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André J. Sassenfeld: Relationale Psychotherapie

Cover André J. Sassenfeld: Relationale Psychotherapie. Grundlagen und klinische Prinzipien. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. 357 Seiten. ISBN 978-3-8379-2324-7. D: 34,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Das in der Welt meistgelesene Lehrbuch der Psychoanalyse aus der Feder deutsch(sprachig)er Autor(inne)n stammt nicht aus Berlin oder Frankfurt a.M., Heidelberg, Freiburg oder Gießen, sondern aus Ulm. An der damals neu gegründeten (Reform-)Universität wurde 1967 – damals war es noch die Medizinisch-Naturwissenschaftliche Hochschule Ulm – Helmut Thomä auf den Lehrstuhl für Psychotherapie berufen. Zusammen mit seinem Mitarbeiter und späteren Nachfolger Horst Kächele veröffentlichte er in den 1980ern das Lehrbuch „Psychoanalytische Therapie“, das als „Ulmer Lehrbuch“ bekannt wurde. Nicht zuletzt dafür wurden die beiden im Jahre 2002 geehrt mit dem von der Stadt Wien gestifteten und dem World Council for Psychotherapy verliehenen Internationalen Sigmund-Freud-Preis für Psychotherapie.

In der 3., 2006 (bei Springer, Heidelberg) erschienenen Auflage des ersten Bandes („Grundlagen“) heißt es: „Es verdient festgehalten zu werden, dass sich parallel zum Erscheinen des ersten Bandes (1985) die relationale, intersubjektiven [sic!] Psychoanalyse, zunächst vorwiegend in den USA, getragen durch Mitglieder des William-Alason-White Instituts [https://de.wikipedia.org/wiki/William_Alanson_White_Institute], außerhalb der IPV [Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung] entfaltet hat…Bei uns dürfte sich die relationale, interaktive Einstellung durchaus im Gefolge des Ulmer Lehrbuchs entwickelt haben.“ (S. 9-10)

Michael B. Buchholz, Psychoanalytiker und Professor an der International Psychoanalytic University Berlin, hat in einem undatierten (wohl schon vor 1997 verfassten) Papier „Neue Verbindungen, Psychoanalytische Ein- und Aussichten“ (online verfügbar unter www.institut-kjf.ch) notiert: „Über lange Jahre hinweg wurde, was ein Patient in einer Psychoanalyse mitteilte, als „Material“ bezeichnet; das, was der Analytiker sagte, hieß „Deutung“. Solange diese Unterscheidung operierte, gab es etwas, das als „klassische Analyse“ im Rückblick bezeichnet werden konnte. Folgt man den Veröffentlichungen der letzten Jahre, ist dieses „Lieferantenmodell“ außer Kraft gesetzt.“ (S. 1; vgl. die Entfaltung dieser Thesen bei Buchholz, 2004)

In den letzten Jahren und Jahrzehnten aber habe sich in der Psychoanalyse „eine Entwicklung hin zum Paradigma der Interaktion vollzogen. Manche sprechen in Habermas´scher Diktion von Intersubjektivität, andere in Sullivans Tradition von relationalen, dritte sozialwissenschaftlich von interaktionstheoretischen Ansätzen“ (S. 1). Später ergänzt er, man habe die Wandlung im Kontext zu sehen: „Mit der Wendung zur Interaktion steht die Psychoanalyse nicht allein. Sie findet flankierende Bestätigung darin nicht nur bei den Säuglingsforschern, für die es ja – mit den Worten eines berühmten Psychoanalytikers, D.W. Winnicott – schon lange feststeht, daß es kein Baby ohne Mutter, also Interaktion mit einer haltenden Umwelt, geben kann. Auch die sozialwissenschaftliche Professionstheorie wandte sich der mikroanalytischen Beobachtung jener Interaktionen zu, mit deren Hilfe Professionelle verschiedenster Grundberufe (Lehrer, Ärzte, Manager, Krankenschwestern u.a.) ihre Arbeit tun. Auch hier geht die Wendung zur Interaktion mit Verzicht auf großtheoretische Para-Dogmen, also mit einer gewissen Demut einher. Die neue Forschungsausrichtung möchte wissen, was geschieht ohne vorzuschreiben, was geschehen sollte. Die akademische Entwicklungspsychologie begreift kognitive Fähigkeiten, etwa zu lernen, wie Geschichten erzählt werden, neuerdings als Ko-Operationen und kann in den Details der Interaktion zeigen, wie Mütter die unvollständigen Stammeleien ihrer Kinder immer wieder vervollständigen – bis sie es selbst können. Und selbst dann muß, will man etwas erzählen, der Andere als Zuhörer immer erst positioniert und organisiert werden, man muß gewissermaßen anfragen, ob jetzt der richtige Zeitpunkt gekommen ist, eine Geschichte, einen Witz oder etwas Klatsch zu erzählen. Sogar in der Evolutionstheorie findet Interaktion mit Umwelt neue Aufmerksamkeit.“ (S. 3)

