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Gisela Schmeer: Ein Leben eine Lehre

Rezensiert von Mag.a Dr.in Marianne Forstner, 08.03.2017

Cover Gisela Schmeer: Ein Leben eine Lehre ISBN 978-3-902860-08-8

Gisela Schmeer: Ein Leben eine Lehre. Wege zur Kunsttherapie und ein didaktisches Konzept 1926-2015 ; mit einer Live-Dokumentation aus einem kunsttherapeutischen Lehrseminar, ein Film von Lucia Stäubli. Erator Verlag Graz (Graz) 2015. 292 Seiten. ISBN 978-3-902860-08-8. D: 44,00 EUR, A: 44,00 EUR, CH: 44,00 sFr.

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Thema

Gisela Schmeer bearbeitet in diesem umfassenden Werk biografische Markierungspunkte im Kontext mit ihrer kunsttherapeutischen Lehre und legt damit eine spezifische Art eines Lehrbuches dar, das von einem Lehrfilm aufgenommen von Lucia Stäubli (auf DVD beigefügt) ergänzt wird. Sie lässt die LeserInnen damit sowohl an persönlichen als auch fachspezifischen Erlebnissen und ihren kunsttherapeutischen Theorien und Praxiserfahrungen teilhaben, die sie nach eigenen Angaben auf einer spezifische Art des Sehens begründen (vgl. Schmeer, 2015, S. 3).

Autorin

Gisela Schmeer (*1926) ist eine bekannte deutsche Kunsttherapeutin, Ärztin für Psychotherapie und Psychoanalyse und seit 2005 Professorin für Kunsttherapie an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden. Sie hat neben kunsttherapeutischen Fachwerken auch drei Romane veröffentlicht (vgl. Schmeer, o.J., www.gisela-schmeer.de) Von Schmeer stammen einige spezifische Methoden, wie beispielsweise die sogenannte „Resonanzbildmethode“ (Schmeer, 2015, S. 234), als spezielle Bündelungen kunsttherapeutischer Verfahren.

Entstehungshintergrund

Zu Beginn dieses Buches gibt die Autorin an, dass sie nach langjähriger Praxis- und Lehrerfahrung ein Lehrbuch verfassen wollte, als eine „Art Werkbiografie, in der von einem lebendigen biographischen Hintergrund die Beschreibung des [.] praktizierten didaktischen Konzeptes abgeleitet wird“ (Schmeer, 2015, S.15). Zusätzlich will Schmeer damit auch ihren SchülerInnen und Schülern darlegen: „Was für ein Mensch ist meine Lehrerin? Und wie hat sie gelebt?“ (Schmeer, 2015, S.15).

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Werk gliedert sich in fünf Teile.

Der erste Teil (S. 18 – 133) gliedert sich in vier Abschnitte und befasst sich mit Schmeers Kindheit und Jugend (1926 – 1943), ihrem Medizinstudium im Krieg und in der Nachkriegszeit (1943 – 1949), ihren Erfahrungen im Kontext von Psychologie, Psychiatrie und im Bereich der Arbeit an einer psychosomatischen Beratungsstelle (1950 – 1955) und schließlich mit ihrer Arbeit als niedergelassene Psychotherapeutin und ihrer publizistischen Tätigkeiten als Autorin in der Zeitschrift „Eltern“ oder „Hörzu“ (1955 – 1980).

Hier erscheinen besonders die Schilderungen über ihre Familie, ihren Vater, ihre Mutter und die Beziehung zu ihrer Zwillingsschwester interessant, aber auch ganz persönliche Erlebnisse, wie Schmeers Impfung als Kind, durchgeführt von der Kinderärztin und späteren Psychoanalytikern Karen Horney (1885 – 1952), der Schmeer eine relevante symbolische Bedeutung im Sinne auch ihrer Berufswahl zumisst (vgl. Schmeer, 2015, S. 18 ff.). Auch liefert beispielsweise eine Schilderung über die Art und Weise eines Interviews mit dem berühmten Schauspieler Curd Jürgens im Jahr 1975 für die Zeitschrift „Hörzu“ einen interessanten Einblick in Schmeers Herangehensweise an Menschen und deren Erleben (vgl. Schmeer, 2015, S. 127 – 130).

