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Susan Leue-Käding: Sexualität und Partnerschaft (Jugenliche mit geistiger Behinderung)

Rezensiert von Dipl.Soz.-Arb. Christiane Queisser, 08.02.2005

Cover Susan Leue-Käding: Sexualität und Partnerschaft (Jugenliche mit geistiger Behinderung) ISBN 978-3-8253-8316-9

Susan Leue-Käding: Sexualität und Partnerschaft bei Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. Probleme und Möglichkeiten einer Enttabuisierung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2004. 345 Seiten. ISBN 978-3-8253-8316-9. 22,00 EUR. CH: 36,80 sFr.
Reihe: Edition S
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Einführung in das Thema

Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung ist in den letzten Jahren zunehmend kein Tabuthema mehr, verstärkt setzt sich die Erkenntnis bei Betreuern, Einrichtungen und Behindertenverbänden doch, dass auch geistig Behinderte ein Recht auf ein Sexualleben haben. Auch in der wissenschaftlichen Diskussion und Forschung wird dem Thema verstärkt Aufmerksamkeit geschenkt, allerdings wird die Sexualität von Menschen mit einer geistigen Behinderung zum Forschungsgegenstand erhoben, ohne dass diese Menschen selbst zu Wort kommen. Eine der wenigen Ausnahmen im deutschsprachigen Raum ist eine Studie von Walter/ Hoyler-Herrmann von 1987, wo erstmals biographische Interviews mit erwachsenen Menschen mit geistiger Behinderung zum Thema Sexualität und Erwachsenwerden von den genannten Autoren durchgeführt wurden.

Aufgrund der wenigen gesicherten Erkenntnisse zur Sexualität von Menschen mit geistiger Behinderung hat Susan Leue-Käding mit zwanzig Jugendlichen Interviews durchgeführt zur Thematik Partnerschaft und Sexualität, um Zugang zur Lebenswirklichkeit von geistig behinderten Jungen und Mädchen zu bekommen. Die Gespräche wurden mit Hilfe eines Leitfadens oder biographisch-narrativ durchgeführt. Die Autorin hat einen emanzipatorischen Ansatz im Umgang mit den Interviewpartnern, die es den Befragten ermöglichte, auch Einfluss auf den Ablauf der Befragung zu nehmen. Die Jugendlichen werden von Leue-Käding nicht als Forschungsgegenstand angesehen sondern als Persönlichkeiten wahrgenommen. Darüber hinaus werden Eltern, Lehrer und Geschwister zu ihrer Sichtweise auf den Jugendlichen und ihre Erfahrungen mit der sexuellen Identität befragt.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist sehr übersichtlich gegliedert. Die Autorin setzt vor der eigentlichen Befragung einen langen wissenschaftlichen Exkurs zu folgenden Themen:

  • Menschenbild,
  • geistige Behinderung,
  • Problemfeld Sexualität - geistige Behinderung,
  • Sexualität und Persönlichkeitsentwicklung,
  • Jugendalter - Identitätsentwicklung,
  • körperliche Veränderungen,
  • psychosexuelle Entwicklung bei geistig behinderten Jugendlichen, bevor sie zur Darstellung des eigentlichen Themas überleitet.

Zu den einzelnen Kapiteln und Definitionen werden gute Hinweise zur Vertiefung der Thematik, über das Buch hinaus, gegeben. Dem Leser, der diesen Teil zu ausführlich ist, kann diese Abschnitte überschlagen.

Der Hauptteil des Buches, der Forschungsansatz, die Rahmenbedingungen, die Vorgehensweise der Untersuchung werden von Leue-Käding detailliert beschrieben und begründet. Der Zugang zu den Methoden ist als Netzwerk in einer Skizze übersichtlich dargestellt. Themen der Befragung waren:

  • Freizeitgestaltung,
  • Freundschaften im Klassenverband u. außerhalb der Schule,
  • Partnerschaft,
  • Sexualerziehung in der Schule,
  • Geschlechtsverkehr,
  • Petting,
  • Verhütung,
  • Kinderwunsch,
  • sexueller Missbrauch,
  • gleichgeschlechtliche Partnerschaft,
  • Zukunftsvorstellungen.

