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Anna C. Korteweg, Gökçe Yurdakul: Kopftuchdebatten in Europa

Cover Anna C. Korteweg, Gökçe Yurdakul: Kopftuchdebatten in Europa. Konflikte um Zugehörigkeit in nationalen Narrativen. transcript (Bielefeld) 2016. 290 Seiten. ISBN 978-3-8376-3271-2. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 36,80 sFr.
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Thema

Kultur ist Gestalt. Die Definition von „Kultur“ als die Gesamtheit der Fähigkeiten und Fertigkeiten des Menschen und seiner Tätigkeiten wird seit der Antike als die anthropologische Grundlage des Humanum bezeichnet. Der Mensch als vernunftbegabtes Lebewesen ist in der Lage, sich aus dem Naturzustand in ein kulturelles, geistiges Individuum zu entwickeln und zu verändern. Menschen sind physisch und psychisch verschieden. Ihre kreative Vielfalt jedoch vereint sie in dem ethischen Bewusstsein, dass „die Anerkennung der allen Mitgliedern der menschlichen Familie innewohnenden Würde und ihrer gleichen und unveräußerlichen Rechte die Grundlage der Freiheit, der Gerechtigkeit und des Friedens in der Welt bildet“, wie dies in der „globalen Ethik“, der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948 postuliert. Dort, wo Ego-, Ethnozentrismus, Rassismus und Menschenfeindlichkeit vorherrschen, dominieren die Auffassungen und Einstellungen von der Verschiedenwertigkeit der Menschen.

Fremdenfeindliches Denken und Handeln ist sichtbar; etwa darin, dass Individuen und gesellschaftliche Gemeinschaften ihre kulturellen Gewohnheiten und Haltungen als allgemeinverbindlich in den Mehrheitsgesellschaften definieren. Die daraus entstehenden Höherwertigkeitsvorstellungen führen zu Meinungsverschiedenheiten und Konflikten. Wie sie in einer Gesellschaft ausgetragen werden, hat viel zu tun mit der Aufgeklärtheit der Menschen (Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/17706.php; sowie: Steffen Martus, Aufklärung. Das deutsche 18. Jahrhundert – ein Epochenbild, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20253.php).

Entstehungshintergrund

Wenn an dem Sprichwort etwas dran ist, dass Kleider Leute machen, muss auch die Frage gestellt werden: Machen Kleider auch Überzeugungen sichtbar? Die Diskussion um das Tragen von Kopftuch, Tschador, Niqab und Burka, mit denen Musliminnen ihre Zugehörigkeit zur Glaubensgemeinschaft des Islam öffentlich zeigen wollen, wird in Mehrheitsgesellschaften mit anderen Weltanschauungen entweder tolerant oder konfliktträchtig geführt. Während im ersteren Fall damit argumentiert wird, dass „Jedermann ( ) das Recht auf Gedanken-, Gewissens- und Religionsfreiheit (hat)“, wie dies als Menschenrecht ausgewiesen wird, stützen sich die Vertreter der eher konfrontativen Argumentation darauf, das es für eine kulturelle Identität und Integration notwendig ist, sich an die in einer Mehrheitsgesellschaft praktizierten Werte- und Normenvorstellungen anzupassen und möglicherweise sogar zu assimilieren; jedes Abweichen davon, vor allem wenn es (scheinbar) provokativ und kämpferisch erfolgt, müsse zur Störung eines einheitlichen gesellschaftlichen Bewusstseins führen. Die Kontroversen werden leidenschaftlich bis ideologisch ausgetragen. Sie werden in Verordnungen und Gesetze gegossen, und die Auseinandersetzungen werden als Pro und Contra öffentlich diskutiert ( vgl. z. B. dazu die Argumentationen zur Frage: „Darf man die Burka verbieten?“: Elisabeth Raether: Nein. In Deutschland können die Frauen anziehen, was sie wollen. Dieses Recht muss für alle gelten, die hier leben; und: Iris Radisch: Ja. Vollverschleierung ist keine kulturelle Folklore, sondern ein nicht hinnehmbares Symbol islamischer Fanatiker, in: DIE ZEIT, Nr. 35 vom 18. 8. 2016, S. 1; vgl. dazu auch: Jacqueline Grigo, Religiöse Kleidung. Vestimentäre Praxis zwischen Identität und Differenz, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/18703.php).

