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Elke Kleinau, Ingvill C. Mochmann (Hrsg.): Kinder des Zweiten Weltkrieges

Cover Elke Kleinau, Ingvill C. Mochmann (Hrsg.): Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-593-50569-5. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Der Sammelband „Kinder des Weltkriegs“ widmet sich den Lebensverläufen von Kindern, die aus unterschiedlich problematischen Zusammenhängen des Zweiten Weltkriegs heraus gezeugt und geboren wurden. Es geht hier also um „children born of war“. Im Fokus stehen dabei insbesondere Menschen, die entweder als Kinder von Angehörigen der Deutschen Wehrmacht in den während des Krieges besetzten Gebieten oder als Besatzungskinder (zumeist der Alliierten) in der Nachkriegszeit geboren wurden. Somit sind diese „Kriegsumstände“ in der Regel anders gelagert, als es im Rahmen der bisherigen Forschungsarbeiten über Kriegskinder des Zweiten Weltkriegs der Fall ist, bei denen es sich zumeist um Menschen handelt, die belastendes Kriegsgeschehen und traumatische Kriegsfolgen (v. a. Bombardierungen, Flucht, Vaterlosigkeit) als Kinder und Jugendliche erlebt haben. In gewisser Weise sind die in dieser Publikation thematisierten Kriegsumstände in der Öffentlichkeit wenig expliziert und weitgehend „beschwiegen“ worden. Dies wiederum verweist darauf, dass es eine Art unhinterfragte Praxis in Gesellschaft und Öffentlichkeit gegeben hat (und partiell immer noch gibt), bestimmte, als „Kollateralschäden“ bezeichnete Begleitumstände von Kriegen „irgendwie“ in Kauf zu nehmen. Somit ist es ein großes Verdienst der beiden Herausgeberinnen, dass sie mit dieser Publikation sowohl den mitunter befremdlich anmutenden Strategien der damaligen Öffentlichkeit und Verwaltung als auch den besonderen Erfahrungen der Betroffenen von einerseits Stigmatisierung und Ausgrenzung und andererseits von Widerstand und Lebensbewältigung Raum und Gehör verschafft haben. Mit diesen neueren Forschungsarbeiten wurde somit mehr als siebzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs das thematische Spektrum der Kriegskinder-Forschung noch einmal um diese höchst aufschlussreichen Erkenntnisse erweitert.

Herausgeberinnen

Elke Kleinau, Professorin für Historische Bildungsforschung an der Universität zu Köln, hat ihr Interesse an diesen Fragestellungen auf dem Hintergrund einer sozialwissenschaftlich orientierten vergleichenden Bildungsforschung entwickelt.

Ingvill C. Mochmann, Professorin für Internationale Politik an der Cologne Business School, hat insbesondere in ihrer zusätzlich Funktion als Leiterin des European Data Laboratory for Comparative Social Research beim GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften in Köln schon frühzeitig die lange Zeit wenig beachteten Daten aus dem skandinavischen Raum über „Kriegsfolgen“ und deren subtile Gewalt in den psychischen Strukturen der Betroffenen in den Blick genommen.

Entstehungshintergrund

Beide Herausgeberinnen haben sich auf dem Hintergrund ihrer unterschiedlichen disziplinären Verortungen bereits seit Längerem mit den Schicksalen und der Identitätssuche von Menschen beschäftigt, die als Wehrmachts- und Besatzungskinder bislang wenig präsent sowohl im kollektiven Gedächtnis als auch in der einschlägigen deutschsprachigen Forschung waren bzw. sind. Die seit einiger Zeit vorliegende empirische Evidenz, die aus unterschiedlichen disziplinären Zugängen zu diesen Lebensumständen und Erfahrungszusammenhängen stammt, ist von ihnen in Rahmen einer Fachtagung zum Thema „Besatzungskinder- und Wehrmachtskinder – Auf der Suche nach Identität und Resilienz“ im Mai 2015 zusammengeführt worden. Diese Tagung fand unter anderem in Kooperation mit dem „Kompetenzfeldes V SINTER (Soziale Ungleichheit und interkulturelle Bildung)“ der Exzellenzinitiative der Universität zu Köln statt. Die gesellschaftspolitische Bedeutung dieser Thematik wird zusätzlich durch die Tatsache, dass die Politikerin Mechthild Rawert, Mitglied des Bundestags, Tagung und Publikation mit einem Gruß- bzw. Vorwort eingeleitet hat, unterstrichen.

