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Jan Stoll: Behinderte Anerkennung?

Cover Jan Stoll: Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 420 Seiten. ISBN 978-3-593-50620-3. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Auf gut 417 Seiten schreibt der Autor eine – selektive, aber auf instruktive Weise selektive – Geschichte der Formierung und Organisation politischer Interessen und politischer Einflussnahme behinderter Menschen in der Bundesrepublik bis Anfang der 1990er-Jahre. Dabei kommen immer wieder Wechselwirkungen und Querbezüge zur politischen Kultur, der (De-)Institutionalisierung politischer Interessensartikulation sowie der sozialpolitischen Entwicklung der alten Bundesrepublik in den Blick. Disziplinär ist das im Überschneidungsbereich von Geschichts- und Politikwissenschaft anzusiedeln, zudem fallen die Stichworte Disability Studies/Disability History – aber dazu gleich mehr. Der Autor ist gelernter Geschichtswissenschaftler, hat Neuere und Neueste Geschichte, Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie Gender Studies an der Universität Freiburg studiert, schon diese Kombination ist nicht der schlechteste Hintergrund für das Thema des Buches.

Autor

Jan Stoll war zunächst wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Professur für Globalgeschichte der Universität Bamberg, dann an der Professur für die Geschichte der Neuzeit an der Christian-Albrechts-Universität in Kiel. Entstanden ist das Buch als Dissertation im Rahmen eines DFG-Projektes „Geschichte von Menschen mit Behinderung seit 1945“ an der Universität Kiel.

Aufbau und Inhalte

Die Deutsche Nationalbibliothek bietet Einblick in das https://d-nb.info/1100380388/04 vollständige Inhaltsverzeichnis.

Nichts über uns ohne uns“

Einen Ausgangspunkt des Buches stellt gleich am Anfang die Selbstverortung in den „Disability Studies“dar, die – soweit sie geschichtswissenschaftliche Aspekte betreffen – auch als „Disability History“firmieren. Es wird sich herausstellen, dass eine solche Verortung bei diesem Thema eine Dialektik in Gang setzt, die dann erst am Ende des Buches sichtbar wird. Das Selbstverständnis der Disability Studies steht ja – ähnlich wie bei den Gender Studies, die dafür das Vorbild abgaben – im Spannungsfeld zwischen

  1. einem interdisziplinären Programm,
  2. einer emanzipatorischen Programmatik und
  3. eines kultur- bzw. wissenssoziologischen, durchaus auch „ideologiekritischen“ Programms:

„Behinderung ist nicht ‚an sich‘, sondern gesellschaftlich konstruiert“ wird da häufig formuliert – erkenntnistheoretisch etwas unbedarft, denn was heißt schon „an sich“ und was eigentlich ist nicht sozial konstruiert? Stoll reißt alle diese Aspekte kurz an und zitiert den Slogan „Nichts über uns ohne uns“, den sich ein Teil der VertreterInnen der Disability Studies zu eigen gemacht haben, und der u.a. auch titelgebend für ein 2006 erschienenes Bändchen von Gisela Hermes und Eckhard Rohrmann[1] wurde. In dessen Einleitung wird der Subjekt- und Akteursstatus von Menschen mit Behinderungen als „Expert/inn/en ihrer eigenen Situation“ und die Rückbindung der Disability Studies an die politische Behindertenbewegung betont. „Disability Studies nehmen für sich nicht in Anspruch objektiv zu sein, sondern ergreifen Partei für die Interessen behinderter Menschen“, schreiben Hermes/Rohrmann da (2006: 7). Damit geben sie dem „Nichts über uns ohne uns“ die Bedeutung eines Leitbilds von Interessenverbänden, die ja genau nach dieser Logik handeln und so handeln müssen. Das Interessante daran ist: wie geht das? wie mischt man sich ein? und vor allem: wer ist „wir“ und wer darf „uns“ vertreten? Genau diese Fragen sind in Stolls Studie fast auf jeder Seite präsent, die Antworten darauf verändern sich im historischen Verlauf erheblich und streckenweise liest sich das spannend wie ein Krimi.

