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Brigitte Kather: Die Vermittlung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus

Cover Brigitte Kather: Die Vermittlung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Identitätsentwicklung Jugendlicher. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. 293 Seiten. ISBN 978-3-8309-3471-4. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR.
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Thema

Erinnern ist (Er-)Leben. Literatur über Erinnerungskulturen, biographisches, autobiographisches Schreiben, Zeitanalysen und Zeitzeugenberichte gibt es in vielfältigen Formen und Zielsetzungen. Nur wer weiß, woher er kommt, wie er geworden ist, wie er ist und sich erinnert – an gute und schlechte Zeiten, Glücks- und Unglücksereignisse – kann eine humane, stimmige und anthropologische Identität entwickeln. In den zeitgeschichtlichen Analysen wird insbesondere der Zusammenhang von (bewusstem) Erinnern, aber auch Verdrängen und Vergessen hervorgeheben. Es zeigt sich, dass die Erinnerungsfähigkeit gelernt und erworben werden muss, nicht selten schmerzhaft und widerständig.

Entstehungshintergrund

Besonders die Ereignisse und die Verbrechen, wie sie in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland und Europa stattfanden, mit Holocaust und Vernichtung, werden von Historikern, Politikwissenschaftlern, Soziologen, Pädagogen und Psychologen erforscht (vgl. z.B.: Astrid Erll, Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12634.php; sowie: Wolfgang Benz, Hrsg., Ressentiment und Konflikt. Vorurteile und Feindbilder im Wandel, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18371.php). Weil Widerstand gegen illegitime und menschenfeindliche Macht immer auch Mut und im politischen Widerstand nicht selten sogar Lebens- und Todesmut erfordert, sind widerständige Menschen oft auch Vor- und Leitbilder für eigenes Handeln. Sie treten als Zeitzeugen auf, als ErzählerInnen, BerichterstatterInnen, und sie artikulieren sich damit sowohl auf öffentlichen Bühnen, als auch bei Projekten zur Erinnerungsforschung, als Interviewpartner und (Auto-)Biographen. Beim theoretischen Nachdenken über selbständiges Denken und Handeln kommt der Frage nach dem „Wer bin ich?“ eine große Bedeutung zu. Wo Macht zu Unrecht wird, wird Widerstand zur Pflicht. Mit dieser ethischen, moralischen und politischen Aussage wird darauf verwiesen, dass jeder Mensch aufgefordert ist, auf abweichende Macht zu reagieren. Der französische Philosoph Michel Foucault zeigt auf, dass Widerstand sich in verschiedenen Formen darstellen kann und sich als „mögliche, notwendige, unwahrscheinliche, spontane, wilde, einsame, abgestimmte, kriecherische, gewalttätige, unversöhnliche, kompromissbereite, interessierte oder opferbereite Widerstände“ ausprägen (Daniel Hechler / Axel Philipps, Hrsg., Widerstand denken. Michel Foucault und die Grenzen der Macht, 2008, www,sicuakbet,de/rezensionen/8131.php). Es sind Provokationen gegen Scheinheiligkeit und „Alltagslogik“, gegen erworbene und oktroyierte „Selbstverständlichkeiten“, gegen „gedroschene“ Worte und Parolen und gegen Manipulationen, die es notwendig machen, quer- und widerständig zu denken (Helmut Ortner, Widerstand ist zwecklos. Aber sinnvoll, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/16349.php). Und es sind nicht zuletzt Gewissensappelle, die die eigene Widerständigkeit herausbilden und entwickeln ( Gustav Keller, Die Gewissensentwicklung der Geschwister Scholl. Eine moralpsychologische Betrachtung, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/17910.php ).

Autorin

Die Berliner Pädagogin Brigitte Kather hat als langjährige Mitarbeiterin der Gedenkstätte „Deutscher Widerstand“ und als Dozentin und Lehrerin vielfältige Erfahrungen gesammelt, wie Erinnerungskompetenz in der schulischen und Erwachsenenbildung vermittelt werden kann. Mit ihrer Forschungsarbeit „Die Vermittlung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus“ unternimmt sie eine theoretische und praktische „Vermittlungsreise“, um herauszufinden, „ob und welche Wirkungen die Vermittlung der Erinnerung an Widerstand auf der Laben der Nachkommen hatte und auf Jugendliche und junge Erwachsene heute hat“. Es sind Gespräche und Diskussionen mit Nachkommen von Widerstandskämpfern, die in den Widerstand „hineingeboren“ wurden und mit jungen Menschen, denen als Schülerinnen und Schüler oder Studierende die Erinnerung an Widerstand pädagogisch vermittelt wurde. Mit ihrer „Vermittlungsreise – von der Zeit des Widerstands im Nationalsozialismus über die Nachkriegszeit zur Gegenwart“ thematisiert die Autorin nicht nur biographische Einblicke in die Motive von Widerständlern in der „dunklen Zeit der deutschen Geschichte“ und deren Einflüsse auf ihre Familienmitglieder, sondern setzt sich auch mit der Herausforderung einer „Erziehung nach Auschwitz 2.0“ auseinander und thematisiert „Widerstand als einen wichtigen und wesentlichen Beitrag in der politischen Bildung“.

