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Hilde Schädle–Deininger, David Wegmüller: Psychiatrische Pflege

Cover Hilde Schädle–Deininger, David Wegmüller: Psychiatrische Pflege. Kurzlehrbuch und Leitfaden für Weiterbildung, Praxis und Studium. Hogrefe (Bern) 2017. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. 792 Seiten. ISBN 978-3-456-85611-7. 59,95 EUR, CH: 65,00 sFr.
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Thema

Die Pflege ist die größte Berufsgruppe in der psychiatrischen Versorgung und doch ist die Anzahl der Lehrbücher für psychiatrische Pflege überschaubar. Nun hat Hilde Schädle-Deininger ihr Lehrbuch zur „Psychiatrischen Pflege“, zusammen mit David Wegmüller, aktualisiert. Das ist schon deshalb interessant, weil die Autorin bereits eines der wegweisenden Lehrbücher für die psychiatrische Pflege aus den 1990er Jahren mitverantwortete. Das aktuelle Buch möchte ein „Leitfaden“ für Pflegefachpersonen in Weiterbildung, Praxis und Studium sein. Kann es diesem breiten Anspruch gerecht werden?

Autorin und Autor

Hilde Schädle-Deininger gehört zu den großen Namen der psychiatrischen Pflege in Deutschland. Seit Jahrzehnten beeinflusst die Fachkrankenschwester für Psychiatrie, Dipl.-Pflegewirtin (FH), Lehrerin für Pflegeberufe und Hochschuldozentin mit ihren vielfältigen Aktivitäten und Publikationen die psychiatrische Pflege.

David Wegmüller ist ein neuer Coautor an ihrer Seite. Der Gesundheits- und Krankenpfleger mit sozialpsychiatrischer Zusatzausbildung und BA Pflegemanager ist pflegerischer Leiter der psychiatrischen Abteilung an der Schlossbergklinik Berlin.

Entstehungshintergrund

Das erste Lehrbuch zur psychiatrischen Pflege wurde von Hilde Schädle-Deininger zusammen mit Ulrike Villinger bereits 1996 veröffentlicht. Das Buch entwickelte sich damals aus den Diskussionen im Arbeitskreis Pflege der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP). Dreißig Jahre später hat Hilde Schädle-Deininger wieder ein Lehrbuch veröffentlicht. Dieses Mal mit dem jungen Coautor David Wegmüller.

Aufbau

Das im Untertitel als „Kurzlehrbuch“ bezeichnete Werk hat fast 800 Seiten und gliedert sich in 10 Kapitel. Zunächst beschreiben die Autoren die Grundlagen einer professionellen psychiatrischen Pflege. Sie verweisen auf wichtige Rahmenbedingungen der Versorgungslandschaft und gehen dann auf Besonderheiten in den verschiedenen Tätigkeitsfeldern in der Psychiatrie ein. Mit einem Blick auf die berufliche Bildung der psychiatrischen Pflege endet das Buch.

Inhalt

Das Buch gliedert sich in zehn Kapitel:

  1. Pflege als Beruf
  2. Pflegewissen vernetzen
  3. Einblicke in die psychiatrische Versorgungslandschaft und deren Rahmenbedingungen
  4. Pflege und die medizinische Disziplin
  5. Pflege in der Allgemeinpsychiatrie
  6. Alte Menschen und Pflege in der Psychiatrie (Gerontopsychiatrie)
  7. Pflege und psychische Störungen im Kindes- und Jugendalter
  8. Pflege und forensische Psychiatrie
  9. Grenzerfahrungen und Psychiatrische Pflege
  10. Pädagogische Zusammenhänge in Weiterbildung, Praxis und Studium

Auf den ersten 400 Seiten beschäftigen sich die Autoren mit den theoretischen Grundlagen der psychiatrischen Pflege.

Im ersten Kapitel beschreiben sie mit Pflegeethik, Pflegemodellen, Handlungsebenen und Ziele Aspekte der beruflichen Identität der Pflege. Dabei gehen die Autoren auch auf die besondere Situation von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen, Psychiatrie-Erfahrenen und die Geschichte der psychiatrischen Pflege ein.

Im zweiten Grundlagenkapitel beschäftigen sie sich mit sozialwissenschaftlichen Modellen, Fragen der Kommunikation, Beobachtung und Beziehungsgestaltung sowie methodischen Ansätzen wie Pflegeplanung, Milieugestaltung und Deeskalationsmanagement. Außerdem enthält das Kapitel eine Darstellung verschiedener psychotherapeutischer Perspektiven, erklärt Verfahren zur beruflichen Reflexion und beschreibt Ansätze zur Gesundheitsförderung, wie Salutogenese, Recovery und Resilienz.

Das psychiatrische Versorgungssystem und dessen Rahmenbedingungen stellen die Autoren im dritten Kapitel aus einem sozialpsychiatrischen Blickwinkel vor. Im vierten Grundlagenkapitel beschreiben sie mit dem psychiatrischen Krankheitsbegriff, Psychopathologie und Klassifikationssysteme die medizinische Perspektive auf psychiatrische Erkrankungen. Sie gehen darin aber auch psychosoziale Therapien, Open Dialogue und Medikamente ein.

