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Bernd Maelicke, Christopher Wein: Komplexleistung Resozialisierung

Cover Bernd Maelicke, Christopher Wein: Komplexleistung Resozialisierung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. 242 Seiten. ISBN 978-3-8487-2845-9. D: 59,00 EUR, A: 60,70 EUR.
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Thema

Die für den Titel maßgebliche Grundidee des Bandes ist eingängig und wurde von Maelicke bereits in der Vergangenheit formuliert (z.B. Forum Strafvollzug 2009, S. 60-62): Resozialisierung im Rahmen der Straffälligenhilfe soll erfolgreicher werden, indem sie als ‚Komplexleistung‘ betrachtet und angeboten wird.

Die Autoren bedienen sich dabei eines Begriffs aus dem Sozialrecht (S. 36 ff.). Sie stellen den Vergleich mit Leistungen zur Früherkennung und Frühförderung für Kinder mit Behinderung oder von Behinderung bedrohter Kinder her (§ 30 SGB IX), eine andere sozialrechtliche Komplexleistung ist beispielsweise die einer Krankenhausbehandlung. Es geht dabei um vielfältige Leistungen möglichst aus einer Hand, wobei der eine hauptverantwortliche Träger die Leistung anderer hinzuziehen kann. Dadurch soll ein Zuständigkeitswirrwarr und das Hin-und Herschieben von Verantwortlichkeit und Finanzierungszuständigkeit, von Betreuungslücken und Doppelbetreuung verhindert, und eine berufsgruppenübergreifende Kooperation von Fachkräften in interdisziplinären Teams ermöglicht werden, die in durchgehende Dienstleistungsketten zur systematischen und ganzheitlichen Bearbeitung der vielfältigen und komplexen sozialen Problemlagen mündet. Thema des Bandes ist, was bislang zumeist als ‚Übergangsmanagement‘ bezeichnet wird, mit dem Ziel aber, diesen Begriff zu ersetzen durch ein Verständnis von ‚integrierter Resozialisierung‘ als einer Komplexleistung.

Vor diesem Hintergrund wird in dem Band auch über die von 1.1.2016 bis 30.6.2016 von den Autoren bei allen Justizministerien der Länder durchgeführte Umfrage zum Stand des sog. Übergangsmanagements berichtet (S. 63 ff.). Mit ihr sollte der Status quo der Koordinierung stationärer und ambulanter Resozialisierungsmaßnahmen erfasst werden, die dem Ziel dienen, nach der Entlassung aus dem Strafvollzug die soziale Integration zu verbessern und damit die Rückfallquoten zu verringern.

Autoren und Entstehungshintergrund

Der Autor Bernd Maelicke ist durch vielfache Publikation zum Themenkomplex Resozialisierung bekannt. Sie reichen von seiner Dissertation 1977 (Entlassung und Resozialisierung: Untersuchung zur Sozialarbeit mit Straffälligen, Verlag C.F. Müller) bis hin etwa zu dem Werk das „Das Knast-Dilemma. Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift.“ (C. Bertelsmann Verlag, München 2015, vgl. die www.socialnet.de/rezensionen/18939.php), mit dem das Thema für eine breitere Öffentlichkeit aufbereitet wurde. Christopher Weins Masterarbeit war eine Grundlage des Buches, die durch die erwähnte Länderumfrage ergänzt wurde.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist in 16 Unterkapitel gegliedert, die von unterschiedlichem Umfang sind und einen breiten thematischen Bogen schlagen.

Zunächst werden die Grundlagen zum Thema Resozialisierung erläutert, von einem thematischen Aufschlag über Resozialisierung im Umbruch (1. Kapitel) über das weiter untergliederte Kapitel zur Ausgangslage (2. Kapitel) mit Ausführungen zum 3-Säulenmodell der Resozialisierung, den Ausfilterungsprozessen hin zum Strafvollzug, der die erste Säule darstellt und dann ebenso wie die weiteren Säulen, die Sozialen Dienste der Justiz und die Freie Straffälligenhilfe, einen Überblick insbesondere anhand von Statistiken erfährt.

