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Maren Mylius: Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere (...)

Cover Maren Mylius: Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland. Studien zur Praxis in Gesundheitsämtern und Krankenhäusern. transcript (Bielefeld) 2016. 337 Seiten. ISBN 978-3-8376-3472-3. D: 39,99 EUR, A: 41,20 EUR, CH: 48,70 sFr.
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Autorin

Maren Mylius hat Humanmedizin und Public Health studiert, sie ist Ärztin und Vorstandsmitglied bei der „Medizinischen Flüchtlingsberatung Hannover“.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Werk basiert auf der Dissertation und der Magisterarbeit der Autorin an der Medizinischen Hochschule Hannover.

Aufbau und Inhalt

Im einleitenden Kapitel gibt Frau Mylius einen Überblick über das Thema. Sie geht kurz auf allgemeine Hintergründe zum Thema Migration ein, beschreibt den Aufbau der Arbeit und berichtet über den Forschungsstand zum Thema Gesundheitsversorgung von Migrantinnen und Migranten. Abschließend werden hier zentrale Begriffe definiert.

Im zweiten Kapitel werden Ursachen der Migration dargestellt, wobei auch aktuelle Entwicklungen einbezogen werden, z. B. der Bürgerkrieg in Syrien. Auch Schätzwerte zur Anzahl undokumentierter Migrantinnen und Migranten werden präsentiert. In einem Exkurs wird der Einfluss von politischer Steuerung und Gesetzgebung auf die Migration beleuchtet. Ausführlich wird dann der rechtliche Rahmen des Zugangs zur medizinischen Versorgung dargestellt, insbesondere das Asylbewerberleistungsgesetz und das Aufenthaltsgesetz. Frau Mylius beschreibt hierbei, welche Leistungen grundsätzlich abgedeckt sind und bei Krankheiten der Zugang zu Leistungen problematisch ist, z. B. bei chronischen Krankheiten. Ausführlicher werden dann noch verschiedene Aspekte beleuchtet, wie z. B. die Abgrenzung von Notfall und Eilfall sowie die völkerrechtlichen Verpflichtungen, die auch Deutschland zur Sicherstellung von Gesundheit eingegangen ist.

Im dritten Kapitel wird dann der Gesundheitszustand von Menschen mit Migrationshintergrund beschrieben, wobei auch die heterogene Studienlage beschrieben wird. Frau Mylius geht hier auf die Frage der Einflussfaktoren auf die Gesundheit ein, die insbesondere bei undokumentierten Menschen schwierig zu beantworten ist. Sie geht dabei auf den Healthy-Migrant-Effect und den Unhealthy-Undocumented-Effect ein. Die Zusammenhänge von Migration und Gesundheit werden dabei immer wieder vor dem Hintergrund der Heterogenität der Zielgruppe und der Bedeutung des betrachteten Zeitpunktes diskutiert. Ausführlich geht sie dann auf die nicht-staatlichen und staatlichen Zugänge zur Gesundheitsversorgung ein, unter anderem gegliedert nach Selbstzahlung, Finanzierung über Kostenträger und humanitäre Hilfe. Dem fragmentierten Zugang zur Versorgung entsprechend wird die knappe Datenlage beschrieben. Die vorhandenen Daten zu Fallzahlen, zur Soziodemographie und zum Krankheitsspektrum der Betroffenen werden in Tabellen und Abbildungen anschaulich dargestellt. Diese quantitativen Auswertungen des verfügbaren Datenmaterials werden dann ergänzt durch die Auswertung von acht Interviews. Fünf Menschen, die sich ohne Papiere in Deutschland aufgehalten haben, und drei Menschen aus dem Gesundheitswesen wurden im Jahr 2011 befragt. Die Interviews werden im Kontext des Buches nicht systematisch ausgewertet, illustrieren den Sachverhalt aber gut.

Eine Präzisierung der Thematik findet dann im vierten Kapitel statt. Hier wird die Entwicklung und die Struktur des öffentlichen Gesundheitsdienstes dargestellt und mit der Behandlung von Tuberkulose und HIV/AIDS zwei Aufgabengebiete des öffentlichen Gesundheitsdienstes näher betrachtet. Dabei geht Frau Mylius allgemein auf Diagnostik und Behandlung ein, auf die Epidemiologie sowie auf die besonderen Herausforderungen bei der Behandlung von Menschen ohne Papiere.