In den folgenden fünf Kapiteln beschreiben die Autoren auf 350 Seiten die besonderen Ansätze und Herausforderungen der psychiatrischen Pflege in den medizinischen Fachbereichen

  • Allgemeinpsychiatrie (mit Suchterkrankungen!),
  • Gerontopsychiatrie,
  • Kinder- und Jugendpsychiatrie,
  • Forensik sowie
  • besondere Pflegesituationen wie Trauer, Spiritualität, Krisen und Suizidalität.

Das letzte Kapitel handelt von der beruflichen Bildung in der psychiatrischen Pflege. Dabei geben die Autoren Anregungen für die Gestaltung von Unterrichten und stellen ein zukünftiges Modell der Akademisierung einer psychiatrischen Pflege vor.

Im umfangreichen Anhang finden sich Hinweise zu Spielfilmen mit psychiatrischen Themen, ein Glossar mit Fachbegriffen und Personen sowie eine kommentierte Liste mit Fachzeitschriften, Buchreihen, Datenbanken und psychiatrischen Verbänden.

Diskussion

Das Besondere an diesem Buch ist die Beschreibung der psychiatrischen Pflege aus einer sozialpsychiatrischen Perspektive. Es wird im Untertitel zwar als „Kurzlehrbuch und Leitfaden“ angepriesen, mit 792 Seiten ist es aber nicht mehr kurz und auch zum schnellen Nachschlagen lädt seine Gliederung nicht ein. Es ist eher ein Buch für Leser, die sich mit Themen beschäftigen wollen und nicht nur die schnelle Information suchen. Und auch wenn manche Themen nur sehr knapp dargestellt werden, so laden die Autoren mit ihren Hinweisen zu weiterführender Literatur doch zur eigenständigen Vertiefung ein.

Leider ist die Struktur des Buches nicht immer logisch. Manchmal vermisst man beim Lesen ein Thema, das man dann an anderer Stelle findet, wo man es gar nicht vermutet hätte. Die Besonderheiten der Pflege in den verschiedenen medizinischen Fachbereichen werden in jeweils eigenen Kapiteln dargestellt. Ein Kapitel zur Pflege in der Suchthilfe sucht man allerdings vergeblich. Sie wird überraschenderweise unter die Allgemeinpsychiatrie einsortiert. Dafür hat die Pflege in der forensischen Psychiatrie ein eigenes Kapitel erhalten, das sich mit nur zehn Seiten jedoch auf das Wesentlichste beschränkt. Zu diesem Arbeitsbereich hätte man auch mehr sagen können.

Die Stärke des Buches liegt zweifellos in seiner fundierten sozialpsychiatrischen Grundhaltung, mit der alle Kapitel durchwoben sind. Besonders interessante Texte finden sich in den Grundlagenkapiteln zur beruflichen Pflege und zur psychiatrischen Versorgungslandschaft. Hier ist oft in jeder Zeile zu spüren, dass die Autorin Hilde Schädle-Deininger seit der Psychiatrie-Enquete in den 1970er Jahren zu den Wegbereiterinnen der Sozialpsychiatrie gehört.

Fazit

In ihrem „Kurzlehrbuch und Leitfaden“ zur psychiatrischen Pflege stellen die Autoren zunächst die Grundlagen der psychiatrischen Pflege in einer sozialpsychiatrischen Versorgungslandschaft vor. Danach beschreiben sie die Besonderheiten der Pflege in verschiedenen medizinischen Fachbereichen (z.B. Allgemeinpsychiatrie, Forensik, Gerontopsychiatrie) und gehen auf einige besondere psychiatrische Themen ein. Zum Abschluss beschäftigen sie sich mit Aspekten der beruflichen Bildung in der psychiatrischen Pflege.

Die Stärke des Buches liegt in seiner sozialpsychiatrischen Sicht auf die psychiatrische Pflege. Es geht den Autoren nicht so sehr um wissenschaftliche Evidenz ihrer Darstellung. Sie wollen vielmehr für die Vielfalt einer sozialpsychiatrischen Pflege sensibilisieren. Viele Themen werden nur kurz angeschnitten und manches in der Struktur ist nur schwer nachvollziehbar. Doch dafür entschädigen viele interessante Inhalte und wertvolle Hinweise zu weiterführender Literatur. Es ist kein Lehrbuch für die schnelle Information, aber alle, die sich mit Sozialpsychiatrie und psychiatrischer Pflege beschäftigen wollen, finden darin viele interessante Gedanken.

Das Kurzlehrbuch „Psychiatrische Pflege“ will kein Nachschlagewerk sein. Es ist ein Buch für Leser, die sich mit sozialpsychiatrischen Pflegethemen beschäftigen wollen.


Rezensent
Michael Mayer
M.A. in Sozialwissenschaften, Krankenpfleger für Psychiatrie und Supervisor. Bildungsreferent an der allgäu akademie am Bezirkskrankenhaus Kaufbeuren
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Zitiervorschlag
Michael Mayer. Rezension vom 27.12.2017 zu: Hilde Schädle–Deininger, David Wegmüller: Psychiatrische Pflege. Kurzlehrbuch und Leitfaden für Weiterbildung, Praxis und Studium. Hogrefe (Bern) 2017. 3., vollständig überarbeitete und erweiterte Auflage. ISBN 978-3-456-85611-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21206.php, Datum des Zugriffs 22.10.2018.


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