Aufbau

In der vorliegenden Publikation werden auf gut 300 Seiten neben einem Vorwort sowie jeweils einem Einleitungskapitel (I. Kapitel, 15 Seiten) und einem Schlusskapitel (VI. Kapitel, 6 Seiten) insgesamt dreizehn Tagungsbeiträge in vier Hauptkapiteln aufbereitet. Am Schluss des Buchs finden sich einige kurze Angaben über die insgesamt 18 Autoren und Autorinnen der Beiträge.

Das II. Kapitel, das sich mit den „Bedingungen und Folgen des Aufwachsens von Besatzungs- und Wehrmachtskindern aus historiografischer Sicht“ befasst, stellt mit 104 Seiten und fünf Einzelbeiträgen das umfangreichste Kapitel dar.

Das III. Kapitel besteht aus zwei empirischen Beiträgen, die sich auf psychosoziale Lebenslagen von Besatzungs- und Wehrmachtskindern beziehen, zum einen aus psychologischer und zum anderen aus politikwissenschaftlicher Sicht (45 Seiten).

Im IV. Kapitel geht es in drei Beiträgen um Bedingungen und Folgen des Aufwachsens von Besatzungskindern aus der Sicht der Biografieforschung (54 Seiten) und im V. Kapitel werden noch einmal ‚andere‘ Kindheiten aus der Zeit von Krieg und Nachkriegszeit als die bislang thematisierten in drei Beiträgen angesprochen.

Quellen- und Literaturangaben werden am Ende der einzelnen Beiträge aufgeführt. Auf ein Stichwortverzeichnis wurde verzichtet.

Ausgewählte Inhalte

Das disziplinäre Spektrum der in diesem Tagungsband zusammengeführten Beiträge erweist sich als vergleichsweise heterogen. So finden sich neben einem deutlich historiografischem Fokus weitere psychologische, politikwissenschaftliche sowie generell biografische Zugänge. Nicht zuletzt wird am Ende noch einmal weiteres Quellenmaterial herangezogen, in dem wiederum ‚andere‘, nicht eindeutig fachdisziplinär zuzuordnende Schlaglichter auf kriegsbetroffene Kindheiten einbezogen werden. Wie wird angesichts dieser Heterogenität und in gewisser Weise Bruchstückhaftigkeit der verschiedenen Betrachtungsperspektiven dennoch so etwas wie eine programmatische Rahmung bzw. ein roter Faden hergestellt?

In ihrer Einleitung „Kinder des Zweiten Weltkrieges: Stigmatisierungen, Ausgrenzung und Bewältigungsstrategien“ geben die beiden Herausgeberinnen Elke Kleinau und Ingvill C. Mochmann diesen Rahmen vor und verweisen auf den Hauptfokus, um den es in dieser Publikation gehen soll: Mit der Bezeichnung „Kinder des Krieges“ nehmen sie die Tatsache ins Blickfeld, dass während und nach jedem (!) Krieg Besatzungssoldaten mit einheimischen Frauen Kinder zeugen. Das wiederum sind in der Regel Kinder, die zumeist in besonderer Weise von Stigmatisierungen und Ausgrenzungen der Nachfolgegesellschaften betroffen waren und sind. Anders gesagt: es handelt sich bei diesen ehemaligen Kindern zumeist um Menschen, die Strategien entwickeln mussten, sich mit ihren oft schwierigen Aufwachsbedingungen auseinanderzusetzen und ihr Leben unter problembelasteten Vorzeichen zu bewältigen.

