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Antje Dresen, Florian Freitag (Hrsg.): Crossing (kulturelle Differenzen und Identitäten)

Cover Antje Dresen, Florian Freitag (Hrsg.): Crossing. Über Inszenierungen kultureller Differenzen und Identitäten. transcript (Bielefeld) 2016. 280 Seiten. ISBN 978-3-8376-3538-6. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.

Edition Kulturwissenschaft, Band 107.
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Crossing = Aneignung?

Die ursprüngliche Begriffsbedeutung des englischen Wortes „Crossing“ = „Kreuzung“ wird in der Kulturanthropologie und Sprachwissenschaft als eine Situation bezeichnet, bei der die sprachliche Kommunikation auf einer „fremden“ Ebene erfolgt, die der Sprecher benutzt, obwohl er die kulturelle Identität nicht besitzt, die die Kommunikation kennzeichnet oder alltagssprachlich, als Slang, als Provokation oder als Karikatur verwendet wird. Im sprachlichen Kontext wird z. B. die „Kanaksprak“ als Crossing bezeichnet. In diesem Sinne kann Crossing sowohl identitäts- und integrationsstiftend, als auch abgrenzend sein.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Crossing im soziolinguistischen Zusammenhang hat im wissenschaftlichen, disziplinären und interdisziplinären Diskurs eine große Aufmerksamkeit bewirkt, insbesondere bei den Fragen, welche Bedeutung Sprache, Differenz und verständliche Kommunikation für Identitäts- und Integrationsaspekte hat. In den Kulturwissenschaften (vgl. dazu auch: Stephan Conermann, Hrsg., Was ist Kulturwissenschaft?, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12965.php; sowie: Thomas Schmidt-Lux, u.a., Kultursoziologie – eine problemorientierte Einführung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/20800.php) gewinnt der Crossing-Begriff eine zusätzliche Aufmerksamkeit darüber, wie fremde kulturelle Codes über sprachliche Kommunikation hinaus wirken und sich konstitutiv entwickeln, etwa durch Dialekte, musikalische Stilrichtungen, Bildern, Kleidung, Mythen, Gesten, Bewegungsrichtungen, usw. (siehe auch: Andreas Hepp, Transkulturelle Kommunikation, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/4218.php).

In der Arbeitsgruppe „Diskurs – Macht – Wissen. Konstruktionen von Ungleichheit“ des Sozial- und Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums (SoCuM) der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz werden auch Crossing-Aspekte in Ringvorlesungen und Workshops thematisiert. Die Diskussions- und Arbeitsergebnisse werden in dem Sammelband „Crossing“ von der Juniorprofessorin für Sportsoziologie Antje Dresen und vom Sprach- und Kulturwissenschaftler Florian Freitag als Herausgeberteam vorgelegt.

Aufbau und Inhalt

Die einzelnen Beiträge basieren alle auf der Frage, „wer sich warum in welcher Situation und in welchem sozialen Kontext ‚fremde‘ Codes aneignet und welche Folgen daraus resultieren“.

Der Historiker von der University of Exeter in Großbritannien, Filippo Carla-Uhink, setzt sich mit seinem Beitrag „Crossing Gender“ mit der Situation auseinander, dass sich (erst) im letzten Vierteljahrhundert eine „transgender Identität“ entwickelt hat, während in den früheren Jahrhunderten lediglich „transgender Handlungen“ möglich waren. Am Beispiel des Transvestismus im römischen Kaiserreich verweist er auf Strategien zur Konstruktion von Ungleichheit. Geschlechtsumwandlungen waren in der Antike lediglich im Zusammenhang mit göttlichen Zuweisungen, Riten und Festlegungen möglich. Eine gesellschaftliche Legitimität war nicht durch akzeptierte Entgrenzungen denkbar, sondern nur als individuelle Akzeptanz geduldet und damit nicht gefestigt oder funktionalisiert, sondern sie wirkten (wie heute?) als „Verschleierung eines Prozesses der Fossilisierung und der Verstärkung von (Gender-)Stereotypen“.

Die Mainzer Philologin Annemarie Ambühl nimmt sich mit ihrem Beitrag „Crossing Genres & Cultures in der alexandrinischen Literatur“ ebenfalls s die antike Schreibe vor, und zwar Theokrits 15. Idyll, in dem der antike Dichter die verschiedenen, verbalen und kulturellen Situationen schildert, wie sie sich bei einem Festmahl zu Ehrendes Gottes Adonis ereignen. Die Autorin benutzt die aus der antiken Schrift interpretierten interkulturellen Dialoge, um sie mit dem „Crossing-Modell“ verstehbar und übertragbar auf heutige, transkulturelle und fremdheitsorientierte, abweisende und rassistische Auseinandersetzungen zu machen und Parallelen und gegensätzliche Entwicklungen aufzuzeigen.

