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Michael Corsten, Michael Gehler u.a. (Hrsg.): Welthistorische Zäsuren

Cover Michael Corsten, Michael Gehler, Marianne Kneuer (Hrsg.): Welthistorische Zäsuren. 1989 - 2001 - 2011. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2016. 265 Seiten. ISBN 978-3-487-15379-7. D: 29,80 EUR, A: 30,70 EUR.

Hildesheimer Universitätsschriften, Band 31.
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Thema

…, um nur einige Schlagwörter zu Fragen nach dem Zustand der Welt zu nennen. Es sind hoffnungsvolle und hoffnungslose Blickrichtungen, progressive und prozessuale Analysen, die sich verbinden mit dem Bewusstsein, dass jeder Mensch tagtäglich die Verantwortung für ein gegenwärtiges und zukünftiges gutes Leben für alle Menschen auf der Erde mit sich schleppt. Und es ist die „globale Ethik“, die Menschen dazu verpflichtet, die Würde des Menschen als Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt zu verstehen und zu leben (Allgemeine Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948).

Entstehungshintergrund und Autorenteam

Die intellektuellen und emotionalen, alltäglichen Herausforderungen, den Menschen ein Bewusstsein und den Willen zu vermitteln, dass sie aufgeklärt sein wollen (Steffen Martus, Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20253.php), ist eine allgemeinbildende Aufgabe. An der Universität Hildesheim haben Sozialwissenschaftlerinnen und Sozialwissenschaftler im Sommersemester 2013 eine Ringvorlesung durchgeführt, in der die Spannweite Weltereignisse – Weltmedienereignisse – weltgeschichtliche Zäsuren auf den interdisziplinären Diskussions- und Prüfstand gestellt wurden. Die Fächer Geschichte, Politikwissenschaft und Soziologie gingen den Fragen nach, ob und wie die Jahre und Zeitläufte 1989, 2001 und 2011als weltgeschichtliche, weltgesellschaftliche und weltpolitische Zäsuren verstanden werden können.

Der Soziologe und Erziehungswissenschaftler Michael Corsten, der Historiker Michael Gehler und die Politikwissenschaftlerin Marianne Kneuer sind der Frage nachgegangen, ob wir uns angesichts der rasanten, lokalen und globalen Entwicklung in der (Einen?) Welt tatsächlich in einer „Zeitenwende“ befinden und die Zäsuren Signale und Perspektiven für einen Perspektivenwechsel im individuellen und lokal- und globalgesellschaftlichen Leben der Menschen anzeigen. Diese Analyse kann nicht fachbezogen, sondern muss fächerübergreifend und interdisziplinär angegangen werden; und zwar mit dem Bewusstsein, dass es zur Einschätzung und Bewertung von zivilgesellschaftlichen und globalpolitischen Entwicklungen die „eine, richtige“ Antwort und Wahrheit nicht geben könne, sondern dass „verschiedene Interpretationen erst erkannt sein müssen, bevor eine eigene Position eingenommen werden kann“. Herausgeberteam und die an der Ringvorlesung beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben dafür eine interessante Methode gewählt: Der jeweils zu den Themenkomplexen der Weltentwicklung bei den ausgewählten Zeitläuften angebotene Vortrag eines Fachs wurde von den beiden anderen, beteiligten Disziplinen kommentiert und gemeinsam diskutiert.

Aufbau und Inhalt

Der Sammelband wird in fünf Kapitel gegliedert.

  1. Im ersten werden „historische, politikwissenschaftliche und soziologische Grundkonzepte“ vorgestellt;
  2. im zweiten mit dem Datum „1989: kollektive Resonanzen und Folgen“ thematisiert;
  3. im dritten mit der Frage „2001 und 2011: Zäsuren oder Transformationsdynamik?“ verschiedene Aspekte der Weltentwicklung diskutiert;
  4. im vierten „Global-politische Verschiebungen“ aufgezeigt,
  5. und im fünften Kapitel kommen schließlich mit den Schlusskommentaren die Autorin und die Autoren zur anfangs gestellten Frage: „Was ist eigentlich eine Zäsur?“ erneut zu Wort.