Aufbau und Inhalt

Die Forschungsarbeit, an der Brigitte Kather über mehrere Jahre schrieb, ist in einen theoretischen und empirischen Teil gegliedert. Sie setzt sie sich mit dem Definitions- und Forschungsstand bei der Aufarbeitung der Entstehungsgründe und Folgen der nationalsozialistischen Zeit auseinander. Sie stellt fest, dass es nach wie vor „wenig Angebote von dienlichen Verhaltenskodizes gibt, die gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Faschismus eingesetzt werden können“, wie auch, dass die im Laufe der Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland entstandenen Dokumentationsstellen, Archive und Dokumentationszentren zwar wichtige Aufklärungsarbeit leisten, diese jedoch nicht ausreichend und meinungsbildend genug in das öffentliche, gesellschaftliche Bewusstsein Eingang finden (siehe auch: Aktion Sühnezeichen / Friedensdienst, Arbeitspappe Polen. Materialsammlung aus polnischen Gedenkstätten, 1991; sowie die zahlreichen Informations- und didaktischen Materialien der Bundeszentrale für politische Bildung ). „Gedenkstättenpädagogik“, sowohl als lokale und regionale (Simone Wustrack, Gedenkstättenpädagogik. Arbeit mit Jugendlichen zu Spuren nationalsozialistischer Gewaltherrschaft im Harzer Raum, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/2052.php), als auch als internationale Initiativen (z. B.: Pim den Boer, u.a., Hrsg., Europäische Erinnerungsorte 3 – Europa und die Welt – 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13336.php), haben zwar mittlerweile im curricularen, schulischen Kontext Aufmerksamkeit erreicht, doch der Umgang mit dem ethischen und moralischen Erbe der Widerstandsarbeit hat noch nicht die Bedeutung erhalten, die für eine lebendige und nachhaltige Erinnerungsarbeit notwendig wäre.

Die Autorin konzentriert sich in ihrer Forschungsarbeit auf biographische Aspekte, indem sie drei ausgewählte und dokumentierte Gespräche mit erwachsenen Nachkommen von Widerstandskämpfern (im Alter zwischen 70 und 77 Jahren) führt und die Ergebnisse in einer qualitativen Studie analysiert. In einem zweiten Schritt hat die Forscherin Interviews mit neun TeilnehmerInnen aus einem von 2001 bis 2002 durchgeführtem außerschulischem Projekt zum deutschen und europäischen Widerstand gegen den Nationalsozialismus in ihre Arbeit einbezogen und deren Ergebnisse sieben Jahre später und erneut 2013/14 verifiziert.

Erinnerungsorte, wie die zentrale Gedenk- und Dokumentationsstätte „Deutscher Widerstand“ in Berlin, und die internationale Jugendbegegnungsstätte Kreisau (Krzyzowa) in Polen, dem ehemaligen Gut der Familie Moltke, sind Begegnungseinrichtungen, deren intellektuelle und emotionale Wirkungen in der Arbeit eine besondere Bedeutung haben. In der Identitäts-, Erinnerungs- und Widerstandsforschung sind mehrere Fächer disziplinär und interdisziplinär eingebunden: Geschichtswissenschaft, Psychologie, Psychoanalyse, Politische Wissenschaft, Erziehungswissenschaft und Pädagogik.

Die historischen Nachweise, literarischen Fundstücke und schriftlichen Zeugnisse der Kontaktfamilien von Moltke, Bonhoeffer, Bontjes van Beek und anderen aus den Widerstands-Initiativen „Rote Kapelle“, „Kreisauer Kreis“, „Weiße Rose“, u.a., verdeutlichen die vielfältigen, individuellen, weltanschaulichen und gesellschaftspolitischen Präferenzen und Zielsetzungen, die bei den Planungen und Realisierungen von Widerstand eine Rolle gespielt und sich auf Familienleben und Netzwerke ausgeübt haben. Ebenso sind die Erzählungen und Aktivitäten einzubeziehen, die von der Autorin bei Bildungs- und Erziehungsprozessen von jungen Menschen in langjährigen, schulischen und universitären Informations-, Lernangeboten, Beobachtungs- und Analysephasen initiiert und durchgeführt wurden. Die Ergebnisse ermöglichen einen geweiteten Blick auf die Widerstandsaktivitäten und machen zudem deutlich, dass Widerstandsdenken und -handeln individuelle und nationale und internationale Identitätsfindung und -entwicklung positiv beeinflussen können.

Fazit

Der transgenerationelle und interkulturelle Blick, der der Forschungsarbeit zugrunde liegt, bietet die Möglichkeit, individuelle und gesellschaftliche, biograpfische und autobiografische, vergangenheitsorientierte, gegenwartsbezogene und zukunftsgerichtete Standortsbestimmungen zu Fragen des Widerstandes zu finden und einzunehmen. Es gelingt der Autorin, die traditionelle, historische Betrachtung von individuellem und kollektivem Widerstand gegen den Nationalsozialismus mit den Aspekten zu verbinden, wie sich Widerstandslernen und -erfahrung auf die Identitätsentwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirkt. Die aus der Forschungsarbeit sich ergebende Forderung, dass „ein erweitertes Verständnis, über die wichtige, internationale Holocaust-Erziehung hinausgehend, .. zivilgesellschaftliches und zivilcouragiertes Verhalten .. (und) .. gesellschaftspolitische Wachsamkeit (schärfen muss)“, gilt es in das gesellschaftsöffentliche und curriculare Bewusstsein zu bringen (vgl. dazu auch: Andreas Hartmann / Oliwia Murawska, Hg., Representing the Future. Zur kulturellen Logik der Zukunft, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18833.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 01.09.2016 zu: Brigitte Kather: Die Vermittlung des Widerstandes gegen den Nationalsozialismus. Ein Beitrag zur Identitätsentwicklung Jugendlicher. Waxmann Verlag (Münster, New York) 2016. ISBN 978-3-8309-3471-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21233.php, Datum des Zugriffs 18.01.2020.


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