Es folgt ein Kapitel (3. Kapitel) mit Erklärung der für das Buch zentralen zehn Schlüsselbegriffe und ein historisches (4. Kapitel) über Resozialisierung in Deutschland seit 1945.

Im 5. Kapitel werden rechtliche Grundlagen aufgeführt.

Das 6. Kapitel nimmt mit über 60 Seiten etwa ein Viertel des Gesamtumfangs ein und ist auch inhaltlich das Kernstück des Buches. In ihm werden Anlage und Ergebnisse der Länderumfrage zum Übergangsmanagement zusammenfassend dargestellt und ausgewählte Modellprojekte (Leuchttürme) werden näher beschrieben.

Im 7. Kapitel (Internationale Entwicklungen) werden zunächst diverse Europaratsempfehlungen referiert und dann Entwicklungen aus den Ländern England/Wales, Norwegen, Österreich, Schweiz und USA berichtet.

Diskussion

Das besprochene Buch ist aus wissenschaftlicher Sicht insgesamt enttäuschend. Der geschürten Erwartung, hier werde Resozialisierung in einer innovativen, die bisher vorliegenden wissenschaftlichen Erkenntnisse berücksichtigenden Weise neu konzeptualisiert, wird nicht entsprochen. Vielmehr bietet das Werk eine Zusammenstellung bereits bekannter sowie andernorts verfügbarer Informationen, die nur spärlich und ungenau mit Literatur belegt werden, wobei eine Auseinandersetzung mit aktuellen wissenschaftlichen Kontroversen leider ausgespart bleibt. Das Buch folgt vielmehr durchgehend der bereits im Vorwort vorgegebenen Devise: „Die Chancen und Notwendigkeiten sind offenkundig, die Gegenargumente und Widerstände ebenso.“ (S. 5) Insofern handelt es sich auch eher um einen Appell an die Praxis, Netzwerke zu bilden und „die vorgeschlagenen Bausteine zu einem wirkungsvollen Gesamtsystem Integrierter Resozialisierung schrittweise zusammenzufügen“, wie sich ebenfalls bereits aus dem Vorwort ergibt (S. 5).

Auch der Beratung und Anregung einer wissenschaftlich informierten Praxis jedoch wäre mehr damit gedient gewesen, sich in den derzeitig bestehenden Richtungsstreit argumentativ einzubringen, der in zugespitzter Zusammenfassung von der Bedeutung des Themas der Rückfallprävention, ihr dienender Risikoanalysen und Behandlungsprogramme in Relation zu davon unabhängiger sozialer Unterstützung und Ressourcenorientierung sowie dem Problem der Ökonomisierung Sozialer Arbeit handelt.

Es beginnt damit, dass der Begriff der Komplexleistung als Lösungsansatz propagiert wird, aber die Vorteile einer solchen Betrachtungsweise – die zudem höchst schwammig bleibt –, nicht erläutert, sondern nur behauptet werden. Während die Probleme, um deren Lösung es geht, tatsächlich lange bekannt sind, auch unter dem Stichwort ‚Reso-Flipper‘ (www.kunst-trotzt-armut.de/index.php/blei-sebastian.html, dazu auch schon Bernd MaelickeVom Reso-Flipper zum Reso- Gesetz, in: Forum Strafvollzug, 63, 2014, S. 113–114), müssten also insbesondere die Vorteile dieses neuen Verständnisses expliziert werden.

Die Leserin erfährt aber stattdessen, dass die Aufgabe der Resozialisierung alle Merkmale einer ‚Komplexleistung‘ (die nicht aufgeführt werden) erfülle, sei offenkundig (S. 153), allerdings nicht, aus welchen genauen Gründen sie so zu bezeichnen einen Fortschritt bedeutete und wenn ja, in welche Richtung des Fortschritts dies dann führte.

Es fehlt auch an einer Auseinandersetzung mit der Kritik, die die Einführung des Konstrukts ‚Komplexleistung‘ auch bezogen auf die sozialrechtlichen Bereiche erfahren hat, in denen sie etabliert ist (vgl. etwa Neumann, in Neue Zeitschrift für Sozialrecht 2004, 281 ff.).

