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Andreas Thiesen: Die transformative Stadt

Cover Andreas Thiesen: Die transformative Stadt. Reflexive Stadtentwicklung jenseits von Raum und Identität. transcript (Bielefeld) 2016. 152 Seiten. ISBN 978-3-8376-3474-7. D: 21,99 EUR, A: 22,70 EUR, CH: 27,90 sFr.
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Thema

Geht Stadtentwicklung jenseits von Raum und Identität? Die Gestaltung des städtischen Raums als Diskursmaxime der Stadtentwicklung greift zu kurz, wenn sie nicht mit der Frage verknüpft wird, wie sich der Raum verändert, wenn Menschen darin handeln, ihre Identität sichern, die Welt deuten und interagieren. Stadtentwicklung geht eigentlich nur in der Betrachtung der Dialektik von Raum und Identität. Den Menschen steht der Raum ja nicht gegenüber und doch müssen sie sich mit ihm reflexiv ins Verhältnis setzen. Als Teil des Raums sind sie auf der einen Seite durch diesen Raum geprägt und auf der anderen Seite verändern sie ihn durch ihre Praxis.

Stadtentwicklung hat dies insofern verstanden, als dass sie sich mit den Menschen im Raum auseinandersetzen muss, mit denen sie sich beschäftigt. Partizipative Stadtentwicklung ist dann aber nur die Oberfläche dieser Auseinandersetzung. Tiefgreifender ist das Verständnis, dass der Raum die Wahrnehmung beeinflusst, ein Bewusstsein formt und ein Raumverständnis prägt, das – je nach Kompetenzen und Dispositionen – den Raum als „Beherrscher“ des Bewusstseins betrachtet oder den Raum als eine durch Menschen veränderbare Größe sieht.

Autor

Dr. Andreas Thiesen ist Professor für Sozialarbeitswissenschaft mit dem Schwerpunkt Sozialer Raum an der Fakultät Architektur und Sozialwissenschaften der HTWK Leipzig.

Aufbau

Das Buch gliedert sich in sechs Kapitel:

  1. Stadt: Zukunft
  2. Theorié
  3. Empiritis
  4. PRXS
  5. Prospektiven
  6. Ziel: Geschichte

Zu Beginn des Buches stehen ein Abbildungs- und ein Tabellenverzeichnis; am Ende steht eine ausführliche Literaturliste.

Zu: Stadt: Zukunft

Der Autor entfaltet in diesem Kapitel seine Problem- und Fragestellung. Er stellt dabei das Konzept sozialräumlicher Identität in Frage, wonach Bewohnerinnen und Bewohner eines Quartiers ihre Identität am lokalen sozialräumlichen Lebenszusammenhang festmachen und er fragt, ob das angesichts eines relationalen Raumverständnisses noch ein sinnvolles Erklärungsmodell ist, das den physischen und kulturellen Raum als Einheit betrachtet. Seine erkenntnisleitende Forschungsfrage ist, inwieweit die Diversifizierung urbaner Gesellschaften zu einer ambivalenten Konzeption sozialräumlicher Identität führt.

Weitere Fragen sind:

  • Welche Zuschreibungen, Stereotype und Ressentiments können in einem Stadtteil zur Dispositionen stehen, und sind sie im Zusammenspiel der Akteure gewichtet?
  • Wie gestalten sich Wertedifferenz, Mentalitäten und Lebensstile innerhalb der Wohnbevölkerung?
  • Inwieweit können methodologisch Irritierung, Reflexion und Veränderung vermeintlich eindeutiger Vorstellung von Stadtteilidentität generiert werden?
  • An welchen Differenzlinien konstituiert sich eine diversitäre Stadtteilidentität unter der Bedingung von Transkulturalität und Migration?

Das Buch geht von zwei leitenden Thesen aus:

  1. Stadtentwicklung muss „das Lokale“ neue denken und praktisch verhandeln.
  2. Reflexive Stadtentwicklung benötigt die Fähigkeit zur Selbstreflexion und Selbstkritik.