Was sich Stolls Studie, wie man bei der Lektüre schnell merkt, nicht zu eigen macht, ist dagegen der umstandslose Verzicht auf den Anspruch wissenschaftlicher „Objektivität“. Der Autor zeichnet im Gegenteil die Interessenskämpfe immer aus einer gewissen Distanz und Außenperspektive nach, bemüht sich um „Neutralität“ und „Objektivität“ im Sinne einer Darstellung und Analyse perspektivischer Vielfalt. Das empfindet man an keiner Stelle als Makel, darin liegt vielmehr eine der großen Stärken dieser Arbeit.

Ausführlich berichtet Stoll über seine Quellen und damit verbundene Ungleichgewichte in der Art der Quellen und Probleme. Nur soviel: er greift ausschließlich auf schriftliche Dokumente zurück. Das reicht vom Schriftverkehr zwischen Verbänden und staatlichen bzw. politischen Organen über interne Aufzeichnungen, Akten, Mitteilungen, Festschriften der Organisationen selbst bis hin zu den grauen Papieren und Zeitschriften der Behindertenbewegung (CeBeef-Magazin, Luftpumpe, Krüppelzeitung, Randschau) sowie sonstigen Medien-Berichten.

Überblick: Kriegsopferverbände, Elternvereinigungen, Krüppelgruppen

Eine weitere Stärke der Arbeit liegt in der klugen Begrenzung auf drei unterschiedliche „Fälle“, die jeweils im Zentrum der ihnen korrespondierenden Hauptteile der Arbeit stehen, und zwar:

  • die sogenannten Kriegsopferverbände, die seit dem Ende des 2. Weltkriegs zunächst vor allem die Interessen einer „kriegsversehrten“ Klientel bzw. ihrer Angehörigen vertraten, insbesondere der Verband der Kriegsbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen (VdK) oder der Reichsbund der Kriegsbeschädigten, Sozialrentner und Hinterbliebenen (Reichsbund, heute Sozialverband Deutschland e.V.);
  • Elternvereinigungen wie die „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“, die ihre formative Phase und einen ersten Höhepunkt ihrer politischen Wirkung vor allem in den 1960er-Jahren hatten;
  • die Vereine, „Clubs“, Initiativen und Gruppen, die in den 1970er und 1980er Jahren zur Entstehung einer sozialen und politische Behindertenbewegung beitrugen, im Mittelpunkt stehen (1) die „Clubs der Behinderten und ihrer Freunde“ samt ihrer Bundesarbeitsgemeinschaft (BAGC); (2) die kleine, aber einflussreiche Gruppe um Gusti Steiner und Ernst Klee mit ihrem Frankfurter VHS-Kurs und der davon ausgehenden vielfältigen politischen, wissenschaftlichen und Selbsthilfe-Aktivitäten; (3) die seit 1978 entstehenden sogenannten „Krüppelgruppen“, die u.a. mit spektakulären Aktionen im Kontext des Internationalen Jahrs der Behinderten 1981 auf sich aufmerksam machten.

Diese drei kontrastierenden Organisationsformen bieten nun einerseits eine Fülle von Ansatzpunkten für den typologischen Vergleich (z.B, wie sie ihre Interessen in den politischen Prozess einbringen, welchen Argumentationsstrategien sie folgen, wie sie sich organisieren und formieren, welchem Verständnis von Behinderung sie folgen und wie sie sich darin von Nicht-Behinderten oder „anderen“ Behindertengruppen abgrenzen, welche Programmatik verfolgt wird, wer ihre Trägergruppen und -Milieus sind usw.).

Andererseits lassen sich den behandelten „Organisationen“, obwohl die meisten bis heute bestehen bzw. Nachfolgestrukturen hinterlassen haben, historische Schlüsselphasen ihrer Formierung und politischen Wirksamkeit zuordnen, die zugleich zeitgeschichtliche Bedeutung haben, für bestimmte Erscheinungsformen der politischen Kultur der jungen Bundesrepublik sowie der sozialpolitischen Entwicklung stehen. Da diese Phasen aufeinander folgen, ergibt sich – durch die komparative Anlage der Studie hindurch – eine zusammenhängende chronologische „Erzählung“, die von den Nachkriegsjahren bis zu den beginnenden 1990er-Jahren reicht.

