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Nicole Ehrmann: Strukturen der Konzeptiona­lisierung frühkindlicher Mehrsprachigkeit

Cover Nicole Ehrmann: Strukturen der Konzeptionalisierung frühkindlicher Mehrsprachigkeit. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 300 Seiten. ISBN 978-3-8309-3291-8. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.

Sprach-Vermittlungen, Band 17.
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Thema

Das Buch beschreibt die von der Autorin unternommene Erhebung zu Begriffsnetzwerken ("Konzeptualisierung") zum Thema „Mehrsprachigkeit von Kita-Kindern“ bei pädagogischen Fachkräften. Es versucht also die konzeptuelle Verarbeitung der Mehrsprachigkeit durch diese Fachkräfte mithilfe der Verknüpfung dieses Begriffs mit anderen und dazugehörigen Einstellungen bzw. Bewertungen, die sie aus Interviews gewinnt, zu umschreiben.

Aufbau und Inhalt

Kapitel 1 („Handlungsfelder sprachlicher Bildung im Elementarbereich“) schildert die deutsche Situation bezüglich kindlicher Mehrsprachigkeit und formuliert die Forschungsfrage der Arbeit, „mittels welcher Methoden sich eine systematische und umfassende Rekonstruktion von Grundauffassungen und Strukturen der Konzeptualisierung frühkindlicher Mehrsprachigkeit bei Erzieherinnen leisten lässt“ (S. 34).

Zu diesem Zweck referiert die Autorin in Kapitel 2 den aktuellen Stand der Mehrsprachigkeitsforschung sehr ausführlich (57 Seiten) und unter Berücksichtigung der vielen relevanten Faktoren. Am Ende des Kapitels leitet sie daraus 6 dichotome Fragestellungen zur Beurteilung der Mehrsprachigkeit durch Erzieher_innen ab: betonen diese qualitative vs. quantitative Merkmale der Mehrsprachigkeit, konzeptualisieren sie diese statisch oder dynamisch, sehen sie die Bedeutung der Erstsprachen instrumentell oder nichtinstrumentell, haben sie eine mono- oder eine bilinguale Perspektive dazu, setzen sie ein- und mehrsprachige Personen gleich oder unterscheiden sie diese, sehen sie Mehrsprachigkeit eher pauschal oder differenziert?

Kapitel 3 beschreibt die für die Untersuchung eingesetzten Methoden: teilnehmende Beobachtung und Fragebogen als Vorstudie, Leitfadeninterviews mit 6 Fachkräften als Hauptstudie; Transkription der gewonnenen Daten.

Kapitel 4 beschreibt Methode und Art der Datenauswertung: Die zu erkundende konzeptuelle „Tiefenstruktur“ besteht für Ehrmann aus Erklärungsmustern, Begründungszusammenhängen und Argumentationsstrukturen bezüglich frühkindlicher Mehrsprachigkeit, sowie der Gewichtung und Bewertung von Einflussfaktoren. Sie verbindet dabei die Grounded Theory mit linguistischen Analysen der Interviewtexte.

Kapitel 5 als einer der Hauptteile der Arbeit schildert die „Rekonstruktion“ der postulierten konzeptuellen Strukturen. Aus dem Interview mit einer Fachkraft erarbeitet Ehrmann 22 wichtige Kategorien zum Konzept der Mehrsprachigkeit, darunter elterliche Sprachkompetenzen, Kompetenz, Intelligenz und Motivation der Kinder, Zeitpunkte des Beginns der Zweitsprachaneignung und des Kindergartenbesuchs, dessen Dauer usw. Diesen Kategorien weist sie bestimmte Werte bzw. Unterkategorien zu (etwa: „langsam“ vs. „schnell“ für die Geschwindigkeit des Zweitspracherwerbs aus Sicht der Erzieher_innen, oder für die beim Erwerb vorhandenen Sprachvarietäten: „standardisierte“ vs. „nicht standardisierte Varietät“, bei letzterer: „Dialekt“, „Umgangssprache“, „Interlanguage“). Für die Kategorien und ihre Bewertungen bzw. Unterteilungen bietet die Autorin dann Beispiele aus dem ausgewählten Interview und entsprechende Analysen.

