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Rebecca Mörgen, Peter Rieker u.a. (Hrsg.): Partizipation von Kindern und Jugendlichen in vergleichender Perspektive

Cover Rebecca Mörgen, Peter Rieker, Anna Schnitzer (Hrsg.): Partizipation von Kindern und Jugendlichen in vergleichender Perspektive. Bedingungen - Möglichkeiten - Grenzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-7799-3388-5. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Wenn heute von den Bedingungen und Möglichkeiten der Partizipation von Kindern und Jugendlichen die Rede ist, wird meist an Projekte oder Modelle gedacht, die für oder mit Kindern und/oder Jugendlichen eingerichtet werden. Dabei geht leicht unter, dass Partizipation zunächst eine Frage des täglichen Lebens jenseits aller pädagogischen oder rechtlichen Erwägungen ist. Als soziale Wesen haben Menschen jedweden Alters am gesellschaftlichen Leben teil. Sie sind Akteure, äußern ihre Bedürfnisse, organisieren ihr Leben, versuchen ihre Umwelt mitzugestalten, positionieren sich im Verhältnis zu anderen Menschen, stecken ihre Einflusssphären ab, übernehmen Aufgaben, kommen Verpflichtungen nach oder widersetzen sich ihnen. Auch Kinder und Jugendliche tun dies, je nach Alter und Lebenssituation in besonderer Weise, und es kommt darauf an, die verschiedenen Äußerungsformen als Formen von Partizipation oder als entsprechenden Anspruch zu verstehen und ernst zu nehmen.

Partizipation kann nicht nur viele Formen annehmen, sondern auch viele Bedeutungen haben, sowohl für den Einzelnen als auch für seine Mitmenschen oder die Gesellschaft insgesamt. Während der Terminus Partizipation an sich ein leerer Begriff ist, der auf verschiedene Weise gefüllt werden kann, sind in den Partizipationsdiskursen und -konzepten immer normative Komponenten enthalten in dem Sinne, dass in ihnen Erwartungen darüber mitschwingen, was wünschenswert und angemessen ist, wie weit Partizipation gehen und worauf sie sich beziehen soll, welchen Zweck sie erfüllen soll, wer von ihr profitieren soll, usw. Diese normativen Komponenten liegen nur selten offen zu Tage und eine der wichtigsten Aufgaben sehe ich darin, diese verborgenen Seiten, unausgesprochenen Ziele und uneingestandenen Folgen von Partizipation sichtbar zu machen.

Partizipation bedeutet im Wortsinne, Teil eines größeren Ganzen zu sein. Deshalb wird im Deutschen auch von Teilnahme, Teilhabe oder Beteiligung gesprochen. In den Sozialwissenschaften werden die Begriffe vor allem in zweierlei Weise verwendet.

Unter „Teilhabe“ wird die Art und Weise verstanden, in der Menschen Zugang zu den Prozessen, Institutionen, Gütern und Leistungen einer bestimmten Gesellschaft haben. Je nachdem wie eine Gesellschaft strukturiert ist, kann diese Teilhabe für einzelne Menschen oder soziale Gruppen größer oder geringer sein. In diesem Sinne wird auch von einem Kontinuum oder Spannungsfeld zwischen sozialer Inklusion und Exklusion gesprochen. Eine Gesellschaft mit großer sozialer Ungleichheit ist durch ein hohes Maß an Exklusion gekennzeichnet, d.h. es besteht eine große Diskrepanz zwischen den Teilhabechancen einer privilegierten Minderheit und einer benachteiligten Mehrheit. Beispiele hierfür sind der Zugang zum Bildungssystem, die Höhe des Einkommens und verfügbaren Vermögens oder die Repräsentation im politischen System.

Die andere Bedeutung, die meist mit den Begriffen „Partizipation“, „Teilnahme“ oder „Beteiligung“ ausgedrückt wird, bezieht sich auf die Art und Weise, in der Individuen oder soziale Gruppen ihren freien Willen zum Ausdruck bringen, Entscheidungen treffen oder Einfluss auf Entscheidungen nehmen können. In der Partizipationsforschung besteht heute Übereinstimmung, dass Partizipation nicht nur im formalen Sinn als Mitgliedschaft oder Mitwirkung in bestimmten Institutionen zu verstehen ist, sondern als aktives Handeln bei allen denkbaren Gelegenheiten und in allen gesellschaftlichen Bereichen, seien sie privat oder öffentlich, individuell oder kollektiv. Als politische Partizipation zum Beispiel wird nicht nur die Teilnahme an Wahlen, sondern die Mitwirkung an allen Angelegenheiten und in allen Bereichen des Gemeinwesens verstanden, welche Form auch immer diese Mitwirkung annimmt.

