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Anette Kunz, Ulrich Mergner: Auf dem Weg zur Disziplin

Cover Anette Kunz, Ulrich Mergner: Auf dem Weg zur Disziplin. Hundert Jahre öffentlich getragene Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln 1914-2014. Greven Verlag (Köln) 2016. 287 Seiten. ISBN 978-3-7743-0649-3. D: 29,90 EUR, A: 30,80 EUR.
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Autorin und Autor

Anette Kunz ist Historikerin und arbeitete 2010 bis 2016 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der FH Köln. Ulrich Mergner war an der gleichen Einrichtung zwischen 1996 und 2014 Professor und langjähriger Dekan der dortigen Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften. Von 1977 bis 1993 arbeitete ich als Hochschullehrer im damaligen FB Sozialpädagogik der FH Köln.

Thema und Aufbau

Darstellungen der Geschichte einer Ausbildungseinrichtung für die Soziale Arbeit sind selten und auch nicht einfach zu bewerkstelligen. Im vorliegenden Buch versuchen die Autoren in neun Kapiteln, ausgehend von allgemeiner Geschichte und den jeweiligen sozialen Themen, die städtische Ausbildung für das Sozialwesen in Köln zu beschreiben. Methodisch geht es vorwiegend um Dokumentenanalyse sowie bezüglich der jüngeren Vergangenheit um „oral history“.

Inhalt

Kurz vor Kriegsbeginn 1914 wurde unter der Regie des Gesundheitsamtes die „Schule für kommunale Wohlfahrtspflegerinnen“ in Köln eröffnet. Vereinfacht gesagt, waren schon damals zwei Schwerpunkte erkennbar:

  1. Die „Wohlfahrtspflege“ (später Sozialarbeit) kam als Kontrollfunktion aus der mittelalterlichen Armenpflege.
  2. Im 19. Jh. hatte sich aus Kindergartenpädagogik und Jugendarbeit die „Sozialpädagogik“ entwickelt.

Diese inzwischen unsinnige Zweiteilung wurde erst vor wenigen Jahren unter dem Begriff „Soziale Arbeit“ beendet. Schon seit 1980 befürworteten C. W. Müller und ich den Oberbegriff „Soziale Arbeit“.

Die Weimarer Republik war als Sozialstaat gedacht. Die Gesetze zur Jugend- und Sozialhilfe förderten die Ausbildung an damals über 40 Einrichtungen. Inzwischen waren im ursprünglichen Frauenberuf auch Männer zugelassen worden. Auch das Wirken der Leiterin des Kölner Wohlfahrtsamtes, Dr. Hertha Kraus, ihre Verdienste um die Modernisierung der Altenhilfe, die erzwungene Flucht vor den Nazis in die USA, ihre Hilfe beim Aufbau einer demokratischen und humanen Sozialarbeit nach 1945 sowie ihr heute leider fast vergessenes Sammelwerk „Casework in USA“ (1950) werden erwähnt.

Im folgenden Kapitel „Ideologisierung und Entprofessionalisierung“ wird die personelle „Säuberung“ und inhaltliche „Gleichschaltung“ der Kölner Wohlfahrtsschule von 1933 bis zur Auflösung im Jahre 1944 beschrieben. Ideologische, völkische und rassistische Inhalte machten etwa 40 Prozent des Curriculums aus (S. 126).

Die beiden nächsten Kapitel beschäftigen sich mit den Zeitabschnitten 1945 bis 1959 sowie der anschließenden Phase bis 1973. Schon 1945 ging es weiter. Teilweise war noch das alte Personal vorhanden. Die Nazi-Diktatur sowie die eigene Rolle darin waren ein Tabu. Man versuchte, an die Erfahrungen der Weimarer Zeit anzuknüpfen. Damals wurden ausbildungsmäßig die Schwerpunkte Gesundheits-, Jugend- und Wirtschaftsfürsorge angeboten. In den Sechziger Jahren entstanden daraus die Höheren Fachschulen für Sozialarbeit und Sozialpädagogik, die ab Anfang des Wintersemesters 1971/72 entsprechende Fachbereiche der neugegründeten Fachhochschule Köln wurden.

Häufig verlieren sich die Autoren im Gestrüpp von Studienzielen, Studienordnungen, Protokollen und Erklärungen als ob dort der „Weltgeist“ aufzufinden gewesen wäre. Scheinbar Neues gab es schon früher. Beispielsweise wurde das hochgelobte Projektstudium schon ab 1920 sogar zweitägig pro Woche an der Wohlfahrtschule in Jena praktiziert. Für die 1970er Jahre wird eine „deutliche institutionskritische Ausrichtung“ (S. 229) bescheinigt. Natürlich sollte eine wissenschaftsbezogene Ausbildung auch kritisch gegenüber Institutionen und Sozialpolitik sein. Aber manches ging zu weit. Ich kann mich an „Steckbriefe“ von „studentischen Initiativen“ erinnern, die in den Fluren aushingen. Hier konnte man die „Feinde“ sehen: Der Sozialdezernent oder Jugendamtsleiter der Stadt Köln sowie einige Kollegen. Beispielsweise war mein „Steckbrief“ sogar mit einer Zielscheibe zum Drauf-Schießen versehen. Manche sozialen Einrichtungen nahmen auch keine Praktikanten mehr, nachdem ruchbar wurde, dass Studierende Akten von Patienten entwendet, fotokopiert und in der Mensa ausgehängt hatten, um das „System zu entlarven“.