Kriegsopferverbände in den 1950er-Jahren

Die Schlüsselphase der zentralistisch organisierten Kriegsopferverbände bilden natürlich vor allem die 1950er- und frühen 1960er-Jahre. Die „Nachkriegszeit“ kommt hier zunächst in der Orientierung an einer „Schicksalsgemeinschaft“ der „Kriegsbeschädigten“ zum Ausdruck, die anfangs durchaus auch noch Formen soldatischer „Gemeinschaftlichkeit“ beschwört. Der Behinderungsbegriff ist kausal und beansprucht Exklusivität gegenüber den „Zivilbeschädigten“, er ist eng verknüpft mit der Semantik eines „Opfers an Blut und Leben“, das die Kriegsbehinderten für das deutsche Volk erbracht hätten. Spannend ist nun zu sehen, wie die zunehmende Einbindung in den „Verbändestaat“ (Eschenburg) der frühen Bundesrepublik diese Muster sukzessive verändert, einen immanenten Zwang ausübt, die eigenen Anliegen zu generalisieren und zu institutionalisieren, den Kreis der Mitglieder zu erweitern, sich von den Kriegsnarrativen sukzessive zu verabschieden und sich schrittweise hin zu allgemeinen Sozialverbänden zu entwickeln. Davon kann natürlich in den 1950er Jahren zunächst noch keine Rede sind, allerdings macht Stoll auch damals schon Tendenzen in diese Richtung sichtbar: etwa in den partiell pazifistischen Orientierungen, in den Bekenntnissen zur jungen bundesdeutschen Demokratie und zu parteipolitischer und konfessioneller Neutralität. Das betrifft auch die Auswirkungen der politischen Lobbyarbeit der Verbände und ihre Einwirkungen auf Gesetzesinitiativen und die Erarbeitung von Gesetzesentwürfen, die vor- und innerparlamentarische Arbeit der Verbände bzw. Verbandsspitzen. Die Schaffung einer Sozialgerichtsbarkeit, der Ausbau beruflicher Rehabilitation, das Bundesversorgungsgesetz, rentenrechtliche Standards, eine Art von frühem Normalisierungsprinzip und Grundsätze wie „Rechte statt Mitleid“ – das alles haben die Kriegsopferverbände gefordert und mitgetragen und das kam schließlich, auch wenn es anfangs nicht intendiert war, auch breiteren Gruppen der Bevölkerung und behinderten Menschen generell, nicht nur kriegsbedingt (körper-)behinderten Männern zugute. Spannend sind auch Stolls Schilderungen der teils parteipolitisch überlagerten Rivalitäten und erbitterten Konkurrenzkämpfe der verschiedenen Kriegsopferverbände untereinander, in denen es auch immer um die Frage ging, wer wen mit welchem Recht vertreten darf, wer für „alle“ oder auch nur einen größeren Teil der Kriegsbeschädigen sprechen kann. Dabei wurde, wie Stoll darstellt, vor Diskreditierungen, Diffamierungen und „geheimdienstlich anmutenden Mitteln“ (55) durchaus nicht zurückgeschreckt.

Ebenso symptomatisch sind Abgrenzungen gegenüber anderen Gruppen behinderter Menschen, ja die teils zu beobachtenden Reserven gegenüber einem generalisierten Behinderungsverständnis. Der Behinderungsbegriff des BSHG 1961 stieß, wie Stoll darstellt, zunächst durchaus auf die Kritik der Kriegsopferverbände, die nicht „in einem Atemzug“ mit „geistig“ und „seelisch“ Behinderten genannt werden wollten (S. 124). Das alles änderte sich erst lange nach dem seit den 1960er Jahren propagierten „Ende der Nachkriegszeit“.