Autor

André Sassenfeld ist ein deutschstämmiger Chilene, der auf dem Gebiet der Erwachsenenpsychotherapie tätiger klinischer Psychologe, klinischer Supervisor und Universitätsdozent (u.a. an der Universidad de Chile). Er machte zunächst eine Ausbildung zum Jungschen Therapeuten und Weiterbildungen in verschiedenen Verfahren der humanistisch-experienziellen Therapie (u.a. Gestalttherapie und Bioenergetik), interessierte sich im Laufe seiner therapeutischen Tätigkeit zunehmend für relational denkende und handelnde Psychodynamiker(innen) und entwickelte schließlich zusammen mit Kolleg(inn)en den Ansatz einer „Relationalen Körperpsychotherapie“ (Psicoterapia Relacional Corporal; vgl. www.cuerporelacional.cl) entwickelte.

Aufbau und Inhalt

Das vorliegende Buch wurde mit Ausnahme des Vorworts zur deutschen Ausgabe zuerst 2012 auf Spanisch in Santiago, Chile, veröffentlicht; die Übersetzung ins Deutsche wurde vom Autor selbst vorgenommen

Die Danksagung gilt zunächst verschiedenen Personen und Institutionen in Chile, die seinen beruflichen Werdegang beeinflusst, ihm frühere Publikationen ermöglicht und das Entstehen des vorliegenden Buches intellektuell und emotional gefördert haben. Für die Anregung, das Buch in Deutsch herauszubringen, wird Peter Geißler (s.u.) gedankt.

Das Vorwort stammt von Juan Francisco Jordán, Psychoanalytiker und Dozent an der Escuela de Psicología an der Pontificia Universidad Católica de Chile in Santiago. Es liefert eine kommentierte Inhaltsangabe des Buches und benennt als dessen Fokus: „André Sassenfeld legt ein Buch vor, das gemäß seines Titels die Prinzipien untersucht, welche die Praxis der relationalen Psychotherapie begründen. Sein Schwerpunkt liegt in der Bereitstellung von Orientierung für die klinische Praxis dieser psychoanalytischen Form.“ (S. 15) Faktisch ist dieses Vorwort eine Einleitung zum Buch.

Das Vorwort zur deutschen Ausgabe hat Peter Geißler (ausf. www.geissler-info.at) geschrieben. Der Wiener Arzt für Psychotherapeutische Medizin, Psychosomatische Medizin, Psychosoziale Medizin hat zunächst eine Ausbildung zum Bioenergetischen Analytiker gemacht und später zum Psychoanalytiker; er ist im deutschsprachigen Raum einer der bekanntesten, wenn nicht der bekannteste Vertreter einer „Analytischen Körperpsychotherapie“ (vgl. sein gleichnamiges Buch, 2009 im Psychosozial-Verlag, Gießen erschienen sowie seinen Artikel „Die relationale Psychoanalyse: eine Kurzdarstellung“ in der Zeitschrift „psychosozial“ von 2004). Er berichtet hier, wie der Autor und er in Kontakt miteinander kamen und welche gemeinsamen Projekte sie verfolg(t)en (darunter das gemeinsame Herausgeberwerk „Jenseits von Sprache und Denken“, erschienenen 2013 im Psychosozial-Verlag).