Wenn im Besonderen von Kinder- und Jugendpartizipation gesprochen wird, wird implizit vorausgesetzt, dass für diese Altersgruppe spezifische Bedingungen gelten, die sich von denen Erwachsener unterscheiden, z.B. alters- oder generationsspezifische Interessen, besondere Verletzlichkeit, Schutzbedürftigkeit oder Entwicklungserfordernisse. Im Falle des erstgenannten Verständnisses von Partizipation (Teilhabe) stellt sich die Frage, wie das bestmögliche Leben und die Entwicklung der nachwachsenden Generationen zu gewährleisten ist, sei es im Sinne von Generationengerechtigkeit, sei es im Sinne von Teilhabegerechtigkeit und der damit einhergehenden Abschaffung oder Vermeidung von Diskriminierungen aufgrund von Geschlecht, Hautfarbe, nationaler, ethnischer oder sozialer Herkunft, Sprache, Religion, politischer Anschauung, Vermögen, Behinderung oder des sonstigen Status des Kindes oder seiner Eltern. Im Falle des zweitgenannten Verständnisses von Partizipation (Beteiligung, Teilnahme) stellt sich die Frage, wie die Gleichberechtigung von Jung und Alt bei Entscheidungen über die Gegenwart und Zukunft der Kinder und Jugendlichen als nachwachsenden Generationen zu erreichen ist. Folgen wir der UN-Kinderrechtskonvention, so ist bei allen Entscheidungen das „beste Interesse des Kindes“ (im Amtsdeutsch das „Kindeswohl“) vorrangig zu berücksichtigen.

Allerdings wird Kinder- und Jugendpartizipation in der Praxis meist in einem wesentlich eingeschränkteren Sinne verstanden. Vor allem mit Blick auf Kinder wird sie in pädagogischen Institutionen oder als eine Art Vorform oder symbolische Form politischer Mitsprache an besonderen Orten jenseits der Erwachsenensphäre lokalisiert. Sie basiert auf der Annahme einer Trennung von Erwachsenen- und Kindheitssphäre und rüttelt daran auch nicht. Kindheit wird nicht als integraler Teil des Gemeinwesens, sondern als Vorstadium und Entwicklungsetappe auf dem Weg zum (vermeintlich rational denkenden und handelnden) Erwachsenen definiert. Dementsprechend wird Kinderpartizipation vornehmlich von Erwachsenen und zu Lernzwecken konzipiert. Zwar ist mitunter auch ein Einfluss auf die Entscheidungen von Erwachsenen vorgesehen, dieser verbleibt jedoch fast immer im Rahmen von Konsultationen, bei denen den Erwachsenen weitgehend freisteht, den artikulierten Ansichten und Erwartungen der Kinder zu folgen. Direkte Entscheidungsbefugnisse der Kinder sind fast nie vorgesehen, insoweit sie über den Bereich persönlicher Lebensgestaltung hinausgehen.

Aufbau und Inhalte

Ein Kennzeichen des hier rezensierten Sammelbandes ist, dass die Bedingungen, Möglichkeiten und Grenzen von Partizipation nicht nur mit Blick auf Kinder, sondern auch auf Jugendliche erörtert werden. Dies erfordert in mancherlei Hinsicht eine differenzierte Betrachtungsweise, da sich sowohl die Interessen als auch die Bedingungen und Möglichkeiten für Partizipation je nach Alter in mancherlei Hinsicht unterscheiden.

In ihrem einleitenden Beitrag sprechen die Herausgeberinnen Rebecca Mörgen und Anna Schnitzer sowie der Mitherausgeber Peter Rieker zunächst allgemein von Heranwachsenden. Sie konstatieren, dass ihre Partizipation in den letzten Jahren nicht nur zu einem populären Thema geworden sei, sondern in der Gesellschaft auch auf steigende Akzeptanz stoße. Sie nehmen dabei politische, juristische und pädagogische Kontexte und das Handlungsfeld der Sozialen Arbeit in den Blick. Zwar hätten Kinder und Jugendlichen heute häufiger als noch vor zehn Jahren den Eindruck, in für sie relevanten Lebensbereichen über Partizipationsmöglichkeiten zu verfügen, aber es zeigten sich erhebliche Unterschiede zwischen den jeweiligen Bereichen. Während Heranwachsende aus der Familie von umfassenden Mitsprachemöglichkeiten berichteten, nähmen sie in der Schule und im kommunalen Raum deutlich geringere Partizipationsmöglichkeiten für sich wahr.

