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Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden anderer machen

Cover Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden anderer machen. Eine praktische Philosophie der Sorge. transcript (Bielefeld) 2016. 390 Seiten. ISBN 978-3-8376-3549-2. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Thema

Lange war der Begriff der Fürsorge verpönt, bis er über den feministischen Diskurs in einer emanzipatorischen Reformulierung wiederkehrte, und zwar unter dem Care-Paradigma. Schuchter nimmt dies zum Anlass, die Sorgebeziehungen in Medizin und Pflege unter Rückgriff auf bleibende Einsichten antiker Philosophie einer kritischen Überprüfung zu unterziehen. Auf diese Weise leistet er zugleich Begründungsarbeit im Bereich der Pflegeethik. Dabei werden beide Aspekte, die im Sorgebegriff mitschwingen, berücksichtigt: Für-Sorge für andere und Selbst-Sorge.

Autor

Patrick Schuchter, gelernter Krankenpfleger, ist als Philosoph (Dr. phil.) und Gesundheitswissenschaftler (MPH) am Institut für Palliative Care und Organisationsethik der Fakultät für interdisziplinäre Forschung und Fortbildung (IFF) Wien der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt | Wien Graz tätig. Er ist an unterschiedlichen Ethikprojekten beteiligt.

Entstehungshintergrund

Der Band ist mit finanzieller Hilfe des Forschungsrates der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt entstanden. Er basiert auf der vorausgegangenen Dissertation des Verfassers, die maßgeblich von Andreas Heller betreut wurde.

Aufbau

Die Studie umfasst vier Hauptkapitel:

  1. Im ersten Kapitel beschäftigt sich Schuchter mit dem überkommenen Begriff der Fürsorge und arbeitet heraus, in welcher Form Elemente traditioneller Fürsorgemoral bis heute den modernen, aus der feministischen Debatte erwachsenen Care-Diskurs bestimmen.
  2. Im zweiten Kapitel wird die Fürsorge im Licht einer „Sorge für sich“ einer kritischen Überprüfung unterzogen. Dabei stützt sich Schuchter auf sokratische sowie stoisch-epikureische Überlegungen.
  3. Das dritte Kapitel verdeutlicht den hermeneutischen Wert des Sorgebegriffs – und zwar in einem dreifachen Sinne: als Sorge um sich, als Sorge um andere, als Sorge der Welt.
  4. Das vierte Kapitel schließlich formuliert eine Ethik der Sorge.

In Form eines Ausblicks fragt Schuchter nach den politischen Implikationen, die sich aus seinen philosophisch-ethischen Überlegungen zur Sorge ergeben.

Inhalt

Zu 1. Glaubte man lange Zeit, den Fürsorgebegriff als Relikt einer vorprofessionellen Ära verabschieden zu können, wurde er durch den feministischen Ethikdiskurs als Care-Begriff wieder rehabilitiert. Während auf dem Pflegemarkt ein starker Leistungs- und Kostendruck herrscht, hält der Fürsorgebegriff den Imperativ wach, dass Pflege nicht zum technokratischen, servicorientierten Handwerk verkommen dürfe. Pflege ohne ein Minimum an Fürsorge für den anderen und ein Minimum an Mitgefühl wäre unmenschlich. Eine realistische Pflegeethik wird allerdings nicht die Spannungen übersehen, die sich zwischen einer Fürsorgemoral und den vorherrschenden Handlungsrationalitäten moderner Pflege, die stark medizinisch ausgerichtet ist, ergeben.

Zu 2. Die Philosophie hat anders als die christliche Morallehre weniger den Aspekt der Für-Sorge als vielmehr der Selbst-Sorge, stärker die Vernunft als die Gefühlsebene betont. Im Rückgriff auf die sokratische Philosophie zeigt Schuchter zunächst auf, wie die Philosophie dazu beitragen kann, mit der eigenen Endlichkeit und mit Leiden umzugehen. Das Sokratische Gespräch vermittle eine „Einsicht“, die als Lebenskunst bezeichnet werden könne. Die Überlegungen werden fortgeführt, indem unter Rückgriff auf epikureische (z. B. Einüben in die Lust am bloßen Existenzgefühl) und stoische Übungen (z. B. Unterscheidung der Machtbereiche, Meditatio mortis, Übung in Zurückhaltung im Urteil) aufgezeigt wird, wie Philosophie in den Bereich der Therapie vorzustoßen vermag.

Zu 3. Beide Gedankengänge werden nun miteinander verbunden, indem der Sorgebegriff in drei zusammenhängenden Aspekten entfaltet wird: Unter dem – vorrangig stoischen – Aspekt der Selbstsorge ermöglicht die Philosophie, die eigenen Erfahrungen zu artikulieren. Durch das Erzählen wird das Chaos, das die Krankheit hervorruft, handhabbar. Durch das Erzählen konfiguriert der Einzelne Erfahrung – und erlangt dadurch Handlungsmacht zurück. Er ist nicht mehr vollkommen von der Krankheit beherrscht. Aus Erfahrung und Wahrnehmung des Lebens erwächst die Möglichkeit, Sorge um andere zu übernehmen. Indem die stoischen Übungen mit Sokratischer Arbeit verknüpft werden, entsteht ein Dialog: Der Fürsorgende kann dem anderen sein Ohr leihen, er kann sich im teilnehmenden Verstehen einen Begriff vom Leiden des anderen machen. Die Anteilnahme wird dabei zur Brücke zum anderen. Im epikureischen Sinne geben die Leidenden den Gesunden zu denken, was es heißt zu leben – auf diese Weise entsteht ein Existenzbewusstsein, das sich in freundschaftlichen Werken der Sorge äußert.

