Freud (zusammenfassend: „Abriss der Psychoanalyse“, 1938) und Anna Freud (insbesondere: „Das Ich und die Abwehrmechanismen“, 1936) ihre klassische Gestalt gewonnen. An den Anfang der beiden anderen Richtungen wird in der psychoanalytischen Geschichtsschreibung gemeinhin Melanie Klein (https://de.wikipedia.org/wiki/Melanie_Klein), die ihre erste analytische Ausbildung bei Sándor Ferenczi (vgl. Heekerens, 2014a, 2015) erfuhr, gestellt. Die Objektbeziehungstheorie ist in Deutschland vor allem mit dem Namen von Otto Kernberg verknüpft, und für die Selbst-Psychologie nach wie vor Heinz Kohut. Wenn man in der Ausbildung zur Sozialen Arbeit und im Diskurs der Sozialen Arbeit die Psychoanalyse nicht auf einen wie auch immer gearteten Freudianismus einengen will, dann muss man neben den Freuds und den Freudianer(inne)n auch die Vertreter(innen) der Objektbeziehungs- und der Selbst-Theorie zur Kenntnis nehmen. Zur letzteren bietet das vorliegende Buch einen guten Zugang, der im deutschsprachigen Raum nach wie vor keinen besseren fürchten muss.

Was man nicht oft genug – der Autor tut das vielleicht nicht mit allem Nachdruck – betonen muss: Die Entstehung des Theoriekonzepts „Selbst“ rührt aus der klinischen Erfahrung. Der langjährige Kohut-Mitarbeiter Ernest S. Wolf hat den Entstehungsprozess so beschrieben: „Eine seiner [Kohuts] Patient(inn)en, ein klarer Fall von ödipaler Psychopathologie, reagierte auf seine Interpretationen ihrer ödipalen Übertragungen nicht in der Weise, wie das von ihr zu erwarten war. Wieder und wieder brachte er die Interpretation vor, und jedesmal lehnte die Patientin sie ab. Widerstand? Daten und Theorie passten gut zueinanander. Nicht analysierbar? Schließlich entschied sich Kohut, dem zuzuhören, was die Patientin ihm erzählte, [ab hier bewusst im Original] listen openly and empathically, listen for what this patient was experiencing inside herself. Thus was self psychology born.“ (Wolf, 1996, S. 16; teilw. Übers. d. Rez.)

Heinz Kohut hat, was hier in genetischer Weise skizziert wird, in systematischer Hinsicht so beschrieben: „Doch ich muss langsam vorgehen und meine Ansichten über frühe Entwicklung, seelische Gesundheit und Heilung nicht isoliert vortragen, sondern in dem fundamentalen Kontext, aus dem sich alle Erklärungen herleiten: der empathischen Beobachtung der Erfahrungen meiner Analysanden in der analytischen Situation.“ Die analytische Situation charakterisiert er wenige Zeilen später präzisierend dahin gehend, dass er von der „aktivierenden Matrix der psychoanalytischen Situation“ spricht (beide Zitate in seinem kurz vor seinem Tod 1981 abgeschlossenen Buch „Wie heilt Psychoanalyse?“, 1989, S. 20).

Stichwort „Empathie“. Von ihr spricht Heinz Kohut zeit seines Berufslebens, von „Introspektion, Empathy, and Psychoanalysis“ (Vortrag anlässlich der 25-Jahr-Feier des Chigacoer Instituts für Psychoanalyse im Jahr 1957) bis zu „Introspection, Empathy, and the Semicircle of Mental Health“ (verfasst für dessen 50-Jahr-Feier im Jahr 1982). Heinz Kohut hat stets darauf hingewiesen, dass es falsch wäre, seinen Begriff von „Empathie“ gleichzusetzen mit einem, den man von Carl Rogers her kennt – und dieser hat sich gegen eine Gleichsetzung ebenfalls verwahrt (Rogers, 1986, 1987). In der Tat: Das Kohutsche Konzept von „Empathie“ ist breiter als das Rogerianische; aber in mancherlei Hinsicht meinen beide der Sache nach das Gleiche (vgl. Kahn, 1985; Kahn & Rachmann, 2000; Staemmler, 2008 / 2009; Tobin, 1991). Mit diesem Aspekt seines „Empathie“-Konzepts macht Heinz Kohut die Psychoanalyse anschlussfähig sowohl an das Gespräch mit anderen therapeutischen Schulen als auch an den Diskurs über eine evidenzbasierte Psychotherapie (dazu unten mehr).