Eine unklare Begriffsverwendung trägt nach Ansicht von Mörgen, Rieker und Schnitzer dazu bei, dass es sich bei vielen Praktiken, die sich als Partizipation bezeichnen, eher um Scheinpartizipation handele. Partizipationsprojekte könnten die häufig in einem Atemzug genannten pädagogischen und politischen Ansprüche nur selten erfüllen. Vor allem zeigten sich im Hinblick auf die Einbeziehung von Heranwachsenden in politische Entscheidungsprozesse und die Übertragung von Entscheidungsbefugnissen „ernüchternde Resultate“ (S. 8). Dies habe damit zu tun, dass Erwachsene die Partizipationsanlässe für Kinder und Jugendliche „in der Regel vorstrukturieren und zum Teil auch dominieren“ (S. 9). Die Möglichkeiten für Partizipation hingen maßgeblich von den institutionellen Rahmenbedingungen und davon ab, inwieweit das Recht und die Notwendigkeit von Partizipation im Bewusstsein der zuständigen Fachkräfte verankert seien. Mit dem Sammelband wird der Anspruch verfolgt, anhand von empirischen Studien zu klären, welche Praktiken sich hinter dem, was in verschiedenen Institutionen als „Partizipation“ bezeichnet werde, verbergen und wie sie zu beurteilen seien.

Im ersten Beitrag berichten Kaspar Burger, Radoslava Karabasheva, Jean Zermatten und Philip Jaffé von einem Schweizer Forschungsprojekt, in dem mit Schülerinnen und Schülern der 7. und 8. Klassen in Genfer Schulen untersucht wurde, wie die Kinder ihre eigenen Rechte wahrnehmen, ihr eigenes Wohlbefinden beurteilen und welche Partizipationsrechte (missverständlich ist von Teilhaberechten die Rede) aus ihrer Sicht im Alltag realisiert werden konnten. Das Wohlbefinden der Kinder (ebenfalls missverständlich mit dem in Deutschland gebräuchlichen Begriff des Kindeswohls gleichgesetzt), das im Wohnquartier tendenziell höher war als in der Schule, wird m.E. in instrumenteller Weise als Beitrag zur Bildungsqualität und zu den schulischen Leistungen gewertet. Unter Bezug auf die ermittelten Sichtweisen der Kinder kommen die Autor*innen gleichwohl zu dem bemerkenswerten Schluss, „dass sich Partizipation von Kindern nicht in künstlichen, in Partizipationsmodellen speziell konzipierten, aber von der sozialen Realität weitgehend separierten Kontexten abspielen darf, in denen etwa Entscheidungskompetenzen nur gespielt oder simuliert werden, Ergebnisse von Verhandlungen und Diskussionen praktisch folgenlos bleiben“ (S. 31). Die Kinder verlangten „eine klare gesellschaftliche Bestätigung und Achtung ihrer Rechte“ (S. 35), wobei Schutz- und Partizipationsrechte als aufeinander bezogen vorgestellt wurden.

Die folgenden drei Beiträge widmen sich Fragen von Partizipation und „Demokratiebildung“ in verschiedenen pädagogischen Kontexten in Deutschland.

  • Elisabeth Richter und Teresa Lehmann untersuchen die Partizipation in drei Kindertagesstätten, die im Anschluss an das in Schleswig-Holstein entwickelte Konzepte „Kinderstube der Demokratie“ demokratische Strukturen etabliert haben. Sie arbeiten präzise die Unterschiede sowie Vor- und Nachteile der Partizipationsmodelle in den untersuchten Kindertagesstätten heraus. Am Beispiel eines der Modelle heben sie als besonderes Qualitätsmerkmal hervor, „dass das partizipative Handeln nicht vom Zweifel an der Kompetenz der Kinder, sondern von dem Bewusstsein der Differenz gestaltet sein kann“ (S. 57). Das Verhalten der Erzieherinnen habe sich hier nicht, wie in vielen anderen Partizipationsmodellen (darunter auch die beiden anderen von ihnen untersuchten), an den möglichen Folgen der kindlichen Entscheidung, sondern letztlich an den Argumenten der Kinder orientiert.
  • Auch Reingard Knauer und Ulrich Bartosch beziehen sich in ihrem Beitrag auf das Konzept „Kinderstube der Demokratie“, das sie mit entwickelt hatten, fragen aber nicht nach der Gestaltung der Partizipationsprozesse, sondern nach den nötigen pädagogischen Kompetenzen der Fachkräfte, um Demokratiebildung im institutionellen Alltag zu ermöglichen. Als solche identifizieren sie intersubjektive Anerkennung, pädagogische Gestaltung, Transparenz der Entscheidungsprozesse, Demokratie in allen Bereichen der Kita und Kooperation mit Eltern bzw. Präsentation nach außen.
  • Alexander Lötscher und Vera Sperisen analysieren in ihrem Beitrag mit Blick auf die Sekundarstufe I die Entscheidungsprozesse in Klassenräten, die häufig als demokratisches Element von Schule propagiert werden. Sie kommen zu dem Ergebnis, dass die Diskurse im „Klassenrat als Unterrichtsgefäß“ (S. 83) so stark von der hierarchischen Struktur der Schule geprägt seien, dass die Partizipation der Kinder nur in sehr eingeschränktem Maße möglich sei. „Das zentrale Fazit ist: Lehrpersonen besitzen im Klassenrat einen großen Einfluss auf die Entscheidungsfindung. In den untersuchten Fällen setzt sich die Position der Lehrperson stets durch. Selbst dann, wenn die Lehrperson ihre Position nur implizit äußert, andere Positionen besser begründet werden oder eine andere Position von der Mehrheit der Klasse mit einer Abstimmung per Handzeichen explizit befürwortet wird.“ (S. 99).

