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Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hrsg.): Techniken der Globalisierung

Cover Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hrsg.): Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript (Bielefeld) 2016. 310 Seiten. ISBN 978-3-8376-3021-3. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,10 sFr.
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Thema

Das Buch, „Techniken der Globalisierung: Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie“ von Debora Gerstenberger und Joël Glasman ist ein Sammelband mit empirischen Beiträgen unter anderem aus den Bereichen Wirtschafts-, Wissenschafts- und Institutionengeschichte sowie soziale und politische Bewegungen. Gemäß dem Untertitel des Buches, bedienen sich die AutorInnen der Einzelbeiträge Bruno Latours Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT) als Methode oder seiner zentralen Konzepte.

Die individuellen Beiträge befassen sich mit Phänomenen, die ihren Ausgangs-, End- oder Mittelpunkt in Europa (England, Deutschland), Latein- und Südamerika (Mexiko, Brasilien), Asien (Bangladesch, Japan) oder Afrika (Kongo) haben. Das Globale wird hier entweder als „Maßstab“ (S. 32) oder als „zu erklärendes Phänomen“ (S. 19) betrachtet und Globalisierung als ein „Ereignis menschlichen Handelns“ (S. 25) definiert.

Herausgeberin und Herausgeber, Entstehungshintergrund

Der Sammelband wurde von Debora Gerstenberger, Juniorprofessorin für lateinamerikanische Geschichte am Lateinamerikainstitut, und Joël Glasman, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Asien und Afrika Wissenschaften der Humboldt Universität, herausgegeben und ist aus einer HistorikerInnenkonferenz zu Latours ANT an der FU Berlin im Juni 2014 entstanden.

Aufbau und Inhalt

Das Buch beginnt mit einer Einleitung der HerausgeberInnen, in welcher grundsätzliche Annahmen und zentrale Konzepte der ANT vorgestellt und ihr Wert für die Globalgeschichte dargelegt werden. Ihr folgen zwölf Beiträge zu moderner und zeitgenössischer Geschichte, die chronologisch sortiert, mit historisch weiter zurückliegenden Ereignissen beginnen und mit Aktuellen schließen. Den Abschluss bildet eine kritische Evaluation der Ideen Latours und die Möglichkeiten und Grenzen ihrer Anwendung in der Globalgeschichte auf Grundlage der Beiträge des Sammelbands. Eine erste Rezension ist somit schon von den HerausgeberInnen in das Buch miteingearbeitet worden.

Gerstenberger und Glasman legen in ihrer Einleitung drei Theorieangebote der ANT nahe. Erstens, das Globale ist nicht Triebkraft von Prozessen, sondern ein Ereignis menschlichen Handelns (S. 25). Zweitens, Handeln ist lokalisierbar und kann mit der so genannten „Ameisenperspektive“ nachvollzogen werde (S. 27). Drittens, Objekte und Techniken (Artefakte und Fertigkeiten) verdienen besondere Aufmerksamkeit (S. 31). Gerstenberger und Glasman regen daher zu einer „Globalgeschichte mit Maß“ an, in der Globalisierung nicht als mysteriöse Kraft, die die Menschen bewegt, angesehen wird, sondern als das „Resultat mühsamer, kostspieliger und bisweilen langwieriger menschlicher Aktivitäten“ (S. 32). Aufgabe der Globalgeschichte ist es, die Netzwerktätigkeiten zu beschreiben und das Globale als „Ergebnis von Machtkämpfen“ zu sehen, nicht als deren Ursprung oder Grund. (S.32)

Tim Neus (S. 41-66) Beitrag ist in der Disziplin der Wirtschaftswissenschaften verortet. Neu betrachtet Accounting und Buchführung als eine maßgebliche Technik der Globalisierung, die sich am Ende des 17. Jahrhunderts durch das englische Königshaus global verbreitet hat. In einem Zeitalter, wo Kommunikation und Mobilität zwischen den Kontinenten noch sehr zeitintensiv war, stellt er zurecht die Frage, warum Menschen an einem Ort darauf vertrauten, dass Menschen an einem anderen Ort ihr Zahlungsversprechen einlösen würden.