Helmut Thomä und Horst Kächele (2006) haben in der 3. Auflage von „Psychoanalytische Therapie. Grundlagen“ postuliert: „Tatsächlich führt eine direkte Linie von Freuds gleichschwebender Aufmerksamkeit über das dritte Ohr Reiks zu Kohuts (1959) empathisch-introspektiver Methode psychoanalytischer Beobachtung.“ (S. 257) Gegen Ende seines Lebens benutzte Heinz Kohut den Begriff „Empathie“ in drei verschiedenen Weisen (vgl. Kohut, 2016). Mit Rückblick auf die Rede von 1957 spricht er von „Empathie im epistemologischen Kontext“ (hier und nachfolgend aus vorliegendem Buch S. 215), von „Empathie auf der erfahrungsfernsten, epistemologischen Ebene“. „In diesem Kontext, das versteht sich von selbst, ist Empathie eine wertneutrale Beobachtungsmethode – eine Beobachtungsmethode, die auf das innere Leben des Menschen eingestimmt ist…“ Was diese Auffassung von „Introspektion“ betrifft, ist die referierte Einschätzung von Helmut Thomä und Horst Kächele (2006) zutreffend.

Aber der späte Heinz Kohut hat noch zwei weitere, lebensgeschichtlich jüngere Vorstellungen von „Empathie“ und spricht in diesem Zusammenhang von einem „bescheideneren erfahrungsnahen Vorgehen [, bei dem] zwischen zwei Ebenen zu unterscheiden ist: (a) zwischen der Empathie als Aktivität, die auf das Sammeln von Informationen abzielt, und (b) der Empathie als starke emotionale Bindung zwischen Personen“ (ebd.). Da fühlt man (so etwa auch Kahn, 1985; Kahn & Rachmann, 2000) sich doch erinnert an Sándor Ferenczi und Otto Rank (Heekerens, 2014b, 2014c), der Carl Rogers wie kein zweiter befruchtet hat (Heekerens, 2016). Ja, man ist geneigt, sogar bei Sigmund Freud nachzuschauen. Freilich nicht unter dem Stichwort „freischwebende Aufmerksamkeit“, sondern unter dem Begriff „Einfühlung“.

Sigmund Freud hat in seinem ganzen Werk nicht mehr als ein Dutzend Mal von „Einfühlung“ gesprochen (Wolf, 1996). Einmal allerdings in einer Weise, die für künftige Entwicklungen auf dem Gebiet der Psychoanalyse und der Psychotherapie überhaupt anschlussfähig war. Am Ende des 7. Kapitels („Die Identifizierung“) von „Massenpsychologie und Ich-Analyse“ (1921) vermerkt er in einer Fußnote (zitiert werden die ersten Sätze): „Wir wissen sehr gut, daß wir mit diesen der Pathologie entnommenen Beispielen das Wesen der Identifizierung nicht erschöpft haben und ein Rätsel der Massenbildung ein Stück unangerührt lassen. Hier müsste eine viel gründlichere und mehr umfassende psychologische Analyse eingreifen. Von der Identifizierung führt ein Weg über die Nachahmung zur Einfühlung, das heißt zum Verständnis des Mechanismus, durch den uns überhaupt eine Stellungnahme zu einem anderen Seelenleben ermöglicht wird.“ (http://gutenberg.spiegel.de/buch/massenpsychologie-und-ich-analyse-934/7)

Man darf aus guten Gründen annehmen, dass Sigmund Freud hier eine Konzeption des deutschen Philosophen und Psychologen Theodor Lipps (https://de.wikipedia.org/wiki/Theodor_Lipps) aufgreift (Pigman, 1995), mit dem er seit 1898 in wechselseitigem Respekt verbunden war (Kanzer, 1981). Der englischstämmige US-amerikanische und bei Wilhelm Wundt in Leipzig 1892 promovierte Psychologe Edward Bradford Titchener (https://en.wikipedia.org/wiki/Edward_B._Titchener), übersetzte 1909 den deutschen und von Theodor Lipps näher bestimmten Begriff „Einfühlung(svermögen)“ ins Englische mit „empathy“, von wo es als „Empathie“ (und nicht „Sympathie“) Eingang in die deutsche Sprache finden sollte (Jahoda, 1995). Und umgekehrt wurde Sigmund Freuds „Einfühlung“ ab den 1920ern in englischen Übersetzungen mit „empathy“ wiedergegeben (Depew, 2005).

