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Charles Marsh: Dietrich Bonhoeffer. Der verklärte Fremde. Eine Biografie

Cover Charles Marsh: Dietrich Bonhoeffer. Der verklärte Fremde. Eine Biografie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. 591 Seiten. ISBN 978-3-579-07148-0. D: 29,99 EUR, A: 30,90 EUR, CH: 40,90 sFr.
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Thema

Was kann 70 Jahre nach der Ermordung einer vielfach glorifizierten Persönlichkeit kirchlichen und politischen Widerstands herauskommen? Eine äußerst gründliche und zugleich locker lesbar geschriebene und glänzend übersetzte Zeitgeschichte von 4 Jahrzehnten, in deren Brennpunkt Marsh Bonhoeffers Familie als Prototyp akademischer und adeliger Tradition stellt.

Der Autor eröffnet unbekannte Einblicke zwischen Macht und Elend der Kaiserzeit, Weltkrieg I, Weimarer Zeit, Naziterror und Weltkrieg II. Und wie Bonhoeffer auf Zeitgeschehnisse ebenso seismografisch reagiert wie auf seine innenseelischen Empfindungen. Trotz oder wegen seiner wissenschaftlichen Hochbegabung als Theologe kann er das, was ihn verwirrt, in Worte fassen und wird als ein Märtyrer enden, der er nicht sein wollte. Beim Lesen wird der Schleier der Gloriole zum Blick auf den introvertierten Bonhoeffer gelüftet, der forscht, unterrichtet, organisiert, reist, um in der Ökumene für die Kirche und Verfolgten zuhause Rückenstärkung zu bekommen. Aber unmenschliche und kriegslüsterne Machthaber und Mitläufer, auch aus kirchlichen Reihen, sind nicht zu bremsen. Also verschreibt sich der tiefgläubige Pazifist Bonhoeffer dem politischen Widerstand, und das nicht ohne Schuldgefühle. Daneben genießt er Musik und Literatur, schreibt auch Gedichte und ein Romanfragment – bis hinein in seine beiden letzten Jahre in Gefängnissen! Ein Jahr vor seinem Tod bereitet sich der 38-Jährige auf seine Ehe mit einer 20 Jahre Jüngeren vor, die er längst nicht so gut kennt wie seinen 4 Jahre jüngeren Schüler Eberhard Bethge, mit dem er eine vielschichtige Männerfreundschaft eingeht, aber ohne „coming out“.

Autor

Der amerikanische Theologe Charles Marsh ist ein für historische Werke wie „Glaubenskampf um Bürgerrechte“ hochdekorierter Universitätsprofessor in Charlotteville/USA und nahm 2010/2011 eine Dietrich-Bonhoeffer-Professur in Berlin an. Insgesamt hat er zwei Jahrzehnte in viele Richtungen recherchiert, nicht nur in Bibliotheken und bei Zeitzeugen, Er hat auch all die Orte in Europa und Übersee aufgespürt, wo Bonhoeffer in seinem nur 39jährigen Leben wohnte und wirkte.

Aufbau und Inhalt

Nach bilderreichen Streifzügen durch Bonhoeffers Kindheit in Breslau und Berlin werden kapitelweise meist in Zweijahresschritten seine Studienorte in Berlin, USA und Großbritannien nachgezeichnet und was ihn jeweils inspiriert und zum kritischen Nachdenken gebracht hat. Auf ökumenischen Stationen in Dänemark, Schweden und der Schweiz findet er weder dort noch in der Heimat Verständnis, sich der gefährlich zuspitzenden Diktatur und Kriegsvorbereitung zu stellen. Er diszipliniert seinen weit ausholenden Intellekt, schreibt die Bücher „Nachfolge“, „Gemeinsames Leben“ und die erst nach seinem Tod veröffentlichte „Ethik“. Als verheißungsvoll startender Privatdozent bleibt ihm doch eine Professur versagt: Aufgrund seiner Art, Abstand zu halten, kritisch dazwischen zu fahren, eigenständig zu denken, aber nie eigenmächtig zu handeln, bleibt er überall Außenseiter. Auch die zunehmend entmachteten Kirchenführer entziehen ihm ihre Solidarität. Und Bonhoeffer findet keine Kirche, die „für die Juden schreit“ und überhaupt zu wenige, die „ihren Mund auftun für die Stummen“.