Obwohl genaue Zahlen zu den Wehrmachts- und Besatzungskinder des Zweiten Weltkrieges nicht bekannt sind, verdeutlichen die von den Herausgeberinnen nachvollziehbar zusammengetragenen Schätzungen, dass es Hunderttausende von Betroffenen in den verschiedenen kriegsbeteiligten Ländern Europas gegeben haben muss. Das Spektrum der partiell ähnlichen, im Einzelfall dann aber doch wieder sehr unterschiedlichen und spezifischen Lebensumstände reicht von Lebensborn-Kindern in Norwegen über Kinder von sowjetischen Besatzungssoldaten in der DDR und Österreich, Kindern von französischen Vätern aus Nordafrika bis hin zu Kindern aus Großbritannien und den USA mit unterschiedlichen Regelungen zu Vormundschaften, Adoptionen, „Rückführungen“ etc. Verkomplizierend kommt hinzu, dass ein Teil der Kinder aus erzwungenen sexuellen Kontakte und Vergewaltigungen stammen, während andere wiederum aus einvernehmlichen sexuellen Begegnungen und/oder Liebesbeziehungen ‚entstanden‘ sind, samt allen Varianten, die dazwischen liegen.

Bewusst war von den Veranstalterinnen der Zuschnitt und Akzent der Tagung auf Fragen einer (gelingenden) Bearbeitung und langfristigen Bewältigung im Lebensablauf dieser frühen lebensgeschichtlichen Erfahrungen gelegt worden und nicht per se auf das Ausmaß von Tragik, Belastung und Krisenhaftigkeit. Damit ging es vor allem um das Konzept „Resilienz“, hier im Wesentlichen als Idee der „psychologischen Widerstandsfähigkeit“ definiert. Daneben spielten auch Fragen lebenslanger, (narrativer) Identitätsentwickung eine zentrale Rolle. Neben einer jeweils informativen kurzen Einführung in den jeweiligen Ansatz der vier Hauptkapitel und der dort enthaltenen Beiträge betonen die beiden Herausgeberinnen, dass sie den disziplinären Zuschnitt und die verwendete Begrifflichkeit in den einzelnen Beiträgen für sich sprechen lassen und diesbezüglich keine analytischen Präzisierungen bzw. eine Vereinheitlichung zwischen den unterschiedlichen Zugängen herstellen. Das wird vor allem bei der Referenz auf das Konzept Resilienz deutlich, das in fast allen Beiträgen herangezogen wird, dann allerdings vergleichsweise alltagssprachlich als unspezifische Chiffre für all die Phänomene dient, die einen im weitesten Sinne gelingenden Lebensvollzug der Personengruppen andeuten, um die es hier geht.

Im Kapitel II „Bedingungen und Folgen des Aufwachsens von Besatzungs- und Wehrmachtskindern aus historiografischer Sicht“ bildet sich in eindrücklicher Weise die enorme Uneinheitlichkeit der Lebenssituationen der Kindern von Besatzungssoldaten ab, die zwischen 1945 und etwa 1952 in den besetzten Zonen Nachkriegsdeutschlands geboren wurden. Deutlich wird hier, dass die damaligen oft unklaren Rechtsverhältnisse partiell auch noch die Gründung der Bundesrepublik und der DDR überdauerten und die Betroffenen somit noch lange in ihren Lebensvollzügen bestimmten.