Die letzte und hoffentlich „ruhigere“ Phase in der Entwicklung der staatlichen Sozialwesen-Ausbildung in Köln zwischen den Jahren 1990 bis 2014 nennen die Verfasser „Aufbruch zu neuen Ufern. Wissenschaft der Sozialen Arbeit, Bologna-Studiengänge und Promotionskollegs“. In dieser Zeit kam es zum Beitritt der DDR zur BRD, dem Rückbau des Sozialstaates und einer Europäisierung der Studienabschlüsse. Bologna sei Dank. Endlich konnte man durch „externen Druck“ (S. 267) auch in Köln zu einer Vereinigung der beiden jahrzehntelang getrennten Studiengänge in einer neuen „Fakultät für angewandte Sozialwissenschaften“ gelangen. Diese bot nun mit entsprechender Binnendifferenzierung Bachelor- und Master-Studiengängen an. Die Tatsache, dass das Personal inzwischen vollständig erneuert worden war, mag das erleichtert haben.

Diskussion

Die Autoren verlieren sich teilweise in nebensächlichen Details. Man hatte bundesweit bei der Konstruktion dieser neuen Fachbereiche gravierende Fehler gemacht, indem ein unverbundenes und universitär orientiertes Fächerstudium eingeführt wurde. Interdisziplinäre Fragestellungen aus der Berufspraxis kamen zu kurz und gleichzeitig kämpften etwa 25 Hauptamtliche fachgebietsweise gegeneinander um die Ressourcen.

Die NRW-Regierung beging dann im Gegensatz zu anderen Bundesländern die Dummheit, Professoren, die bereits einige Jahre länger gedient hatten, automatisch in eine höhere Gehaltsgruppe zu befördern. Danach verabschiedeten sich viele auf Jahre von der Mitarbeit in der Selbstverwaltung. Jahrelang musste der FB Sozialpädagogik von einem Staatskommissar geleitet werden. Auch waren die wenigen „lehrenden Sozialarbeiter bzw. Sozialpädagogen“ in den Entscheidungsgremien unterrepräsentiert.

Die Personalauswahl war ein weiterer Geburtsfehler. Einige hatte man aus den Höheren Fachschulen als Professoren an die FH Köln übergeleitet. Dann kam es zu überhasteten Einstellungen, weil schon Stellenkürzungen drohten. Folge: Die wenigsten Professoren verfügten über Praxis in den Berufen, für die sie dann jahrzehntelang ausbildeten.

Aber wie kamen die Autoren zu folgender Schubladen-Einteilung? „So heißt es übereinstimmend, dass im Fachbereich Sozialarbeit vielfach mit der marxistischen Orthodoxie à la DKP sympathisiert worden sei, während die Sozialpädagogik eher eine linke sozialdemokratische bis antiautoritäre Position vertreten habe“ (S. 192). An diesem Zitat wird eine Schwäche des Buches deutlich. Es werden Aussagen getroffen, von denen nicht klar ist, auf welcher Grundlage sie zustande gekommen sind.

Die Tatsache, dass im FB Sozialpädagogik einige Kollegen mehr oder weniger direkt aus SPD-nahen Einrichtungen kamen oder mit Hilfe des Parteibuches von einem hinteren Listenplatz in ein Professorenamt gehievt wurden, heißt noch lange nicht, dass daraus auch eine sozialdemokratische Orientierung erwuchs.

„Die Mehrheit der Gründergeneration der Fachbereiche teilte eine gesellschaftskritische Haltung und war politisch auf Gesellschaftsveränderung durch Studium und berufliche Praxis bedacht“ (S. 192). Allerdings werden Revolutionen nicht an chaotischen Fachbereichen gemacht. Rückblickend möchte ich für die Jahre 1977 bis etwa 1990 betonen, dass schlecht ausgebildete Studierende sich von einigen Lehrenden beauftragt fühlten „die“ Gesellschaft zu verändern. Doch die Realität sah anders aus: Die Einheitsnote war „sehr gut“ oder „gut“. Oft kamen Gruppen von außen und „sprengten“ Lehrveranstaltungen. Mit Maoisten und Pol Pot-Anhängern kam es zu Auseinandersetzungen. Mit einem Kollegen habe ich abends heimlich Werbeplakate für die RAF abgehängt. Ein Kollege, der als Kind in einer Diktatur inhaftiert war, schien traumatisiert und konnte kaum noch zur Arbeit gehen.

