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Qualität in der Kindertages­betreuung: ein Zwischenzeugnis

Cover Qualität in der Kindertagesbetreuung: ein Zwischenzeugnis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. 96 Seiten. ISBN 978-3-7841-2929-7. D: 14,50 EUR, A: 15,00 EUR.

Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit 03/2016.
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Thema

Das Themenheft 3/2016 der Fachzeitschrift „Archiv für Wissenschaft und Praxis der sozialen Arbeit“ behandelt das Thema Qualität in der Kindertagesbetreuung. Neun Einzelbeiträge betrachten verschiedene Facetten des Arbeitsfeldes. Der Leser erhält dabei sowohl einen Blick auf die Entwicklungen in den letzten Jahren und den aktuellen Stand als auch auf Herausforderungen, die es zu meistern gilt.

Autorinnen und Autoren

Detlef Diskowski, Martin R. Textor, Ralf Kleindiek, Birgit Riedel, Monika Wertfein, Sigrid Lorenz,

Wolfgang Rüting, Jörg Asmusen, Xenia Roth, Marjon von zur Gathen, Christine Lohn

Aufbau und Inhalt

Nach dem „Editorial“ von Prof. Dr. Thomas Rauschenbach finden sich folgende Beiträge.

„Stand, Erfolge und Defizite der Qualitätsentwicklung in der Kindertagesbetreuung“ (12 Seiten) Diesen Beitrag beginnt Detlef Diskowski mit einer „Annäherung an den Begriff „Qualität“. An den Elementen des erweiterten Strukturmodells (Tietze u. a., 2015) zeigt er Erreichtes und offene Fragen auf. In Bezug auf Strukturqualität greift er beispielsweise auch das Qualitätsgesetz auf. Diskowski äußert seinen Zweifel daran, dass ein allgemeingültiges Gesetz der beste Weg ist, um auf unterschiedliche Bedingungen zu reagieren. Die Anforderungen sollten so formuliert werden, dass Spitzenreiter in der Strukturqualität keinen Vorwand zum Abbau an die Hand bekommen. (Vgl. S. 7) Auf dem Weg der Qualitätsverbesserung finden sich Hindernisse. Diese sieht der Autor neben der strukturellen Ebene auch auf der politischen. Hier weist er auf drei Aspekte hin: Das sogenannte Kooperationsverbot von Bund und Ländern im Bereich der Bildungspolitik, das Konnexitätsprinzip („Wer bestellt, bezahlt“) und die Unter- bzw. Fehlfinanzierung des Systems. Im weiteren Verlauf geht er auf die Hindernisse auf normativ-konzeptioneller Ebene und im Feld von Wissenschaft und Praxis ein. Abschließend resümiert Diskowski „In zwanzig Jahren Qualitätsdebatte wurde vieles erreicht; gleichzeitig gibt es noch viel zu tun …“ (S. 14)

Mit der „Umsetzung des Rechts auf frühkindliche Bildung in den Bundesländern“ setzt sich der 22seitige Beitrag von Martin R. Textor auseinander. Dabei beginnt der Autor mit einem Blick auf die Rechtsgrundlagen und zeigt im Anschluss die Bedeutung der frühkindlichen Betreuung, Bildung und Erziehung auf. Anhand von statistischen Werten verdeutlicht Textor, wie sich der Ausbau des Platzangebotes in den einzelnen Bundesländern entwickelt hat. Den höchsten Nachholbedarf bei U3-Betreuungsplätzen im Jahr 2014 hatten die Bundesländer Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz und Baden-Württemberg. Der Autor geht im Folgenden auch genauer auf die Personalausstattung, die besondere Situation von Kindern mit Migrationshintergrund sowie die Pro-Kopf-Ausgaben für Kindertagesbetreuung ein.

In seinem Fazit hebt er nochmals hervor, „dass das System der Kindertagesbetreuung in Deutschland durch viele Ungerechtigkeiten bzw. die Ungleichbehandlung von Kindern gekennzeichnet ist.“ (S. 35)

An drei Punkten sollte die Bundesgesetzgebung ansetzen, um diesen zu begegnen:

  • Sicherstellung eines bedarfsgerechten Angebotes an (Ganztages-)Betreuungsplätzen
  • Gewährleistung gleicher Rahmenbedingungen in allen Bundesländern
  • Verbesserung der pädagogischen Prozessqualität