Michael Corsten setzt sich mit seiner Frage „Wozu welthistorische Zäsuren?“ damit auseinander, weshalb Weltereignisse und Weltmedienereignisse zusammen gedacht und als weltgeschichtliche Zäsuren systemtheoretisch und kommunikationssoziologisch eingeordnet werden. Mit der Annahme, dass „Zäsuren ( ) auf Neujustierungen von Kräfteverhältnissen in der Weltgesellschaft (verweisen)“ und damit „Grenzmarkierungen weltgeschichtlicher Periodisierung“ kennzeichnen, betrachtet der Autor die Daten 1989, 2001 und 2011.Die Auflösung des Ost-West-Konflikts, der sich im Fall der Berliner Mauer charakterisiert, der 1. September 2001 als Weltmedienereignis und der Markierung eines neuen Hegemonial- und Konfliktfeldes, und einer Weltenergiekrise, wie sie sich mit Fukushima mächtig darstellt. Ob diese Ereignisse jedoch Analysen zulassen, die „von einer strukturellen Änderung in den tragenden Konstellationen der Weltgesellschaft sprechen“ lassen, wird vom Autor eher bezweifelt; er sieht in den Vorkommnissen eher „Vorboten eines Hegenomieverlustes (der westlichen Großmacht und) ..von Kräfteverschiebungen bis hin zu einem möglichen Ende der modernen, weltgesellschaftlichen Konstellation“.

Michael Gehler spricht „vom Glanz und Elend der Revolutionen“, wenn er die Umstürze in Mittel- und Osteuropa 1989 mit Blick auf die Jahre 2001 und 2011 analysiert und die verschiedenen Typen von Umstürzen und Veränderungsprozessen erläutert: bäuerliche, bürgerliche, ständische, proletarische, ideologische, kulturelle, politische,technologische, wirtschaftliche, soziale, regionale, nationale, europäische, globale.. Die auf die Zeitläufte 1989, 2001 und 2011 ausgerichteten Messlatten lassen erkennen, dass die revolutionären Bewegungen, vor allem von 1989, Umwälzungen bewirkt haben, die revolutionären Charakter zeigen. Gehler sieht sieben Faktoren, die den Zerfallsprozess des sowjetischen Sozialismus beschleunigt haben: Dauerkrise und Erosion des bürokratischen Staatssozialismus, die Entspannungspolitik des KSZE-Nachfolgeprozesses, die Gorbatschowschen Reformbemühungen, die oppositionellen Freiheits- und Mitbestimmungsbewegungen in Polen, die gescheiterten hegemonialen, sowjetischen Expansionsbestrebungen in Afghanistan, die kommunikationstechnologischen Defizite im Ostblock, und daraus folgend, die in der globalisierten Welt sich ergebenden Wettbewergsunfähigkeiten. Aus historischen Betrachtung ergibt sich daraus, „dass hinsichtlich Kategorienbildung und Kriterienfindung im Sinne von ‚Revolutionen‘ 1989 als das markanteste Zäsurjahr der Weltgeschichte anzusehen ist“.

Marianne Kneuer fragt nach „Zäsuren der Demokratieentwicklung“, indem sie verschiedene weltpolitische Einflussfaktoren für Konjunkturveränderungen und Machtstrukturen aufzeigt. Sie erkennt in den Veränderungsprozessen von 1989 drei wesentliche, politische Elemente, die für einen demokratischen Wandel sprechen: Souveränität, Sicherheit, Freiheit. Im Vergleich mit den Daten 2001 und 2011 allerdings zeigt sich, dass 19879 ( ) einen Aufwind für die Demokratieentwicklung (entfachte), der in der Folge der Ereignisse von 2001 zu einem Abwind umschlug, der Arabische Frühling von 2011 jedoch entwickelte nicht mehr als ein laues Lüftchen inmitten eines demokratieungünstigen Klimas“. Demokratie als ein von den Vereinten Nationen (neu) formuliertes „Menschenrecht“ ist ohne Demokratieförderung nicht möglich. Die zunehmenden demokratieskeptischen bis -feindlichen Tendenzen zeigen sich im Vergleich der Zeitläufte: „Die beiden Daten 1989 und 2001 stehen als Ereignisse der internationalen Politik für außenpolitische Strategiewechsel maßgeblicher Akteure. 1989 für eine Phase breiter Unterstützung für die Idee der Demokratie und aktiver Förderung demokratischer Regierungen; 2011 für eine problematische Verknüpfung von erzwungenem Regimewechsel und Kampf gegen den Terrorismus sowie in der Folge für eine zunehmend defensive Haltung hinsichtlich Demokratieförderung“. Den Appell für eine offensive und aktive Förderung der Demokratie als die beste und gerechteste Regierungsform formuliert die Autorin in der Folge des analysierten Schlussdatums 2011, nämlich 2014, das sie mit der russischen Annexion der Krim als (negative) „Zäsur“ bezeichnet und zu bedenken gibt: „Nicht nur die Konfrontation zwischen Russland und dem Westen, auch Stellvertreterkriege sind längst überwunden geglaubte Merkmale des Kalten Krieges“.