Elternvereinigungen in den 1960er Jahren

Das ist für Stoll zugleich ein wichtiges Stichwort für das Verständnis der Aktivitäten der Ende der 1950er und in den 1960er Jahren zunehmend entstehenden, zunächst meist als lokale Gruppen und Vereine organisierten Vereinigungen von Eltern behinderter Kinder, darunter unter anderem dann auch die Eltern der sogenannten „Contergankinder“, Vereine für „spastisch gelähmte“ oder auf andere Weise behinderte Kinder. Dies alles sieht Stoll auch vor dem Hintergrund des eingeengten Vertretungsanspruchs der Kriegsopferbände, zugleich aber stieg die gesellschaftliche Wahrnehmung dieser Gruppen – nicht zuletzt durch den sogenannten „Conterganskandal“ und die in diesem Umfeld erfolgte Gründung der Fernsehlotterie „Aktion Sorgenkind“ (heute Aktion Mensch) 1964.

Im Mittelpunkt der Darstellung dieses Teils der Arbeit steht die Gründung der „Lebenshilfe für das geistig behinderte Kind“. Es handelt sich hier nicht um eine Vereinigung der selbst von Behinderung Betroffenen, die Eltern nahmen aber durchaus in Anspruch für ihre Kinder zu sprechen und deren Interessen wahrzunehmen. Auch darin steckte Konfliktpotenzial, wie Stoll zeigt, und das wirft wiederum auf andere Weise wie bei den Kriegsopferverbänden die Frage auf „wer vertritt wen und welche Interessen?“ und „wer ist wir?“. Das zeigte sich insbesondere später, als sich die Lebenshilfe, wie Stoll ausführt, dezidiert für die Legalisierung der Sterilisation behinderter, einschließlich „einwilligungsunfähiger“ Menschen einsetzte, wohlgemerkt mit der Behauptung, das diene derem eigenen Schutz und befördere ihre Eingliederung in die Gesellschaft. Letztlich steckte dahinter sicher eher ein „pädagogisches“ Interesse der Kontrolle der Sexualität der (Jung-)Erwachsenen, wie Stoll überhaupt als eine der Auswirkungen der Tätigkeit der Lebenshilfe mit Dederich eine „Pädagogisierung von Behinderung“ diagnostiziert (200). Dies lag auch an dem spezifischen Hintergrund des sozialen Milieus, aus denen sich die Lebenshilfe-Mitglieder vor allem in der Formationsphase der Lebenshilfe rekrutierten. Es handelte sich, so Stoll, dabei sehr häufig um Menschen mit einem bildungsbürgerlichen Hintergrund (Akademiker, Ärzte, Juristen, Mediziner, Professoren), betroffene Eltern zum Einen, aber eben von vorne herein auch um Personen, die für sich einen Status von (pädagogischen, medizinischen, juristischen) Experten beanspruchten. Während sich die Kriegsopferverbände von vorne herein deutlich als interessenspolitische Vereinigungen, Bestandteil des „Verbändestaat“ gerierten, profilierte sich die Lebenshilfe als „Expertenvereinigung“ und erschloss sich das Medium „fachlicher Politikberatung“ als Einwirkungsmöglichkeit auf Politik. Letztlich wurde natürlich auch über diese Schiene politischer Einfluss ausgeübt und nicht anders wie bei den Kriegsopferverbänden versucht auf gesetzliche und sozialpolitische Entwicklungen Einfluss zu nehmen. Das betrifft etwa den Bereich der Schul- und Bildungspolitik: hier ging es allererst darum ein umfassendes Bildungsrecht (und zugleich die Schulpflicht) und damit ein funktionierendes (Sonder-) Schulwesen für geistig behinderte Kinder zu schaffen. Dies betrifft die Ausweitung des Rehabilitationsbegriffs auf soziale Rehabilitation („Leben in der Gemeinschaft“) und damit die Schaffung und sozialrechtlich hinterlegte Finanzierung von (familiennaher) Wohneinrichtungen für geistig behinderte Kinder und Jugendliche. Dies betrifft aber auch die Verankerung eines allgemeinen Behinderungsbegriffs im Bundessozialhilfegesetz unter Einbeziehung geistiger Behinderungen. Stoll streicht zu Recht heraus, dass dies damals eine Errungenschaft darstellte und von der Befreiung aus dem durch den Nationalsozialismus tradierten Stigma des „Erbkranken“, „Minderwertigen“, „Schwachsinnigen“ zeugte. Insgesamt bescheinigt Stoll der Lebenshilfe „Motor des Umbaus“ der Behindertenpolitik in den 1960er Jahren gewesen zu sein, mit sozialrechtlichen Errungenschaften, die noch heute selbstverständlich sind. Auch damit vollzog sich eine weitere Ausweitung der Rehabilitationsansprüche auf eine größere werdende Klientel. Die Grenzen der Vertretungsansprüche der Elternvereinigungen sieht Stoll aber spätestens erreicht, als aus den Kinder und Jugendlichen Erwachsene wurden, die auf von ihren Eltern autonome Organisationsformen drängten und sich damit eben zeigte, dass die Interessen der Eltern und Experten nicht unbedingt deckungslgleich sein mussten mit denen der Betroffenen selbst.

