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Rudolf Stichweh: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschafts­theorie

Cover Rudolf Stichweh: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie. transcript (Bielefeld) 2016. 2., erweiterte Auflage. 272 Seiten. ISBN 978-3-8376-2294-2. D: 25,99 EUR, A: 26,60 EUR.

Global Studies and Theory of Society, Band 1.
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Thema

Gegenstand des Bandes ist die Systemtheorie. Der Autor will ihr Potential als interdisziplinäres Theorieverständnis verdeutlichen, um gesellschaftliche Phänomene in ihrer Komplexität und Aktualität zu analysieren.

Autor

Der Autor ist einer der ausgewiesenen Vertreter der Systemtheorie. Er hat als Soziologe an verschiedenen Universitäten gelehrt und international veröffentlicht.

Entstehungshintergrund

Bei der Monographie handelt es sich um die zweite Auflage des gleichnamigen, 2005 erschienenen Werkes.

Gegenüber der ersten Auflage ist der Textteil um ca. 40 Seiten verlängert, die sich vor allem durch drei zusätzliche, bisher unveröffentlichte Textbeiträge ergeben. Die Texte der ersten Auflage sind mit ihren ursprünglichen Veröffentlichungsorten nachgewiesen und zum Teil revidiert bzw. überarbeitet worden. Mit der vorliegenden Auflage werden folglich bestimmte Themen theoretisch weiter gedacht und um aktuelle Phänomene der Gesellschaft ergänzt.

Aufbau und ausgewählte Inhalte

Die Aufsätze sind mit folgenden Überschriften in vier Gruppen zusammengefasst:

  1. Grundlagen der Inklusion und Exklusion,
  2. Funktionssysteme und ihre Inklusionsmodi,
  3. Weltgesellschaft und Migration,
  4. Soziologie der Inklusion/Exklusion als Soziologie der Ungleichheit.

Unter den ersten beiden Überschriften finden sich die ergänzenden Artikel.

Hervorzuheben ist das differenzierte Register, das LeserInnen ermöglicht, neben dem systematischen Vorgehen für bestimmte Themen die genaueren Verweisstellen schnell aufzufinden.

Der Autor selbst vermerkt jeweils zu Beginn der einzelnen Buchbeiträge und verallgemeinernd in dem Vorwort der ersten bzw. im Vorwort zur zweiten Auflage knapp und verständlich sein erkenntnisleitendes Interesse: Er betont, dass eine Analyse der Exklusion zwar durchaus ohne eine gleichrangige Analyse der Inklusion betrieben wird und werden kann – allerdings gelangt man damit nicht zu systemtheoretisch interessanten Ergebnissen (S. 8). Inklusion und Exklusion bilden hierarchische Gegensätze; dabei ist in einer modernen Gesellschaft die Inklusion der Exklusion übergeordnet, so dass man jede Nicht-Inklusion rechtfertigen muss oder man moralisch verpflichtet ist, sie zu verringern. (S. 8).

Weiterhin will der Autor die Analysen von Leistungs- und Publikumsrollen anwenden, um deutlich machen zu können, an wen Rollen und Erwartungen eines bestimmten Handelns jeweils gerichtet sind; dies nutzt er im weiteren Verlauf mit der Differenzierung in sekundäre Leistungsrollen, Amateure und Connaisseure (S. 39).

Des Weiteren geht es dem Autor auch darum, diese analytische Vorgehensweise auf typische Selbstverständnisse der Gesellschaft wie z.B. Demokratie und Wohlfahrtsstaat anzuwenden und mit heutigen kommunikationstheoretischen Erkenntnissen zu verknüpfen; dies geschieht in den Beiträgen ab der zweiten Überschrift. Und last but not least möchte er den bisherigen theoretischen Forschungsstand zu seinen gewählten Themen für nachfolgende und weiterführende Überlegungen zusammenfassen (S. 12).

Diese Inhalte und Herangehensweisen werden in den folgenden Beiträgen konsequent verfolgt und für die einzelnen Bereiche entfaltet. Zuvor gibt der Autor in den ersten drei Beiträgen unter der ersten Überschrift eine kurze, prägnante Grundlegung seines theoretischen Ansatzes.

Als Beispiel für seine Argumentationsweise soll der argumentative Aufriss eines grundlegenden Kapitels „Inklusion/Exklusion, funktionale Differenzierung und die Theorie der Weltgesellschaft“ (S. 47 – 63) angegeben werden. Der Autor stellt und beantwortet folgende Fragen: Wie ist die Karriere des Begriffes Exklusion entstanden und was umfasst er? Welche Zusammenhänge gibt es zwischen Systemtheorie und funktionaler Differenzierung und inwiefern gelangt man mit einem so fundierten Verständnis von Exklusion zu einer umfänglicheren Beschreibungen von Gesellschaft als über die Begriffe Armut oder Schichtung (wobei er einräumt, dass die „europäische Tradition über andere Armutsbegriffe verfügte“ (S.51) als der bisher gängige)? Welche Konsequenzen und Erläuterungen ergeben sich, wenn man die Systemtheorie zugrunde legt? Welche Bereiche kann die Systemtheorie nicht oder nur schwer erklären? – Die jeweils benannten Bereiche der politisch-demokratischen Inklusion, der wohlfahrtsstaatlichen Inklusion, der Migration, des Fremdseins und der Sozialen Ungleichheit werden dann in den folgenden Kapiteln weiter analysiert. Dabei hebt der Autor inhaltlich hervor, dass „Nation der vielleicht erfolgreichste Inklusionsbegriff der Moderne“ (S. 43) ist; und deren Exklusionsseite, nämlich die Migration und die Herstellung von Fremdsein bzw. Fremden, stellen sich als die wesentlichen sozialen Herausforderungen dar.