  • Silke Satjukow beschreibt diese ganz spezifisch prekäre Situation der Kinder von deutschen Müttern und Rotarmisten in der späteren DDR in ihrem Beitrag „Kinder des Feindes – Kinder der Freunde“: Die Nachkommen sowjetischer Besatzungssoldaten in Deutschland nach 1945. Zum einen gab es hier die im Vergleich mit den westdeutschen Zonen andere Rechtsstellung der unverheirateten Mütter in der DDR, die für ihre Kinder alleine verantwortlich waren. Zum anderen gab es aber das Paradoxon, dass diese Kinder angesichts der politischen Vorgabe „deutsch-sowjetischer Freundschaft“ nicht nur unerwünscht waren, sondern dass es sie sozusagen gar nicht „existierten“. Dieser Umstand führte selbst im engen, familalen Umfeld zu einer Art Tabuisierung, die oft als subtile Ausgrenzung und Anfeindung ausagiert wurde und nur selten, in Zeiten politischen Tauwetters, auch positivere Züge annehmen konnte. Über diese Erfahrungen im konkreten Nachkriegsalltag von Besatzungskindern hinausgehend geht es in diesem Beitraggenerell auch noch einmal um die allgemeinen Widersprüche, Verwerfungen und Zufälle in diesen unübersichtlichen historischen Zeiten, wie beispielsweise um die Brisanz öffentlicher und offizieller Diskurse sowie um die Frage der transgenerationellen Weitergabe von Themen wie Schuld und Sühne.
  • Ganz anders wiederum (und aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbar) stellte sich die Situation der Kinder im französisch besetzten Gebiet in der unmittelbaren Nachkriegszeit dar. So wird im Beitrag „Les Enfants d‘Etats – Kinder des Staates“: Retour en France? Das ‚Repatriierungsprogramm für die Nachkommen französischer Besatzungssoldaten in Deutschland nach 1945 von Rainer Gries das völlig andere Verständnis des französischen Staates deutlich, der die Kinder ihrer Besatzungssoldaten – zumindest wenn sie physisch und psychisch unbeeinträchtigt waren – als französische Bürger ansah, die über Adoptionen durch französische Familien ihren (deutschen) Müttern weggenommen werden sollten, um französisch zu werden. Dass auch die deutschen Jugendämter hier partiell mitspielten, verweist auf das Chaos und die Zustände von Auflösung und rechtlich-administrativer Unklarheit in den Jahren zwischen Kriegsende und Gründung der Bundesrepublik.
  • Noch wieder anders war die Situation in Österreich zwischen Kriegsende und Beginn des Kalten Krieges. Im Beitrag „Ich bin stolz, ein Besatzungskind zu sein.“ Ressourcen und Resilienzfaktoren von Nachkommen sowjetischer Soldaten in Österreich von Barbara Stelzl-Marx wird zum einen von den Bemühungen dieser Kinder berichtet, sich auf die Suche nach ihren Vätern zu begeben. Diese Versuche erwiesen sich angesichts der vorgeblichen „Nicht-Existenz“ dieser Kinder bzw. der Weigerung der Besatzungsmächte, sich auf irgendeine Form von Verantwortung und Unterhalt für diese Kinder einzulassen, als schwierig. Zum anderen wird hier aber auch deutlich, wie sich in der Auseinandersetzung mit einer solchen Lebenskonstellation Widerstandskraft entwickeln konnte. Interessanterweise werden in diesem Beitrag zahlreiche Bedingungen im familialen und schulischen Umfeld identifiziert, die letztlich zu einer (psychischen) Stärkung der Kinder geführt haben. Dies war insbesondere dann möglich, wenn fürsorgliche Bezugspersonen eine wichtige Rolle als Schutzfaktor spielen konnten.
  • Das Thema möglicher Vaterschaftsanerkennungen und Unterhaltsansprüche an die Kindsväter wurde generell erst vergleichsweise spät, das heißt ab den frühen 1950er Jahren aufgerollt. Simone Tibelius zeichnet in ihrem Beitrag „An die Kindsmutter kann ich mich beim besten Willen nicht erinnern.“ Vaterschaftsanerkennung und Unterhaltszahlung als Ressource für Wehrmachts- und Besatzungskinder? diese Fragen und Umgangsweisen damit nach und kommt zu dem Fazit, dass die rechtliche Klärung möglicher Ansprüche für beide Gruppen von Kindern nur selten als verlässliche Ressource fungierte. Interessant erscheint aber, dass es dennoch zu einer Reihe von (erfolgreichen) Verfahren von norwegischen Kindern gegenüber ihren deutschen Soldatenvätern gekommen ist. Hingegen gelang es kaum, mögliche Unterhaltsansprüche von deutschen Kinder gegenüber ihren US-amerikanischen Soldatenvätern durchzusetzen, selbst wenn die besondere finanzielle Notlagen der Kinder nachgewiesen werden konnte.
  • Ein weiteres, aus heutiger Sicht kaum nachvollziehbares Kapitel des Umgangs mit Besatzungskindern wird im Beitrag „I identify as a Black German in America.“ Race, Bürgerrechte und Adoptionen in den USA der 1950er Jahre von Silke Hackenesch aufgeschlagen. Hier geht es um deutsche Besatzungskinder mit afroamerikanischen Soldatenvätern aus den USA, die damals einen Diskurs in Deutschland (und partiell auch in den USA über einige Protagonisten) in Gang setzten, bei dem es um die „Rückführung“ dieser Kinder in ihre, durch ihre Väter angestammte vorgebliche „Heimat“ ging. Die Existenz der „German brown babies“ stellt im Übrigen ein ausgesprochen vernachlässigtes Forschungsthema zur deutschen Nachkriegsgeschichte dar, das erst seit den 2000er Jahren gründlicher aufgerollt wird. Nicht zuletzt wird hier einmal mehr auf die hohe Bedeutung der Suche nach Identität, insbesondere bei ungeklärter Vaterschaft verwiesen, die sich im Kontext des Lebensverlaufs und Älterwerdens zumeist noch einmal verstärkt.