Aus der Perspektive einer Analytischen Körperpsychotherapie formuliert denn Peter Geißler auch, worin er das Spezifische des (auch) im vorliegenden Buch entfalteten Entwurfs der Sassenfeldschen „Relationalen Körperpsychotherapie“ sieht: „Sassenfeld versucht, hauptsächlich auf Merleau-Pontys Phänomenologie einer verkörperten Subjektivität und Intersubjektivität aufbauend, den durch die gegenwärtige psychoanalytische Theorie der intersubjektiven Systeme formulierten Begriff der Organisationsprinzipien der Subjektivität um eine sensumotorische Dimension zu erweitern, wobei er diese, in ähnlicher Weise wie George Downing [vgl. „Körper und Wort in der Psychotherapie“. München: Kösel, 1996], als eine Dimension relationaler und emotionaler Erwartungen und Überzeugungen auffasst.“ (S. 26-27)

In I. Einleitung bietet der Autor erstens Erläuterungen zum Titel und zweitens eine knappe Inhaltsangabe, verknüpft mit einem Strukturierungsvorschlag. Was die Erläuterungen zum Titel anbelangt, so gibt er an, dass für ihn bei dem Begriff „Psychotherapie“ die Unterscheidung zwischen Psychoanalyse und psychoanalytischer Therapie bei allen bestehenden Differenzen zwischen den beiden irrelevant sei, da sie auf den gleichen klinischen Prinzipien beruhten. Hinsichtlich „relational“ erklärt er: „In diesem Buch werde ich eine absichtlich besonders weit gefasste Definition der relationalen Psychotherapie verwenden. Sie schließt vielfältige Ansätze mit ein, auch wenn einige ihrer Vertreter andere Bezeichnungen für ihre Konzepte vorziehen: die psychoanalytische Selbstpsychologie und ihre unterschiedlichen postkohutianischen Vertreter, interpersonale Theoretiker, verschiedene Intersubjektivitätstheoretiker, Vertreter der Bindungstheorie, von der gegenwärtigen Kleinkindforschung beeinflusste Theoretiker und natürlich solche, die sich selbst ausdrücklich als relational bezeichnen.“ (S. 29-30)

Was den genannten Strukturierungsvorschlag betrifft, so bezieht sich der Autor auf den auch hierzulande (vgl. Mitchell, 2003, 2005) bekannt gewordenen New Yorker Klinischen Psychologen und Psychoanalytiker Stephen A. Mitchell (https://en.wikipedia.org/wiki/Stephen_A._Mitchell)), der in „Hope and Dread in Psychoanalysis“ (New York: Basic Books) von zwei Revolutionen, die sich in der Psychoanalyse ereignet haben, spricht. Die eine ereignete sich auf der erkenntnistheoretischen (epistemologischen) Ebene und betrifft die Frage, was Psychoanalytiker(innen) wissen und wissen können, die andere auf der klinischen (behandlungspraktischen) und beinhaltet die Frage, „was ein Patient von der psychotherapeutischen Behandlung und vom Psychotherapeuten benötigt“ (S. 32). Der ersten Frage wird in Kapitel II nachgegangen, der zweiten in den Kapitel III bis V.

In II. Das relationale Paradigma: Erkenntnistheoretische und philosophische Übergänge „werde ich“, so der Autor in der Einleitung (S. 31), „im Sinne einer Beschreibung des paradigmatischen Zusammenhangs einige der bedeutenden epistemologischen und philosophischen Übergänge und Einflüsse darstellen, die im allmählichen Aufkommen der relationalen Tradition zusammengeflossen sind“. Diese Beschreibung ist in drei Abschnitte gegliedert:

  1. Von der Moderne zur Postmoderne und zur Komplexität
  2. Die phänomenologische Wende: Erfahrung, Kontext und System
  3. Andere philosophische und erkenntnistheoretische Entwicklungen: Hermeneutik und Konstruktivismus

In der Vorschau auf III. Neue Verständnisformen des Unbewussten, der Motivation und der psychotherapeutischen Situation schreibt der Autor: „Nachfolgend werde ich einige der wesentlichen theoretischen Wandlungen und Verschiebungen von begrifflichen Akzenten zusammenfassen, die das relationale Denken in das Feld der klinischen Psychologie eingeführt hat. Ich werde dabei besonders auf einige der neuen Formen, das Unbewusste, die Motivation und die psychotherapeutische Situation zu verstehen, eingehen, die in den theoretischen Formulierungen der letzten Jahre aufgetaucht sind.“ (S. 31)

Diese Zusammenfassung erfolgt in vier Schritten:

  1. Relationale Matrix und intersubjektives System: Beziehungszusammenhänge der subjektiven Erfahrung
  2. Neue Verständnisformen des Unbewussten: Unbewusst, nicht bewusst, implizit
  3. Bedeutungswandlung des Motivationsbegriffs
  4. Relationale Perspektiven auf die psychotherapeutische Situation