Die gesellschaftlichen Diskussionen darüber, in welchen Formen und Verhaltensweisen sich Menschen, die aus anderen Kulturen oder Weltanschauungen kommen, in Mehrheitsgesellschaften verhalten, anpassen oder integrieren sollen, lässt sich als unendliche Geschichte von Meinungen, Dominanzen, Rechthabereien, logischen und unlogischen Begründungen lesen. Sie haben begonnen mit der Frage nach der Selbstverständlichkeit oder Unmöglichkeit, Tradition oder Provokation, alltagskulturellen oder religiösen, identitätsstiftenden oder kampfansagenden Bedeutung des Tagens von Kopftüchern von muslimischen Frauen in öffentlichen Räumen. Sie haben einen Stellenwert im Migrationsdiskurs und in der Migrationsforschung; und sie entzweien Gesellschaften ( siehe die Annotation von ausgewählter Literatur zur Thematik: Jos Schnurer, Gehört der Islam zu Deutschland?, 25.06.2016, in: http://www.sozial.de/index.php?id=94 ).

Autorinnen

Die Sozialwissenschaftlerinnen von der Universität Toronto, Anna C. Korteweg und Gögçe Yurdakul von der Humboldt-Universität in Berlin setzen sich in ihrer Studie „Kopftuchdebatten in Europa“ mit den Diskussion und Politiken in europäischen Ländern auseinander, welche Haltungen und Normgebungen sich in den (homogenen?) Mehrheitsgesellschaften gegenüber Eingewanderten muslimischer Herkunft und deren kulturellen und religiösen Identitäten entwickeln und bilden. Es sind Fragen nach laizistischen oder religiös dominierten Gesellschaftsformen (siehe dazu: Jocelyn Maclure / Charles Taylor, Laizität und Gewissensfreiheit, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12786.php), nach demokratischen oder autokratischen Verfasstheiten, und sie artikulieren sich in Konflikten um den Bau von Moscheen, Beschneidung und dem Zeiten von religiösen Symbolen, wie etwa das Tragen von Kopftüchern und Ganzkörperverkleidungen in der gesellschaftlichen Öffentlichkeit. Auch wenn das Kopftuchtragen heute in den meisten, laizistisch verfassten europäischen Ländern im allgemeinen kein Aufreger mehr ist, und z. B. auch das deutsche Bundesverfassungsgericht das erlassene Kopftuchverbot gekippt hat, bleibt doch die Feststellung, dass das Kopftuchtragen als Stellvertreterargument benutzt wird, um jede Form von Integration und Gesellschaftsveränderung hin zu einem humanen Eine-Welt-Denken zu verhindern. Deshalb sind vergleichende Analysen und Auseinandersetzungen mit den verschiedenen Politiken und gesellschaftlichen Diskursen in Europa (und in der Welt) notwendig. Dass sich in dieser Forschungskooperation zwei Sozialwissenschaftlerinnen zusammen gefunden haben, die deutsche und europäische Perspektiven der Migrationsproblematik, demokratischer Bürgerschaft, Gender und globaler Solidarität mit den Erfahrungen und Konflikten in Nordamerika verbinden, zeigt die ethnisch- und nationalbestimmten, narrativen Zusammenhänge, die bewirken, dass „nationale Zugehörigkeit als das subjektive Gefühl definiert (wird), sich im eigenen Land zu Hause zu fühlen, sich unbeschwert in dessen Räumen bewegen zu können, und als das Wohlbefinden und die Freude (zu haben), an diesem bestimmten Ort zu leben“.