Im Kapitel III „Psychosoziale Lebenslagen von Besatzungs- und Wehrmachtskindern aus psychologischer und politikwissenschaftlicher Sicht“ werden zwei empirische Studien vorgestellt, die auf Analysen von (quantitativen) Befragungen der entsprechenden Referenzgruppen basieren.

  • Im Beitrag von Marie Kaiser und Heide Glaesmer Risiko- und Schutzfaktoren beim Aufwachsen als Besatzungskind des Zweiten Weltkrieges – eine Langzeitperspektive wurden 146 Besatzungskinder über verschiedene Aspekte ihres psychosozialen Befindens, zu Vernachlässigung und Missbrauch, Wechsel der Bindungspersonen, erinnerte Erfahrungen mit Vorurteilen und Stigmatisierungen sowie Fragen der Identitätsentwicklung befragt. Wichtig ist, dass diese Daten mit allgemeinen Bevölkerungsdaten der gleichen Geburtskohorten vergleichen wurden. Damit wurde deutlich, dass die damals betroffenen Besatzungskinder im gesamten Lebensverlauf höhere Belastungswerte in den genannten Merkmalen aufweisen. Trotz dieser nachweislich deutlich aversiven Start- und Lebensbedingungen konnte andererseits aber auch ein kompensatorischer Umgang mit diesen schwierigen Erfahrungen nachgewiesen werden, so dass die Daten nicht nur die Persistenz potenzieller Risiken belegen, sondern auch als ein Beleg für die Möglichkeit der Herstellung von Resilienz gedeutet werden können.
  • Ein ähnliches Befragungsinstrument wurde auch in der empirisch-quantitativen Studie (83 Fragebögen) von Andrea Meckel, Ingvill C. Mochmann und Martin Miertsch eingesetzt, die in ihrem eher politikwissenschaftlich akzentuierten Beitrag Soziales Vertrauen bei norwegischen Wehrmachtskindern den Zusammenhang zwischen erfahrener Ablehnung und Resilienz analytisch ausloten. Dabei geht es vor allem um den Umgang mit der Erfahrung, „Kind des Feindes“ (gewesen) zu sein, eine Erfahrung, die zumeist mit der Erfahrung von Ablehnung durch andere einherging, deren Folgen bis ins Alter hinein reichen. Dabei geht die Forschergruppe davon aus, dass es gerade diese (frühe) Ablehnung war, die über ein damit verbundenes (herabgesetztes) Selbstwertgefühl in besonderer Weise das Vertrauen in andere im gesamten Lebensverlauf deutlich verringerte.

Das Kapitel IV „Bedingungen und Folgen des Aufwachsens von Besatzungskindern aus Sicht der Biografieforschung“ setzt mittels biografisch-narrativer Interviews und Zugänge wiederum einen deutlich qualititativen Forschungsakzent.