Die im August 2015 verstorbene wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Sozialwissenschaften, Saskia Richter, setzte sich bei der Ringvorlesung 2013 mit dem Beitrag „Sichtbare Brüche und schleichende Revolutionen“ mit den soziologischen, historischen und politikwissenschaftlichen Beiträgen auseinander und verweist auf die Notwendigkeiten, die wissenschaftlichen Definitionen zu weltgeschichtlichen Zäsuren und Revolutionen aus fachspezifischen und fächerübergreifenden Aspekten zu begründen, die Umbrüche und Zäsuren zu analysieren, unter den Gesichtpunkten von Machterwerb und -verschiebungen die Zeitläufte zu betrachten und die benannten Zäsuren mit den Prozessen des zeitgeschichtlichen Entstehens und Veränderns zu konfrontieren.

Das zweite Kapitel wird vom Soziologen Holger Herma mit dem Beitrag „89 und die 89er“ eingeleitet. Die 89er-Generation“ als Begriffslabel will deutlich machen, dass eine „Selbstthematisierung im innerdeutschen Transformationsprozess“ eine biographische Nachschau im Sinne einer soziologischen generationellen Selbstbeschreibung notwendig macht. Es kommt dabei darauf an, statische Klassifizierungen und Analysen zu vermeiden und vielmehr Problemhorizonte zu erschließen, um zu erkennen, „dass dieser Generation das Verlangen nach einer Neu-Arrangierung von Subjektivität (zugeordnet werden kann), dessen Verhinderung seit dem Nationalsozialismus sie der Elterngeneration vorgeworfen haben“, gleichzeitig verdeutlicht sich auch ein „Netz gemeinsamer Bezugspunkte, an dem zugleich die Bruchpunkte zum Netz vorangegangener Generationen erkennbar werden“.

Der Politikwissenschaftler Volker Sommer fragt zum o. a. Beitrag in seinem Kommentar: „89er-Generation – ein beladenes Etikett?“. Er nimmt die Etikettierung „Selbstthematisierung“ zum Anlass, um nach dessen politikwissenschaftlichen Bedeutung Ausschau zu halten. Er tut dies mit der politikwissenschaftlich eigenen „komparativen Perspektive, indem er Vergleiche zur „68er-Generation“ anstellt und darauf verweist, dass die „89er“ weniger mit neuen, revolutionären demokratischen Visionen konfrontiert wurden, sondern eher damit zu tun hatten, (neue) Anpassungsstrategien einzuüben und Neuorientierungen in Richtung auf Sicherung des Arbeitsplatzes und der Karriere zu erfinden. So lässt sich der Vergleich mit dem 68er „Wir sind alle gleich“ hin zu „Wir sind alle anders“ ziehen.

Der Historiker und Schengen-Forscher Andreas Pudlat, stellvertretender Leiter des Instituts für Geschichte der Universität Hildesheim, setzt sich mit seinem Beitrag „Zwischen Ermöglichungszäsur und Kontinuität“ mit den Entwicklungen in den Zeitläuften 1989 und 2001 auseinander. Er thematisiert die Umbruchzeiten in der deutschen Kriminal- und Polizeipolitik jener Jahre, indem er analysiert, dass e sich bei den Ereignissen von 1989/90 um eine „Ermöglichungszäsur“ handelt, und zwar in strafrechtspolitisch, sicherheitsrelevant, ideologisch und administrativ unterschiedlicher Weise in den alten und neuen Bundesländern. „Insofern lassen sich in der Gesamtschau kriminal- und polizeipolitische Kontinuitäten auch bei zum Teil neuen Phänomenen bzw. weltgeschichtlichen Umwälzungen erkennen, denen indes eher eine Katalysatorfunktion als ein genuiner Zäsurcharakter zukommt“.

Die Soziologin Irene Leser erwidert auf Pudlats Ausführungen mit ihrem Beitrag: „Der Transformationsprozess der Wendejahre“. Mit biografischem Hintergrund – die Autorin lebte bis zum Alter von acht Jahren in der ehemaligen DDR – betrachtet sie mit der Akteursperspektive die Veränderungs- und Anpassungsprozesse von ehemaligen „Volkspolizisten“, die nach der Wende in den Polizeidienst der Bundesrepublik Deutschland übernommen und als „bürgernahe Polizei“ eingesetzt wurden. Sie weist darauf hin, dass „für Polizisten, die schon zu DDR-Zeiten im Polizeidienst waren.., die Wendejahre durchaus eine Zäsur (waren), die entweder durch die ihnen neu zugetragenen Aufgaben und die ihnen angetragene Rollenfunktion grundlegende Änderungen in sich trugen oder die Berufskarriere als Polizisten beendeten..“.