Clubs, Initiativen, Gruppen und soziale Bewegung in den 1970er und 1980er-Jahren

Hierin ist laut Stoll jedenfalls einer der Initialimpulse für die zunehmende Entstehung von neuen Organisationen zu suchen, die „nun vorwiegend von jüngeren Betroffenen selbst initiiert wurden und sich nicht nur dadurch markant von den Kriegsopferverbänden oder den Elternvereinigungen abhoben“ (208). Dieser Entstehungskontext überzeugt am meisten für die sogenannten „Clubs“ heranwachsender Jugendlicher mit Behinderungen, die sich zunächst der begreiflichen Bedürfnisse der Jugendlichen annahmen, wie sie in den Bereichen altersgerechter autonomer Freizeitgestaltung auftraten und darin eingebettet: der Ermöglichung von Kontakten zu nicht-behinderten Jugendlichen oder auch zu Jugendlichen mit anderen Behinderungen. Ins Spiel kamen damit aber zugleich auch andere, „niedrigschwellige“ Organisationsformen mit geringerem Verpflichtungscharakter, großer Freizügigkeit, Offenheit, der Betonung von Geselligkeit und Spass. Dies spiegelt sich bereits in der Bezeichnung „Club“ und den jeweiligen regionalen Varianten wieder: „Club Behinderter und ihrer Freunde“, „Club 68 – Verein für Behinderte, Bielefeld“, „Der Kreis – Interessengemeinschaft Behinderter und Nicht-Behinderter e.V. 1971“ wurde von solchen regionalen Vereinen eine bundesweite Organisationsplattform in Gestalt der „Bundesarbeitsgemeinschaft der Clubs Behinderter und ihrer Freunde“ (BAGC) gegründet, auf deren Tätigkeit Stoll dann näher eingeht. Als deutlich politisierter stellt er die Aktivitäten im Umfeld des Frankfurter VHS-Kurs von Gusti Steiner und Ernst Klee dar sowie insbesondere die in den späten 1970er-Jahren entstehenden sogenannten „Krüppelgruppen“. Hier ging es zunächst auch um Selbsthilfe, darüber hinausgehend um Bildungsarbeit, zunehmend auch um die kritische Aufarbeitung der NS-Rassenhygiene und Vernichtungspolitik gegenüber Behinderten und ihrer Verdrängung in der BRD, und zunehmend um öffentlichkeitswirksame politische Aktionen, die auf die Situation und die nach wie vor bestehenden Diskriminierungen und Probleme behinderter Menschen hinwiesen. Das betraf Fragen der Barrierefreiheit, der politischen Emanzipation und Mitbestimmung, soziale Teilhabe und Selbstbestimmung ebenso wie die Aufklärung über nach wie vor bestehende behindertenfeindliche Einstellungen, Vorurteile, direkte und indirekte Diskriminierungen und den Kampf dagegen.

