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Klaus Kaufmann–Mall: Psychologie und Psychiatrie kompakt

Cover Klaus Kaufmann–Mall: Psychologie und Psychiatrie kompakt. Kurzlehrbuch für die Alten–, Kinder– und Krankenpflege. Hogrefe (Bern) 2016. 400 Seiten. ISBN 978-3-456-85576-9. 34,95 EUR, CH: 45,50 sFr.
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Thema

Das Handbuch „Psychologie und Psychiatrie kompakt“ erscheint gerade rechtzeitig zum Entwurf des Pflegeberufsgesetzes von 2016, das eine einheitliche Ausbildung für Altenpfleger/ Altenpflegerinnen, Gesundheits- und Krankenpflegerinnen/ Gesundheits- und Krankenpfleger und für Gesundheits- Kinderkrankenpfleger und Gesundheits-Kinderkrankenpflegerinnen vorsieht und damit die Qualität und Attraktivität von Pflegeausbildung und Pflegeberuf im Sinne einer umfassenden, d.h. biopsychosozial ausgerichteten Pflege fördern und die wechselseitige Anerkennung der Pflegeberufe im internationalen Raum ermöglichen soll. Da die Fachgebiete Psychologie und Psychiatrie innerhalb der Pflegeausbildung nicht selten unterrepräsentiert sind und eine „organzentrierte“ Pflege den Berufsalltag bestimmt, kommt der vorliegenden Neuerscheinung eine besondere und aktuelle Bedeutung zu.

Autor und Autorin

Dr. Klaus Kaufmann ist Dipl.-Psychologe, Klinischer Psychologie und Dipl.-Soziologe. Er lehrt seit vierzehn Jahren die Fachgebiete Psychologie und Psychiatrie an einer Altenpflegeschule in Aalen und arbeitet seit 1999 an einer Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle der Caritas Ostwürttemberg.

Dr. med. Gudrun Mall ist als niedergelassene Fachärztin in einer Psychiatrischen Praxis tätig.

Entstehungshintergrund

Das Fachbuch „Psychologie und Psychiatrie kompakt“ entstand vor dem Hintergrund einer 25-jährigen Tätigkeit als Dipl. Psychologe und Klinischer Psychologe in einer Psychiatrischen Praxis und einer mehrjährigen Erfahrung als Dozent für Psychologie und Psychiatrie einer Altenpflegeschule in Aalen / Württemberg.

Aufbau

Die psychologischen und psychiatrischen Erkenntnisse und Inhalte des Handbuches, die vom Autor anschaulich und graphisch eindrücklich gestaltet sind, bieten Angehörigen von Gesundheits- und Krankenpflegeberufen, insbesondere Altenpflegerinnen und Altenpfleger eine verlässliche Basis, die vielerorts noch praktizierte „organzentrierte“ oder auch „verrichtungsorientierte Pflege“ (Wittneben, 1993) zugunsten einer stärkeren Personorientierung und kooperativen Beziehungsgestaltung zu überwinden.

Das Buch umfasst zwei Teile.

Teil I: Psychologie

  • Lehre vom Verhalten und Erleben
  • Kognitive Prozesse: Wahrnehmung und Attribution
  • Lernprozesse
  • Motivation und Emotion
  • Kognitive Prozesse und Motivation
  • Soziale Prozesse
  • Stress und Umgang mit Belastungen

Teil II: Psychiatrie

  • Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen
  • Demenz und Delir
  • Affektive Störungen: Depression und Manie
  • Schizophrenie und Paranoia
  • Sucht
  • Neurotische und somatoforme Störungen

Zu Teil I: Psychologie

Das erste Kapitel des vorliegenden Buches widmet sich, angereichert durch zahlreiche Graphiken, Abbildungen und Beispiele, grundlegenden Inhalten der Psychologie als der Lehre vom Verhalten und Erleben. Detailliert und anschaulich werden in Kapitel 1.3.1 das Gehirn als anatomisches Substrat, das „physiologischen und psychischen Prozessen zugrunde liegt“ dargestellt und beschrieben. Dem limbischen System (1.3.2), das emotionale Prozesse reguliert und „unverzichtbar für Lernprozesse“ ist und dem Vegetativen Nervensystem (1.4.), widmet der Autor einen gesonderten Beitrag.