Anne Mariss (S. 67-94) entdeckt in der Naturgeschichte ein globales Phänomen, an dem diverse Akteure in unterschiedlichem Maße beteiligt waren. In ihrem Beitrag verfolgt sie minutiös die Tätigkeiten des Naturforschers Johann Reinholt Forster, der im 18. Jahrhundert die Entdeckungsreisen des Kapitän James Cook begleitete, und wie die „Bewegung von Artefakten, Naturalien, der Transfer von Wissen zu einer zunehmenden Verflechtung zwischen verschiedenen Weltteilen“ (S. 91) geführt hat.

Kerstin Poehls (S. 95-114) unternimmt den Versuch, die Eignung der ANT am Forschungsgegenstand des Zuckerhandels in Europa nach der Jahrhundertwende zu reflektieren und kommt dabei zu einem positiven Urteil. Demnach war der allseits postulierte „Stillstand“ des Zuckerhandels 1915 gar keiner. Zwar lag der Zucker selbst im Hamburger Freihafen, doch eine Vielzahl von Akteuren spannten mittels zahlreicher Anfragen, Preisfestlegungen und Hilfsansuchen die Netzwerke rundum den Markt (S. 104).

Philipp Wagner (S. 115-142) ergründet die Geschichte des Expertennetzwerks „International Federation for Housing and Townplanning“ und eruiert, welche Mittel Expertennetzwerke trotz der vielfältigen fachlichen und ideologischen Konflikte befähigen, Wissensbestände, Standards und Forderungen zu formulieren, die einen Status von Internationalität besitzen (S.117).

Sherin Abu-Chouka (S.143-166) analysiert die Verflechtungen von Politik und Kunst sowie ihre jeweiligen internationalen Vernetzungen (S. 149) am Beispiel der mexikanischen „Festivales des Oposición.“ Sie operationalisiert dies anhand von drei untergeordneten Fragestellungen zu den handelnden Akteuren und der Popularität der Festivalmusik, den lokalen Interaktionen und internationalen Verbindungen, sowie der Funktion und Bedeutung der Musik des Canto Nuevo Latinoamericano in der internationalen Festivalvernetzung (S. 149).

Claudia Prinz (S. 167-182) begründet ihre Studie damit, dass zwar das Wachstum der Weltbevölkerung kein Konstrukt der Wissenschaft sei, sehr wohl aber seine „diskursive Schaffung als einheitlicher, bestimmter Gesetzmäßigkeiten folgender, systematisch zählbarer, durch Wissenschaft und Politik steuerbarer Gegenstand.“ (S. 168) In ihrem Beitrag analysiert sie die Rolle der Community Studies und das „Matlab“ in Pakistan in dieser Entwicklung.

Joël Glasman (S. 183-208) arbeitet die Geschichte des MUAC Armbands auf, das zur Feststellung von Unterernährung bei Kindern verwendet wird und historiziert damit die „Globalität der humanitären Praktiken“ (S.185).

Kevin Niebauer (S. 209-232) befasst sich mit einem umweltgeschichtlichen Thema und fragt, wie krisenhafte Globalität von den Akteuren produziert und wahrgenommen wird. Im Versuch, eine konstruktivistische und eine lebensgeschichtliche Perspektive zu vereinen, analysiert er erst die Entstehung einer Epistemologie des Amazonas Regenwalds als „vermeintliche Natürlichkeit“ und „Überbleibsel früher Vorstellungen des ökologischen Ganzen“ (S. 209), um anschließend den Werdegang des brasilianischen Aktivisten Chico Mendes zur Ikone des internationalen Regenwaldaktivismus nachzuvollziehen.

Cornelia Reiher (S. 233-256) untersucht transnationale Wissenswerke am Beispiel von Standards für und Messungen von Radioaktivität in Japan nach Fukushima. Sie beleuchtet die Entstehungsgeschichte eines Gegendiskurses und seine Manifestation in Bürgermessstationen, die in Japan installiert wurden.