Kapitel IV. Grundlegende Prinzipien der relationalen Psychotherapie lenkt die „Aufmerksamkeit auf einige fundamentale klinische Prinzipien …, welche die Grundlage für die alltägliche Arbeit der relationalen Therapeuten bilden“ (S. 31). Dies geschieht in acht Teilen:

  1. Über das Wesen der relationalen Psychotherapie
  2. Patient, Psychotherapeut und therapeutischer Rahmen in der relationalen Psychotherapie
  3. Die empathisch-introspektive Methode im Kontext der klinischen Praxis
  4. Relationale Psychotherapie als zweite Chance emotionaler Entwicklung
  5. Relationale Psychotherapie als hermeneutischer Dialog, der emotionales Verständnis sucht
  6. Möglichkeiten der Teilnahme des Psychotherapeuten in der relationalen Psychotherapie
  7. Epistemologische, theoretisch-klinische und klinische Positionierungen des Psychotherapeuten
  8. Über psychotherapeutische Ziele und Aufgaben

In V. Abschließende Gedanken geht es dem Autor darum, „einige Überlegungen zur theoretischen und praktischen Vielfalt als charakteristisches Merkmal des relationalen Ansatzes an[zu]stellen und in diesem Sinne auch auf die Notwendigkeit, die Individualität des Psychotherapeuten in seiner Theorie, Technik und Praxis als unvermeidbares klinisches Prinzip anzuerkennen, ein[zu]gehen“ (S. 31-32).

Danach finden sich zwei, vor dem obigen Text verfasste und vor dem Buch bereits gesondert publizierte Texte:

Anhang I. Die philosophische Hermeneutik Hans-Georg Gadamers und ihre Beziehung zur Praxis der Psychotherapie (erstveröffentlicht 2010) „geht genauer und tiefer auf die philosophische Hermeneutik Hans-Georg Gadamers und ihre Beziehung zur Praxis der relationalen Psychotherapie ein“ (Einleitung, S. 32). Diese Arbeit vollzieht sich in vier Schritten:

  1. Von der klassischen zur philosophischen Hermeneutik
  2. Das authentische Gespräch: Bedingungen und Kennzeichen
  3. Der Prozess des Verstehens: Ereignis, Vorurteil und Horizontverschmelzung
  4. Sich verstehend unterhalten, sich unterhaltend verstehen

Der Autor bezieht sich bei Betrachtung von Hans Gadamers [https://de.wikipedia.org/wiki/Hans-Georg_Gadamer] Hermeneutik, nicht nur, aber vorwiegend auf dessen 1960 veröffentlichte (Haupt-)Schrift „Wahrheit und Methode“ [https://de.wikipedia.org/wiki/Wahrheit_und_Methode]. Diese Hermeneutik in „ihre[r] Beziehung zur Praxis der Psychotherapie“ zu sehen, hat seine sachliche Rechtfertigung darin, dass Hans Gadamer seine Hermeneutik nicht als Theorie oder Methode / Methodik versteht, sondern als das Phänomen des Verstehens und der sachgerechten Auslegung des Verstandenen. Mit seiner Würdigung rückt der Autor „Wahrheit und Methode“ an die Seite von Martin Bubers (https://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Buber) 1923 – zeitgleich mit Sigmund Freuds „Das Ich und das Es“ – erschienenes Buch „Ich und Du“ (https://de.wikipedia.org/wiki)), dessen Bedeutung für die humanistisch-experienzielle Therapie schon seit Langem betont wird (vgl. etwa Waldl, 2002).

Die Bedeutung der Gadamerschen Hermeneutik für die Beziehungsgestaltung in der Psychotherapie wird nicht nur von André Sassenfeld gesehen. In dem kürzlich erschienenen Beitrag zu dem Buch „Die therapeutische Beziehung in der psychodynamischen Psychotherapie“ (Gödde & Stehle, 2016) weisen sowohl Michael Buchholz (2016) als auch Timo Stork (2016) auf die Bedeutung der Gadamerschen Hermeneutik für die Beziehungsgestaltung in der Psychotherapie hin.