  • So kontrastieren Elke Kleinau und Rafaela Schmidt in ihrem Beitrag Aufwachsen ohne Eltern – ein Risikofaktor für Besatzungskinder? die Lebensverläufe und Lebensgeschichten von zwei Besatzungskindern, die einerseits eine Reihe wichtiger Unterschiede aufweisen, die aber die Gemeinsamkeit teilen, in „unvollständigen Familien“ aufgewachsen zu sein bzw. Brüche in den Beziehungen zu wichtigen Bezugspersonen erlebt zu haben. Für beide Biografien gilt, dass sie aus der Sicht des damaligen Jugendfürsorge-Systems durchaus als gefährdet eingeschätzt wurden. Dennoch erwiesen sich langfristig beide Befragten, sozusagen „gegen die Erwartung“, in der Gesamteinschätzung als erfolgreich. So waren beide letztlich beziehungsfähig, beruflich erfolgreich und bewältigen ihr Leben auch im Zuge des Älterwerdens. Einmal mehr zeigt sich hier, dass trotz des Risikos des elterlosen Aufwachsens dennoch immer wieder Resilienz hergestellt werden konnte.
  • Noch intensiver wird im Beitrag von Azziza B. Malanda „Normal müsste ich kaputt sein.“ Erfahrungen ehemaliger Schwarzer deutscher Heimkinder deutlich, wie das Phänomen Resilienz in den jeweiligen Lebens- und Begegnungskontexten immer wieder hergestellt wird. Malanda hat mit zwölf afrodeutschen Heimkindern (fünf Frauen, sieben Männer) biografisch-narrative Interviews geführt. Anhand von zwei Falldarstellungen wird hier veranschaulicht, wie selbst Lebensumstände, die auf den ersten Blick eigentlich nur als aversiv bezeichnet werden können, von den Betroffenen ‚anders‘ gedeutet werden. So erweisen sich hier trotz vieler objektiver Schwierigkeiten sowohl die Fähigkeit zur Selbstreflexion der eigenen Lebensgeschichte (einschließlich der Personen, die darin vorkamen) als auch die Bereitschaft, Selbstverantwortung für eigene Lebensentscheidungen zu übernehmen, als wichtige Ressourcen, auf die immer wieder zurückgegriffen wird. Gleichzeitig wird in diesem Beitrag aber auch die subtile Fragilität solcher Lebenskonstruktionen herausgearbeitet, wenn auf das deutlich werdende Bemühen der Befragten verwiesen wird, in jedem Fall eine ‚gute Geschichte‘ zu erzählen.
  • Um mögliche Idealisierungen geht es auch in dem literaturwissenschaftlichen Beitrag von Conny Burian Resilienz eines Besatzungskindes: Die Konstruktion einer positiven Identität in Petra Mitchells Neun Briefe, drei Fotos, ein Name. Quellengrundlage ist die Autobiografie eines deutsch-amerikanischen Besatzungskinds, in der von der Suche nach dem (amerikanischen) Vater und der eigenen Identitätberichtet wird. Das Schreiben der Autobiografie wird hier als Teil eines Heilungsprozesses genutzt, in dem es auch um die Verarbeitung weiterer Schicksalsschläge geht. Partiell wird somit Resilienz hergestellt, die sich lebensgeschichtlich bereits früh, vor allem in der Auseinandersetzung mit erfahrener Diskriminierung herausgebildet hat. Ob das hier skizzierte ‚Happy End‘, das am Ende durch die ‚glückliche‘ Zusammenführung von Vater und Tochter erlebt wird, sich wirklich dauerhaft als tragfähig erweist, erscheint allerdings fraglich. Dennoch geht Burian davon aus, dass der hier analysierte autobiografische Text grundsätzlich als eine ermutigende Botschaft für andere Besatzungskinder verstanden werden kann.

Im Kapitel V „‚Andere‘ Kindheiten im Krieg und in der Nachkriegszeit“ wurden laut Herausgeberinnen bewusst noch einmal weitere Beiträge einbezogen, die, ähnlich wie es bei den anderen Beiträgen der Fall war, nicht einer romantisierenden Vorstellung „von Kindheit als Schutz- und Schonraum“ (S. 22) entsprachen. Insofern werden auch hier noch einmal Formen von Risikolagen im Kontext von Kriegserfahrungen angesprochen. Dabei geht es zum einen um jüdische Kinder, die mit gleich betroffenen Kindern nach England exiliert wurden. Zum anderen wird die Gruppe der ‚Täterkinder‘ angesprochen, die in den Nachfolgegesellschaften nach Formen des Umgangs und der Bewältigung dieser spezifischen Erfahrung suchen, unabhängig davon, ob sie sich der Frage einer ‚Schuld‘ ihrer Väter bewusst sind.