Peter Lambertz (S. 257-280) hinterfragt Globalisierung als Vorstellung. Sein Beitrag zeigt am Beispiel der Verbreitung der japanischen Heilskraft Johrei im Kongo, wie Handlungsträger Globalisierung als etwas von Unten herstellen. Japan gilt dabei als Referenzraum und Johrei als eine Technik der Selbst- und Weltherstellung (S. 278).

Zum Abschluss teilt Frederik Schulze (281-290) vier „kritische Nachfragen“ (S. 283-284) und „vier Potenziale“ (S. 288-289) der ANT für die Globalgeschichte. Sein Fazit: eine „ANT mit Maß“ (S. 289) ist im Bereich der Wirtschafts- und Institutionengeschichte ein durchaus fruchtbarer Ansatz und Beitrag für die Globalgeschichte, er plädiert jedoch für die Beibehaltung der Multiperspektivität in der globalgeschichtlichen Forschung.

Diskussion

Frederik Schulze nimmt einige meiner Bedenken vorweg und ich schließe mich seinem Plädoyer an, kritische und multiperspektivische Ansätze weiterhin in der globalgeschichtlichen Forschung beizubehalten, da die Forderung nach einer Globalgeschichte, die Netzwerktätigkeiten beschreibt und das Globale als Ergebnis von Machtkämpfen akzeptiert (S. 32), auch mir zu eingeschränkt erscheint. Trotz dem Anliegen, die angesprochene Problematik in der analytischen Schärfe der Begriffe „global“ und „Globalisierung“ (S. 19) zu vermeiden, tragen die Einzelbeiträge als Gesamtheit eher zu einer weiteren konzeptuellen Verwirrung von „global“, „international“ und „transnational“ bei. Hier erscheinen sie austauschbar, sofern sie dem Zwecke dienen, Geschichte über Phänomene zu schreiben, die mehr als nur ein Land betreffen. Auch fehlen Abgrenzungen zu anderen Theorien, wie zum Beispiel Konvergenz oder Diffusion. Einzig Kerstin Poehls macht in einer kritischen Reflexion darauf aufmerksam, dass die ANT in der Theorienlandschaft nicht als einzige Möglichkeiten anbietet, Aktanten und nicht nur Akteure in die Analyse miteinzubeziehen und verweist dabei auf gängige Ansätze in der Anthropologie (S. 106ff).

Fazit

Der Sammelband präsentiert dem Leser/der Leserin eine sehr gute Auswahl an empirischen Forschungen, welche sich zentraler Konzepte und Zugänge der ANT bedienen. Die Artikel gewähren mit Detailreichtum Einblick in ein breites Spektrum an Phänomenen aus verschiedenen historischen Epochen und geographischen Orten der Welt. Sie alle zeichnen sich durch Akribie und hohes wissenschaftliches Niveau aus, was nicht zuletzt deswegen dem Buch und seinem Inhalt Kohärenz verleiht.

Das Buch richtet sich einerseits an jenen Teil der wissenschaftlichen Gemeinschaft, die sich mit globalen Prozessen und Phänomenen auseinandersetzt. Gleichzeitig spricht sein disziplin-übergreifender Inhalt HistorikerInnen sowie Sozial-, Kultur- und RegionalwissenschaftlerInnen an. Darüber hinaus eignet sich der Sammelband für eine LeserInnenschaft, die ANT in der eigenen Forschung einsetzt oder dies vorhat. „Techniken der Globalisierung“ ist ein konzentriertes Kompendium von sehr gut erarbeiteten Beispielen, die eine Reflexion über die möglichen Anwendungsfelder der ANT und ihre Vor- und Nachteile ermöglichen, auch im Hinblick auf das eigene Forschungsvorhaben.


Rezensentin
Julia Marinaccio
Sinologin und Politikwissenschaftlerin, arbeitet am Taipei Wirtschafts- und Kulturbüro in Österreich (Wien)
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Zitiervorschlag
Julia Marinaccio. Rezension vom 24.01.2017 zu: Debora Gerstenberger, Joël Glasman (Hrsg.): Techniken der Globalisierung. Globalgeschichte meets Akteur-Netzwerk-Theorie. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3021-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21240.php, Datum des Zugriffs 26.08.2019.


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