In Anhang II. Enactments: Eine relationale Perspektive auf Beziehung, Handlung und Unbewusstes (erstveröffentlicht 2010) wird der „Begriff des enactement oder Handlungsdialog untersucht, ein Begriff, der für viele Theoretiker einen wichtigen Platz im relationalen Diskurs einnimmt“ (Einleitung, S. 32). „Enactment“ bezeichnet in der Tradition des Sozialen Konstruktivismus den Prozess, durch den eine bestimmte Realität sozial konstruiert wird. Dieses Konzept oder dieses Konstrukt wird hier auf (bestimmte Aspekte der) Interaktion und Kommunikation (auch non- und paraverbale) zwischen Klient(in) und Therapeut(in) bezogen. Die Untersuchung hat sieben Teile:

  1. Abschied von Übertragung und Gegenübertragung?
  2. Die Neubewertung des Stellenwertes der Handlung in der Psychotherapie
  3. Einige begriffliche Aspekte des enactment I: Definitionen und einige Überlegungen
  4. Einige begriffliche Aspekte des enactment II: Reflexionen über einige Kontroversen
  5. Einige klinische Aspekte des enactment I: Überlegungen zum Erkennen des enactment
  6. Einige klinische Aspekte des enactment II: Überlegungen zur klinischen Handhabung
  7. Abschließende Kommentare

Der Inhalt des zweiten Anhangs lässt sich am besten mit den einleitenden Worten des Autors zusammenfassen: „Der „relational turn“ im Feld der analytisch orientierten Psychotherapien hat eine Revision und in mehreren Bereichen eine Neukonzipierung alter Ansätze, diverse klinische Phänomene zu verstehen und aufzufassen, mit sich gebracht. Im Zuge dessen sind traditionelle Auffassungen der für die psychotherapeutische Interaktion charakteristischen Beziehungsdynamik auf bedeutende Weise neu formuliert worden. Das Aufkommen des Begriffes des enactement als relationale Konzeptualisierung einiger Wechselfälle der Beziehung zwischen Patient und Psychotherapeut ist in diesem Zusammenhang zentral.“ (S. 285)

Diskussion

Mit seinen Ausführungen über „enactment“ bewegt sich der Autor auf einem Feld, das in der Psychoanalyse mit dem Begriff „Agieren“ markiert ist (vgl. Thomä & Kächele, 2006, S. 314-323). Es gibt weitere Passagen und Themen des Buches, die entsprechend Psychoanalyse-spezifisch sind. Andere haben ebenfalls einen engen thematischen Zuschnitt; so alles, was psychotherapeutisches Arbeiten mit dem Körper oder besser Leib angeht. Beides dürfte Soziale Arbeiter(innen), die sich für Psychotherapie interessieren, wenig(er) relevant für ihre (Fall-)Arbeit erscheinen. Was aber für sie große Bedeutung hat und daher interessieren könnte oder sollte: Das Buch handelt ganz überwiegend von der Beziehung(sgestaltung) in Therapien – und damit implizit von Beziehung(sgestaltung) in jeder Form helfender Beziehung.

Im Jahre 2011 hat die Task Force on Evidence-Based Therapy Relationships der American Psychological Association, in der Vertreter(innen) der verschiedenen therapeutischen Grundrichtungen zusammen gearbeitet hatten, als erste zwei ihrer auf umfangreicher Forschungsarbeit basierenden Schlussfolgerungen und Empfehlungen (Norcross, 2011) festgehalten:

  • „Die therapeutische Beziehung leistet substantielle und konsistente Beiträge zum Ergebnis einer Psychotherapie – und das unabhängig von einem spezifischen Behandlungsansatz.
  • Die therapeutische Beziehung trägt zum Gelingen (oder Misslingen) einer Therapie in mindestens demselben Maße bei wie eine bestimmte Behandlungsmethode.“ (Übers. d. Rez.)

Ein gesicherten Effekt („demonstrable effective“) konnte aufgezeigt werden für folgende Therapeut(inn)envariablen: Herstellung einer therapeutischen Allianz (jüngster Beleg: Tschuschke, 2016), Bewirken von Kohäsion in der Gruppentherapie, Empathie [klassische „Rogers-Variable“] sowie das Sammeln von Klient(inn)enfeedback. Es spricht alles dafür, dass diese Ergebnisse nicht nur für das Gebiet der Psychotherapie, sondern auch für das zeitgenössische Social Case Work (diesseits wie jenseits von Ärmelkanal und Atlantik) Geltung haben. Nicht nur, aber vor allem die Klinische Sozialarbeit kann bei ihrer Fallarbeit, bei der sie sich immer wieder unterschiedlicher psychosozialer Handlungsformen (Heekerens, 2016) bedient, profitieren von der Kenntnis der Ergebnisse der Wirksamkeitsforschung zur therapeutischen Beziehungsgestaltung einer- und mannigfaltiger Diskussionsbeiträge zu einer Relationalen Psychotherapie andererseits.

