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Harald Lemke: Ethik des Essens

Cover Harald Lemke: Ethik des Essens. Einführung in die Gastrosophie. transcript (Bielefeld) 2016. 2. Auflage. 540 Seiten. ISBN 978-3-8376-3436-5. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Ethiken tun not! Welche Ethiken? Ausgehend von der anthropologischen, philosophischen Überzeugung, dass der anthrôpos nach einem guten Leben strebt und als menschliches Lebewesen auf der scala naturae auf der obersten Stufe steht und eine Mittelstellung zwischen Tier und Gott einnimmt (Aristoteles), ist ethisches Denken und Handeln bestimmt vom Wollen und Sollen. Seine Fähigkeit, Allgemeinurteile bilden und zwischen Gut und Böse unterscheiden zu können, verpflichtet und ermächtigt den Menschen dazu, ein ethisches Leben zu führen, und zwar sowohl als Individuum, wie auch als Gemeinschaftswesen. Ethiker also denken darüber nach, wie in Theorie und Praxis Lebensentwürfe und -ziele aussehen sollten, damit dem Menschen ein gutes, gelingendes, individuelles und kollektives Leben gelingt. Die Entwicklung des Menschen als Körper-Geist-Wesen macht es notwendig, physische und psychische Wirkungen beim Dasein zu beachten und die anthropologischen Grundlagen in seine Denk- und Verhaltensweisen einzubeziehen (Kurt Bayertz, Der aufrechte Gang. Eine Geschichte des anthropologischen Denkens, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/17706.php; sowie: Eugenio Gaddini, »Das Ich ist vor allem ein körperliches «. Beiträge zur Psychoanalyse, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19463.php).

Entstehungshintergrund

Die Bedeutsamkeit, sich (richtig und ausreichend) ernähren zu können, als Individuum und Menschheit, wird in der lokalen und globalen Ethik eines friedlichen, sozialen, gerechten und gleichberechtigten Zusammenlebens der Menschen als „globale Verantwortungsethik“ hervorgehoben (Valentin Beck, Eine Theorie der globalen Verantwortung, 2016, www.socialnet.de/rezensionen/21228.php). Sie wird bestimmt von dem Bewusstsein, dass jeder Mensch, wer und wo er ist, tagtäglich die gegenwärtige und zukünftige Verantwortung für die Menschheit mit sich trägt. Die Auseinandersetzung also, welchen existentiellen Wert Nahrung und die Erfüllung der Grundbedürfnisse für die Menschen hat, muss als allgemeinbildende, ethische und moralische Aufgabe verstanden werden. Es ist deshalb richtig, von einer „Politik des Essens“ zu sprechen. Der Philosoph Harald Lemke hat 2011 eine Studie zu Fragen, wovon die Welt morgen lebt, vorgelegt (Harald Lemke, Politik des Essens. Wovon die Welt von morgen lebt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11833.php). Die philosophische und politische Gastrosophie, als interdisziplinäre Ernährungs- und Lebenswissenschaft, setzt sich mit den Fragen nach der Lebensmittelerzeugung, des Marktes, des Konsums und von Esskulturen auseinander. Mit der Metapher „Der Mensch ist, was er isst“ wird auf die verschiedenen Aspekte verwiesen, die von einer verantwortungsvollen, humanen und solidarischen, ausreichenden Bereitstellung von Nahrungsmitteln für die Menschen, bis hin zu einem lebensweltlichen Bewusstsein reichen, sich richtig ernähren zu lernen (Vicki Täubig, Hrsg., Essen und Bildung. Ein vergessenes Feld erziehungswissenschaftlicher Forschung, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/20718.php; Birgit Althans, u.a., Hrsg., Nahrung als Bildung. Interdisziplinäre Perspektiven auf einen anthropologischen Zusammenhang, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18385.php; Johanna Schockemöhle / Margit Stein, Hrsg., Nachhaltige Ernährung lernen in verschiedenen Ernährungssituationen. Handlungsmöglichkeiten in pädagogischen und sozialpädagogischen Einrichtungen, 2015, www.socialnet.de/rezensionen/19070.php).

Autor

Der Direktor des Internationalen Forums Gastrosophie an der Universität Salzburg, Harald Lemke, legt nun in einer Neuausgabe seines 2007 erschienenem Buches „Ethik des Essens“ mit dem Ziel vor, die in dem knappen Jahrzehnt diskutierten Aspekte eines „Food Movement Rising“ unter den Gesichtspunkten der Gastrosophie zusammen zu fassen und gastrosophisches Denken und Handeln als philosophische Herausforderung des Menschseins und einer humanen Mensch- und Welt aufzuzeigen, grundlegende, theoretische und praktische Fragen zu thematisieren und danach zu fragen, wie es möglich wird, „eine universelle Rechtsordnung für ein menschliches Überleben auf diesem Planeten zu formulieren“. Es gebe, so seine Einschätzung, in den Zeiten der sich immer interdependenter, entgrenzender und Unsicherheit verbreitenden, globalisierten (Einen?) Welt immer mehr ethische Forderungen, das eine zu tun und das andere zu lassen, immer mit dem drohenden Unterton, dass sonst die humane Existenz der Menschheit auf dem Spiel stehe.