Diese Thesen werden ausführlicher erläutert und anschließend wird das Buch im Einzelnen kurz vorgestellt.

Zu: Theorié

In diesem Kapitel werden verschiedene theoretische Zugänge zum Thema erörtert. Dazu werden zunächst die beiden Begriffe Stadtentwicklung und Diversity erläutert. Mit Stadt(teil)entwicklung und Quartiersentwicklung meint der Autor in Anlehnung an H. Häußermann den Wandel urbaner Strukturen, deren Entwicklung durch bestimmte gesellschaftliche Kräfte beeinflusst wird und, durch unterschiedliche Nutzungsinteressen verschiedener Bevölkerungsgruppen, immer auch ein gewisses Maß an sozialer Ungleichheit impliziert.

Diversity versteht der Autor auf der Ebene des Quartiers als ein Paradigma, das auf eine sensibilisierte Haltung für gesellschaftliche Vielfalt und Anerkennung hinwirkt. Die Anerkennung von Heterogenität und die Betonung von Gemeinsamkeiten bei kulturellen Unterschieden werden als Querschnittsaufgaben im Quartier verstanden.

Der Autor geht dann ausführlich auf das Raumverständnis ein, diskutiert dabei auch ein Werk von Georges Perec (Träume von Räumen), in dem dieser seine Raumvorstellungen entwickelt, und fragt dann, wem der Raum eigentlich gehöre.

Bevor der Autor dann auf den Sozialraum eingeht, stellt er fest, dass der Eigensinn eines Quartiers hochgradig ambivalent ist, dass Quartiere sich nur multiperspektivisch analysieren lassen und dass jedes Quartier anders ist.

Der Autor setzt sich dann mit dem Begriff des Sozialraums und der Sozialraumorientierung in der Sozialen Arbeit auseinander.

Der Begriff des Sozialraums wird in drei Dimensionen vorgestellt: als Abbild der Lebenswelt (sozialgeographisch), als Planungs- und Steuerungseinheit (sozialwirtschaftlich) und als Ausdruck einer Sozialen Arbeit als Gemeinwesenarbeit (handlungsorientiert). Thiesen diskutiert dann Hintes Konzept der Sozialraumorientierung und plädiert für einen flexiblen Sozialraumbegriff, zumindest für eine Diversitätsperspektive.

Weiter diskutiert Thiesen die Differenzen. Der cultural turn hat auch die Stadtentwicklung erreicht und der Autor macht dies an einigen Beispielen deutlich. Aber auch der Ansatz der Gemeinwesenarbeit kommt an der kulturalistischen Sicht auf den Stadtteil nicht vorbei. Sie ist dann möglicherweise nicht mehr einer Perspektive verpflichtet, die den Stadtteil erst durch eine Verschränkung die Akzeptanz von Vielfalt und Differenz zu einem Sozialraum macht und der durch seine Struktur und seine alltagskulturellen Handlungsstrategien der Menschen in ihm geprägt ist. Diese Komplexität versucht der Autor durch in Schema zu erfassen und er fragt dann nach einer „diversitätsbewussten Nautik des sozialen Raumes“. Diese Nautik wird erläutert und die Differenzlevel werden ausführlicher erörtert.

Der Autor geht dann auf eine andere Perspektive ein, die er als Schaufenster diskutiert, in dem unterschiedliche Emblems eine Bedeutung durch Präsentation erhalten. Er schildert den Habitus der Krisenfesten, die aggressive Distinktion und die autoritäre Liberalität. Die Zurschaustellung dieser Emblems ist ein Indikator für die Veränderungen der Präsentation im öffentlichen Raum. Die Kleiderordnung des 18. und 19. Jahrhunderts verwies auf die soziale Position. Heutige Präsentationen verweisen auf einen Lebensstil und vielleicht auch eine Einstellung zu sich selbst und zu den anderen.