In den folgenden Beiträgen stehen weniger pädagogische Kontexte und Kinder, sondern das politische Engagement von Jugendlichen im Zentrum der Überlegungen.

  • Wolfgang Kühnel und Helmut Willems fragen danach, wie sich das politische Engagement „linksaffiner“ Jugendlicher herausgebildet und im biografischen Verlauf verändert hat. Drei weitere Beiträge beziehen sich auf die Möglichkeiten und Grenzen sozialer und politischer Partizipation von Jugendlichen in drei anderen Ländern und kommen naheliegender Weise zu divergierenden Ergebnissen.
  • Christiane Meyers und Helmut Willems untersuchen Strukturen, Angebote und Hintergründe politischen Engagements von Jugendlichen in Luxemburg und kommen zu dem nicht überraschenden Schluss, dass diese zwar wenig Interesse an „traditionellen“, auf das Parteiensystem bezogenen Formen, sehr wohl aber an anderen, eher informellen Weisen politischen Engagements bekunden.
  • Muhammad Zaman gibt Einblicke in die Strukturen politischer Partizipation in Pakistan, die sehr stark eine von den politischen Parteien ausgehende instrumentelle Tendenz aufweist und für die Jugendlichen mit erheblichen persönlichen Risiken verbunden ist. Jugendliche würden für eine „gewalttätige Politik“ in Dienst genommen (S. 170).
  • Diana Schor zeigt am Beispiel einer Stadt an der Ostküste der USA, wie es gelang, Beteiligungsstrukturen für Jugendliche zu schaffen, die von diesen geschätzt und aktiv in Anspruch genommen werden.

Im abschließenden Teil des Bandes geht Peter Rieker in allgemeinerer Weise der Frage nach, wie unter Beachtung vorliegender empirischer Studien die politische Partizipation Jugendlicher gefördert werden könnte und welche Schwierigkeiten dabei zu überwinden sind. Dabei misst er nicht nur der Schaffung geeigneter Strukturen große Bedeutung bei, sondern auch der qualifizierten Begleitung durch Erwachsene und macht konkrete Vorschläge.

Im letzten Beitrag diskutiert Roland Reichenbach in kritischer und nachdenklicher Weise die Ambivalenzen, die mit der Forderung von Partizipation als demokratischem Ideal insbesondere in pädagogischen Kontexten einhergehen.

Diskussion

Zum Thema Partizipation von Kindern und Jugendlichen liegen inzwischen zahlreiche Veröffentlichungen vor. Deshalb steht wohl jeder, der eine neue Publikation zu diesem Thema plant, vor der Frage, was deren spezifischer Mehrwert sein könnte. In der Einleitung zu dem hier rezensierten Sammelband weisen die Herausgeberinnen und der Herausgeber auch ausdrücklich auf diesen Tatbestand hin. Sie geben darin eine bündige Zusammenfassung der in den beiden letzten Jahrzehnten in deutscher Sprache geführten Fachdiskussion. Sie setzen auch deutliche und, wie ich finde, erfreuliche Akzente zum Partizipationsverständnis sowie bestehenden Unzulänglichkeiten und Handlungsbedarf. Auch die Idee, die Partizipation von Kindern und Jugendlichen einmal in vergleichender Perspektive zu beleuchten, klingt vielversprechend. Doch leider löst der Band die im Titel und der Einleitung geweckten Erwartungen nur teilweise ein.