Mit „Frühe Bildung weiterentwickeln – Chancen des Qualitätsprozesses von Bund und Ländern“ (6 Seiten) ist der dritte Beitrag überschrieben. Frühkindliche Bildung, Erziehung und Betreuung lohnen sich umfassend, so vermittelt es Ralf Kleindiek in den ersten Ausführungen. In den letzten Jahren fand ein immenser Ausbau statt. Mit Zahlen untermauert, zeigt der Autor, wie der Bund diesen „tatkräftig im Rahmen seiner verfassungsrechtlichen Möglichkeiten“ (S. 39) unterstützt. Neben dem quantitativen Ausbau treten nun auch Anforderungen an die Qualität in den Fokus. In seinen Ausführungen nimmt er auch Bezug auf eine forsa-Umfrage, nach der 88 % der Eltern Qualitätsverbesserung für ein wichtiges oder sehr wichtiges Thema halten. „In der BeWAK-Studie 2015 gaben 83 % der befragten Kita-Leitungen an, ein Bundesqualitätsgesetz sei notwendig, …“ (S. 40) Darauf aufbauend stellt Kleindiek den „gemeinsamen Qualitätsprozess von Bund und Ländern“ dar. In seinen Ausführungen geht er auf die Bund-Länder-Konferenzen und das Communiqué „Frühe Bildung weiterentwickeln und Finanzierung sicherstellen“ ein. Im November 2016 soll es einen ersten Zwischenbericht geben, auf dem das weitere Vorgehen von Bund und Ländern bei der Qualitätsentwicklung aufbauen kann. Qualität zu entwickeln benötigt Zeit und finanzielle Mittel. Im Zeitraum zwischen 2017 und 2020 werden, so Kleindiek in seinem „Ausblick“, „insgesamt mehr als 1.700.000.000 € für den Ausbau weiterer Plätze sowie qualitative Maßnahmen insbesondere zur Sprachförderung bereitgestellt werden.“ (S. 42)

Mit einem Blick auf den internationalen und nationalen Forschungsstand will Birgit Riedel in ihrem Beitrag „Ausgleich sozialer Benachteiligung durch frühkindliche Bildung?“ (10 Seiten) unter anderem zeigen, in welchem Ausmaß es Kindertageseinrichtungen gelingt, mit gezielten Programmen Ungleichheiten zu verringern, und ob benachteiligte Kinder stärker vom Besuch einer Betreuungseinrichtung profitieren. Nach einer kurzen Heranführung an die Fragestellung orientiert sie sich an den Ansätzen und Entwicklungslinien in der frühpädagogischen Wirkungsforschung: die Interventionsstudien und die Bildungs- und Betreuungspanels. Die Autorin nennt ausgewählte Ergebnisse zu Wirkungen und zeigt, welche Befunde zu den kompensatorischen Effekten vorliegen. In ihrem Fazit nennt Riedel drei Aspekte, die nach neueren Erkenntnissen eine besondere Bedeutung haben sollen: Einbeziehung der Familie in alle Förderbemühungen, sozial und kulturell gemischte Kindergruppen sowie gute strukturelle Rahmenbedingungen.

„Kinder und Jugendliche machen derzeit etwa ein Drittel der Schutzsuchenden in Deutschland aus“. (S. 54) Hier sind auch Kindertageseinrichtungen gefordert. Monika Wertfein und Sigrid Lorenz verfassten den Beitrag „Flüchtlingskinder in Kindertageseinrichtungen: Anforderungen an die Fachkräfte“ (10 Seiten) Die Bedürfnisse der Kinder mit Fluchterfahrung unterscheiden sich grundsätzlich nicht von denen anderer Kinder, dennoch haben sie aufgrund der Erfahrungen, so die Autorinnen eingangs, spezifische Bedarfe und Kompetenzen. In den weiteren Ausführungen beschreiben sie, welche Kompetenzen und Vorgehensweisen hilfreich sind, um diesen Herausforderungen professionell und angemessen zu begegnen. Diese beschreiben Wertfein und Lorenz unter folgenden Segmenten: der Vielfalt kultursensibel begegnen, vorurteilsbewusst und kompetent handeln, Verständigung von Anfang an, Ressourcen in den Blick nehmen und Sicherheit und Orientierung vermitteln.

Tagesbetreuung in Kitas ist für Wolfgang Rüting zu „einem zentralen und unverzichtbaren Element einer lokalen und nachhaltigen sozialen Infrastruktur avanciert.“ (S. 65) Sein Beitrag „Kommunale Qualitätsentwicklung: gute Erziehungs-, Bildungs- und Betreuungsbedingungen in der Kindertageseinrichtung“ (8 Seiten) beschreibt, warum dies ein auf Dauer angelegter und gesteuerter Prozess sein sollte. In seinem Fazit greift er speziell die fachpraktische Gegenwart auf. Kommunen müssen bereit sein, hier mehr zu investieren: in gut aus- und fortgebildete Fachkräfte, gute Personalschlüssel, Fachberatung oder auch durch ergänzende finanzielle Förderungen.