Weiter geht der Autor auf den Identitätsbegriff ein und diskutiert fünf Spannungsfelder der Identitätsdiskussion. Beispielhaft sei hier die Spannung: Identität braucht Kohärenz und Kontinuität vs. Vielfalt als Chance genannt. Erst Vielfalt des Selbsterlebens macht Kohärenz und Identität möglich. Ist damit auch die Unterscheidung von Stadt und Dorf beschreibbar, die für eine sozialräumliche Identität entscheidend wäre? Und hat diese Spannung auch etwas mit der Unterscheidung von privilegierten und deprivierten Quartieren zu tun, was die Stadtentwicklung interessieren könnte?

Der Autor meint, dass sich sozialräumliche Identität nicht mehr anthropologisch konstituiere, wie es noch der Protagonist der Chicagoer Schule Robert E. Park mit seiner Figur des Marginal Man meinte. Eher haben wir es mit sozialen Konstruktionen und mit kollektiven Zuschreibungen zu tun.

Hat die europäische Stadt eine eindeutige Identität, wenn man sich im magischen Viereck von Bahnhofsviertel, Bankenviertel, Citymeilen und öffentlichen Bauten wie dem Rathaus oder dem Schloss überall zurechtfindet? Der Autor macht auch an Hand von Bildmaterial einiges in diesem Zusammenhang deutlich.

Hilfebedürftigkeit und Fürsorglichkeit diskreditiert immer, weil unterstellt wird, dass man es alleine nicht hinkriegt, was gefordert ist. Migrantinnen und Migranten zu interkulturellen Festen einladen und gleichzeitig ihre Integration am Rande zu Desintegration stabilisieren, kann auch diskreditierend wirken. Hat Stadtentwicklungspolitik nicht auch die Aufgabe, darüber nachzudenken, wie Quartiere durch ihren Ruf und ihre Struktur desintegrieren? Und wäre es nicht geboten, dass sich auch die Soziale Arbeit ihrer Zuschreibungsstrategien kritisch bewusst wird, wenn sie mit dieser Klientel arbeitet? Fragen über Fragen, auf die der Autor eine Antwort versucht.

Zu: Empiritis

In diesem Kapitel stellt der Autor verschiedene Forschungsvorhaben, Methoden und Forschungsergebnisse vor. Seine Absicht ist, der Stadtentwicklung heuristische Impulse zu geben, die durch eine transdisziplinäre und multiprofessionelle Betrachtung entstehen. Der Autor favorisiert hier einen ethnographischen Zugang. Als Methode versucht die Ethnographie intersubjektiv nachvollziehbare Daten zu erheben und sich dem Feld anzupassen. Seine Prämisse ist dabei, dass die soziokulturelle Gestaltungskraft urbaner Räume abnimmt, weil es in einer grenzenlosen Welt auf Dauer keine lokal begrenzten sozialräumlichen Mikrokosmen geben kann. Die einzelnen Städte werden dann auch mit Bildmaterial vorgestellt. In Leipzig will er zeigen, wie der Inhalt des Buches in die Lehre eingebracht werden kann. In Hannover eruiert der Autor am Beispiel einiger Stadtteile, wie symbolische Raumaneignungen der Mehrheitsgesellschaft gelingen und in Buenos Aires machte der Autor in der Tradition von Robert E. Park Sozialreportagen.

Die Conclusio seiner Städtedarstellungen ist die transformative Stadtforschung, deren unterschiedliche Methoden in eine kultursensible Stadtforschung einmünden. Diese Methoden sind: Internetrecherche, Begehungen, Fotographie, (teilnehmende) Beobachtungen, Dokumentenanalyse und Sozialstrukturanalyse. Diese Methoden werden durch symbolische Interventionen und qualitative Interviews gestützt.