Kapitel 6 diskutiert die angewandte Methoden (insbesondere die verschiedenen Arten der Kodierung der Daten) und die damit gewonnenen Ergebnisse. Hier bietet die Autorin Listen diskursiver Strategien und deren verschiedener „sprachstruktureller Realisierungen“ mit Textbeispielen zu den Sprechakten „Vergleichen, Charakterisieren und Bewerten“ bzw. „Begründen und Schlussfolgern“ bzw. „Sachverhaltsdarstellung“ (insgesamt 23 Seiten). Auf S. 246 findest sich eine grafische Darstellung des konzeptuellen Zusammenhangs der von der Autorin erhobenen Begriffe für eine Interviewpartnerin.

Kapitel 7 gibt einen kurzen Ausblick auf die Verwendbarkeit der von der Autorin erprobten Analysemethoden bzw. Inventare sprachlicher Mittel für die Ausbildung von pädagogischen Fachkräften.

Der Anhang (Kapitel 8) enthält einen ausführlichen Bericht über die von der Autorin durchgeführte Beratungstätigkeiten in Kindertagesstätten sowie den Interviewleitfaden. Es folgt ein Literaturverzeichnis.

Diskussion

Das Buch enthält kein Vorwort, welches über das Ziel der Arbeit genauer Auskunft geben würde; der Klappentext verspricht hier eindeutig zu Vieles, das im Buch nicht eingelöst wird. Aus meiner Sicht besteht die Arbeit aus der Erhebung zu einem von der Autorin aus einem Interview gewonnenen Begriffsnetzwerk zum Thema „Mehrsprachigkeit von Kita-Kindern“. Den Begriffen werden dabei relativ wenige verschiedene Bewertungen oder Sachverhaltsbeurteilungen als Parameter zugeordnet. Anhand dieser Parameter hat die Autorin die von pädagogischen Fachkräften im Laufe ihrer Tätigkeit entwickelten konzeptuellen Netzwerke nachkonstruiert. Das inhaltliche Ergebnis ist ein einziges kleines semantisches Netzwerk aus einem einzigen Interview, das aufgrund der grafischen Unzulänglichkeiten leider kaum interpretierbar ist und von der Autorin auch nicht weiter kommentiert wird. Die angenommene dichotome Grundstruktur (siehe Kap. 2) und die beschränkte Zahl möglicher Parameter zu den vorgeschlagenen 22 Konzeptualisierungsfaktoren schränken die Aussagekraft bezüglich der tatsächlichen konzeptuellen Verfassung der Interviewpartnerin ein. Es ist auch nicht überprüfbar, ob sich bei Nachfragen differenziertere Ergebnisse für die Befragte ergeben hätten. Die anderen Interviews werden in den Ergebnissen nicht systematisch dargestellt, nur einzelne Beispiele stammen von anderen Interviewpartnerinnen. Dies bedeutet, dass das Buch keine gute Repräsentation des Wissens der befragten Fachkräfte bieten kann.

„Unterhalb“ der von Ehrmann erhobenen Daten fehlen wichtige Dimensionen der rationalen wie emotionalen Einstellung der Fachkräfte zu den genannten Faktoren (z.B. wie wichtig sie die Geschwindigkeit des Spracherwerbs halten oder ob ihre Einstellungen den dichotomen Annahmen der Autorin überhaupt entsprechen) bzw. deren grundsätzliche Haltung zur aktuellen pädagogischen Situation in Kinderbetreuungseinrichtungen und den Erwartungen von Politik und Verwaltung gegenüber den Fachkräften.

Als Beispiel für die methodische Vorgangsweise ist das Buch dagegen durchaus brauchbar, wenn auch bei Erhebungen zur Repräsentation des Wissens von Personen unbedingt noch ein weiterer Erhebungssschritt, nämlich entweder direktes nochmaliges Nachfragen im Interview, oder besser die Konfrontation der Befragten mit den vorläufigen Ergebnissen, notwendig wäre. Auch glaube ich nicht, dass die Autorin die „Grenzen“ der Grounded Theory (z.B. S. 247) richtig darstellt. Dort könnten auch die von der Autorin als fach- bzw. sprachwissenschaftliche Zusatzerhebungen bezeichneten Schritte durchaus noch untergebracht werden. Das methodische Ergebnis der Arbeit aus meiner Sicht ist, dass die eingesetzten Erhebungs- und Analysemethoden zwar gut verwendbar sind, ihr Einsatz aber bezüglich des angestrebten Ziels einen zu geringen Umfang hatte bzw. dass der Untersuchungsplan zu kurz gegriffen war, um tatsächlich Wissensrepräsentationen von Fachkräften zur Mehrsprachigkeit darstellen zu können. Was die Autorin an Zusammenhängen erhebt, ließe sich in einem Intensivseminar mit auszubildenden oder bereits tätigen Fachkräften jeweils relativ einfach erheben.

