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Götz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst

Cover Götz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst. Verlag Wolfgang Polkowski (Gießen) 2016. 317 Seiten. ISBN 978-3-9818195-1-9. D: 24,90 EUR, A: 25,60 EUR.

Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2.
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Thema

Der Buchtitel engt die thematische Breite der in dem Band versammelten Essays pragmatisch ein. Diese früher schon im Internet (z.B. im Online-Magazin „Auswege“) veröffentlichten Texte hat der Autor für den Band überarbeitet (19). Wenngleich er nicht eine einzelne Frage durch das Buch hindurch verfolgt, so hält doch eine bestimmte Beobachterperspektive die Beiträge zusammen und sichert einen gemeinsamen Fokus. Die Essays kreisen um Fragen der Sozial- und Psychodynamik in einer von Leistungs- und Konkurrenzdruck beherrschten Gesellschaft.

Autoren, auf die sich Eisenberg immer wieder bezieht, sind die Sozialphilosophen der Frankfurter Schule sowie Ernst Bloch, Herbert Marcuse, Peter Brückner, Oskar Negt und Alexander Kluge, außerdem Imre Kertécz, Stefan Heym, Heiner Müller und nicht zuletzt sein hessischer Landsmann Georg Büchner.

Autor

Götz Eisenberg hat nach dem Studium der Politikwissenschaft, Soziologie und Psychosomatischen Medizin und nach einer Ausbildung zum Familientherapeuten Jahrzehnte als Gefängnispsychologe gearbeitet und sich außerdem als Publizist einen Namen gemacht.

Aufbau und Inhalt

Der Band wurde in sieben Kapitel gegliedert. Aber das Gliederungsprinzip erschließt sich einem nur teilweise, was aber auch für den Nutzer mehr oder weniger bedeutungslos ist. Denn man kann je nach aktuellem Interesse den einen oder anderen Beitrag herausgreifen. Neben den Essays enthält der Band kurze Texte mit reflektierten Alltagsbeobachtungen des Autors, eine „Ethnologie des Inlands“, so seine Bezeichnung.

Als Grundthema von Eisenberg lässt sich „das Leben unter den Bedingungen des losgelassenen Marktes“(44) identifizieren, ein Ergebnis der neoliberalen Weltordnung. Diese wird für eine „Kultur des Hasses“ verantwortlich gemacht (106). Phänomene des Rechtsextremismus und Terrorismus, aber auch die Zunahme von Amok werden vor diesem Hintergrund gedeutet. Die Selbstdisziplin im Konkurrenzkampf, die eine Verleugnung der eigenen Bedürfnisse verlangt, liefert einen Schlüssel zum Verständnis des „Extremismus der Mitte“ (184). Der Verf. analysiert, wie über Flüchtlinge geredet wird, und liefert eine historisch- sozialpsychologische Deutung der Pegida-Bewegung, für die die „Codierung von Zugehörigkeit“ (185), aus Überfremdungsangst gespeist, zentral ist.

Ein eigener, aber mit den anderen verbundener Themenstrang bezieht sich auf den systemspezifischen Sozialcharakter, die Egomanie mit der alltäglichen Sucht nach Selbstinszenierung, wobei die Effekte der sozialen Netzwerke in Rechnung gestellt werden. Eisenberg diagnostiziert einen „digitalen Autismus“ (71), d.h. einen Verlust der Kommunikationsfähigkeit, wie auch „medialen Narzismus“ (114), der nach Ansicht des Verf. auch seinen Anteil an Terrorakten und Amoktaten hat. Zugleich beherrscht der Imperativ der Flexibilität nicht nur das Berufsleben, was die Bindungslosigkeit mit verschuldet, an der nach Eisenberg die Gesellschaft krankt.

Als einen weiteren Diskussionsstrang könnte man die Allgegenwart von Sozial- und Psychotechniken herausstellen. Der Verf. verdeutlicht die Paradoxie von Psychohygiene. Ein anderer Essay beschäftigt sich mit dem Bemühen der KI-Forschung, Computer mit emotionalen Fähigkeiten zu entwickeln. Anderswo nimmt Eisenberg die Entwicklung von Pflegerobotern aufs Korn und unterzieht statistische Risikoanalysen für Kriminalität, ein Erbe der Anlagetheorie, der Kritik.

Als weitere Themen wären zu nennen: „der Umbau des Rechtsstaats in einen Präventions- und Überwachungsstaat“ (31), strukturelle Gewalt und Gegengewalt, die Universalisierung der ökonomischen Rationalität und die Digitalisierung unseres Alltags, mehrfach Thema der „Ethnologie des Inlands“.

Außerdem enthält der Band eine Krankengeschichte (53ff.), das „Biogramm“ eines Räubers sowie einen Nachruf und persönliche Würdigungen (u.a. zum 80. Geburtstag von Alexander Kluge).

Leitend ist die Auffassung oder Annahme, dass die Strukturen im neoliberal entfesselten Kapitalismus unsere Denk- und Verhaltensweisen nicht unberührt lassen, die zwischenmenschlichen Beziehungen verändern und zum Teil krank machen.

Diskussion

Eisenbergs Texte enthalten viele Denkanstöße, regen dazu an, unsere Welt genauer und unter kritischer Perspektive zu betrachten, aber auch uns Selbst, unsere Haltung und Verhaltensweisen zu prüfen. Manche Interpretation mag der eine oder andere überzogen finden. Aber Eisenberg wäre sicher bereit, sich der Diskussion zu stellen. Seine Texte muten nicht dogmatisch an, sie sind frei vom Tenor der Verkündigung. Nur gelegentlich erinnert der Duktus an den eines Predigers. Zugute kommt ihnen der psychologisch geschulte Blick in Verbindung mit dem sozialwissenschaftlichen Denkhorizont. Bedauern könnte man, dass der Verf. auf Quellenangaben im Text verzichtet, nur am Schluss ein Namensregister anschließt. Dem Leser bleibt somit verborgen, wo er die Zitate oder gedanklichen Anleihen finden könnte.

Fazit

Vor allem für Angehörige sozialer Berufe sind die Texte zu empfehlen, weil sie die Beobachtung im Alltag schärfen und für gesellschaftliche Bedingungszusammenhänge von Fehlverhalten oder Leiden sensibilisieren. Bei der Lektüre einiger der kommentierten Alltagsszenen in der Kategorie „Ethnologie des Inlands“ kam dem Rezensenten die Idee, dass man solche Miszellen gemeinsam in der Gruppe lesen und diskutieren, sich dabei vielleicht sogar zu eigenen Geschichten anregen lassen könnte.


Rezensent
Prof. Dr. Georg Auernheimer
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Zitiervorschlag
Georg Auernheimer. Rezension vom 12.10.2016 zu: Götz Eisenberg: Zwischen Arbeitswut und Überfremdungsangst. Verlag Wolfgang Polkowski (Gießen) 2016. ISBN 978-3-9818195-1-9. Zur Sozialpsychologie des entfesselten Kapitalismus, Band 2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21208.php, Datum des Zugriffs 19.10.2018.


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