Die Mainzer Latinistin Marion Gindhart setzt sich mit „Crossing Genres in römischen Fachtexten“ auseinander, und zwar den Lehrdichtungen in den Agrarhandbüchern von Columella und Palladius. Auch sie bezieht sich dabei auf das Crossing-Modell, wie es vom britischen Linguisten Ben Rampton entwickelt wurde und als Exempel für Abgrenzungs- und Kreuzungsphänomene bei sprachlichen Verstehensprozessen verstanden wird. Mit diesem „literarischen Spiel“ wird erkennbar, dass die Positionen und Ausdrucksweisen, wie sie in den antiken Lehrgedichten zum Ausdruck kommen, eine Kultur- und Gruppenzugehörigkeit einfordern, der die Verfasser selbst nicht angehören.

Florian Freitag und die Amerikanistin Annika Rosbach fragen ebenfalls nach „Literarische(n) Crossings“, indem sie sprachliche Kreuzungen in der amerikanischen Dialektliteratur des 19. Jahrhunderts analysieren. Es geht um Übersetzungen des Originaltextes in fremde Sprachen; etwa „Uncle Tom´s Cabin“ (1852) ins Deutsche mit dem Titel „Onkel Tom´s Hütte oder Negerleben in den Sklavenstaaten des freien Nordamerika“. Es werden Parallelen und Unterschiede beim literarischen Crossing herausgearbeitet, die sich sowohl als verständliche Ausdrucksmittel, als interkulturelle Übersetzungen, aber auch als „sprachliche Minenfelder“ darstellen können.

Die Romanistinnen von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, Sonja Huigera del Moral und Silke Jansen berichten mit ihrem Beitrag „Inszenierung durch Stilisierung fremder Stimmen“ über Verlauf und Ergebnis einer Forschungsstudie über eine hispanophone Migrantengruppe in Nürnberg. Sie zeigen auf: „Crossing ist potentiell ‚a socially dangerous act‘“; und ist als „inszenierte Grenzüberschreitung“ zu verstehen. „Indem eine sprachliche Grenze überschritten wird, wird diese nicht etwa nivelliert, sondern im Gegenteil gerade affirmiert oder relevant gemacht“.

Der Mainzer Musikwissenschaftler Thorsten Hindrichs setzt sich mit seinem Beitrag „Shice auf Hiphop“ mit der Frage auseinander, ob RechtsRap als Crossing verstanden werden kann. Die Analyse von musikalischen Macharten der rechtsradikalen Szene zeigt, dass zwar „jede Szene über ein gemeinsam geteiltes Repertoire an Einstellungen, Haltungen, Codes und Wissensbeständen (verfügt) und ( ) damit eine soziale Gruppe mit eigener Sprache… (formiert), doch im RechtsRap fehlt das dem Crossing eigene Momentane, so dass der Autor bei der rechtsextremen Musik von ‚genuiner Aneignung‘“ spricht.

Antje Dresen thematisiert „Bewegtes Crossing“, wenn sie über inszenierte Ungleichheiten im Sport spricht. Sie greift die beim Crossen benutzte Symbolik auf, wie sie sich zum Beispiel als „Quasi-Religion“ bei Sportarten zeigen und entweder als Performances benutzt, oder sogar als Glaubensbekenntnis praktiziert werden: „Derartige Ritualisierungen sorgen für notwendigen kollektiven Zusammenhalt“. Für Crossing-Analysen ist dabei bedeutsam, dass sich dabei eine doppelte Abgrenzung vollzieht – „zur konventionellen Religion und zu den sportlichen Gegnern als Mannschaft und Fans“.

Der Kölner Rechtswissenschaftler Sebastian Klappert begibt sich mit seinem Beitrag „Crossing im Recht“ auf die Spurensuche nach Begriffsbildungen im öffentlichen Recht. An verschiedenen Beispielen zeigt er auf, wie sprachliche Abweichungen von der typisch rechtlich-institutionellen Fachsprache und die Verwendung einer „fremden“ Rechtssprache Abgrenzungen zu (scheinbaren und tatsächlichen) ideologischen, mentalen, weltanschaulichen, politischen oder traditionalistischen Einstellungen darstellen und damit „das Recht an sich“ positionieren.

Fazit

Aus Crossing erwächst eine ganz besondere schöpferische Kraft; diese Aussage macht auf die Phänomene aufmerksam, die auftreten, wenn bei „soziale(n) Handlungen und kulturelle(n) Artefakten, bei denen Grenzen überschritten werden, um Differenzen zu schaffen und Identitäten zu inszenieren“. In den soziolinguistischen Forschungen werden solche Einstellungs-, Haltungseinstellungen und Identitätsentwicklungen als soziale und kommunikative Aspekte thematisiert; in den Kulturwissenschaften ist die Crossing-Forschung ein relativ junges Feld. Mit dem Sammelband legt die Arbeitsgruppe des Sozial- und Kulturwissenschaftlichen Forschungszentrums an der Mainzer Universität ihre bisherigen Diskussions- und Forschungsergebnisse vor. Sie verweisen damit auf ein Themen- und Forschungsdesign, das in der sich immer interdependenter, entgrenzender und ungleicher entwickelnden (Einen?) Welt neue Perspektiven, Erkenntnisse und humane Lösungsmöglichkeiten aufzeigt.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 24.02.2017 zu: Antje Dresen, Florian Freitag (Hrsg.): Crossing. Über Inszenierungen kultureller Differenzen und Identitäten. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3538-6. Edition Kulturwissenschaft, Band 107. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21222.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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