Der Privatdozent beim Hildesheimer Institut für Geschichte, Felix Hinz reflektiert mit seinem Beitrag „9/11 – ein Anschlag aus dem Mittelalter?“ die merkwürdige und eher auch unlogische Reaktion des Westens auf die fundamentalistischen, islamistischen Terroranschläge vom September 2001 mit dem „Krieg gegen den Terror“, und in dessen Folge als Antwort mit einer wie auch immer hergeleiteten und begründeten Kreuzzugsidee. in die ausgelegte Falle der Terroristen zu tappen, nämlich Gewalt und Gegengewalt über Religion zu definieren und die mittelalterlichen Zuschreibungen der Bedeutung und Wirkung der muslimischen Assassine mit al-Qaida zu vergleichen. Die mittlerweile in der Geschichtsreflexion und -analyse anerkannte Bewertung, dass z. B. der Irakkrieg aufgrund einer westlich-dominanten Fehleinschätzung der Weltlage beruht: „Im Sinne postkolonialer Ansätze ist es dringend anzuerkennen, dass der Westen nicht einfach die Deutungshoheit über die Weltgeschichte beanspruchen darf“.

Der Politikwissenschaftler Thomas Demmelhuber, seit Oktober 2015 Professor für Politik und Gesellschaft des Nahen Ostens an der FAU Erlangen-Nürnberg, stellt mit seinem Beitrag „Umbruch und Kontinuität in Nahost seit 2011“ die Perspektivenfrage zu einer historischen Zäsur. Der (durchaus) hoffnungsvoll und perspektivenreich begonnene „Arabische Frühling“ hat sowohl eine Art „Mauerfall“ bewirkt und Erwartungen sowohl bei den arabischen Völkern, als auch der Weltgemeinschaft geweckt und damit eine „geopolitische und geoökonomische Verschiebung zugunsten der arabischen Halbinsel (bewirkt)“, allerdings auch die etablierten, traditionellen, autoritären und diktatorischen Mächte gestärkt. Inwieweit die Veränderungsprozesse tatsächlich als eine (demokratische) Zäsur bezeichnet werden können, lässt sich in der aktuellen Entwicklung jedoch nicht beantworten.

Der Sozialwissenschaftler Christian Seipel antwortet mit „Demografie und Revolution“ auf Demmelhubers Beitrag, indem er die kulturellen und geopolitischen Aspekte bei den Veränderungsprozessen beim „Arabischen Frühling“ durch die Phänomene des demografischen Wandels („youth bulge“) ergänzt. Der überproportionale Zuwachs von jungen Menschen in den arabischen Gesellschaften bewirkt sowohl eine (erwachende) Zunahme von Bildungsbewusstsein und -kompetenz und damit auch freiheitliche und ökonomische Erwartungshaltungen, als auch das Dilemma, dass junge, gut ausgebildete Menschen in den traditionellen und vielfach starren, etablierten Gesellschaftsverhältnissen keine Arbeit und Perspektive finden. Seipel freilich gibt dieses Manko an die hiesigen und anderen Etablierten mit der Frage zurück: „Was habe ich heute für die Revolution getan?“.

Auch Felix Hinz reagiert mit seinem Beitrag „Die arabische Nation und ihr ‚Frühling‘“ auf Demmelhuber. Mit dem umgemünzten (Beinahe-)Sprichwort: „Des einen Frühling ist des anderen Dämmerung“ diskutiert Hinz die unterschiedlichen, positiven und negativen Entwicklungen dieser „Zäsur“. Er nimmt die Ereignisse, wie sie sich bei der „Arabischen Revolte“ von 1916 bis 1918 zeigten und vergleicht die damaligen Zielsetzungen, Erwartungen, Hoffnungen, aber auch Enttäuschungen und Niederlagen der Araber mit denen von heute. Der Ausgang der Revolte damals mündete in eine direkte britische und französische Kontrolle und Hegemonie. Und heute?.