Nun: Warnungen vor dem Kollaps hat es immer schon gegeben. Weltuntergangsstimmungen wurden und werden an die Wand gemalt, Rettungsanker angeboten. Das Zauberwort „sustainable development“, als tragfähiges und nachhaltiges Denken und Handeln bereits im Brundtland-Bericht der Weltkommission für Umwelt und Entwicklung vor rund 30 Jahren auf die Nachdenkens- und Veränderungsskala der Weltentwicklung gebracht, scheint eines der Lösungsmöglichkeiten zu sein. Die bereits von Immanuel Kant geforderte „Revolution der Denkungsart“ bestimmt mit der Aufforderung zum Perspektivenwechsel den Diskurs. „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“ (Weltkommission „Kultur und Entwicklung“, 1995). Weltmodelle, Visionen und Prognosen liegen vor, Ethik-Kommissionen entwerfen Konzepte, wie eine lokal- und weltgesellschaftliche, humane Entwicklung der Welt und der Menschheit aussehen könne und solle. „Was mehr wird, wenn wir teilen“, so entwirft es die US-amerikanische Wirtschaftswissenschaftlerin Elinor Ostrom mit ihrem nobelpreisausgezeichnetem Konzept (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php).Wir leben in einer „Weltrisikogesellschaft“ (Ulrich Beck), und es bedarf der intellektuellen und existenzbewussten Einschätzung über Wagnis und Gefahren des Lebens (Herfried Münkler, Hrsg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10384.php).

„Food Movement Rising“ (Pollan) als neue (alte) Aufmerksamkeit macht es notwendig, gastrosophisches Denken und Handeln als „urphilosophische“ Herausforderung wahrzunehmen, das immer dann einsetzt oder einsetzen sollte, „wenn man an Dingen und Zusammenhängen, die auf den ersten Blick scheinbar nichts mit ‚Essen‘ zu tun haben, wahrzunehmen lernt, dass gleichwohl das meiste davon ‚irgendwie‘ mit dem menschlichen Nahrungsgeschehen und dem vorherrschenden Ernährungsverhältnissen untrennbar verbunden ist“. Die Analysen und Einschätzungen über das Ernährungs- und Nahrungsbewusstsein der Menschen weisen zwar nach, dass die Aufmerksamkeiten über die Herkunft des Essens zugenommen hat, jedoch die meisten Menschen weiterhin eher bedenkenlos „Billigesser“ sind. Es sind die Gewohnheiten und unkritisch praktizierten, scheinbaren „Selbstverständlichkeiten“ und von der Werbung und dem Common Sense erzählten Muss, die eine kritische Auseinandersetzung mit unserer Nahrung be- oder verhindern. Der Autor benennt diese Einstellungen und Verhaltensweisen mit den Schlagworten: „Unser täglich Fleisch“ und „Big Logo!“. Er verweist auf die agroindustriellen, geopolitischen Verflechtungen, bei denen Nahrungsmittel produziert, über große Entfernungen transportiert und vom Konsumenten als „Schnäppchenpreis“ erworben werden.

Aufbau und Inhalt

Neben dem ausführlichen, einführenden Teil, in dem der Autor auf die vielfältigen Bezüge und Zusammenhänge der Nahrungserzeugung, -beschaffung und -aufnahme verweist, sich mit den real existierenden Wirklichkeiten der Ernährungsungerechtigkeiten in der Welt auseinandersetzt und (beinahe süffisant) die selbsternannten Essenskritiker und „Essens-Philosophen“ auf ihre Statements und Realitätsbeschreibungen befragt und einige „Rezepte für die Garküche der Zukunft“ präsentiert, bereitet er mit dem „Entrée“, ganz im Sinne einer kulinarischen Mahlzeit, den Spagat vor, der sich in der Thematik ergibt: „Die Praxis eines ethisch guten Essens ist von der gastrosophischen Erkenntnis getragen, dass die eigene Ernährungsweise über das Leben und Wohl anderer mitentscheidet, weil sie über die unzähligen, aber theoretisch genau zu analysierenden Glieder der Nahrungskette auf die Welt einwirkt“. Lemke gliedert seine Einführung in die Gastrosophie in einen ersten und zweiten Hauptgang: „Genealogie der Diätmoral“ und „Gastrosophische Vordenker“.