Aufbau und Inhalt

Die Autorinnen gliedern ihre Studie in sechs Kapitel.

  1. Im ersten werden „nationale Narrative“ analysiert und ihre Konflikte und Zugehörigkeiten diskutiert.
  2. Im zweiten geht es am Beispiel des Kopftuchverbots in Frankreich um „Republikanismus, Laïcité und Geschlechtergerechtigkeit“.
  3. Im dritten wird die Umdeutung des Kopftuchs im türkischen Diskurs zum Anlass genommen, „zwischen Säkularismus, Demokratie und Islam“ zu unterscheiden.
  4. Im vierten wird mit der Frage „Was heißt Toleran?“ die Kopftuchdebatte in den Niederlanden thematisiert.
  5. Im fünften geht es mit der Frager „Homogenität oder Diversität?“ die Interpretation des nationalen Narrativs in den deutschen Kopftuchdebatten reflektiert.
  6. Und im sechsten Kapitel schließlich wird die „Politik des Kopftuchs“ daraufhin befragt, wie es in der sich immer interdependenter und entgrenzender (und ungerechter?) entwickelnden globalen Welt gelingen kann, nationale Zugehörigkeiten neu zu denken.

Die Kontroversen, wie sie sich in den (ausgewählten) europäischen Ländern vollziehen, die Aggressionen, Weltuntergangsstimmungen, Prognosen und Vorhersagen, die das (politische und weltanschauliche) Kopftuchtragen von muslimischen Frauen in laizistischen, europäischen Gesellschaften signalisieren und stigmatisieren, entstehen überwiegend aus persönlichen Initiativen und weniger aus offiziell religiösen Diktaten, Geboten oder Verordnungen. Daraus ergeben sich oft, wie beim Kopftuchtragen, Bewegungen und öffentliche Diskussionen, die wiederum einen gesellschaftlichen Diskurs bewirken. Das ist erst einmal ein Zeichen dafür, dass gesellschaftliche Veränderungen des Dialogs und der öffentlichen Auseinandersetzung bedürfen. Dort aber, wo Kopftuch, Niqab und Burka zur Zwangskleidung und damit zur Unterdrückung von Frauen werden, bedarf es demokratischer Regelungen, die bis hin zum rechtlichen Verbot reichen können. Sie münden in Appelle, wie: „Du kannst nicht Französisch sein und gleichzeitig Symbole deiner Religion öffentlich zur Schau stellen“. Diese Forderung lässt sich – und wird auch – auf Diskussionen in anderen Ländern übertragen (z. B. durch den aktuellen Appell der deutschen Bundeskanzlerin an die türkischstämmigen Mitbürgerinnen und Mitbürger in Deutschland, mehr Loyalität gegenüber dem deutschen Staat zu zeigen).

Es sind die dokumentierten und analysierten Entwicklungen in Frankreich, die zur Meinungsbildung führte, dass „die Burka als Ausdruck der Unterdrückung der Frauen im Islam“ verstanden werden muss, und das Tragen dieses Kleidungsstücks deshalb im öffentlichen Raum verboten werden müsse; den politischen Bemühungen in der (laizistischen) Türkei, das Tragen des Kopftuchs im Sinne einer Islamisierung des Staates umzudeuten; den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen in den Niederlanden, die traditionelle „Versäulung“ und damit Anbindung an kommunale oder religiöse Gemeinschaften zu lockern und den Toleranzgedanken in den Vordergrund zu rücken. Diese Freizügigkeit freilich liefert massive Angriffspunkte von der rechtsnationalen und fremdenfeindlichen Richtungen im Land. Die Dokumentation des deutschen nationalen Narrativs in der Kopftuchdebatte wird durch populistische und rechtsradikale Strömungen bestimmt. Sie zeigen sich in den Kontroversen: „Leitkultur“ oder „kulturelle Vielfalt“. In diesen Auseinandersetzungen erhalten einerseits die wissenschaftlichen Argumentationen und Analysen zur Migrationsforschung an Gewicht, während gleichzeitig die plumpen, populistischen Ja-Nein- und Einfach-Antworten salonfähig werden; andererseits wird eine Neubewertung des „Deutschseins“ durch die „neuen Deutschen“ vorgenommen (Jos Schnurer, Deutschland ist ein Einwanderungsland, 22.12.2014, www.sozial.de/index.php?id=94). Es sind insbesondere Wissenschaftlerinnen, die für und gegen das Kopftuch argumentieren und damit gleichzeitig für eine intellektuelle und religiöse Erneuerung des Islam plädieren (z. B.: Katajun Amirpur, Den Islam neu denken. Der Dschihad für Demokratie, Freiheit und Frauenrechte, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/15400.php).