Neben der Erwähnung erhoffter Vorteile bleibt zudem eine kritische Betrachtung vorhersehbarer Probleme der Übertragung dieses Ansatzes auf die Straffälligenhilfe aus.

Eine Befassung mit den Bedingungen des Strafvollzugs als totaler Institution, die eine Vielzahl an Schwierigkeiten, denen mit der ‚Komplexleistung Resozialisierung‘ begegnet werden soll, erst hervorrufen, sucht man in dem Buch ebenfalls vergebens. Da es bei der Rückfallprävention nicht oder jedenfalls nicht primär um eine Leistung im Interesse der sie (zwangsweise) in Anspruch nehmenden Person, sondern um eine solche in staatlich gesetztem gesellschaftlichen Interesse geht, kann sich die Leistung aus einer Hand statt vieler Hände aber durchaus problematisch auswirken, wie etwa aus den diversen Kooperationsprojekten zwischen Ermittlungsbehörden und Jugendhilfe bekannt ist. Auch dort erscheint die Vernetzung und Kooperation der beteiligten Behörden zunächst als selbstverständlich förderungswürdig, auf den zweiten Blick offenbaren sich allerdings aufgrund unterschiedlicher Aufgabenzuweisungen und der mit ihnen einhergehenden Rechte und Pflichten tiefgreifende Probleme (dazu etwa Riekenbrauk: Das „Kölner Haus des Jugendrechts“ kein Modell für die Jugendhilfe, in Kriminologie – Jugendkriminalrecht- Strafvollzug, Festschrift für Michael Walter, Berlin 2014, S. 379 ff.). Zumindest wenn man Resozialisierung richtigerweise und entsprechend verfassungsrechtlichen Vorgaben nicht allein als Instrument der Rückfallprävention versteht, sondern auch als soziale Hilfe bei der Wiedereingliederung mit dem Versuch vorherigen Schädigungen durch den Freiheitsentzug entgegenzuwirken, so stellte sich etwa durchaus die Frage nach der möglichen Rolle des Strafvollzugs, erst recht auch noch nach der Entlassung aus demselben.

Das erste kurze Kapitel ist mit „Resozialisierung im Umbruch“ betitelt, man erfährt aber nicht, worin dieser Umbruch von den Autoren gesehen wird, vielmehr ist von einem Auf und Ab die Rede und von dem Widerstreit zwischen öffentlichkeitswirksamen law and order Forderungen zu rationaler Kriminalpolitik. Man kann erahnen, dass es den Autoren um den von ihnen erhofften Umbruch hin zu der von ihnen erstrebten Komplexleistung geht.

Das zweite Kapitel soll als empirische Basis dienen, um später „ein innovatives Konzept einer wirkungsorientierten und nachhaltigen Sozialisation“ zu entwickeln. Dass dafür dann jedoch lediglich Statistiken über strafrechtliche Sanktionierung, eine aktuelle und eine betagte Studie von Maelicke sowie die bundeseinheitliche Rückfallstatistik herangezogen werden, kann nur als peinlich bezeichnet werden. Bei aller Problematik der Wirkungsforschung über Sanktionen, wobei der Kausalitätsproblematik hier gerade auch die bundesweite Rückfallstudie unterfällt (zum Ganzen zsf. Christine Graebsch (2014): What works? Auseinandersetzung mit den Möglichkeiten und Grenzen wissenschaftlich fundierter Kriminalprävention. In: Kriminologie und soziale Arbeit. Weinheim: Beltz Juventa, S. 84–99.2014; Christine Graebsch und Sven-U. Burkhardt (2015): Vergleichsweise menschlich? Springer Wiesbaden), lässt sich eine wirkungsorientierte Straffälligenhilfe sicher nicht auf Grundlage derart allgemeiner Daten und ohne eingehende Auseinandersetzung mit dem Forschungsstand entwickeln.

Hinzu kommen Ungenauigkeiten wie die Behauptung, eine ähnliche spezialisierte sozialdienstliche Begleitung wie bei den ca. 30 % mit Reststrafenaussetzung Entlassenen gäbe es für alle anderen nicht (S. 31). Dabei werden die seit längerer Zeit zunehmenden und quantitativ keinesfalls zu vernachlässigenden Führungsaufsichtsunterstellungen, mit denen auch Bewährungshilfe einhergeht, vollkommen außer Acht gelassen.