Die Autorin hat 14 bis 19 Jahre alte männliche und weibliche Jugendliche befragt, die sowohl in der Stadt als auch auf dem Land wohnen. Die Befragung fand in den meisten Fällen in dem gewohnten Umfeld der Jugendlichen in der Schule statt. Sie wurde anhand von Leitfäden durchgeführt, dabei hat Leue-Käding sich bemüht, auch nonverbale Aspekte wie Körpersprache, Gestik, Mimik mit in die Auswertung einzubeziehen. Um einigen Interviewpartnern den Anfang des Gesprächs zu erleichtern, wurde von der Autorin mit Hilfe von Bildkarten gearbeitet, ebenso bei Jugendlichen mit weniger kommunikativ ausgebildeten Fähigkeiten. Die Interviews werden mit Hilfe eines Schemas erfasst und anschließend genau interpretiert, Rückschlüsse gezogen und die Auswertung nachvollziehbar begründet.

Einige Interviews sind im Wortlaut abgedruckt und nachlesbar. Als Ergebnis kann festgehalten werden, dass alle Jugendlichen ihre körperlichen Veränderungen wahrnehmen und eigene Vorstellungen von ihrer Sexualität haben. Je mehr sie sexualpädagogische Begleitung und Aufklärung erfahren haben, desto besser ist ihr Selbstwertgefühl und ihre Selbstsicherheit im Umgang mit Partnerschaft, Liebe und Verhütung. Die Autorin stellt eindeutige Zusammenhänge her zwischen einem offenen, förderlichen Elternhaus und aufgeschlossenen Lehrern oder einer restriktiven Fremdunterbringung und dem Verhalten der jugendlichen Befragten.

Bewertung

Die Autorin hat sich sensibel dem Thema genähert, um mit Sorgfalt sehr genau nachvollziehbar ihre Ergebnisse, Interpretationen und Schlussfolgerungen dem Leser zu vermitteln. Es ist ihr hoch anzurechnen, dass sie sich bemüht hat, die Einstellung von geistig behinderten Jugendlichen zur Sexualität und ihren Lebenswelten zu beleuchten und sich mit den Jugendlichen zu unterhalten und nicht über sie.

Die Interviews werden einerseits textanalytisch ausgewertet und interpretiert mit wörtlicher Rede belegt, dann in Tabellenform in verschiedenen Ebenen wie Erfahrungsebene, Konfliktebene nochmals abgedruckt. Teilweise erscheinen einzelne Interviews im Anhang als Transkript. Somit kommt es zu vielfachen Textwiederholungen und der Leser liest Texte mehrmals, was ermüdend ist.

Die Thematik der Sterilisation, die nur von einem befragten Elternpaar ausdrücklich befürwortet wird, ist hier in dem Buch unwidersprochen stehen gelassen. Hier wäre ein Hinweis auf die rechtliche Grundlage hilfreich, denn Sterilisation darf nach dem Gesetz nur in wenigen Ausnahmefällen durchgeführt werden, der alleinige Elternwunsch ist dabei nicht ausreichend.

Fazit

Als Ratgeber und Hilfestellung für Eltern im Umgang mit ihren geistig behinderten Jugendlichen zur Pubertätsproblematik, Verliebt sein, erster Freund, Verhütung usw. ist das Buch sicher nicht geeignet. Allerdings wird bei allen befragten Eltern der deutliche Wunsch erkennbar, mehr Unterstützung von Seiten der Schule und anderen Institutionen zu bekommen, um die Pubertätsphase ihrer Jugendlichen mit geistiger Behinderung und ihre ersten Erfahrungen mit der Liebe gut begleiten zu können. Die Eltern fühlen sich oft sehr hilflos und allein gelassen. Somit ist das Resümee des Buches als Appell für die Lehrer und alle anderen, die im pädagogischen Feld mit diesen Jugendlichen arbeiten, zu betrachten, noch mehr diese wichtigen Entwicklungsthemen an zu sprechen, zu bearbeiten und sexualpädagogisch zu begleiten.

Rezension von
Dipl.Soz.-Arb. Christiane Queisser
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Es gibt 1 Rezension von Christiane Queisser.

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Zitiervorschlag
Christiane Queisser. Rezension vom 08.02.2005 zu: Susan Leue-Käding: Sexualität und Partnerschaft bei Jugendlichen mit einer geistigen Behinderung. Probleme und Möglichkeiten einer Enttabuisierung. Universitätsverlag Winter (Heidelberg) 2004. ISBN 978-3-8253-8316-9. Reihe: Edition S. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/2122.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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