Auch bei den Betroffenen-Netzwerken der 1970er Jahre vermutet Stoll einerseits einen bürgerlichen Bildungshintergrund, zum Anderen kommen aber, was damit nicht in Widerspruch steht – dem Zeitgeist entsprechend – zunehmend dezidiert antibürgerliche Orientierungen zum Tragen. Dies gilt besonders für die „Krüppelgruppen“, deren Namensgebung sich schon gegen harmonisierende, leere Toleranz- und Integrationsversprechen bei faktisch fortdauernden diskriminierenden Haltungen und behindertenfeindlichen Strukturen wendet, indem, wie dies auch bei anderen Minderheiten der Fall war, bewusst ein stigmatisierender Begriff aufgewertet wird. „So ist es möglich zu sagen: Ich bin stolz ein Krüppel zu sein“ zitiert Stoll aus einem Artikel einer der in den 1970er-Jahren entstandenen alternativen Zeitschriften mit Namen wie „Luftpumpe“, „Krüppelzeitung“, „Randschau“. Der Begriff „Krüppel“ soll zudem den „die wahren gesellschaftlichen Verhältnisse verschleiernden“ Charakter des Begriffs der „Behinderung“ und die Distanz zwischen den den „sogenannten Nichtbehinderten“ und den „Behinderten“ aufzeigen (252), gut zwanzig Jahre nachdem die Einbeziehung in einen generalisierten Behinderungsbegriff seinerseits als historische Errungenschaft betrachtet worden war: „Emanzipation vor Integration“.

Stoll stellt eindrucksvoll das Radikalierungspotenzial der Krüppelgruppen auch im Vergleich mit den weniger politisierten Clubs heraus. Kennzeichnend für die Krüppelgruppen ist ihr Charakter als eines „losen Zusammenhangs von Aktivisten, die sich bundesweit zu programmatischen Diskussionen oder Aktionen vernetzten“ (221). Außer dem bewussten Ausschluss nicht-behinderter Mitglieder (auch dies ein markanter Unterschied zu den Clubs) gab es keine formalen Mitgliedschaftskriterien oder formalhierarchische Organisationsformen wie Vorstände oder Beiräte.

Stoll beschreibt detailliert die Entwicklung von all diesen, wiederum in sich sehr heterogenen Gruppen und losen Netzwerken zu dem, was man auch heute noch als „Behindertenbewegung“ bezeichnet. Ähnlich wie bei den anderen sogenannten „neuen sozialen Bewegungen“ dieser Zeit wurde zunehmend eine Gegenöffentlichkeit organisiert, wurden eigene mediale Plattformen geschaffen, Aktionen wie Demonstrationen, Straßenblockaden, Hungerstreiks, die Besetzung und das Umfunktionieren offizieller Veranstaltungen durchgeführt – solche Aktivitäten erreichten (auch im „nachträglichen Mythos“) ihren Höhepunkt im von der Generalversammlung der Vereinten Nationen ausgerufenen Internationalen Jahr der Behinderten 1981, das in Deutschland unter dem Motto „Einander verstehen – miteinander leben!“ stand. Das „gipfelte“ in den berühmten „Krüppelschlägen“, mit denen der Aktivist Franz Christoph den damaligen Bundespräsidenten Carstens auf der Eröffnungsveranstaltung einer Rehabilitationsmesse im Juni 1981 bedachte und die nicht nur in der bundesdeutschen Reaktion, sondern auch innerhalb der „Behindertenbewegung“ zu kontroversen Reaktionen und Polarisierungen zwischen verschiedenen Gruppen führte. So distanzierte sich, wie Stoll ausführlich darstellt, etwa der Geschäftsführer des NRW-Landesverbandes der Gehörlosen von den „Pöbeleien“ der „Rollstuhlfahrer“ und kritisierte „sozusagen den Rollstuhl als Firmenzeichen der Behinderten mit aufgeklebt“ zu bekommen (S. 313). Auch durch dieses Kapitel zieht sich also immer wieder die Frage: Wer darf legitim für wen sprechen, wen vertreten? Wer ist das „wir“ des „Nichts über uns – ohne uns!“?

