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Bettina-Johanna Krings: Strategien der Individualisierung

Cover Bettina-Johanna Krings: Strategien der Individualisierung. Neue Konzepte und Befunde zur soziologischen Individualisierungsthese. transcript (Bielefeld) 2016. 320 Seiten. ISBN 978-3-8376-3347-4. D: 34,99 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 42,70 sFr.
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Thema

Das Buch beschäftigt sich mit der Frage, wie die Zunahme individueller Entscheidungsmöglichkeiten, die mit Ausdifferenzierungsprozessen der modernen Gesellschaft einhergeht, auf individueller Ebene erlebt wird. In subjektorientierter Perspektive steht die Diskussion des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft im Mittelpunkt der Analysen. Die empirische Untersuchung von „Strategien der Individualisierung“ stützt sich auf Interviewmaterial zu westdeutschen Biografien in der Zeit von 1980 bis 2010.

Autorin

Bettina-Johanna Krings leitet den Forschungsbereich 'Wissensgesellschaft und Wissenspolitik' des Instituts für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) am Karlsruher Institut für Technologie (KIT).

Entstehungshintergrund

Die vorliegende Publikation ist als Doktorarbeit entstanden, die von der Goethe-Universität Frankfurt am Main angenommen wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in sieben Kapitel, wobei die Hauptkapitel einem theoretischen und einem empirischen Teil zugeordnet werden können.

Im einleitenden ersten Kapitel präsentiert die Autorin das Konstrukt der Individualisierung als Problem der Soziologie, stellt ihre Forschungsfrage vor und erläutert den Aufbau der Untersuchung.

Der folgende theoretische Teil umfasst die Kapitel zwei und drei. Das zweite Kapitel rekonstruiert die Individualisierungsthese von Ulrich Beck und gibt die daran anschließende Debatte in der deutschsprachigen Soziologie seit den 1980er Jahren wieder. Entsprechende Auseinandersetzungen mit dem Individualisierungstheorem werden in drei Unterkapiteln präsentiert:

  1. Individualisierung und Analysen sozialer Ungleichheit;
  2. Individualisierung und biografische Lebensführung;
  3. Individualisierung als sozialstrukturelles und kulturelles Phänomen.

Mit der Zusammenfassung dieser Rekonstruktionen leitet die Autorin zur weiteren Entfaltung ihrer Fragestellung über. Die soziologischen Debatten um die Individualisierungsthese bilden den Ausgangspunkt ihrer eigenen Untersuchung. Diese geht der Frage nach, „wie Individualisierungsanforderungen subjektiv wahrgenommen werden und welche Handlungsstrategien in der Alltagspraxis hierbei notwendig sind. Im Vordergrund des Erkenntnisinteresses steht – aus einer subjektorientierten Perspektive – die Frage, welche subjektiven Aneignungsprozesse und Handlungsorientierungen erforderlich sind, um den Anforderungen in individualisierten Gesellschaften gerecht zu werden“ (S. 69).

Kapitel drei trägt die Überschrift: „Die theoretische Grundstruktur der Individualisierungsthese nach Niklas Luhmann“, wobei Fußnote 1 auf der ersten Seite dieses Kapitels (S. 71) folgende Information enthält: „In diesem Kapitel ist nicht mehr von der Individualisierungsthese die Rede, da nun allgemeiner auf das soziologische Theorem von Individuum, Individualität und Individualisierung verwiesen wird und nicht mehr explizit auf die oben dargestellte Debatte“ (Hervorhebung weggelassen). Kapitel drei beginnt sodann mit der Betrachtung unterschiedlicher Zugänge zu Individuum und Subjekt sowie zum Subjekt-Objekt-Verhältnis in der europäischen Philosophie. Die anschließenden Ausführungen konzentrieren sich vor allem auf Luhmanns wissenssoziologische Arbeiten zur Differenz von Individuum und Individualität sowie auf die in der Systemtheorie basale Unterscheidung von psychischen und sozialen Systemen. Weitere Theoriefiguren der Systemtheorie werden problemorientiert vorgestellt mit der Intention, Bezüge zum Individualisierungstheorem offenzulegen.

Kapitel vier und fünf bilden den empirischen Teil der Arbeit. Im vierten Kapitel stellt die Autorin ihr Forschungsvorhaben als explorative Untersuchung im Rahmen einer subjektorientierten Soziologie vor. Sie betont, dass es in dieser Perspektive vor allem darum geht, die „Vermittlung“ (S. 124f.) oder die „Verbindungsstellen“ (S. 125) bzw. die „Vermittlungsinstanzen zwischen Gesellschaft und dem Individuum zu identifizieren“ (S. 121). Anschließend begründet sie die Methode des narrativen Interviews als angemessenes Verfahren zur Erhebung subjektiver Deutungen in biografischen Erzählungen. Erläuterungen zur Auswahl des Samples, zur Datenerhebung und zur Analyse der Interviewdaten schließen dieses Kapitel ab. Als Interviewpartner wurden Personen ausgewählt, die in den 1980er Jahren zwischen 20 und 25 Jahre alt waren und die in der damaligen Bundesrepublik geboren und aufgewachsen sind. Das Sample umfasst zwölf Interviews. Bei den Interviewpartnern handelt es sich um Personen, die über Kontakte im Umfeld der Autorin erschlossen wurden und die regional dem gleichen Einzugsgebiet zuzurechnen sind. Die Auswertung der transkribierten Interviewdaten erfolgt in sechs Arbeitsschritten, denen das Analyseschema von Fritz Schütze (1983) als Vorbild dient.