Zu: PRXS

Und was bedeutet das alles für die Praxis? Was bedeutet das alles vor allem für die Praxis der Sozialen Arbeit? Es geht um die Verbindung oder dialektische Verzahnung von Wissenschaft, beruflicher Erfahrung, Alltagswissen und subjektivem Erfahrungswissen, was mit der Alltagskultur erworben wird.

Der Autor erläutert zunächst auch die Überschrift des Kapitels. Es handelt sich um eine popkulturelle Sprachcodierung, die ohne Vokale auskommt. Das mit der Praxis der Stadtentwicklung zusammen zu bringen, bedarf der Erläuterung, vielleicht auch einer gewissen Überzeugungskraft. So wie der Code sich den Vokalen verschließt, so verschließt sich die Stadtentwicklung der Reflexion. Das muss man wissen!

Thiesen geht dann ausführlich auf drei Zentrallinien kooperativer Stadtentwicklung ein: Stadtplanung, Stadtbewegungen und Stadtteilarbeit.

Bei der Stadtplanung zeichnet der Autor ein Szenario, das deutlich macht, dass die wachsende Nachfrage nach Wohnraum in den Innenstädten nicht durch Nachverdichtung auf Dauer gelöst werden kann. Auch das klassische Instrument der Suburbanisierung gehört der Vergangenheit an. So ist eine transformative Stadtentwicklung gefordert, die nicht monokausal die Steuerungsprobleme der Stadt aufgreift, sondern in einem multidisziplinären Diskurs zu klären versucht.

Stadtbewegungen erfordern Ermöglichungsräume, Räume, die in Bewegung sind, Freiräume. Freiräume sind Räume, die freies Handeln ermöglichen und über dieses Handeln Aneignung gelingen lassen. Wer entscheidet, wem die Räume gehören? Der Autor beschäftigt sich mit Governance als Steuerungsinstrument durch Aushandlungsprozesse.

Eine andere Stadtbewegung ist allerdings, dass der Raum durch strukturelle Prozesse in Bewegung gerät und Menschen bewegt werden, die nicht bewegt werden wollen. Gentrification und strukturell erzwungene Segregation sind solche Prozesse. Der Autor diskutiert diese beiden Prozesse und unterlegt sie mit Beispielen.

Bei der Stadtteilarbeit sieht der Autor die Gemeinwesenarbeit und das Quartiermanagement in der Pflicht, Einfluss auf die Stadtentwicklung mit dem Ziel der Sozialverträglichkeit der Planung zu nehmen. Gerade weil Gemeinwesenarbeit und Quartiermanagement in benachteiligten Quartieren mit einer Bevölkerung zu tun hat, die auf eine Lobby angewiesen ist, müssen sich beide dafür einsetzen, dass die Aufwertung eines Quartiers nicht zur Vertreibung der angestammten Bevölkerung führt.

Der Autor ordnet dann in einer Tabelle professionelle Stadtteilarbeit bestimmten Stadtbewegungen zu. Professionelle Stadtteilarbeit ist Quartiermanagement im Rahmen sozialer Stadt, Bürgerbeteiligung, Durchmischung etc. Stadtbewegungen sind z. B. Recht auf Stadt, urbane Investitionen, Aneignung, Stadt für alle, Urban Gardening. Dabei wird nicht immer klar, ob es sich bei der Stadtteilarbeit um Methoden und Instrumente handelt oder um strukturelle Prozesse und Bedingungen wie Durchmischung, Lokale Ökonomie, Soziale Stadt, innerhalb derer die Methoden zu Anwendung kommen. Wenn es eine dialektische Verschränkung zwischen Stadtteilarbeit und Sozialen Stadtbewegungen gibt, wird dies nicht deutlich.