Im zweiten Teil (S. 134 – 171), der sich in die Unterkapitel Mezzogiorno (1974 – 1990) und Passignano sul Trasimeno (1981- 2011) unterteilt, werden Schmeers Erfahrungen aus ihrer Zeit in Italien verarbeitet und reflektiert, wo sie über lange Jahre Selbsterfahrungsgruppen leitete, umfassende Ritual- und Kunststudien vornahm und ihre Form rezeptiver Kunsttherapie entwickelte und anwandte.

Der dritte Teil (S. 172 – 205) beschäftigt sich mit Vorbildern und Lehrerinnen und Lehrern als auch kunsttherapeutischen Weggefährten und Weggefährtinnen, wie beispielsweise Gertraud Schottenloher und Doris Titze. Dieser Teil endet mit einem Reflexionsteil bezüglich der Rolle und Funktion von Kunst in der Kunsttherapie.

Der vierte Teil (S. 206 – 279) mit der Überschrift „Kunsttherapie – ein didaktisches Konzept 1985-2015“ gliedert sich in drei Abschnitte. Der erste Abschnitt behandelt die Entstehung ihres Lehrprogrammes, der zweite Schmeers Lehre, und der dritte beschäftigt sich mit Seminaren und deren Gestaltung. Hier werden sowohl Möglichkeiten des Einstieges als auch, wie sie Schmeer (2015, S. 243) bezeichnet, „die vier Säulen“ der inhaltlich-methodischen Arbeit näher beschrieben. Schmeer beschäftigt sich hier auch mit der „Meta-Position“ (2015, S. 262), die sich in eine „ästhetische Position“ (S. 262) und in das so bezeichnete „absichtslose Warten“ (S. 264) untergliedert. Schließlich wird „Der Ausstieg“ als „aktives Loslassen“ (S. 276) näher erläutert.

Der fünfte Teil (S. 279 – 284) widmet sich dem „Spannungsfeld von persönlichem Behandlungsstil und beruflichem Rahmen“ (Schmeer, 2015, S. 280). Hier reflektiert Gisela Schmeer die persönlichen Eigenarten und Sehweisen aber auch Interventionsmöglichkeiten im Kontext der Unvorhersehbarkeiten der Themen und Situationen im kunsttherapeutischen Prozess und Erleben. Schmeer (2015, S. 281) meint dazu: „ … die Eigenart des unerwarteten neuen Ankers lassen sich nicht vorhersagen. Sie bleiben ein Geheimnis der persönlichen Lebens- und Berufserfahrung sowie der Einmaligkeit des jeweiligen Hier und Jetzt.“ Im Abschnitt „Der vorgegebene Rahmen“ (S. 281 – 283) befasst sich Schmeer knapp mit der heilmedizinischen Einbettung der Kunsttherapie, um schließlich in fünfzehn Aufzählungspunkten eine „Definition eines Berufsbildes“ (Schmeer, 2015, S. 282 f.) aus ihrer Sicht vorzunehmen. Dabei führt sie im letzten Aufzählungspunkt an: „Kunst-, Mal- und Gestaltungstherapeuten leisten einen wichtigen Beitrag in der klinischen und ambulanten Versorgung von Menschen, die an Krankheiten oder am Leben leiden“ (Schmeer, 2015, S. 283). Im letzten Abschnitt des fünften Teils wird der „abgestimmte“ Rahmen (S. 284) als Arrangement der Kunsttherapeutin beziehungsweise des Kunsttherapeuten mit den zeitlichen und gestalterischen Ressourcen adäquat umzugehen thematisiert, wenn sie meint: „In der Akzeptanz zeitlicher und örtlicher Rahmenbedingungen, d.h. auch der Begrenzung, übersteigen und bewältigen wir schließlich das, was wir als Spannungsfeld erlebt haben: Der Rahmen wird für uns und unsere Patienten zum Hort“ (Schmeer, 2015, S. 284).

