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Ina Riechert, Edeltrud Habib: Betriebliches Eingliederungs­management bei Mitarbeitern mit psychischen Störungen

Cover Ina Riechert, Edeltrud Habib: Betriebliches Eingliederungsmanagement bei Mitarbeitern mit psychischen Störungen. Springer (Berlin) 2016. 199 Seiten. ISBN 978-3-662-49111-9. D: 29,99 EUR, A: 30,83 EUR, CH: 32,00 sFr.
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Thema

Seit einigen Jahren wächst die Anzahl der Menschen rapide, die aufgrund von psychischen Erkrankungen aus dem Erwerbsleben ausscheiden. Dem geht in der Regel eine Phase voran, in der die Betroffenen den betrieblichen Erwartungen nicht mehr standhalten können und sich Fehlzeiten akkumulieren. So dokumentieren die Autorinnen, dass psychische Störungen, die Fehlzeiten zur Folge haben, heute bereits die zweithäufigste Krankheitsursache darstellen (S. 8 f) und die Anzahl der Erwerbsminderungsrenten und Frühberentungen kontinuierlich im Ansteigen begriffen ist.

Daraus resultiert das Anliegen der Autorinnen, die Möglichkeiten der Prävention und Intervention auf der Basis des betrieblichen Eingliederungsmanagement (BEM) nach § 84 im SGB IX einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Die Autorinnen sind davon überzeugt, dass dieses „Gesetz des guten Willens“ (S.14) viele Möglichkeiten der Gestaltung von Arbeitsplatz- und Arbeitszeitregelungen enthält sowie die Inanspruchnahme von Beratungsleistungen ermöglicht, die in vielen Fällen geeignet erscheinen, Fehlzeiten oder Kündigungen zu vermeiden und Fachkräfte auch nach längerer Erkrankung im Betrieb zu halten.

Aufbau und Inhalt

Nach einem Problemaufriss werden im 2. Kapitel zunächst die Rahmenbedingungen für die Einführung und Durchführung eines BEM unter Bezugnahme auf die geltende Gesetzeslage sehr klar strukturiert und anschaulich dargelegt. Die Lesbarkeit des Textes wird erleichtert, indem die jeweiligen Schlüsselbegriffe zur Kennzeichnung der Abschnittsinhalte, jeweils an den breiten Rand gestellt, dem Leser einen raschen Überblick und eine gute Orientierung ermöglichen.

Im Wissen jedoch, dass – im Gegensatz zu körperlichen – psychische Krankheiten in Betrieben und in der Bevölkerung nach wie vor mit Vorurteilen behaftet sind und Stigmatisierungsprozesse nach sich ziehen, widmen sie das 3. Kapitel (S.32-45) einer Kurzfassung der wesentlichen psychischen Erkrankungen (Depressionen, Ängste Zwänge, Schizophrenie, Abhängigkeitserkrankungen, posttraumatische Belastungsreaktionen und Persönlichkeitsstörungen). Wenngleich die Absicht der Autorinnen erkennbar bleibt, das ‚Andere‘ bei psychische Störungen zu erläutern und insbesondere Verständnis dafür zu wecken, dass niemand vor psychischen Erkrankungen gefeit ist, diese behandelbar sind und die Rückkehr ins Erwerbsleben bereits „ ein Teil des Genesungsprozesses“ darstellt (S. 44), wäre hier ein Verweis auf weiterführende oder vertiefende Literatur hilfreich.

Im 4. Kapitel wird der idealtypische Ablauf des BEM, im 5. Kapitel Vorbereitung und Durchführung des BEM-Gesprächs anschaulich erläutert. Besonders hilfreich für alle BEM-Interessierte sind hier die in grauen Kästen unterlegten Arbeitshilfen und die Beispiele, in denen die Autorinnen die Fülle Ihrer praktischen Erfahrungen (Erstinformation im Betrieb, Musteranschreiben, Gesprächsleitfaden usw.) weitergeben.