  • So spricht Daniela Reinhardt in ihrem Beitrag „The only pleasant memories of my childhood were from Stoatley Rough“. Erinnerungen jüdischer Flüchtlingskinder an ihre Schulzeit im englischen Exil die Tatsache an, dass jüdische Flüchtlingskinder, die zumeist aus Deutschland und Österreich kamen, im Zuge von organisierten Kindertransporten vor und während des Krieges in Exilschulen nach England kamen. Im vorliegenden Fall geht es um die nachträglich vorgenommene lebensgeschichtliche Bewertung dieser Erfahrungen.
  • Im Beitrag „Lieber Herr Staatspräsident, könnten Sie nicht helfen, daß mein Vati bald nach Hause kommt.“ Briefe von Kindern deutscher Kriegsgefangener an die Regierung der DDR (1950 – 1955) analysisiert Ann-Kristin Kolwes die Eingaben von Kindern kriegsgefangener Väter an den damaligen Präsidenten Wilhelm Pieck. Es wird hier deutlich, dass die Frage der Schuld von Soldaten, insbesondere bei den später als Kriegsverbrecher etikettierten Spätheimkehrern, gerade in der DDR den Kindern früh Verantwortung für die eigene Zukunft und die der Familie aufbürdete. Auffällig ist, dass die Kinder zumeist versuchen, die für sie höchst zwiespältige Situation aktiv zu bewältigen: Mit ihrer Bitte um Unterstützung der väterlichen Rückkehr bringen sie zum einen ihre Sehnsucht nach familialer Normalität zum Ausdruck, indem sie sich an den obersten Repräsentanten des Staates wenden, dokumentieren sie andererseits gleichzeitig auch ihr Vertrauen in das Regime.
  • Im letzten Beitrag von Baard Hermann BorgeSippenhaftung‘. Bewältigungsstrategien der Kinder der Quislinge in Norwegen spricht er die Situation der Kinder von Kollaborateuren der Deutschen in den besetzten Ländern an, in diesem Fall die lebenslangen Verarbeitungsformen betroffener ehemaliger „Quislinge“, das heißt von Kindern norwegischer NS-Kollaborateure. Die von ihm ermittelten Befragungsergebnisse machen deutlich, dass die frühen Stigmatisierungen oft weit über die Kindheit der Betroffenen nachwirken. So reproduzieren selbst im Alter r die meisten von ihnen defensive Abwehr-Strategien, während nur ein kleiner Teil so etwas wie eine Akzeptanz der elterlichen Schuld zum Ausdruck bringt

Im Schlusskapitel „Kinder des Krieges in Gegenwart und Zukunft – Hilfestellungen und Selbstbemächtigung“ ziehen die beiden Herausgeberinnen ein knappes Resümee aus den Erkenntnissen der Tagungsbeiträge. Ein Anspruch der Publikation war, eine Bestandsaufnahme der Wissensbestände vorzunehmen, die in den verschiedenen Disziplinen über diese Kinder und ihre Lebenswege eher verstreut existiert. Die Tatsache, dass sich die Spuren dieser Erfahrungen auch nach siebzig Jahren noch nachweisen lassen, nehmen die Herausgeberinnen zum Anlass, sowohl die Öffentlichkeit als auch die scientific community auf die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzungen und die ungebrochene Existenz betroffener Kinder („children born of war“) aufmerksam zu machen.

Diskussion

Die vorliegende Publikation über Besatzungs- und Wehrmachtskinder im Umfeld des Zweiten Weltkriegs greift ein wichtiges und lange Zeit im deutschsprachigen Raum weitgehend tabuisiertes zeithistorisches Thema auf. Über so unterschiedliche Disziplinen wie Zeitgeschichte, Pädagogik, Psychologie und Politikwissenschaft hinweg hat ein kollektives Beschweigen der Existenz von Kindern (einschließlich ihrer zumeist ledigen Mütter) stattgefunden, so als ob man damit ein unerwünschte Problem hätte ausblenden können. Aus heutiger Sicht fällt es mitunter schwer, die damaligen Entscheidungen und eigenartigen Verwerfungen in den öffentlichen Diskursen, in der politischen Administration, in den Sozialen Diensten, den Institutionen von Jugendwohlfahrt und Pädagogik sowie in anderen gesellschaftlichen Einrichtungen nachzuvollziehen. So spricht es sicherlich für sich, dass diese Gruppe kriegsbetroffener Kinder erst so spät nach den Skandalen um Heimkinder und andere Opfer schwärzester Pädagogik in den deutschen Nachkriegs- und Wiederaufbaujahren „entdeckt“ wurden. Es ist somit ein wichtiges Verdienst dieser Publikation, die diesbezügliche, in den verschiedensten Disziplinen in Gang gekommene Aufklärungsarbeit zusammengestellt zu haben, gerade auch deswegen, weil das Problem der „children born of war“ weltweit kontinuierlich weiter besteht.