Die Liste diskursiver Strategien mit den sprachlichen Beispielen ist umfangreich und interessant, sodass sie in der Ausbildung von Fachkräften durchaus eingesetzt werden kann. Auch das Referat zur Mehrsprachigkeitsforschung ist illustrativ.

Leider benutzt auch diese Autorin den Gegensatz zwischen „Alltags-“ und „Bildungssprache“, der in der Pädagogik geradezu als Modeerscheinung zu bewerten ist. Im Interesse der Aufrechterhaltung dieses Gegensatzes werden der Alltagssprache nur „basale“ Eigenschaften zugeschrieben und behauptet, sie diene lediglich situationskontextbezogener Kommunikation. Demgegenüber erhält die Bildungssprache – sie wird fälschlicherweise auch als „konzeptionelle Schriftlichkeit“ bezeichnet – alle „guten“ Eigenschaften zugeschrieben: sie „zeichnet sich durch eine erhöhte lexikalische, morphologische, syntaktische und textuelle Komplexität und Differenziertheit aus“ (S. 20) bzw. „Aus funktionaler Sicht dienen bildungssprachliche Elemente keinem Selbstzweck, sondern sie stellen Strukturen dar, die für einen dekontextualisierten Sprachgebrauch, d.h. für die sprachliche Referenz auf zeitlich und örtlich Entferntes, und komplexe Zusammenhänge erforderlich sind.“ (S. 21). Entsprechend dieser Darstellung könnte man also alltagssprachlich nicht darüber reden, wann man nächstes Jahr wohin in den Urlaub fährt und auch keine generalisierenden Aussagen z.B. über das Verhalten von Hunden machen.

Die Unterscheidung zwischen mündlichem und schriftlichem Sprachgebrauch mit je eigener Funktion, Ökonomie, Struktur und verschiedenen möglichen Komplexitätsgraden ist der Pädagogik und Teilen der Angewandten Sprachwissenschaft offenbar verlorengegangen; komplexe mündliche Texte werden als „eigentlich ja schriftlich“ der „Bildungssprache“ zugewiesen. Diese kontrafaktische Entgegensetzung ist nicht nur ärgerlich, sie verursacht auch ein völlig falsches Bild von mündlicher Kommunikation und hat negative Auswirkungen auf die Sprachförderung, wenn nur mehr „schriftsprachidentische“ Mündlichkeit angestrebt wird. Darüber hinaus wird die Sicht darauf, dass sich von Gegenwart und Kommunikationsort unabhängige sprachliche Darstellungen sowie generalisierende Darstellungen (also die Ansätze der sogenannten „Bildungssprache“) bei Kindern spätestens ab 3 Jahren stufen- bzw. felderweise entwickeln, völlig verstellt.

Fazit

Eine Arbeit, die einen gewissen ersten Einblick in die Erhebung von „semantischen Netzwerken“ bzw. Wissensrepräsentationen in Einzelpersonen gibt, diese aber aufgrund eines sehr eingeschränkten Beurteilungsrasters bzw. des zu geringen Eingehens auf die individuellen Konzeptualisierungen nicht zu einem guten Ende führen kann. Die angewandten Methoden sind durchwegs sinnvoll und brauchbar, die Mehrsprachigkeitsforschung ist übersichtlich referiert.

Zur Ausbildung der pädagogischen Fachkräfte bzw. den im Klappentext geforderten „Diskurs zwischen der Wissenschaft und der Praxis der Sprachdiagnostik und -förderung“ kann das Buch nicht wirklich beitragen.

Summary

This book offers a first glance at research into „semantic networks“ or knowledge represenations in individuals. As the list of criteria and parameters ascribed to them is small and as the individual conceptualizations are not comprehensively checked, the task of identifying such networks for pedagogical staff in kindergarten cannot be fulfilled completely.

The methods applied are useful; there is a good introduction to research in bi-/multilingualism. But the book cannot really contribute to the training of pedagogical staff or to a 'discourse between science and language diagnosis and furtherance' (cf. blurb).


Rezensent
ao. Prof. i.R. Dr. Franz Dotter
Sprachwissenschaftler, Universität Klagenfurt
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Zitiervorschlag
Franz Dotter. Rezension vom 20.10.2016 zu: Nicole Ehrmann: Strukturen der Konzeptionalisierung frühkindlicher Mehrsprachigkeit. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3291-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21232.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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