In Kapitel 2 „Kognitive Prozesse: Wahrnehmung und Attribution“ werden Grundlagen des Wahrnehmens und Zuschreibung ursächlicher Zusammenhänge am Beispiel einschlägiger klassischer Experimente und statistischer Grundlagen und an Beispielen aus dem Berufsfeld Altenpflege und des professionellen Umgangs mit alternsspezifischen Verlusten (z.B. Schwerhörigkeit) dargelegt.

Kapitel 3 ist den Klassischen Lerntheorien (Signallernen bzw. Klassisches Konditionieren, Lernen aus Konsequenzen, Lernen am Modell) und dem Kognitiven Lernen (Gedächtnis, Intelligenz) gewidmet.

Kapitel 4 widmet der Autor den zentralen Bereichen der Psychologie „Motivation und Emotion“ (4.1) mit einem besonderen Gewicht auf „Angst und Aggression“, Phänomene, die nicht selten den pflegebezogenen Umgang mit kranken und alten Personen bestimmen. In Kapitel 4.2. „Werthaltungen und Persönlichkeit“ werden vom Autor mit Bezug auf Schwartz & Boehnke (2005, 2007) menschliche Grundüberzeugungen thematisiert, die eng mit Gefühlen verknüpft sind, wie z.B. Selbstbestimmung, Leistung, Macht, Sicherheit, Traditionen, Konformität, Benevolenz / Wohlwollen. Als einschlägiges Modell der Persönlichkeit wird das auf empirischen Studien zur Selbst- und Fremdeinschätzung gründende Fünf-Faktoren-Modell / Big Five (McCrae & Costa, 1987, Asendorpf & Neyer, 2012) dargestellt. Kapitel 4.3 ist dem für pflegebezogenes Verstehen und Handeln zentralen Bereich von „Emotion und emotionales Ausdrucksverhalten“ gewidmet. Hierbei bezieht sich der Autor auf klassische Experimente des kognitiven, sozialen und physiologischen Einflusses auf Emotionen (z.B. Schachter & Singer, 1962), als auch auf neuere Studien, welche die Art und Stärke einer emotionalen Erregung in Beziehung zur Ausprägung der bewertenden Komponente (z.B. angenehm/ unangenehm) setzen (Linquist & Barrett, 2014).

In Kapitel 5 „Kognitive Prozesse und Motivation“ werden in 5.1. die Tiefenpsychologie / Psycho-analyse Sigmund Freuds (GW 1969), die Bedeutung des Unbewussten, das „Es-Ich-Überich“-Modell / Instanzenmodell und Abwehrmechanismen nach Anna Freud (1936) thematisiert. In Kapitel 5.2 werden historisch bedeutsame und empirisch gesicherte Untersuchungen zum Einfluss der Motivation auf das Denken von Kurt Lewin et al. (1944) und Leon Festingers (1957) Theorie der kognitiven Dissonanz vorgestellt.

Die insbesondere in sozialen und Gesundheitsberufen unverzichtbare Kenntnis „Soziale(r) Prozesse“ mit inhaltlichem Schwerpunkt auf Kommunikation und Kommunikationsprozesse werden in Kapitel 6 mit den Abschnitten 6.1., Führung und Führungsstile in Kapitel 6.2., Aggression in Kapitel 6.3. thematisiert. Abschnitt 6. 4 befasst sich mit dem beruflich zentralen Thema Helfen.

Kapitel 7 thematisiert die bei Angehörigen von Helferberufen ebenfalls bedeutsamen Themen von Stress und Umgang mit (beruflichen) Belastungen. 7.1. „Stress und Stressoren“, 7.2. „Die Stressreaktion“, 7.3. „Ein Stressmodell“, 7.4. „Typische Stressverstärker in der Pflege“. In Kapitel 7.5. „Stressbewältigung und Stressprophylaxe“ geben die Autoren unter Bezug auf eine eigenen Publikation von 2003 detaillierte Anleitungen zur individuellen Stressbewältigung und zur Vorbeugung vor Negativerlebnissen wie beispielsweise „Burn-Out“ oder Depression (Kaufmann-Mall, Mall, 2003).