Die Vielgestaltigkeit und der Detailreichtum gerade dieses Kapitels lässt sich besonders schwer wiedergeben – immerhin ist es mit rund 150 Seiten der umfangreichste Teil der Arbeit und es ist sicher auch der inhaltlich faszinierendste Teil des Buches. Das liegt natürlich vor allem an dem Umstand, dass man in dieser Zeit im Grunde genommen den Entstehungskontext der heutigen Diskurse im Feld der Behinderungspolitik sehen kann. Im Grunde bestimmt die damals geschaffene Semantik von Selbstbestimmung und Teilhabe, von Menschenrechten und Behinderung als einer Form gesellschaftlicher Unterdrückung bis heute die Debatte und es brauchte immerhin die neunziger und 2000er-Jahre, bis diese Semanteme ihren Eingang beispielsweise in rechtliche Kodifizierungen angefangen vom SGB IX („Selbstbestimmung und Teilhabe“) 2001 bis zum Bundesteilhabegesetz 2017 finden. Das gilt insbesondere auch für das damals von der Behindertenbewegung propagierte „soziale Modell der Behinderung“, das freilich inhaltlich schon innerhalb der Soziologie der 1950er und 1960er-Jahren entstanden war.

Stoll verwendet zu Recht viel Sorgfalt auf die Einordnung in den weiteren historisch-gesellschaftlichen Kontext dieser Zeit, und betont insbesondere die typologischen und historischen Querbezüge zu den „neuen sozialen Bewegungen“ dieser Zeit (Friedensbewegung, ökologische Bewegungen, Anti-AKW-Bewegung u.a.). Dies betrifft insbesondere auch die Entwicklung in der Phase des „Auslaufens“ der Bewegung in die Versuche der parteipolitischen Institutionalisierung ihrer Programmatiken insbesondere bei den Grünen, aber auch in anderen Parteien und Folgeorganisationen.

Diskussion und Fazit

Jan Stoll ist eine sehr gute, fundierte und zugleich fokussierte Studie auf relativem Neuland geglückt. Wer immer sich mit sozial- und geschichtswissenschaftlichen Aspekten von Behinderung im deutschsprachigen Raum befasst, sollte sich unbedingt die Zeit nehmen, sie zu lesen, um nicht zu sagen: „wird in Zukunft an ihr nicht mehr vorbei kommen“.

Es dürfte deutlich geworden sein, dass Stoll eine durch ihren Detailreichtum, aber auch durch ihre großen strukturellen Linien überzeugende und vielschichtige Studie vorgelegt hat. Sie ist gleichermaßen als Beitrag zur Politikforschung, als soziologische Studie zur Typologie von Interessensorganisationen wie im engeren Sinne als zeitgeschichtliche Arbeit lesbar. Darüber hinaus ist sie sicher für alle, die im Feld von Sozial- und Rehabilitationspolitik aktiv sind, lehr- und anregungsreich zur kritischen Selbstreflexion der eigenen Positionierungen. Etwas ärgerlich bleibt die schlampige Lektorierung, sprich viele (überwiegend orthografische) Flüchtigkeitsfehler blieben unkorrigiert – aber das ist unter den Zwängen des heutigen Verlagswesens ein leider sehr verbreitetes Problem.

Jede(r), der/die sich im Feld der Behindertenpolitik bewegt oder gar engagiert, wird überdies seine/ihre jeweiligen Lieblingsthemen vermissen. Es ist klar, dass Stoll selbst eine rigide Auswahl und Zuspitzung auf die erwähnten Organisationsformen vornehmen musste. Aber das ist bei einem derartigen Unternehmen unvermeidlich und gerade deshalb ist zu hoffen, dass das Anregungspotenzial dieser Studie genützt wird. Das kann die Vertiefung vernachlässigter Organisationen und Kontexte betreffen. Dies könnte aber auch in methodischer Hinsicht die Weiterverfolgung insbesondere des Themas der Behindertenbewegung und ihrer Geschichte im Sinne einer „Oral History“, sprich Interviews mit noch lebenden „Zeitzeugen“ bedeuten. Spannend wäre natürlich eine solche Geschichte für die Entwicklung in der DDR zu schreiben und vielleicht noch spannender wäre es, die Geschichte der Interessensorganisationen behinderter Menschen in der wiedervereinten Republik von den 1990er Jahren bis in die Gegenwart weiter zu verfolgen.