„Empathie“ in dem zuletzt behandelten und der Sache nach Rogerianischen Sinne ist ein bedeutsamer Wirkfaktor der Psychotherapie. Im Jahre 2011 hat die Task Force on Evidence-Based Therapy Relationships (Leitung: John C. Norcross), gebildet von den Sektionen „Klinische Psychologie“ (von der behavioralen Richtung dominiert) und „Psychotherapie“ (dort sammelt sich das nicht-behaviorale Lager) der American Psychological Association als erste zwei ihrer auf umfangreicher Forschungsarbeit basierenden Schlussfolgerungen und Empfehlungen (Norcross, 2011) festgehalten:

  • Die therapeutische Beziehung leistet substantielle und konsistente Beiträge zum Ergebnis einer Psychotherapie – und das unabhängig von einem spezifischen Behandlungsansatz.
  • Die therapeutische Beziehung trägt zum Gelingen (oder Misslingen) einer Therapie in mindestens demselben Maße bei wie eine bestimmte Behandlungsmethode. (Übers. d. Rez.)

Zu den sechs identifizierbaren Beziehungselementen, die mit hoher Sicherheit wirksam sind (demonstrable effective), gehört „Empathie“.

Fazit

Heinz Kohut ist ein bedeutsamer Neuerer der Psychoanalyse, er ist einer der Wegbereiter dessen, was heute „Relationale Psychotherapie“ (vgl. etwa Sassenfeld, 2015) nennt. Sein Verdienst besteht nicht zuletzt darin, dass er die Psychoanalyse modernisiert hat auch in dem Sinne, dass er sie anschlussfähig gemachte. Anschlussfähig einmal an die empirisch verfahrende Entwicklungspsycho(patho)logie durch seine Konzeption des Selbst und dessen Entstehungsbedingungen. Anschlussfähigkeit aber auch – durch einen bedeutsamen Aspekt seines „Empathie“-Konzeptes – an den von verschiedenen therapeutischen Schulen betriebenen Diskurs zu einer Allgemeinen Psychotherapie und deren Evaluation (Effektivitäts- und Prozessforschung).

Wer unter Psychoanalyse nicht nur den eingefleischten Freudianismus verstanden wissen will, sondern auch – neben der Objektbeziehungstheorie – die Theorie des Selbst als dritten bedeutsamen Ansatz der modernen Psychoanalyse kennen lernen möchte, der oder dem sei das vorliegende Buch zur Lektüre empfohlen. In den Bibliotheken von Hochschulen mit Studienmöglichkeiten in Sozialer Arbeit sollte es vorhanden sein; an solchen mit (Master-)Schwerpunkt „Klinische Sozialarbeit“ in mehreren Exemplaren.

Literatur

  • Aichhorn, Thomas & Schröter, Michael (2016). August Aichhorn und Heinz Kohut. Aus ihrem Briefwechsel 1946 – 1949.
  • Cremerius, J. (1983). Sándor Ferenczis Bedeutung für Theorie und Therapie der Psychoanalyse. Psyche, 37, 988 – 1015.
  • Depew, D. (2005). Empathy, psychology, and aesthetics: Reflections on a repair concept. Poroi.
  • An Interdisciplinary Journal of Rhetorical Analysis and Invention, 4 (1), 99-107. Online verfügbar unter http://ir.uiowa.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=1033&context=poroi [letzter Aufruf am 30.10.2016].
  • Heekerens, H.-P. (2014a). Rezension vom 20.03.2014 zu Ferenczi, S. (2013). Das klinische Tagebuch. Gießen: Psychosozial-Verlag. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/16363.php).
  • Heekerens, H.-P. (2014b). Rezension vom 10.09.2014 zu Lieberman, E. J. (2014). Otto Rank. Leben und Werk (2., unveränderte Aufl.). Gießen: Psychosozial-Verlag. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/16563.php).
  • Heekerens, H.-P. (2014c). Rezension vom 10.09.2014 zu Lieberman, E. J. & Kramer, R. (Hrsg.) (2014). Sigmund Freud und Otto Rank. Ihre Beziehung im Spiegel des Briefwechsels 1906-1925. Gießen: Psychosozial-Verlag. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/16964.php).
  • Heekerens, H.-P. (2015). Rezension vom 26.08.2015 zu Haynal, A. (2015). Die Technik-Debatte in der Psychoanalyse. Freud, Ferenczi, Balint. Gießen: Psychosozial-Verlag. Socialnet Rezensionen (www.socialnet.de/rezensionen/19358.php).
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Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 17.11.2016 zu: Ralph J. Butzer: Heinz Kohut zur Einführung. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2016. ISBN 978-3-8379-2610-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21193.php, Datum des Zugriffs 19.08.2019.


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