Zu: Prospektiven

In seinen Prospektiven „plagt“ den Autor die Frage, wie die Transformation des Raumes an Orten nachvollziehbar ist, deren Praxis dieser Diagnose diametral entgegen steht (129). Sind dann soziale Brennpunkte und benachteiligte Problemquartiere nur Zuschreibungen und entziehen sie sich einer objektiven Analyse? Oder gibt es eine Wechselbeziehung von sozialer Konstruktion und sozialräumlichen Strukturen, unter denen die Menschen leben oder andere sie von außen vermuten?

Was ist mit der Weiterentwicklung des Sozialraums zum Transkulturraum gewonnen? Es ist sicher die Konstituierung einer sozialräumlichen Identität, die die Frage beantwortet, wer man ist im Verhältnis zu den anderen innerhalb und außerhalb des Sozialraums und wie man gerne gesehen werden möchte.

Eine zweite Prospektive nennt der Autor genuine Erwerbsarbeit und setzt sich dabei mit der lokalen Ökonomie auseinander, die seiner Meinung nach niemanden mehr hilft. Die Frage ist dann eher, wo sie helfen könnte und unter welchen sozialräumlichen Bedingungen sie nicht gelingen kann. Sie gelingt nämlich z. B. unter den Bedingungen eines innenstadtnahen urbanen Quartiers, aber nicht unbedingt im segregierten Wohngebiet.

In der dritten Prospektive geht es schließlich um die Frage des Erkenntniserwerbs. Dazu muss man die Zone der kognitiven Erwartbarkeit verlassen – analytische Kategorien stören da eher die Reflexion der Praxis – so wäre dies zu interpretieren.

Zu: Ziel: Geschichte

Der Autor setzt sich hier noch einmal mit der Geschichte und der Philosophie des Stadtbauprogramms Soziale Stadt auseinander, das nach seiner Ansicht eine Kehrtwende in der Stadtentwicklungspolitik einleitete.

Der historische Spannungsbogen der sozialen Stadtentwicklung wird von der Settlement-Bewegung des 19. Jahrhunderts über die Entwicklung der Gemeinwesenarbeit bis zum Quartiermanagement gezogen, dabei unterstellt der Autor eine durchgängige Tradition, die es nie gab.

Die soziale Stadtentwicklung stagniert – so der Autor – auf Grund von drei Prozessen.

Die von U. Beck angestoßene Individualisierungsdebatte hat den Blick auf Vergesellschaftungsprozesse und deren sozialräumliche Bedingungen verstellt.

Weiter hat die soziale Stadtentwicklung bei der wichtigen Frage kultureller Diversität die relevanten diversitätsbewussten kulturalistischen Ansätze ignoriert und zum dritten hat die Rede vom aktivierenden Sozialstaat einen ursprünglich emanzipatorisch verstandenen Selbsthilfebegriff dazu geführt, dass sich der Staat aus seiner sozialpolitischen Verantwortung zurückgezogen hat, um es dem Bürger zu überlassen, was er will und wie das zu erreichen ist, was er will.

Diskussion

Wie kann soziale Stadtentwicklung unter den Bedingungen kultureller Diversität gelingen? Welches Verständnis von Stadt und urbanem Raum hat die Stadtentwicklung und wird sie dem Raumverständnis gerecht, das Menschen mit einem anderen kulturellen Verständnis von Raum und Stadt mitbringen und hier auch leben, wenn sie sich im urbanen öffentlichen Raum oder in ihrem Wohngebiet Räume aneignen und besetzen? Oder setzt Stadtentwicklung immer noch auf das Modell der marktförmig organisierten europäischen Bürgerstadt?

Die Stadt verändert sich im Zuge der Veränderung ihrer Bevölkerung. Die Urbanität als städtischer Lebensstil verändert sich mit den Menschen, die diesen Lebensstil leben. Und Menschen entwickeln und entfalten auch eine urbane Identität als Städterinnen und Städter.