Herausgegriffen werden soll für diese Rezension der Bereich der wohlfahrtsstaatlichen Inklusion. In dem Kapitel: „Die Soziologie und die Sozialarbeit“ (S. 65 – 70), bei dem es sich um das kürzeste des Bandes handelt, begründet der Autor die Sozialarbeit als Profession der Inklusion. Er unterscheidet zunächst Integration von Inklusion und führt das Phänomen von Leistungs- und Publikumsrollen sowie den Wechsel zwischen beiden ein und gelangt dann zu den Spielarten der exkludierenden Inklusion, der separierenden und der integrativen Inklusion. Die Rolle des Staates als Wohlfahrtsstaat wird zum Inklusionsvermittler und Inklusionsbeförderer (S. 67). Der entscheidende Übergang zur Sozialarbeit als Profession des Wohlfahrtsstaates geschieht, indem sie als die spezialisierte Berufsgruppe und damit als Leistungsrolle identifiziert wird, die die Adressierung von Personen in die Systeme und die unterschiedlichen Inklusionsarten praktiziert und dafür eben häufig staatlich finanzierte Maßnahmen nutzt. Diese Spezialisierung auf die Inklusionsprobleme der Gesellschaft liegt laut Autor orthogonal zu den Handlungslogiken und Eigendynamiken der einzelnen Funktionssysteme der Gesellschaft; sie zu verstehen und zu beeinflussen macht jedoch die Anknüpfbarkeit aus. Deswegen ist die Soziale Arbeit auch wissensmäßig vor allem an die Soziologie gebunden; beide fragen im Vergleich zu anderen Gesellschaftswissenschaften allgemeiner nach der Gesellschaft im Ganzen und nach der Sozialdimension des Sinns (S. 68ff).

Diskussion und Fazit

Der Band zeichnet sich dadurch aus, dass prägnant und klar ein theoretischer Zugriff auf solche Gegenstände wie Inklusion, Exklusion und Funktionssysteme von Gesellschaft erkennbar und nachvollziehbar wird. Durch die besonderen Analyseperspektiven der Systemtheorie ergibt sich dann eine inhaltliche Betrachtung und Strukturierung der ausgewählten Bereiche, die zu erhellenden Einsichten führen. Aus sozialwirtschaftlicher Sicht sind die vorgetragenen Überlegungen für die langfristige, strategische Frage anregend, welche gesellschaftlichen Entwicklungen aus der Umwelt in den Organisationen aufgenommen und beachtet werden sollen.

Entsprechend des gewählten Ansatzes bleiben diese Aussagen jedoch auf einer allgemeinen, theoretischen Ebene; man könnte sie von der Praxis, der historischen Entwicklung und den einzelnen Teilsystemen durchaus genauer beschreiben und evtl. bestimmten Vorannahmen widersprechen, die der Autor zugrunde legt. Mit einer solchen Kritik, die für das evtl. widersprüchliche Funktionieren in bestimmten Einzelfällen oder einer Gruppe von Einzelfällen ergiebig sein kann, trifft man allerdings nicht das Anliegen einer Gesellschaftstheorie.

Gleiches gilt für die Aussagen über die Soziale Arbeit, die herausgehoben dargestellt wird. Die/der LeserIn sollte beachten, dass die Soziale Arbeit, auch wenn sie als Beruf benannt wird, vor allem in ihrer gesamtgesellschaftlichen Relevanz aus Sicht der Systemtheorie beschrieben wird. Soziale Arbeit steht hier eventuell als Zusammenfassung für das, was man sonst auch Sozial- oder Gesellschaftspolitik nennt; mit diesen Begriffen würde man stärker auf die rechtlichen und ökonomischen Veränderung in den Teilsystemen abzielen, die für moderne, inkludierende Wohlfahrtsstaaten kennzeichnend sind.

Es handelt sich insgesamt um eine theoretisch interessierte und interessante Veröffentlichung, die die Vorteile und die Problemanzeigen der Systemtheorie deutlich werden lässt: Wie entsteht und funktioniert eine moderne Gesellschaft? Wie können ihre Aussagen für mehrere Funktionssysteme Gesellschaftsbereiche generalisiert Geltung finden? Wie kann man den Blick über die jeweiligen Grenzen der Subsysteme hinaus richten und ein grundsätzliches Verständnis ermöglichen?

Fazit: Die Veröffentlichung stellt einen prägnanten und fundierten Beitrag zu theoretischen Fragen der modernen Gesellschaft und zur Semantik von Inklusion und Exklusion dar.


Rezensentin
Prof. Dr. Johanna Bödege-Wolf
Administrative und politische Grundlagen der Sozialen Arbeit
Fakultät I Bildungs- und Gesellschaftswissenschaften
Universität Vechta
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Rezensentin
PD Dr. Rita Stein-Redent
Fach Soziologie
Fakultät II Natur- und Sozialwissenschaften
Universität Vechta
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Zitiervorschlag
Johanna Bödege-Wolf/Rita Stein-Redent. Rezension vom 12.04.2017 zu: Rudolf Stichweh: Inklusion und Exklusion. Studien zur Gesellschaftstheorie. transcript (Bielefeld) 2016. 2., erweiterte Auflage. ISBN 978-3-8376-2294-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21220.php, Datum des Zugriffs 23.09.2019.


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