Die in dem Band versammelten Arbeiten beziehen sich auf viele verschiedene Bereiche und einige Länder und berühren sehr spannende Fragen. Doch die Beiträge bleiben irgendwie nebeneinander stehen und werden auch von den Herausgeberinnen und dem Herausgeber nicht vergleichend diskutiert. Ein entsprechendes Schlusskapitel hätte dem Band sicher gutgetan.

Der Beitrag von Jean Zermatten, einem früheren Vorsitzenden des UN-Kinderrechtsausschusses, und seinen Kolleg*innen leidet zwar an einer inkohärenten Begrifflichkeit, aber er bringt aufschlussreiche Erkenntnisse über das Kinderrechts- und Partizipationsverständnis von Schulkindern im französischen Teil der Schweiz. Ein absolut lesenswertes Highlight ist der Untersuchungsbericht von Elisabeth Richter und Teresa Lehmann über drei Kindertagesstätten, die sich als „Kinderstuben der Demokratie“ verstehen. Hier werden minutiös und empirisch evident die Unterschiede der Partizipationspraxis analysiert und mit plausiblen Handlungsempfehlungen verbunden. Auch der Beitrag von Alexander Lötscher und Vera Sperisen hebt sich wohltuend von den häufig zu lesenden unkritischen Berichten über den Demokratiegewinn von Klassenräten in sog. „Schulen der Kinderrechte“ ab, indem er auch die strukturellen Rahmenbedingungen beleuchtet. Allerdings verlieren die Autorin und der Autor am Ende die eigene Analyse etwas aus dem Auge, wenn sie eine Lösung des Problems darin sehen, dass die Lehrer über die subtilen Seiten ihrer Dominanz reflektieren.

Auch die beiden Beiträge aus Pakistan und den USA vermitteln aufschlussreiche und hierzulande wenig bekannte Informationen zur politischen Sozialisation und Ansätzen politischer Partizipation von Jugendlichen. Da die beiden Beiträge allerdings nicht mit Überlegungen für mögliche Schlussfolgerungen in Deutschland verbunden werden, wirken sie in dem Band etwas verloren und deplatziert. Der pakistanische Beitrag von Muhammad Zaman leidet meines Erachtens auch daran, dass er bei aller Detailkenntnis über die Situation in Pakistan die politische Partizipation von Jugendlichen nur an vermeintlich besseren westlichen Vorbildern misst und zu ausschließlich negativen Schlüssen gelangt. Es wäre ja durchaus spannend gewesen, zu erfahren, wie es möglich ist, dass in Pakistan (oder im benachbarten Afghanistan) trotz extrem schwieriger Bedingungen immer wieder Initiativen von jungen Frauen entstehen, die für sich und andere Gleichberechtigung einfordern.

Noch eine Anmerkung zum Sprachgebrauch. Nicht nur in dieser, sondern auch in vielen anderen Veröffentlichungen zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen findet sich die Redewendung, diese sollten oder müssten „beteiligt werden“. Damit wird – natürlich ohne jede böse Absicht – gesagt, sie müssten dazu gebracht oder gar verpflichtet werden, sich zu beteiligen. Diese Art von Beteiligung sollte Unternehmen und Banken vorbehalten bleiben, die Menschen und der Gesellschaft Schaden zugefügt haben und nun daran beteiligt werden, für diesen Schaden aufzukommen. Kindern und Jugendlichen wie allen Menschen sollte dagegen die Gelegenheit gegeben oder geschaffen werden, sich aus eigenem Willen und eigener Initiative zu beteiligen. Sie sollen doch nicht „partizipiert werden“ – oder? 

Fazit

Auch wenn die vergleichende Perspektive zur Partizipation von Kindern und Jugendlichen nicht eingelöst wird, wird in mehreren Beiträgen des Bandes deutlich, vor welchen immensen Herausforderungen die Partizipationspraxis steht, zumal wenn sie nicht allein als pädagogisches Projekt, sondern auch als politische Praxis von Kindern und Jugendlichen konzipiert ist.


Rezensent
Prof. Dr. Manfred Liebel
Master of Arts Childhood Studies and Children‘s Rights (MACR) an der Fachhochschule Potsdam, Fachbereich Sozial- und Bildungswissenschaften
Homepage www.fh-potsdam.de/person/person-action/manfred-lieb ...
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Zitiervorschlag
Manfred Liebel. Rezension vom 13.02.2017 zu: Rebecca Mörgen, Peter Rieker, Anna Schnitzer (Hrsg.): Partizipation von Kindern und Jugendlichen in vergleichender Perspektive. Bedingungen - Möglichkeiten - Grenzen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2016. ISBN 978-3-7799-3388-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21214.php, Datum des Zugriffs 22.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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