Das fünfte Kapitel ist der Präsentation der empirischen Ergebnisse gewidmet. Die Autorin entscheidet sich für eine exemplarische Darstellung anhand ausgewählter Interviews. Als Analyseergebnisse erscheinen vier hintereinander geschaltete biografische Fallgeschichten mit ausführlichen Interviewzitaten, die entlang der folgenden Gliederung einheitlich organisiert sind:

  1. biografische Erzählung;
  2. subjektive Einschätzung des eigenen Individualisierungsprozesses;
  3. interpretativer Blick auf den Individualisierungsprozess.

Als „Strategien der Individualisierung“ arbeitet die Autorin individuelle Reflexionen der eigenen Individualität heraus. Die Autorin ergänzt die rekonstruierten Lebensgeschichten mit kontextualisierenden Betrachtungen zu den gesellschaftlichen Bedingungen der Bundesrepublik Deutschland in den 1980er Jahren und setzt sie in Beziehung zu zentralen Aussagen der Individualisierungsthese.

Kapitel sechs steht unter der Überschrift: „Die blinden Flecken der Individualisierungsthese“. Hier werden einzelne Befunde der empirischen Untersuchung vor dem Hintergrund der im theoretischen Teil erarbeiteten Einsichten zur Individualisierungsdebatte diskutiert. Die Autorin kommt zu dem Ergebnis, dass ihre empirische Untersuchung einen Perspektivenwechsel und damit einhergehend eine Erweiterung der Individualisierungsdebatte erforderlich macht. Als Kandidaten für den konzeptionellen Ausbau des soziologischen Beobachtungsarsenals von Individualisierungsprozessen identifiziert die Autorin folgende Themenbereiche, die sie in vier Unterkapiteln erläutert:

  1. Soziologische Individualisierung und das psychologische Konzept der Individuation;
  2. Rückbindung des Individuums in familiäre Institutionen;
  3. Entscheiden und Handeln im Rahmen von Individualisierungsprozessen;
  4. Therapeutische Praxis als reflexives Handlungsmodell.

Im abschließenden Kapitel sieben reflektiert die Autorin die Erträge ihrer Studie mit Blick auf die Forschungsfrage. Wesentliche Annahmen der Individualisierungsthese können diese Forschungsergebnisse nicht bestätigen. Überlastungsanzeigen des Individuums, die auf Optionenvielfalt und Entscheidungszwang der Moderne zurückgeführt werden, sind den Interviewdaten nicht zu entnehmen. Was die Frage nach der „Vermittlung“ des Verhältnisses von Individuum und Gesellschaft betrifft, so wird die Antwort beim Individuum und seinen Reflexionsstrategien gesucht: „Das Individuum wird vor dieser Sichtweise zur Vermittlungsebene zu den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, was neue Anforderungen an eine konzeptionelle Erweiterung der Individualisierungsthese stellt“ (Hervorhebung weggelassen; S. 276).

Diskussion

Für die soziologische Theoriebildung gehört die Frage nach dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft zum Bestand der ungelösten Probleme der Disziplin. Ob eine subjektorientierte Perspektive hier Abhilfe schaffen kann, ist umstritten.

In der subjektorientierten Studie von Bettina-Johanna Krings werden theoretische Zugänge zu Individuum, Individualisierung, Individualität in soziologischer und sozialphilosophischer Hinsicht intensiv erörtert, während entsprechende Auseinandersetzungen mit dem Gesellschaftsbegriff oder einer Theorie der Gesellschaft ausbleiben. So entsteht eine theoretische Positionierung, die es erschwert, das „Verhältnis“ von Individuum und Gesellschaft theoretisch gehaltvoll in den Blick zu nehmen. Weitere Begrenzungen der vorliegenden Untersuchung ergeben sich daraus, dass die Autorin ihren konzeptionellen Ansatz auf die deutschsprachige Debatte der Individualisierungsthese beschränkt und die im dritten Kapitel vorgestellten Arbeiten Niklas Luhmanns weitgehend unter Vernachlässigung ihres systemtheoretischen Gehalts rezipiert. An Luhmann wird eher selektiv angeschlossen, wobei die konstitutiven kommunikations- und beobachtungstheoretischen Einsichten der Systemtheorie kaum zum Tragen kommen. Dennoch hat Bettina-Johanna Krings ein verdienstvolles Buch vorgelegt, mit dem sie an eine Leerstelle in der soziologischen Theoriebildung erinnert und wesentliche Implikationen der soziologischen Individualisierungsthese von Ulrich Beck mit den Ergebnissen einer qualitativen Untersuchung konfrontiert. Versteht man die Überlegungen der Autorin als Aufforderung zur weiteren Forschung, dann können sie hierzu einen wichtigen Beitrag leisten.

Fazit

Dieses Buch greift eine prominente Debatte der deutschsprachigen Soziologie auf. Mit den Ergebnissen ihrer empirischen Untersuchung liefert die Autorin Anregungen, die Individualisierungsthese neu zu überdenken.


Rezensentin
Prof. Dr. habil. Petra Hiller
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Zitiervorschlag
Petra Hiller. Rezension vom 29.03.2017 zu: Bettina-Johanna Krings: Strategien der Individualisierung. Neue Konzepte und Befunde zur soziologischen Individualisierungsthese. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3347-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21244.php, Datum des Zugriffs 08.12.2019.


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