Im fünften Kapitel wird eine Befragung aller Gesundheitsämter in Deutschland dargestellt. Ziel der Befragung war es, Informationen zur tatsächlichen Versorgungssituation undokumentierter Menschen mit Migrationshintergrund zu erhalten. Das Vorgehen bei der Befragung mit einem E-Mail-Fragebogen wird nachvollziehbar beschrieben. 139 von angeschriebenen 384 Gesundheitsämtern haben an der Befragung teilgenommen. Mit Tabellen und Abbildungen wird dann u. a. dargestellt, wie viele Kontakte zu undokumentierten Migrantinnen und Migranten es in den Gesundheitsämtern gibt, wie die Gesundheitsämter ihre Angebote bewerben, welche Beratungen und Behandlungen durchgeführt werden und auch wie die Ämter mit der Datenübermittlungspflicht umgehen.

Die Befragung der Gesundheitsämter wird (in Kapitel sechs) durch eine Fragebogenerhebung in Krankenhäusern in Niedersachsen, Hamburg und Berlin ergänzt. Diese Befragung hatte das Ziel, die Notfallversorgung von Menschen mit Migrationshintergrund und ohne Krankenversicherung abzubilden. Wie bei der im Kapitel fünf dargestellten Befragung ist auch hier die Methodik gut nachvollziehbar dargestellt. Von 199 angeschriebenen Krankenhäusern liegen Rückmeldungen aus 62 vor. Dargestellt wird dann u. a. wie groß der Anteil an Krankenhäusern ist, in denen Menschen mit Migrationshintergrund ohne Krankenversicherung behandelt wurden, wie viele Personen dies waren, welches die betreffenden Diagnosen waren, welche Erlösausfälle den Krankenhäusern entstanden sind und welche Abläufe in den Krankenhäusern greifen, wenn unversicherte Menschen mit Migrationshintergrund in der Notaufnahme vorstellig werden.

Im letzten Kapitel werden die Ergebnisse zusammenfassend dargestellt und zentrale Schlussfolgerungen gezogen. Wesentliche Ergebnisse sind aus Sicht der Autorin etwa, dass es einen großen Bedarf an niedrigschwelliger Versorgung gibt, dass die Inanspruchnahme bestehender Leistungen mit einem Risiko verbunden ist, bei der Polizei gemeldet zu werden, dass die Gewährleistungspflicht des Staates den Heilberufen übertragen wird und damit auch, welche Bedeutung den Entscheidungen im Einzelfall zukommt.

Diskussion

Maren Mylius stellt in ihrem Buch umfassend Erkenntnisse zur medizinischen Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland dar. Insbesondere durch die Triangulation von Methoden und Zugängen gelingt ihr eine sehr detailreiche und von großer Sachkenntnis geprägte Zusammenschau zu diesem Thema. Der Forschungsstand ist etwas knapp dargestellt und die Argumentation wirkt manchmal ein wenig sprunghaft. Auch zwischen den Kapiteln erschließt sich der rote Faden nicht immer sofort. Insgesamt aber ergibt sich ein stimmiges und umfassendes Bild. Die Veranschaulichungen sind gut gelungen und helfen beim Verständnis, auch wenn diese etwas einheitlicher sein könnten (z. B. in Darstellung und Beschriftung der Abbildungen). Mit den Quellen geht sie transparent um, auch mit der Schwierigkeit, überhaupt verlässliche Daten zu dieser Thematik zu bekommen.

Fazit

Frau Mylius beschäftigt sich in ihrem Buch mit der schwierigen Frage der medizinischen Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland. Mit Hilfe von Ergebnissen aus der Literatur und mehreren eigenen Untersuchungen arbeitet sie Stand und die besonderen Probleme in diesem Bereich heraus und gibt einen sehr guten Überblick.


Rezensent
Prof. Dr. Stefan Dietsche
HFH Hamburger Fern-Hochschule, Fachbereich Gesundheit und Pflege
Studiengangsleiter Gesundheits- und Sozialmanagement
Homepage www.hamburger-fh.de
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Zitiervorschlag
Stefan Dietsche. Rezension vom 25.04.2017 zu: Maren Mylius: Die medizinische Versorgung von Menschen ohne Papiere in Deutschland. Studien zur Praxis in Gesundheitsämtern und Krankenhäusern. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3472-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21245.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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