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Martina Tödte, Christiane Bernard (Hrsg.): Frauensuchtarbeit in Deutschland

Cover Martina Tödte, Christiane Bernard (Hrsg.): Frauensuchtarbeit in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. transcript (Bielefeld) 2016. 415 Seiten. ISBN 978-3-8376-3285-9. D: 32,99 EUR, A: 34,00 EUR, CH: 40,30 sFr.
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Thema

Sucht ist kein Randproblem unserer Gesellschaft, sondern betrifft viele Menschen. Sucht verteilt sich unterschiedlich auf die Geschlechter.Jede Statistik der vergangenen 50 Jahre zeigt für Deutschland die immer gleichen Tendenzen:

  • Dreimal so viele Frauen wie Männer sind abhängig von Medikamenten. (Gesamtzahl: 2,3 Mill. Menschen)
  • Dreimal so viele Männer wie Frauen sind alkoholabhängig. (Gesamtzahl: 1,8 Mill. Menschen)
  • Dreimal so viele Männer wie Frauen sind abhängig von illegalen Drogen. (Gesamtzahl: 600.000 Menschen)
  • Dreimal so viele Männer wie Frauen sind abhängig von mehreren Suchtstoffen.

Alle Suchterkrankungen folgen über ihre Verteilung hinaus auch in ihren Entstehungs-, Verlaufs- und Bewältigungsformen einer Geschlechtsspezifik. Daher ist es folgerichtig, wenn es eine eigenständige Frauensuchtarbeit gibt, die in besonderer Weise auf die Bedürfnisse von Frauen eingehen kann.

Die Anfänge einer solchen Frauensuchtarbeit, die ausdrücklich und bewusst von einer geschlechterdifferenzierenden Analyse von Drogenkonsum und Sucht ausgeht, liegen in Deutschland in den Anfängen der 80er Jahre. Was ist aus den ursprünglichen Konzepten geworden? Welche Erfolge können verzeichnet werden? Welche Herausforderungen gibt es?

Herausgeberinnen

Martina Tödte ist Dipl. Sozialpädagogin und Geschäftsführerin des Trägervereins der Drogenberatung für Mädchen und Frauen BELLA DONNA und der Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA. Sie wurde ausgezeichnet mit dem Bundesverdienst der Bundesrepublik Deutschland.

Dr. phil. Christiane Bernhard ist Dipl. Erziehungswissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Landeskoordinierungsstelle Frauen und Sucht NRW, BELLA DONNA. Sie ist seit langem in der sozialwissenschaftlichen Drogenforschung tätig.

Die Herausgeberinnen wollen mit der hier vorgelegten Bestandsaufnahme den aktuellen Stand der Wissenschaft und Praxis der interessierten Öffentlichkeit vorstellen. Zugleich fragen sie nach den zukünftigen Herausforderungen der Frauensuchtarbeit.

Aufbau

Im ersten Teil des Buches werden die „Theoretische Bezüge und Forschungsaspekte der Frauensuchtarbeit“ thematisiert. Die einzelnen Themen lauten:

  • Gender und illegale Drogen: Ein Überblick
  • Die Entstehung der Frauensuchtarbeit in Deutschland
  • Die Säulen der Frauensuchtarbeit
  • Die Einflüsse der feministischen Arbeit auf die Suchthilfe in Deutschland
  • Frauen, Gewalterfahrungen und der Konsum von Alkohol und Drogen
  • Trauma und Bindungsstörungen bei Frauen
  • Sucht und Traumafolgestörungen bei Frauen
  • Schwangerschaft und Mutterschaft bei Frauen
  • Lebenssituation und Alltagsbewältigung von Frauen in der Straßen- Drogenszene
  • Wirkfaktoren in der sozialtherapeutischen Arbeit mit suchtmittelabhängigen Frauen

Der zweite Teil des Buches beschäftigt sich mit der „Praxis der feministischen Suchtarbeit“ und behandelt folgende Themen:

  • Ambulante Beratungspraxis der Drogenberatungsstelle für Mädchen und Frauen, BELLA DONNA
  • Drogenhilfe – unter Umständen einmal anders
  • Das Angebot des MutterKindWohnens für substituierte Frauen und ihre Kinder
  • Süchtige und traumatisierte Klientinnen in der ambulanten Suchtberatung
  • Das Gruppenprogramm „Sicherheit finden“ für Mädchen
  • Erfahrungen aus der Mädchensuchtarbeit
  • Ambulante Rehabilitation in der Suchtberatungs- und Behandlungsstelle des FrauenTherapieZentrums- FTZ München
  • Lebenswelten suchtmittelabhängiger Frauen mit Komorbidität
  • Arbeit! Um jeden Preis?
  • Begleitete Selbsthilfe in der Frauensuchtarbeit
  • Angehörige Frauen von suchtkranken Menschen
  • Basler 8 – ein Kooperationsmodell feministischer mädchen- und frauenbezogener Sozialer
  • Arbeit und Suchthilfe

Ein abschließender Beitrag der Herausgeberinnen setzt sich mit den „Herausforderungen an die Zukunft der Frauensuchtarbeit“ auseinander.

Schon allein die Themen der Einzelbeiträge von Autorinnen verschiedener Professionen demonstrieren dem Leser die Vielschichtigkeit der Frauensuchtarbeit, die Vielfalt ihrer Ansätze und Handlungsfelder, die Unterschiedlichkeit ihrer Adressaten und die Intensität der Diskussionen über die richtigen therapeutischen Wege.

Alle hier ungenannten Autorinnen werden dem Leser in Kurzbiographien vorgestellt. Das kann für die Einordnung des Gelesenen durchaus hilfreich sein.

Ausgewählte Inhalte

Von den durchweg lesenswerten Beiträgen möchte ich zwei Aufsätze näher vorstellen:

Aus dem Teil, der sich mit den theoretischen Bezügen und Forschungsaspekten der Frauensuchtarbeit beschäftigt, greife ich den Beitrag der Psychologin Sybille Theunißen und der Psychiaterin und Psychotherapeutin Wibke Voigt „Sucht und Traumafolgestörungen bei Frauen“ auf: Der Aufsatz erläutert in präziser Form die Zusammenhänge zwischen Sucht, Traumatisierung und Traumafolgestörungen.

Anfangs sollen die von den Autorinnen gegebenen Definitionen der zentralen Begriffe vorgestellt werden, da nur eine genaue und fachlich ausgewiesene Definition zu einer wirkungsvollen Therapie und richtigen Behandlung führen kann:

  • Sucht ist das unwiderstehliche körperliche und psychische Verlangen nach einer Substanz, hier: den Opiaten bzw. Heroin. Frauen entwickeln überzufällig häufig eine Sucht nach illegalen Drogen, nicht aber nach Alkohol.
  • Trauma bezeichnet eine Verletzung mit oder ohne Wunde durch Gewalteinwirkung in körperlicher oder psychischer Hinsicht. Eine Sucht tritt häufig auf bei Frauen, die in Kindheit, Jugend oder als Erwachsene körperlich misshandelt wurden, also ein Trauma erlitten. Die Erfahrung von Gewalt ist bei Frauen häufig mit besonderen psychischen oder auch körperlichen Beeinträchtigungen verbunden.
  • Eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) wird diagnostiziert, wenn in Reaktion auf ein katastrophales Ereignis eine mehr als vier Wochen anhaltende Gewalterfahrung nicht bearbeitet worden ist (ICD 10). Im Gesamtbild der Posttraumatischen Belastungsstörung kommt es zu folgenden Reaktionen:
    • Veränderungen in der Regulation von Affekten und Impulsen,
    • Störungen in Aufmerksamkeit und Bewusstsein,
    • Veränderungen der Selbstwahrnehmung (geringes Selbstbewusstsein),
    • Veränderung in Beziehung zu anderen,
    • Übertragung von psychischen Beschwerden auf ein Organ (Somatisierung),
    • Veränderung von Lebenseinstellungen, die oft von großer Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung begleitet werden.

Heroinabhängige Frauen sind häufig durch (sexuelle) Gewalt Opfer von Traumata und entwickeln eine PTBS. Risikofaktoren für diese Erkrankung sind:

  • andauerndes Suchtverhalten,
  • frühes Einstiegalter in die Drogenabhängigkeit,
  • elterliche Suchtmittelbelastung,
  • Vernachlässigung in Kindheit und Jugend,
  • Fehlen schützender Faktoren und Fehlen stabilisierender persönlicher Beziehungen,
  • Geschlecht.