Das vierte Kapitel leitet die Europa-Abgeordnete und Professorin des Hildesheimer Instituts für Sozialwissenschaften, Godelieve Quisthoudt-Rowohl, mit ihrem Beitrag „9/11 und danach“ ein. Sie spricht über lokale und globale Auswirkungen des „Krieges gegen den Terror“ auf die transatlantischen Beziehungen. Sie bezeichnet die Situation als einen „kompletten Paradigmen-Wechsel“, und zwar in dreierlei Hinsicht: Zum einen, weil die Folgen des Krieges in USA-fernen Weltgegenden von den Europäern direkt spürbar wurden; zum zweiten durch die isolationistischen Maßnahmen der Vereinigten Staaten, etwa durch Einreise- und Visa-Bestimmungen; und drittens durch Einschränkungen der bürgerlichen Freiheitsrechte im Inneren des Landes. Die Autorin stellt fest, dass sich „nach den Anschlägen von 2001.. die USA .. sich in wichtigen Eckpunkten fundamental von der Europäischen Union entfernt haben“, was zu einem Ungleichgewicht in den internationalen und transkontinentalen Beziehungen führt: „Die USA agieren, die EU reagiert!“.

Michael Gehler antwortet mit seinem Beitrag „Europa und die USA“ auf die o. a. Ausführungen. Da sind zum einen die gemeinsamen, demokratischen und freiheitlichen Werte- und Normenvorstellungen, die die USA und Europa miteinander verbinden; zum anderen aber auch die teils gravierenden und konträren Unterschiede über Werte wie „Demokratie“, „Freiheit“, „Markt“ und „Menschenrechte“, wie auch die emotionalen, rationalen und traditionellen Verschiedenheiten im alltäglichen wie im gesellschaftspolitischen Leben, die eine solidarische Kooperation zwischen den USA und Europa erschweren. Waren es noch die Klammern des Aufeinander-Angewiesenseins im Kalten Krieg, die eine erträgliche und gleichwertige Zusammenarbeit (auf „Augenhöhe“?) möglich machten, werden diese heute weitgehend brüchiger und unzuverlässiger. Was notwendig ist: Ein Wertekonsens, der auf einen gemeinsamen transatlantischen Rechtsbestand („acquis communautaire“) beruht.

Im fünften Kapitel formulieren die Herausgeberin und die Herausgeber des Sammelbandes zusammenfassend noch einmal ihre Positionen: Michael Gehler mit „1989 – 2001 – 2011: Zäsuren der Weltgeschichte in demokratiepolitischer und weltgeschichtlicher Perspektive; Michael Corsten mit: „Folgerungen für den Begriff der weltgeschichtlichen Zäsur“; und Marianne Kneuer mit „Strukturen und Prozessen, Revolutionen und Transformationen“, als ein fiktives, sokratisches Gespräch.

Fazit

Möglicherweise ist es sogar ein Glücksfall, dass das Herausgeberteam den Sammelband „Welthistorische Zäsuren“ nicht gleich nach der Ringvorlesung im Sommersemester 2013 an der Universität Hildesheim herausgebracht hat, denn „Zäsuren“ sind keine übermächtigen Betonklötze, sondern Ereignisse im Verlauf und den Veränderungsprozessen der Weltgeschichte. So ist es interessant und informativ, dass die Berichte und Kommentare nicht nur die Redetexte zu den Vorlesungsterminen wiedergeben, sondern auch Informationen, Analysen und Einschätzungen über die Zeitläufte bis heute vermitteln, etwa wenn Michael Gehler kritisch anmerkt, dass „die Antwort auf die Flüchtlingskrise mit neuen Stacheldrahtzäunen ( ) das Ende einer Entwicklung (einläutet), die mit 1989 für offene Grenzen stand“; wenn Michael Corsten feststellt, dass in Bezug auf 9/11 „die Reaktionen des Westens (weder) eindeutig und einheitlich (waren), noch resultierte daraus eine stabil neu formierte Konstellation der Weltgesellschaft“; und wenn Marianne Kneuer fordert: „Damit wir von einer Zäsur sprechen können, bedarf es einer Neujustierung von Kräfteverhältnissen, welche einwirkt auf die verschiedenen und miteinander gekoppelten Systeme von Weltgesellschaft, Weltpolitik, Weltwirtschaft, Weltkultur und Weltrecht“.

Das Herausgeberteam hat beim Vorwort des Sammelbandes formuliert: „Interdisziplinarität ist ein schwieriges Unterfangen“. Mit der Ringvorlesung und dem vorgelegten Exzerpt kann deutlich und eindeutig festgestellt werden: Es ist gelungen! Und es fordert heraus, weiter zu machen!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 21.09.2016 zu: Michael Corsten, Michael Gehler, Marianne Kneuer (Hrsg.): Welthistorische Zäsuren. 1989 - 2001 - 2011. Georg Olms-Verlag (Hildesheim) 2016. ISBN 978-3-487-15379-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21237.php, Datum des Zugriffs 20.11.2019.


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