Kann Stadtentwicklung darauf reagieren oder ist sie alten Mustern der Entwicklung einer Stadt und den damit verbundenen Entwicklungszielen verhaftet? Der Autor entwirft ein Konzept einer reflexiven Stadtentwicklung jenseits von Raum und Identität. Die Menschen brauchen offensichtlich nicht mehr den städtischen Raum, um vernetzt zu sein und um eine Identität zu entwickeln oder als Migranten eine Identität zu leben, die sie bisher sicher gemacht hat. Sozialräumliche Identität ist nicht mehr an die Verortung in lokale Lebenszusammenhänge angewiesen. Aber Identität braucht soziale und sozialräumliche Verortungen; schließlich will man wissen, wo man hingehört. Das mag die Stadt sein, ein Kulturraum oder auch der Sippenverband, der über mehrere soziale Räume verteilt ist. Aber der Ort, wo man wohnt, ist dann vielleicht nicht mehr der Ausgangspunkt von sozialer Verortung und Identitätssicherung. Der Migrant baucht nicht die sozialräumliche Verortung im Quartier, um seine Identität zu sichern. Der Stadtentwickler und die Stadtplanerin werden sich beim Lesen wundern, was sie alles nicht wussten oder falsch gemacht haben, vielleicht auch welchen Irrtümern sie aufgesessen sind. Die Praxis wird sich mit dem Konzept schwer tun, weil sie nicht die Rahmenbedingungen vorfindet, die diese Art von sozialer Stadtentwicklung befördern würde. Auch die Soziale Arbeit wird auf der einen Seite einiges wiederfinden, was ihre Arbeit bestätigt. Andererseits steht hier Soziale Arbeit aber auch in dem Verdacht, eigentlich nicht das Richtige zu tun. Denn sie reflektiert nicht kritisch, was sie durch ihre Arbeit in einem benachteiligten Quartier bewirken sollte und was auch dem konzeptionellen Verständnis einer reflexiven Stadtentwicklung zuarbeiten würde.v

Fazit

Das Buch setzt sich auf einem relativ hohen theoretischen Niveau mit der Frage auseinander, wie eine soziale Stadtentwicklung aussehen müsste, die die Stadt als transformative Stadt begreift, die vor allem den transformativen Charakter des Raums bedenkt. Die Stadt wird nicht mehr als einheitlich geschlossener städtischer Raum begriffen, der sozial verortet ist, der Grenzen nach außen hat, sondern in seinem transformativen Zustand als grenzenlos begriffen wird.

Der/die Praktiker/in tut sich schwer, die für die Praxis relevanten Faktoren herauszulesen und vor allem mit der Kritik an der Praxis der Stadtentwicklung, Stadtplanung und Sozialen Arbeit zurecht zu kommen. Die Infragestellung der bisherigen Konzeptionen der Stadtentwicklung lässt sich sicher kritisch-reflexiv mit der neuen Fragestellung verbinden. Das ist aber ein längerer Prozess.

Summary

In six chapters and on a high theoretical level the author is looking for answers on the question how city development must be, which has the understanding to be a city development of a transformative city. The understanding of the city is that the city is no longer a spatial unite with borders, in which people has the chance to find a spatial identity. The city has in its transformative character no longer borders.

For the practice of city planning and city development it is very difficult to find out the relevant factors. Above all city planning, city development und social work have difficulties to agree with the critic of the author.

May be that the critic of the up to now concepts can be connected with author´s research approach? But this is a longer process.


Rezensent
Prof. Dr. Detlef Baum
Professor für Soziologie mit den Schwerpunkten Soziale Probleme, Kommunale Sozialpolitik, Stadtsoziologie, insbesondere Soziale Probleme der Stadtentwicklung, Segregationsprozesse, Stadtumbau
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Zitiervorschlag
Detlef Baum. Rezension vom 13.10.2016 zu: Andreas Thiesen: Die transformative Stadt. Reflexive Stadtentwicklung jenseits von Raum und Identität. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3474-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21242.php, Datum des Zugriffs 24.11.2017.


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