Einige Kolleginnen und Kollegen hatten unter Missbrauch der „Lehrfreiheit“ viele Modewellen ausprobiert und diese auch zu Inhalten der Ausbildung gemacht. Auch Mao, Bhagwan, Esoterik oder Bach-Blütentherapie wurden unterrichtet. Ein Ziel mancher Kolleginnen und Kollegen war es, nur an zwei Tagen kommen zu müssen („Di-Mi-Professoren“). Da wäre mir eine DKP- oder SPD-Orientierung schon lieber gewesen. Mindestens zweimal brach nach „Streiks“ der Studienbetrieb für ein Semester zusammen. Prüfungen fanden trotzdem mit den üblichen guten Ergebnissen statt. In diesen Jahren habe ich mich oft gefragt, weshalb Ministerium und Rektorat diesem fröhlichen Treiben auf dieser unpolitischen und unprofessionellen Spielwiese zugeschaut haben. Heute weiß ich mehr über Politik- und Organisationsversagen.

Spätestens seit der Helferdiskussion und den Debatten um die Professionalisierung sollte man sich fragen, was haben Disziplin und Ausbildung bundesweit und in Köln eigentlich zur beruflichen Identität beigetragen? Dazu schreiben die Autoren einen komplizierten Satz. „Zum einen, scheint uns, lehren die historischen Erfahrungen, dass die persönliche Eignung für den Beruf (die zum Beispiel im Zusammenhang mit Missbrauchsskandalen immer wieder thematisiert wird) weder mit der Eignung für das Studium deckungsgleich ist noch zwingend durch dessen erfolgreichen Abschluss befördert wird“ (S. 271). Mit anderen Worten: Was sagen die persönliche Eignung und Studienbefähigung (Schulabschlussnoten) über ein erfolgreiches Studium bzw. eine Berufspraxis aus?

Auf der Seite 248 wird erwähnt, dass schon vor mehr als zwei Jahrzehnten mit Evaluierungen der Lehre, also der Bewertung von Lehrveranstaltungen und Studienorganisation, seitens der Studierenden, begonnen wurde. Es werden aber nur zwei alte Untersuchungen von 1976 (S. 230) und 1995-1997 (S. 248) ohne Auswertung erwähnt. Doch dann lese ich sehr allgemein: „Die Studiengänge des Sozialwesens wurden damit zu Vorreitern der Bemühungen zur Verbesserung der Qualität der Lehre“ (S. 248). Vorreitern wo denn? In der Welt? In Deutschland oder an der FH Köln oder nur beim Sozialwesen? Zu Anfang der 1990er Jahre hatte ich als Prüfungsverantwortlicher die studentischen Ergebnisse von Bewertungen der Lehrleistungen einsehen können: Eine große Diskrepanz zwischen dem Selbstbild vieler Professoren und der Lernrealität von Studierenden war erkennbar. Wie ist das denn heute?

Fazit

Störend und verwirrend fand ich das seitenlange Wiederholen von Studieninhalten, Protokollen, Modulen, erfolglosen Resolutionen oder den Hinweisen, wer wann mal welches Ämtchen innehatte. (Letzteres hätte man besser tabellarisch im Anhang darstellen können). Die komplizierte soziologendeutsche Schreibe erschwert unnötigerweise das Lesen. Statt Materialwust hätte ich mir einen systematischen und analytischen Blick, Evaluierungsergebnisse und Ergebnisse von Absolventenbefragungen gewünscht. Wie kommen die Absolventen eigentlich in der Praxis zurecht?

Aber: Eine gerade noch lesbare Darstellung von einhundert Jahren öffentlich getragener Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln ist besser als keine. Der Versuch einer Verknüpfung von tragischer deutscher Realgeschichte, sozialem Wandel, Armut und Hilfe über Ehrenamt und sich entwickelnder Profession in einer bis 1945 katholischen Stadt ist schon interessant.

Wer sollte das Buch lesen? Im Zeitalter von Modulen oder „copy and paste“ werden sich Studierende kaum dafür interessieren. Sie sollten es aber. Gut, es gibt bessere und umfassendere Darstellungen der Professionsgeschichte. Natürlich ist das Werk auch für Kolleginnen und Kollegen oder Praktiker gedacht. Wahrscheinlich haben die Autoren die schreckliche Aufmachung des Buches durch den Greven Verlag nicht zu verantworten. Alle Fotos sind in ein verwaschenes Rot getaucht und schaden der Lesbarkeit.


Rezensent
Prof. Dr. Nando Belardi
Bergisch Gladbach bei Köln, em. Universitäts-Professor und Lehrstuhlinhaber für Sozialpädagogik an der TU Chemnitz. Tätigkeit als Gastprofessor in Hongkong, Wolgograd, Bozen und Chengdu
Homepage www.nando-belardi.jimdo.com
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Zitiervorschlag
Nando Belardi. Rezension vom 08.11.2016 zu: Anette Kunz, Ulrich Mergner: Auf dem Weg zur Disziplin. Hundert Jahre öffentlich getragene Ausbildung für die Soziale Arbeit in Köln 1914-2014. Greven Verlag (Köln) 2016. ISBN 978-3-7743-0649-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21198.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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ISSN 2190-9245

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