Die Autorinnen erklären die Suchtmittelabhängigkeit als eine Art „Selbstmedikation“, die u. a. darauf zielt, schlechte Erinnerungen zu meiden. Aufgrund des Drogenmissbrauchs kann eine emotionale Abstumpfung erfolgen; es entsteht ein Gefühl des Betäubtseins. Körperlich besteht eine Übererregbarkeit mit erhöhter Wachsamkeit, Schreckhaftigkeit, Schlaf und -Konzentrationsstörung. Im schwersten Fall kann es bei dieser „Selbstbehandlung“ zu Abspaltungen von Persönlichkeitsmerkmalen und schwersten Identitätsstörungen kommen.

Die Autorinnen weisen darauf hin, dass die oben erwähnten psychischen Symptome sich auch körperlich nachweisen lassen. Die Ergebnisse der Forschung auf dem Gebiet von Neurobiologie und Neurophysiologie weisen darauf hin, dass sich Traumafolgen in bestimmten Hirnregionen nachweisen lassen. Dieses Wissen um die Zusammenhänge der Traumaverarbeitung ist ein wichtiger Bestandteil der Psychoedukation für Betroffene.

Leider sind die Forschungsergebnisse auf dem Gebiet der Neurobiologie und Neurophysiologie hinsichtlich geschlechtsbezogener Folgen von Traumatisierungen bei suchtkranken Frauen begrenzt und können (noch) nicht in die Suchtarbeit einfließen.

Der Beitrag „Sucht und Traumafolgestörungen bei Frauen“ ist ein grundlegender Aufsatz, der gut informiert und dabei klare Definitionen für die Begriffe „Sucht“, „Trauma“ und „Posttraumatische Belastungsstörung“ verwendet.

Aus dem der Praxis der feministischen Suchtarbeit gewidmeten Teil wähle ich den Beitrag der Psychologin Elke Rasche und der Sozialpädagogin Sabine Heintze über „Das Angebot des MutterKindWohnens für substituierte Frauen und ihre Kinder“. Auch drogenabhängige Frauen können schwanger werden. Das gilt oft in besonderer Weise auch für Frauen, die bereits Drogenersatzmittel erhalten, also substituiert werden. Da sich während einer Therapie mit einem Ersatzstoff der normale Zyklus einer Frau wieder einpendelt und viele Frauen das nicht wissen und nicht verhüten, kommt es öfter auch zu unvorhergesehenen Schwangerschaften.

Der Berliner Verein FrauSuchtZukunft nimmt sich dieser Gruppe von drogenabhängigen schwangeren Frauen besonders an.

Da eine bestehende Schwangerschaft bei Drogenabhängigkeit eine Indikation zur Substitutionstherapie ist, bietet man den Frauen an, sie zu einem substituierenden Arzt zu begleiten. Hier wird zum Beispiel das Heroin abgesetzt und Methadon gegeben. Weiterhin werden die Schwangeren in die Infektionsambulanz der Berliner Charité begleitet, um festzustellen, ob Mutter und Kind eine Infektion haben. Zudem gilt es, einen erfahrenen Gynäkologen aufzusuchen, da die Schwangerschaft einer Drogenabhängigen immer mit einem hohen Risiko verbunden ist. Wichtig ist die kontinuierliche Begleitung der schwangeren Frau zu allen medizinischen Terminen.

Das Konzept der abgestimmten Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (z. B. Sozialarbeiter, Psychologen, Mitarbeiter der städtischen Jugend- und Sozialverwaltung) in einem Versorgungsnetz und die intensive Begleitung der Frauen haben mir besonders gefallen, da Drogenabhängige in der Regel ihre Termine nicht einhalten. Vor und nach der Geburt bleiben die Schwangeren zuhause und werden dort umfassend betreut.

Für jede Frau ist eine Schwangerschaft ein Wendepunkt im Leben. Das Denken, Fühlen und Handeln ändert sich. Die Verantwortung auch für das eigene und wachsende Leben wächst. Die Sorge für ein Kind ist mit viel Freude verbunden. Die Chancen wachsen, einen neuen Lebensplan zu entwerfen und auch zu realisieren. Das multiprofessionelle Team unterstützt Mutter und Kind bei der Verwirklichung im Rahmen des Projektes MutterKindWohnens durch die ambulante aufsuchende Familienhilfe.