Das 6. sehr umfangreiche Kapitel enthält einen Fundus an Maßnahmen, die den BEM-Beteiligten Hilfestellung und Anregung bieten, um im jeweiligen Fall eine geeignete Maßnahme zur Stabilisierung der beruflichen Situation oder zu Handlungsalternativen ausfindig zu machen.

Schließlich erfolgt im 7. Kapitel eine Dokumentation von Kasuistiken verschiedener – gelungener und misslungener – BEM-Verläufe, die einen Einblick in die Bandbreite der individuellen Problemlagen, aber auch Anregungen und Handlungsoptionen beinhalten.

Diskussion

Die vorliegende Publikation richtet sich vorwiegend an alle Fallmanager und sonstige Beteiligte, die mit dem Betrieblichen Eingliederungsmanagement zu tun haben, ist aber auch für Aus- und Fortbildungszwecke eine reiche Quelle. Die beiden praxis- und fortbildungserfahrenen und aufgrund ihrer Beratungstätigkeit in Betrieben kundigen Autorinnen haben hier eine Publikation vorgelegt, die in der Tat eine Fülle von Anregungen enthält.

Durchgehend wird auf leichte Sprache geachtet, die Schilderung der unterschiedlichen Interessenkonstellationen zwischen Betrieben und Mitarbeiterinnen erfolgt ausgewogen, Schuldzuweisungen werden vermieden, Verständnis für psychische Erkrankungen wird geweckt, indem die Leser zu einem Perspektivenwechsel aufgefordert werden, sich einmal in die Situation der Betroffenen zu versetzen. Das Bemühen der Autorinnen, für die Möglichkeiten des BEM zu werben, lässt dennoch genügend Raum für kritische Anmerkungen: Zum Missbrauch des BEM als Kündigungsvorbereitung, zum Problem des Datenschutzes, zum Problem der fehlenden Krankheitseinsicht von Betroffenen, zu den krankheitsauslösenden Belastungsfaktoren einer beruflichen Tätigkeit usw.

Wenn sich dieses praxisnahe Handbuch auch vornehmlich an Leser und Leserinnen wendet, die an BEM beteiligt sind, bleibt dennoch unverständlich, weshalb auf Quellen (z.B. bei psychischen Erkrankungen) oder Literaturnachweise (z.B. bezüglich der Anzahl der von Erwerbsminderung oder der Fehlzeiten wegen psychisches Störungen) gänzlich verzichtet wird.

Fazit

Obwohl Betriebe gesetzlich dazu verpflichtet sind, ein BEM zu installieren und dies z.B. einem psychisch erkrankten Mitarbeiter anzubieten, kann von einer flächendeckenden Berücksichtigung dieses Verfahrens im Rahmen von Betriebsvereinbarungen längst nicht die Rede sein.

Es wäre zu wünschen, dass es mit diesem Werk den Autorinnen gelingt, das BEM einem breiten Leserkreis zugänglich zu machen und für die Umsetzung des § 84 SGBIX eine Lanze zu brechen, weil schließlich sowohl die von Krankheit Betroffenen als auch die Betriebe und die Gesellschaft vom Erhalt eines Arbeitsplatzes nur profitieren können.


Rezensent
Prof. em. Dr. phil. Matthias Dalferth
Fakultät Angewandte Sozial- und Gesundheitswissenschaften der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg
Studienschwerpunkt Rehabilitation/Arbeit mit behinderten und psychisch kranken Menschen
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Zitiervorschlag
Matthias Dalferth. Rezension vom 08.11.2016 zu: Ina Riechert, Edeltrud Habib: Betriebliches Eingliederungsmanagement bei Mitarbeitern mit psychischen Störungen. Springer (Berlin) 2016. ISBN 978-3-662-49111-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21204.php, Datum des Zugriffs 23.10.2019.


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