Fazit

Das vorliegende Buch leistet einen bemerkenswerten und profilierten Beitrag zur Diskussion um eine Relationale Psychotherapie und damit zur Frage nach der Bedeutsamkeit der therapeutischen Beziehung, die auch hierzulande zunehmend mehr im Fokus der Aufmerksamkeit steht (vgl. etwa Gödde & Stehle, 2016; vgl. die Rezension). Dozent(inn)en der Klinischen Sozialarbeit könnten es mit Gewinn lesen; ebenso Studierende der Klinischen Sozialarbeit, sofern sie gewisse Vorkenntnisse haben. In Bibliotheken solcher Hochschulen, die ein Studium der Klinischen Sozialarbeit anbieten, sollte es nicht fehlen.

Literatur

  • Bucholz, M. (2004). Für eine relationale Psychoanalyse: Stephan Mitchell. In H.-J. Wirth (Hrsg.). Das Selbst und der Andere. Psychosozial, 27 (Nr. 97, H. III), 29- 41.
  • Buchholz, M. (2016). Psychoanalyse ist eine Wahrnehmungskunst. In G. Gödde & S. Stehle (Hrsg.) (2016). Die therapeutische Beziehung in der psychodynamischen Psychotherapie. Ein Handbuch (S. 75-96). Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Geißler, P. (2004). Die relationale Psychoanalyse: eine Kurzdarstellung. In H.-J. Wirth (Hrsg.). Das Selbst und der Andere. Psychosozial, 27 (Nr. 97, H. III), 43-54.
  • Heekerens, H.-P. (2016). Wirksamkeit psychosozialer Handlungsformen für die Soziale Arbeit – eine methodenkritische Übersicht. In H.-P. Heekerens, Psychotherapie und Soziale Arbeit (S. 143-176). Coburg: ZKS-Verlag. Online verfügbar unter www.zks-verlag.de/kataloga [letzter Aufruf am 31.10.2016].
  • Gödde, G. & Stehle, S. (Hrsg.) (2016). Die therapeutische Beziehung in der psychodynamischen Psychotherapie. Ein Handbuch. Gießen: Psychosozial-Verlag. www.socialnet.de/rezensionen/21944.php.
  • Mitchell, S.A. (2003). Bindung und Beziehung. Auf dem Weg zu einer relationalen Psychoanalyse. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Mitchell, S.A. (2005). Psychoanalyse als Dialog. Einfluss und Autonomie in der analytischen Beziehung. Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Norcross, J.C. (2011). Conclusions and Recommendations of the Interdivisional (APA Divisions 12 & 29) Task Force on Evidence-Based Therapy Relationships. Online verfügbar unter http://societyforpsychotherapy.org/evidence-based-therapy-relationships/ [letzter Zugriff am 2.7.2016].
  • Storck, T. (2016). Verstehen und Nicht-Verstehen als Elemente der therapeutischen Beziehung. In G. Gödde & S. Stehle (Hrsg.) (2016). Die therapeutische Beziehung in der psychodynamischen Psychotherapie. Ein Handbuch (S. 97-112). Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Tschuschke, V. (2016). Therapeutische Beziehung. In A.v Wyl, A.v., V. Tschuschke, V., A. Crameri, A., M. Koemeda-Lutz, M. & P. Schulthess, P. (Hrsg.), Was wirkt in der Psychotherapie? Ergebnisse der Praxisstudie ambulante Psychotherapie zu 10 unterschiedlichen Verfahren (S. 111-120). Gießen: Psychosozial-Verlag.
  • Waldl, R. (2002). Therapeutische Aspekte bei Martin Buber. Unveröff. Dipl.-Arbeit, Universität Wien. Online verfügbar unter www.waldl.com [letzter Aufruf am 14.11.2016].

Rezensent
Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Heekerens
Hochschullehrer i.R. für Sozialarbeit/Sozialpädagogik und Pädagogik an der Hochschule München
Homepage de.wikipedia.org/wiki/Hans-Peter_Heekerens
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Zitiervorschlag
Hans-Peter Heekerens. Rezension vom 06.12.2016 zu: André J. Sassenfeld: Relationale Psychotherapie. Grundlagen und klinische Prinzipien. Psychosozial-Verlag (Gießen) 2015. ISBN 978-3-8379-2324-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21236.php, Datum des Zugriffs 16.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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