Bonhoeffer spricht von dem Tag, „an dem wieder Menschen berufen werden, dass Wort Gottes so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert … vielleicht ganz unreligiös, aber befreiend“ (S.452 und Anm.79).

Gepeinigt von wirkungslosem Warnen schließt Bonhoeffer sich dem ja mehrfach gescheiterten Widerstand an. In einem starken Vergleich erklärt er sein Motiv so: „Wenn ein Amokfahrer auf dem Kurfürstendamm Menschen totfährt, begnüge ich mich nicht mit dem Trösten der Angehörigen und Versorgen der Verletzten, sondern werde den Fahrer notfalls mit Gewalt aufhalten“ (S. 427).

Der Widerstandsgruppe von Offizieren der Abwehr sowie von Angehörigen Bonhoeffers gelang es nicht, trotz internationaler Verbindungen gerade von Bonhoeffer, die Alliierten zu überzeugen, dass es eine neue deutsche Regierung aus der Opposition heraus geben könne. Das Ziel „bedingungslose Kapitulation“ stand lange fest. Der Autor macht das schlüssig klar: auch Angehörige der „Bekennenden Kirche“ knickten vor der Staatsmacht ein, schworen z.B. bei der Ordination einen Treueid auf den Führer. Bonhoeffers innenseelische Kämpfe werden dokumentiert, und welche Schmerzen und Widersprüche ihn, den zum Tyrannenmord Bereiten quälten. Eine Waffe gaben ihm die Attentäter nicht in die Hand.

Diskussion

Was könnte für Leserinnen und Leser neu und besonders interessant sein? Menschen aus vier Jahrzehnten auf Augenhöhe begegnen zu können: einer Familie, ihrem Umfeld, Geistesgrößen und Potentaten der Zeit, wie auch Mitläufern und „Hurra“-Schreiern, elendig Leidenden und Verlassenen. Knapp und differenziert werden Kirche und Gesellschaft charakterisiert, Weichenstellungen erklärt und wie wenige sich wehren und wie viele sich Hitler und seinen Schergen unterwerfen, auch Offiziere und Soldaten. Der Autor flicht immer wieder Beispiele ein, wie Menschen mit hehren Zielen, die zum Scheitern verurteilt sind, ihr Leben beziehungsvoll, manchmal einsam, aber so genussreich wie möglich leben und ohne Galgenhumor. Am Galgen endete Bonhoeffer im KZ Flossenbürg im April 1945 – betend, nicht versunken, sondern ganz wach.

Das Ergebnis seiner umfangreichen Studien bringt Marsh im Untertitel auf den Punkt: „Der verklärte Fremde“. Im amerikanischen Original lautet der Titel „Strange Glory“.

Fazit

Diese neue Biografie Bonhoeffers ist rundum empfehlenswert. Das umfangreiche Werk ist reich bebildert, in verständlicher Sprache verfasst, sinnvoll gegliedert und ermöglicht einen Durchblick in den Aufruhr der Elemente in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts. Von Fragen und Erkenntnissen in diesem Buch können religiös und nicht religiös Orientierte ebenso profitieren wie Menschen,die in politischen, gesellschaftlichen und weltanschaulichen Krisenzeiten Antworten und Lösungen, Mahner und Vorreiter suchen. Lernen Sie den verklärten fremden Bonhoeffer kennen!


Rezensent
Dr. med. Joachim Gneist
Psychiater, Psychotherapeut, Evang. Theologe, Sachbuch- und Roman-Autor.
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Zitiervorschlag
Joachim Gneist. Rezension vom 05.12.2016 zu: Charles Marsh: Dietrich Bonhoeffer. Der verklärte Fremde. Eine Biografie. Gütersloher Verlagshaus Verlagsgruppe Random House GmbH (Gütersloh) 2016. ISBN 978-3-579-07148-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21253.php, Datum des Zugriffs 18.09.2019.


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ISSN 2190-9245

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