Kostenträger dieses besonderen Projektes ist das Jugendamt der Stadt Berlin. Mit dieser Förderung wird ein wesentlicher Beitrag geleistet, dass ein Kind auch zur Welt kommt und nicht aus sozialen Gründen abgetrieben werden muss.

Die Frauen haben in ihrer neuen Situation als Mutter mit Kind oft die Kraft, sich langfristig nicht mehr von Opiaten beherrschen zu lassen und vielleicht drogenfrei und selbstbestimmt zu leben.

Diskussion

In diesem Überblicksband zur Frauensuchtarbeit in Deutschland ist leider die Medikamenten-abhängigkeit unterrepräsentiert. In einigen Beiträgen wird sie nur randständig behandelt, obwohl es sich um eine bedeutende Frauensucht handelt. Eine einzige Einrichtung, nämlich die Suchtberatungsstelle FrauenZimmer in Freiburg, bietet in ihrem Programm die ambulante Suchtberatung bei Medikamentenabhängigkeit ausdrücklich an.

Wesentliche Fachbegriffe werden in vielen Beiträgen nicht ausdrücklich eingeführt und definiert, so dass der Eindruck einer gewissen Beliebigkeit in der Terminologie entstehen kann. Leicht führt ungenügende Definition zur Etikettierung, die ja auf jeden Fall vermieden werden sollte. Es gibt leider Gottes unter den Autorinnen keine gemeinsamen Definitionsgrundlagen. Es ist aber unabdingbar, die verwendeten Worte klar zu definieren und nur in dem definierten Umfang zu verwenden. Weiterhin ist es notwendig, darauf hinzuweisen, wer die Diagnose zum Beispiel einer posttraumatischen Belastungsstörung gestellt hat.

Die Geschichte der Frauensuchtarbeit fällt nicht mit der Geschichte der feministischen Suchtarbeit zusammen. Es hat in der Suchtarbeit immer Frauen gegeben, die sich für die Interessen der Frauen auf der Grundlage frauenspezifischen Denkens und Handelns eingesetzt haben, ohne erklärtermaßen Feministinnen gewesen zu sein.

Leider werden die Möglichkeiten der Selbsthilfe in den Beiträgen nicht ausgeschöpft; die begleitete Anleitung zur Selbsthilfe ist wohl keine Selbsthilfe im eigentlichen Sinn. Welche enormen Selbstheilungskräfte können gerade von schwangeren Frauen aktiviert werden? Ein Kind revolutioniert den Alltag, gibt dem Leben wieder einen Sinn, so dass viele positive Kräfte freigesetzt und aktiviert werden können. Warum knüpft man hier nicht an?

Bestimmte Formen des Feminismus haben sich wohl überlebt. Die jungen Frauen von heute sind in einem anderen Selbstverständnis aufgewachsen als ihre Mütter und Großmütter. Sie haben andere Erfahrungen, andere Problemlösungsmöglichkeiten und andere Perspektiven.

Der Titel des Buches ist falsch gewählt. Er könnte zum Beispiel lauten: „Arbeit mit heroinabhängigen Frauen in Deutschland“.

Fazit

Dieser Band gibt einen umfassenden Überblick über die über theoretische Bezüge, Geschichte und Prämissen der Arbeit mit opiatabhängigen Frauen und untersucht, wie Konzepte implementiert und weiterentwickelt wurden. Die Vielfalt der Einrichtungen und Konzepte zeugt von der Lebendigkeit und Fruchtbarkeit der „Szene“. Die Lektüre des Buches ist ein unbedingtes Muss für jeden in der Suchtarbeit Beschäftigten.


Rezensentin
Dr. med. Margot Veit-Brandenburg
Praktische Ärztin und Suchtmedizinerin
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Zitiervorschlag
Margot Veit-Brandenburg. Rezension vom 28.02.2017 zu: Martina Tödte, Christiane Bernard (Hrsg.): Frauensuchtarbeit in Deutschland. Eine Bestandsaufnahme. transcript (Bielefeld) 2016. ISBN 978-3-8376-3285-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21246.php, Datum des Zugriffs 20.09.2017.


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