Stoll ist jedenfalls ein sehr überzeugender Aufschlag gelungen. Dies betrifft meiner Auffassung nach auch seine Abschlussüberlegungen, die noch einmal eine kritische Rückwendung auf den Anspruch von Disability Studies/Disability History vornehmen. Auf vierhundert Seiten hatte sich gezeigt, dass es sich bei dem so eingängig klingenden „Nichts über uns ohne uns“ in Wirklichkeit um einen vertrackten und vielschichtigen Slogan handelt, der in der politischen Interessensdurchsetzung dazu führt, dass das „Wir“ immer neu definiert, differenziert und entdifferenziert werden muss, und dass man dabei um die Durchsetzung und Durchbrechung von Vertretungsmonopolen, um den Kampf um Macht und Einfluss nicht herum kommt. Das „Wir“ und „Uns“ der Disability Studies ist selbst konstruiert und muss konstruiert werden und das ist ein politischer Vorgang. Dass Stoll bei der Darstellung dieser Kämpfe seinerseits keine Partei ergreift, erweist sich am Ende des Buches in der Tat als sinnvoll. Denn nur deswegen kann er die Heterogenität, die inneren Differenzen und Differenzierungen, einschließlich der damit verknüpften Widersprüche, Diskrepanzen, Inkonsistenzen zur Darstellung bringen, weil er NICHT dem Diktat einer Vermischung des wissenschaftlichen „Wirs“ (bzw. Ichs) und des „Betroffenen-Wirs“ folgt, sondern dies tunlichst auseinander hält. Hätte er ernstlich die Prämisse der Disability Studies befolgt, Partei zu ergreifen, hätte sich sofort die Frage gestellt, welchem der verschiedenen „Wir“ seines Gegenstandes er sich da hätte anschließen sollen. Das ist der eine Aspekt, weswegen der Autor am Ende bei einem eher nüchternen Rückblick auf den Anspruch einer Disability History landet. Der andere ist aber die Einsicht der engen Verzahnung der Geschichte der Interessensorganisationen der behinderten Menschen mit der historischen, politischen, sozialen und sozialpolitischen Entwicklung der Bundesrepublik insgesamt, einschließlich der Dynamik und den Differenzierungen ihrer politischer Kultur(en).

So bleibt es bei einem nüchternen Ausklang: „Den Ansprüchen Betroffener als handlungsmächigen Subjekten gerecht zu werden,“ schreibt Stoll, „hieße dann auch, Ansprüche auf eine Disability History aufzugeben und eine Geschichte zu formulieren, die den diversen Ansprüchen und Interessen der unterschiedlichen Betroffenen gerecht wird und Gesellschaft immer wieder aus unterschiedlichen Perspektiven befragt. Denn als Problem erweist sich nicht die Differenzierung, diese scheint im Gegenteil notwendig. Vielmehr ist die Hierarchisierung der Differenz das Problem.“ (S. 378). Dem ist nichts weiter hinzuzufügen.


[1] Gisela Hermes/Eckhard Rohrmann (Hg.): „Nichts über uns – ohne uns!“ Disability Studies als neuer Ansatz emanzipatorischer und interdisziplinärer Forschung über Behinderung Neu-Ulm (AG SPAK) 2006 – siehe die Rezension in socialnet (www.socialnet.de/rezensionen/4810.php).


Rezensent
Prof. Dr. Jörg Michael Kastl
Professor für Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg, Fakultät für Sonderpädagogik. Arbeitsgebiete: Soziologie der Behinderung und sozialer Benachteiligung, Rehabilitation/Teilhabe behinderter Menschen (Persönliches Budget, IFD); Berufs- und Professionssoziologie; Sozialrecht und Sozialpolitik (spez. Rehabilitation); Sozialisationsforschung und allgemeine Soziologie
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Zitiervorschlag
Jörg Michael Kastl. Rezension vom 13.06.2018 zu: Jan Stoll: Behinderte Anerkennung? Interessenorganisationen von Menschen mit Behinderungen in Westdeutschland seit 1945. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50620-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21224.php, Datum des Zugriffs 23.10.2018.


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