„Pädagogische Fachberatung in Kindertageseinrichtungen und Kindertagespflege: die Umsetzung in Schleswig-Holstein“ (6 Seiten). Der Beitrag von Jörg Asmussen beschreibt die Entwicklung des Gesamtpaketes zur Steuerung und Sicherung der Qualität der fachlichen Beratung. Darin enthalten sind unter anderem die Möglichkeit des regelmäßigen Austausches, Förderrichtlinien, die konkrete Aufgaben nennen, sowie die Einrichtung einer berufsbegleitenden Zusatzqualifizierung.

Der Beitrag von Xenia Roth, „Kita!Plus: Qualitätsentwicklung im Diskurs“ (6 Seiten), zeigt das Vorgehen in Rheinland-Pfalz. Die Autorin beschreibt die erfolgten Entwicklungsschritte in den letzten Jahren und verdeutlicht damit auch den hohen Stellenwert der Partizipation. Im zweiten Teil stellt sie kurz das Landesprogramm Kita!Plus und dessen Umsetzung vor.

„Auf halber Strecke – der Anspruch auf Qualität und inklusive Bildung in der Kindertagesbetreuung“ (6 Seiten), verfasst von Marion von zur Gathen und Christine Lohn, beginnt ebenso mit einem Blick zurück. Ausgehend vom Tagesbetreuungsausbaugesetz über das Communiqué „Frühe Bildung weiterentwickeln und finanziell sichern“ zeigen die Autorinnen, dass die Herausforderung nach dem Platzausbau die Qualitätssicherstellung ist. Durch die Ratifizierung der UN-Behindertenrechtskonvention im Jahr 2009 besteht ein Recht auf inklusive Bildung. Auf dieses gehen die Autorinnen im zweiten Teil ein und weisen dabei auch auf Schwierigkeiten hin. Beispielsweise gibt es „aktuell weder einen konsequent inklusiven normativen Orientierungsrahmen … noch bundesweit verbindliche Regelungen zur auskömmlichen Finanzierung der Rahmenbedingungen …“ (S. 87)

Diskussion

Der Titel der Publikation verspricht ein Zwischenzeugnis der Qualität in der Kindertagesbetreuung. Da es sich um eine Sammlung von Einzelbeiträgen handelt, erfolgt die Bewertung des Erreichten und die Darstellung der vorliegenden und zukünftigen Herausforderungen bezogen auf die Fragestellung der Autor_innen. Das Zusammenspiel der einzelnen Beiträge ergibt einen mehrperspektivischen Blick auf das Arbeitsfeld der frühkindlichen Bildung und Betreuung. Die Beiträge führen den Leser gekonnt in ihre jeweilige Fragestellung. Dabei werden die theoretischen Hintergründe im ausreichenden Umfang aufgegriffen und die Darstellungen statistisch und fachwissenschaftlich untermauert. Dem Deutschen Verein für öffentliche und private Fürsorge e. V ist es gelungen, ein interessantes Spektrum an Beiträgen zusammenzustellen. Im Band finden sich allgemeine Darstellungen, Beispiele aus einzelnen Bundesländer und auch spezifische Herausforderungen.

Fazit

Im vorliegenden Themenheft wird ein facettenreicher Blick auf die Kindertagesbetreuung geboten. Das Erreichte wird gezeigt, aber auch Schwierigkeiten und Herausforderungen treten deutlich zutage. Damit gibt die Publikation ein „Zwischenzeugnis“ ab und eignet sich besonders für Leser, die sich mit dem Qualitätsdiskurs in der Kindertagesbetreuung auseinandersetzen.


Rezensent
Dipl.Soz-Päd. Martin Walz
Master of Social Management, Diplom-Sozialpädagoge (FH) Geschäftsführer Kindertageseinrichtungen mit mehrjähriger Berufserfahrung in der Kinder- und Jugendhilfe
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Zitiervorschlag
Martin Walz. Rezension vom 29.11.2016 zu: Qualität in der Kindertagesbetreuung: ein Zwischenzeugnis. Lambertus Verlag GmbH (Freiburg) 2016. ISBN 978-3-7841-2929-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21200.php, Datum des Zugriffs 16.10.2019.


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