Von einer „Politik des Kopftuchs“ zu sprechen, heißt: Sich der individuellen und ethnischen Narrative bewusst zu sein und zu erkennen, dass Anderssein niemals ein Ab- oder Ausgrenzungsgrund sein darf. Die Vergewisserung und Festigung der eigenen Identität ist abhängig davon, die Identitäten der anderen Menschen zu kennen und sie im Sinne eines anthropologischen, demokratischen Bewusstseins zu akzeptieren. In der Kopftuchdebatte finden wir eine Reihe von Argumentationen und Entwicklungen, die es möglich machen, das eigene, nationale Narrativ mit dem in anderen Ländern und Kulturen in Europa und Nordamerika zu vergleichen. Daraus entsteht nicht Gleichmacherei oder Chaos, sondern ein Bewusstsein, dass der Umgang mit Symbolen und körperlichen Merkmalen auf den Grundprinzipien für Menschlichkeit bestehen muss: „Körperliche Unversehrtheit, Moral, Rechtmäßigkeit und Gerechtigkeit“.

Fazit

Die Frage, welche Einstellungen, Identitätsbegründungen und -festlegungen Auswirkungen auf nationale Narrative haben, konnte mit der Studie über die Kopftuchdebatten in europäischen Ländern dahingehend beantwortet werden, dass „die Analyse eines einzelnen, konkreten Konflikts verdeutlichen kann, wie wahrgenommene Bedrohungen auf die fortwährende Produktion nationaler Narrative der Zugehörigkeit einwirken“. Die Kopftuchdebatte wirkt gewissermaßen als Auslöser für viele, weitere gesellschaftlich wahr- und aufgenommene Konflikte, die sich im Zusammenhang mit den negativen Folgen von Globalisierung und Entgrenzungen ergeben. „Durch die detaillierte Analyse der universal erscheinenden Aspekte wie Geschlechtergerechtigkeit, der religiösen Neutralität und bilateralen, demokratischen und republikanischen Werten, die immer wieder eine Rolle in den Kopftuchdebatten spielen, werden die Besonderheiten der nationalen Narrative deutlich“.

Neben der Frage nach der Sinnhaftigkeit und Notwendigkeit des Erinnerungslernens bei der Holocaust-Erziehung wirft die Studie auch die nach dem Sinn und Wert einer werteorientierten, kritischen und widerstandsbestimmten Bildung auf (Paul Willis, Spaß am Widerstand. Learning to Labour, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13174.php), und nach der Bedeutung von außerschulischen Lernorten für Bildung und Erziehung (Jan Erhorn / Jürgen Schwier, Hrsg., Pädagogik außerschulischer Lernorte. Eine interdisziplinäre Annäherung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/10761.php).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 02.09.2016 zu: Anna C. Korteweg, Gökçe Yurdakul: Kopftuchdebatten in Europa. Konflikte um Zugehörigkeit in nationalen Narrativen. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3271-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21238.php, Datum des Zugriffs 22.09.2020.


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