Zu 4. Das Programm hermeneutischer Arbeit, das im dritten Kapitel entwickelt wurde, ist motivierendes Moment einer Ethik der Sorge. Diese entwirft Schuchter ausgehend von einer Moral der Lebenskunst – dabei verbindet er zwei Elemente: die konkrete Sorge um den anderen angesichts anschaulich empfundener Leidenswirklichkeit sowie die abstrakte Sorge angesichts des Wissens um Leidensmöglichkeiten. Letztere verlangen nach einer vernetzten Sorge, die danach fragt, wie das soziale System veränderte werden sollte, damit Gefährdungen minimiert und Lebensbedinungen verbessert werden. Grundlage dafür, dass eine solche Ethik der Sorge gelingt, ist, dass Sorgewissen tradiert wird. Im Hilfesystem sind entsprechende kommunikative Strukturen zu etablieren. Schuchter plädiert am Ende für eine ethische Kreativität, die an Lebenserfahrung anknüpft, bereit ist, eine Vielzahl an Möglichkeiten gedanklich durchzudenken, und die Flexibilität der Organisation erhöht, sich an den anderen anzupassen.

Diskussion

Schuchter beklagt am Ende seiner Studie, dass die moderne Gesellschaft in viele Subsysteme zerfällt, die einer eigenen Binnenlogik folgen, sich untereinander aber nicht mehr unbedingt verstehen. Es darf nicht übersehen werden, dass die moderne Arbeitsteilung ein wichtiger Motor für gesellschaftliche Entwicklung und technischen Fortschritt war – so lange eine bestimmte Logik nicht alle anderen Bereiche kolonialisiert. Der Pflegebereich bietet hierfür reichlich Anschauungsmaterial, wenn eine einseitig medizinisch oder ökonomisch bestimmte Logik alles andere überlagert. Der Autor will dies verhindern, indem er das Pflegesystem dazu befähigen will, über sich selbst hinauszudenken. An dieser Stelle zeigt sich, was philosophische Reflexion an Integrationsarbeit zu leisten vermag. Lohnend wäre es, die existentiellen Moralfragen, die Schuchter behandelt, zugleich mit Antworten einer genuin theologischen Pflegeethik und Aszetik ins Gespräch zu bringen.

Der Verfasser leistet mit seiner Praktischen Philosophie der Sorge wichtige Grundlagenarbeit für den Bereich der Pflegeethik. Es steht zu vermuten, dass angesichts des demographischen Wandelns, des ungelösten Fachkräftemangels im Pflegebereich und der Abnahme religiöser Lebensentwürfe die Erwartungen an den Bereich Pflegeethik noch wachsen werden. Der Aufbau neuer Studiengänge und Professuren in diesem Feld spricht schon jetzt dafür. Besonders hervorzuheben ist, dass Schuchter nicht bei einer Sozialethik des Pflegesystems stehen bleibt – im Gegenteil. Eine solche erwächst für ihn aus der moralischen Reflexion über Leiden und den sorgenden Umgang damit. Dies kann die Pflegeethik davor bewahren, technokratisch zu werden. Die Frage nach Ressourcen und Strukturen bleibt für jede Ethik, die realistisch bleiben will, wichtig – keine Frage. Die Frage nach der Sinnhaftigkeit von Strukturen darf dabei aber nicht aus dem Blick geraten – und hier hat der Sorgebegriff seinen unverzichtbaren Wert. Für eine Pflegeethik wäre der Bereich der Sorge um sich selbst, den Schuchter anspricht, dann auch noch auf den Bereich der Mitarbeiter in diesem Feld auszudehnen.

Fazit

Was wünschen wir uns, wenn wir auf Pflege angewiesen sind? Eine Pflegeethik, die diese Frage stellt, bleibt nicht bei Strukturen stehen, sondern stößt in Grenzbereiche menschlicher Existenz vor. Der vorliegende Band wagt diesen Schritt und leistet auf diese Weise wertvolle Grundlagenarbeit für eine leidenssensible Pflegeethik.


Rezensent
Dr. theol. Dipl.-Päd. Axel Bernd Kunze
Privatdozent am Bonner Zentrum für Lehrerbildung (BZL) der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Homepage www.axel-bernd-kunze.de
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Zitiervorschlag
Axel Bernd Kunze. Rezension vom 09.01.2017 zu: Patrick Schuchter: Sich einen Begriff vom Leiden anderer machen. Eine praktische Philosophie der Sorge. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3549-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21243.php, Datum des Zugriffs 25.09.2017.


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