Im abendländischen, philosophischen Denken hat durch die Körper-Geist-Trennung die Nahrungsaufnahme eine eher untergeordnete Bedeutung: Diogenes in der Tonne, als Sinnbild von Anspruchslosigkeit, Bescheidenheit und Darbtheit, gleichzeitig mit dem Extrem der Völlerei und Überfülle derjenigen, die es sich leisten können und gewissermaßen verdienen, bis hin zu gastropathologischen Auswüchsen und Störungen, defilieren die Erzählungen über das Essen über die Zeiten hinweg (vgl. dazu die Literaturhinweise zur Thematik „Lebenswandel“, Jos Schnurer, Lebenswandel, 06.05.2015, www.sozial.de). Stoisches, Lukullisches, Diätisches, Kanibalisches, Paradiesisches, Schlaraffenländisches, Geschmackliches, Asketisches, Heiliges.., in den Tugendlehren und Weltanschauungen werden die Ge- und Verbotsschilder, die philosophischen Bergsteigungen und Talwanderungen diskutiert, die gewissermaßen auf den zweiten Hauptgang vorbereiten.

Mit dem sokratischen Bekenntnis – „Die Meisten leben um zu essen, ich hingegen esse um zu leben“ – leitet Lemke den zweiten Teil ein. Und siehe da: Sokrates wird zum Begründer der Neuen Küche! Dieser Perspektivenwechsel ist es, der sich in der modernen Kulinarik zeigt, nämlich der Nachschau und Sorge danach, woher die Lebensmittel kommen, die wir verzehren. „Im Essen, in der vom Menschen einverleibten und zu seinem Wohl gestalteten Umwelt, begegnet die Natur den Menschen nicht als das äußerliche Andere, von dem sich ihre Kultur unterscheidet und abgrenzt“. Im Puzzle einer (neuen) Ethik des Essens findet sich das „Sokratische Gastmahl einer gastrosophischen Esskultur“; ebenso das Hippokratische: „Lasst eure Nahrungsmittel Heilmittel sein“, und die wissenschaftliche Ernährungslehre und Naturheilkost.

Der Leser registriert zuerst mit Zurückhaltung und Skepsis die historischen Wanderungen durch die antike Kulinaristik, und wird von Seite zu Seite faszinierter ob der Fähigkeit und Findigkeit des Autors, in die antiken Kochtöpfe zu schauen und die Geschmackssinne von heutigen Kulinarikern oder Hausmannskostlern zu schärfen. Die viel interpretierte, ver- und missverstandene These Ludwig Feuerbachs – „Der Mensch ist was er isst“ – wird so, als historischer Rückblick und der Vorausschau „zur Freiheit der menschlichen Existenz und wahre Universalität des Geschmackssinns“, zu einer Reihe von Umdeutungen; etwa: „Erst das Essen, dann die Moral – des Essens“, einer „Menschwerdung der Natur“, und zwar nicht im traditionellen und praktizierten Sinn eines „Macht euch die Erde untertan“, sondern eines Selbst-Denkens (Karl-Heinz Bohrer) und eines „Selbstkochens als königliche Lebenskunst (des) Homo Sapiens“.

Fazit

Mit der Genealogie des ernährungsphilosophischen Denkens in der Vergangenheit und Gegenwart verweist Harald Lemke darauf, ein ethisches, gastrosophisches Bewusstsein nicht mit der Fähigkeit zu verbinden, das geschichtliche Gewordensein einer Esskultur zu reflektieren und einzuordnen, sondern auch kritische Auseinandersetzungen mit den Wirklichkeiten in der Welt zur Nahrungs- und Ernährungsgerechtigkeit in der Welt zu wagen (Oliver Razum, u.a., Hrsg., Global Health. Gesundheit und Gerechtigkeit, 2014, www.socialnet.de/rezensionen/18229.php). Auch beim Essen kommt es darauf an, sich kritisch mit dem Ist-Zustand der Lage der Welt zum Unrecht der Ungleichheit von Übersättigung und Hungerleiden zu befassen, gegen Umweltzerstörung durch die global vorherrschenden Ernährungsverhältnisse anzugehen, die Tendenzen der Esskultur- und -konsumindustrie als Entmündigung der Menschen zu durchschauen und für eine selbst- und mitbestimmende Politik des Essens einzutreten. Mit den vom Autor formulierten gastrophilosophischen, ernährungsethischen und gesellschaftspolitischen Grundsätzen werden Blickrichtungen deutlich, die im Allgemeinen beim Essensakt eher weniger bedacht werden, nämlich dass „Veränderung des eigenen Geschmacks ( ) die größtmögliche Veränderung der Welt (des Essens) (bedeutet), weil jeder Essensakt alle essenziellen Selbst- und Weltbezüge und deren ethisch relevanten Wirkungen schafft“.

Das interdisziplinäre Feld der Gastrosophie braucht Anstöße wie diese!


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 05.09.2016 zu: Harald Lemke: Ethik des Essens. Einführung in die Gastrosophie. transcript (Bielefeld) 2016. 2. Auflage. ISBN 978-3-8376-3436-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21239.php, Datum des Zugriffs 15.11.2019.


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