Die Heterogenität dieser Thematik, die hier durch die Brille der unterschiedlichen disziplinären Zugängen veranschaulicht wird, spiegelt sich in der Publikation wider. Das erweist sich einerseits als Vorteil, andererseits aber auch als ein gewisser Nachteil. Der Vorteil ist, dass man einen Eindruck in die Vielschichtigkeit des Themenfeldes bekommt. Der Nachteil dieser Art der Aufbereitung besteht darin, dass viele Beiträge nur jeweils einen kleinen Ausschnitt aus ihren größeren Forschungszusammenhängen präsentieren können. Das erzeugt manchmal den Eindruck einer gewissen zufälligen Ausschnitthaftigkeit. So hilfreich das erste einleitende Kapitel in die hier behandelte Thematik ist und eine Art programmatischen Einstieg ermöglicht, so sehr hätte man sich in einem Schlusskapitel noch einmal eine Integration der verschiedenen Betrachtungsperspektiven gewünscht. Andererseits ist aber nachvollziehbar, dass es im Rahmen eines Tagungsbands oft schwierig ist, eine solche stringente Systematik herauszuarbeiten. Wenn dies in einer Nachfolgepublikation gelingen würde, würde das der lange Zeit unterschätzten Bedeutung dieses Themenfeldes sicherlich gut entsprechen.

Fazit

Das Buch eröffnet für verschiedene sozial- und humanwissenschaftliche Fachdisziplinen (Zeitgeschichte, historische Bildungsforschung, Politikwissenschaft, psychologischer Krisen- und Bewältigungsforschung) viele neue Perspektiven zu Fragen langfristiger Auswirkungen früher kriegsbedingter Risikolagen von betroffenen Kindern. Gleichzeitig wird mit der Betrachtung der Lebensverläufe von Besatzungs- und Wehrmachtskindern des Zweiten Weltkriegs ein bislang wenig bekanntes Kapitel deutscher Nachkriegsgeschichte beleuchtet. Da manche der Beiträge auch konkret auf Einzelfälle und biografische Schilderungen eingehen, ist die Publikation auch für einen generell an dieser Thematik interessierten Leserkreis informativ und wertvoll. Dies gilt nicht zuletzt angesichts der Tatsache, dass – im Zuge der weltweiten Kriegs- und Fluchtbewegungen – auch in unserer aktuellen Gegenwart Kinder weiterhin zu Spielbällen in den Gemengelagen politischer Ereignisse werden.

Summary

Title: Children born of World War II. Stigmatization, exclusion, coping strategies.

More than seventy years after World War II this publication gathers diverse research evidence of different disciplines (contemporary history, psychology, educational and political science) on the lifecourse of (former) children that have either been fathered by German soldiers in the occupied countries during the war or have been children of allied soldiers in post-war Germany. The aftermaths of these specific war circumstances and the fact of being a „child born of war“ had a high impact on the biographies of these children. Evidence of this often chaotic experience can be traced back into the archives of social and youth welfare systems in post-war institutions. Despite often starting their life under highly aversive conditions quite a few of these children were able to cope with early stigmatization thus developing strategies and a kind of resilience during their life course development.


Rezensentin
Prof. Dr. Insa Fooken
Entwicklungspsychologin (der Lebensspanne), Seniorpofessorin, FB 4, Interdisziplinäre Alternswissenschaft, Goethe Universität Frankfurt
Homepage www.uni-frankfurt.de/54226051/Fooken
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Zitiervorschlag
Insa Fooken. Rezension vom 28.12.2016 zu: Elke Kleinau, Ingvill C. Mochmann (Hrsg.): Kinder des Zweiten Weltkrieges. Stigmatisierung, Ausgrenzung, Bewältigungsstrategien. Campus Verlag (Frankfurt) 2016. ISBN 978-3-593-50569-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21225.php, Datum des Zugriffs 17.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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