Zu Teil II: Psychiatrie

Kapitel 8. „Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen“ gibt einen Überblick über psychische Störungen. In Kapitel 8.2. folgt die „Klassifikation psychischer Störungen nach ICD -10“; in Kapitel 8.3. folgt die Darstellung einer detaillierten Befunderhebung und ein in 8.3.3 aufgeführtes Beispiel eines unauffälligen psychischen Befundes.

In Kapitel 9 „Demenz und Delir“ wird in Grafiken und Text ein „Überblick über organisch bedingte psychische Störungen mit Minderung der kognitiven Fähigkeiten“ gegeben. Kapitel 9.1. widmet sich detailliert dem Krankheitsbild der Demenz, der Prävalenz von Demenzerkrankungen in Abhängigkeit vom Lebensalter (Bickel, 2014), sowie der Befunderhebung. Kapitel 9.1.3 widmet sich ebenfalls detailliert der Demenz vom Alzheimertyp (DAT) und der Drei-Stadien-Einteilung (Möller et al.,2001) und der Stadien der Alzheimerschen Erkrankung (Reisberg et al.,1984). „Hirnaktivität und Neurotransmitter“ bilden die Inhalte von Kapitel 9.1.4. Kapitel 9.1.5. beschreibt exemplarisch und detailliert die medikamentöse Behandlung von demenzkranken Personen mit Antidementiva.

Kapitel 10 ist den „Affektiven Störungen Depression und Manie“ gewidmet;

Kapitel 11 widmet sich dem Krankheitsbild der „Schizophrenie und Paranoia“.

Im Kapitel 12 werden „Sucht“ in der Form von Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit; Sucht im Alter, Sucht und helfende Berufe und Raucherentwöhnung bearbeitet.

Neurotische (Angst-, Zwangsstörungen) und somatoforme Störungen wie z.B. Funktionsstörungen des Herz-Kreislaufsystems, des Verdauungstraktes, Spannungskopfschmerz oder Migräne(?), Tinnitus und andere Beeinträchtigungen mit psychischer Komponente werden anschaulich in Kapitel 13 beschrieben.

Diskussion

Autor und Co-Autorin des vorgestellten Buches überzeugen durch ihr einschlägiges und breit gefächertes Fach- und Erfahrungswissen und die Fähigkeit, auch komplexe Sachverhalte verständlich darzulegen. Allerdings eine präzise Benennung der aktuellen ICD-10-GM Version 2016 (Internationale Klassifikation der Krankheiten und verwandter Gesundheitsprobleme 10. German Modification), sowie die Orientierung am aktuellen und multiaxialen internationalen Diagnoseschema DSM V (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, Version V) von 2013 vermisse ich.

Besonders anerkennenswert ist, dass sich die Autoren in Teil 1 des Buches, Psychologie, in Kapitel 7 Stress und Umgang mit Belastungen mit den vielfachen beruflichen Beanspruchungen und Belastungen der Pflegenden befassen und detaillierte Anleitungen zur individuellen Stressbewältigung, Stressprophylaxe, Gesundheitsförderung und Gesunderhaltung der Pflegenden selbst geben.

Fazit

Bei „Psychologie und Psychiatrie kompakt“ handelt es sich um ein klar gegliedertes, anschauliches und gut lesbares Buch, das psychologisches und psychiatrisches Fachwissen theoriebasiert und anwendungsbezogen erweitert und pflegerische und personbezogene Kompetenzen nachhaltig ergänzt.


Rezensentin
Prof. Dr.rer.medic. Christa Winter von Lersner
Hochschullehrerin Hochschule Fulda, Fachbereich Pflege und Gesundheit
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Zitiervorschlag
Christa Winter von Lersner. Rezension vom 14.10.2016 zu: Klaus Kaufmann–Mall: Psychologie und Psychiatrie kompakt. Kurzlehrbuch für die Alten–, Kinder– und Krankenpflege. Hogrefe (Bern) 2016. ISBN 978-3-456-85576-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21205.php, Datum des Zugriffs 12.12.2019.


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ISSN 2190-9245

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