Diskussion

Das umfassende vorliegende Werk von Gisela Schmeer stellt in mehrfacher Hinsicht ein besonderes aber auch eigenwilliges Lehrbuch dar. Einerseits erfährt die LeserInnenschaft interessante biografische Details der Autorin und deren Verknüpfung zu von dieser kritisch-reflexiv gestalteten Interpretationen in Bezug auf ihre eigene Entwicklung als auch ihre Entwicklung als Kunsttherapeutin und ihres therapeutischen Konzeptes. Andererseits scheinen aber wesentliche biografische Markierungen, die Gisela Schmeer in ihren verschiedenen Rollen als verheiratete Frau und Mutter, deutlicher erfassbar gemacht hätten, nur knapp verarbeitet. So ist beispielsweise über ihre Beziehung zu ihrem Mann oder ihren Kindern leider nur wenig qualitativ beschreibend dargelegt und in den Kontext ihrer Erfahrungswelt als Kunsttherapeutin gestellt. Dies lässt einen weiten Interpretationsrahmen zu, der einerseits zu Hypothesen verleitet und andererseits nicht ganz im Einklang mit ihrem Vorhaben zu stehen scheint, die Frage zu beantworten: „Was für ein Mensch ist meine Lehrerin?“ (Schmeer, 2015, S. 15).

In Summe jedoch scheinen wesentliche Erlebnisse, Erfahrungswelten und Analysewerkzeuge des kunsttherapeutischen Sehens Gisela Schmeers verdeutlicht zu sein, die nachvollziehbar machen, wie sie sich selbst als Mensch aber auch als Kunsttherapeutin und ihr didaktisches Konzept über die Jahre entwickelt und ausgereift hat.

Fazit

Mit dem reichhaltigen Bildmaterial, den biografischen Markierungspunkten der Autorin und den dazugehörenden Reflexionen und Interpretationen, der Darlegung von einigen deutlichen Fallbeispielen und von Schmeer entwickelten Methoden, aber vor allem auch dem beigefügten Lehrfilm erscheint dieses Lehrbuch für eine breite LeserInnenschaft interessant. Sowohl grundsätzlich an der Person Gisela Schmeer aber auch ihrem kunsttherapeutischen Schaffen und den verschiedenen Methoden Interessierte als auch Fachpublikum können aus diesem Werk interessante Informationen und Erkenntnisse ziehen. Das Buch kann daher sowohl für kunsttherapeutisch geschulte Menschen aber auch einer an der Kunsttherapie interessierte LeserInnenschaft empfohlen werden. Besonders der Lehrfilm birgt viele interessante Sequenzen aus der kunsttherapeutischen Praxis und demonstriert damit auf unspektakuläre Weise praktische Anwendungsbeispiele für angehende und bereits praktizierende Kunsttherapeutinnen und -therapeuten bzw. Psychotherapeutinnen und -therapeuten.

Rezension von
Mag.a Dr.in Marianne Forstner
Lehrende und Lehrgangseiterin FHOÖ, Lehrgang Sozialpädagogik und Erlebnispädagogik, Supervisorin und Mal- und Gestaltungstherapeutin
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Es gibt 14 Rezensionen von Marianne Forstner.

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Zitiervorschlag
Marianne Forstner. Rezension vom 08.03.2017 zu: Gisela Schmeer: Ein Leben eine Lehre. Wege zur Kunsttherapie und ein didaktisches Konzept 1926-2015 ; mit einer Live-Dokumentation aus einem kunsttherapeutischen Lehrseminar, ein Film von Lucia Stäubli. Erator Verlag Graz (Graz) 2015. ISBN 978-3-902860-08-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21221.php, Datum des Zugriffs 03.12.2022.


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