Wenn im dritten Kapitel dann die Schlüsselbegriffe erläutert werden, hätte dies besser früher geschehen sollen. Allerdings sind diese Erläuterungen aber auch von einer Allgemeinheit, die sich im Nichtssagenden verliert und über weite Strecken schlicht Wunschdenken wiedergibt statt einen durchdachten Weg zu dem zu weisen, was die Verfasser „Soziale Strafrechtspflege“ (S. 49 ff.) nennen. So fordern die Verfasser, um nur ein Beispiel zu nennen, eine „sozialkompensatorische Prozessführung“: „Strafverfolgungsbehörden mit Einschluss der Polizei sollen soziale Benachteiligungen ausgleichen“. Wie weit wir davon aktuell entfernt sind, wie das überhaupt gehen soll und welcher Weg von hier nach dort beschritten werden sollte, wird nicht erwähnt.

Die Ausführungen sind auf diese Weise über weite Strecken oberflächlich und Gemeinplätze. Und auch in diesem Definitionskapitel findet eine Auseinandersetzung mit aktuellen Kontroversen nicht statt. Der National Offender Management Service, den es seit Kurzem so nicht mehr gibt, wird als Vorbild durchgehender Betreuung empfohlen ohne sich mit den systematischen Unterschieden der Straffälligenhilfe zwischen Deutschland und England/Wales (dazu Carmen Mutz, Der englische National Offender Management Service und die Deutsche Bewährungshilfe, Universitätsbibliothek Tübingen 2012) und erst recht ohne sich mit den weiteren Implikationen einer Übertragung, mit Risikoorientierung und Ökonomisierungstendenzen auseinanderzusetzen, woran es der gesamten Publikation durchgehend, aber eben auch an dieser Stelle, fehlt.

Nach einem kurzen historischen Überblick in Kapitel 4 wird dann auf rechtliche Grundlagen eingegangen. Dabei werden Grafiken aus Publikationen von Cornel aus dem Jahre 2009 übernommen (S. 61), jedoch ohne sie zu aktualisieren. Dies hätte den Rahmen einer studentischen Abschlussarbeit nicht verlassen sollen und hätte selbst in dieser auf den geltenden Normenstand gebracht werden müssen. Peinlich ist die Bezugnahme auf die „seit Jahren unverändert[en Gesetze]“ (S. 62), ebenfalls unter Berufung auf Cornel 2009, auch wenn dies im Kern (Zersplitterung betreffend Rechtsgrundlagen und Leistungsträgern) weiterhin zutrifft.

Die zusammenfassende Darstellung der Ergebnisse der Länderbefragung im 6. Kapitel ist der Kern des Buches, zugleich aber lediglich eine Zusammenfassung der im Internet komplett einsehbaren Ergebnisse (http://reso-werkstatt-hamburg.de). Die eigentliche Leistung des besprochenen Werkes liegt daher darin, aus diesen einige ‚Leuchttürme‘ herauszuarbeiten, die zur Nachahmung empfohlen werden. Nach welchen Kriterien diese Auswahl allerdings erfolgte, weshalb, anhand welcher Standards und aus wessen Perspektive es sich dabei um eine ‚best practice‘ handeln soll (S. 65), bleibt völlig offen. Deswegen gelingt es dem Werk nicht einmal ansatzweise, seinem eigenen Anspruch gerecht zu werden, die Komplexleistung Resozialisierung selbst im Sinne einer Komplexleistung zu bearbeiten und eine wissenschaftliche Basis für die Praxis bereitzustellen. Eher handelt es sich um eine – durchaus nicht uninteressante – Zusammenstellung von Praxisinitiativen, deren Gemeinsamkeit besser mit der verbundenen Intention beschrieben ist, bekannten Problemen in Zusammenhang mit Resozialisierung und den Übergängen zwischen Vollzugsanstalt und draußen mittels innovativer Ansätze zu begegnen. Dass diese Vorhaben aber in der Praxis tatsächlich den gewünschten Erfolg haben, ist keineswegs gesagt, worauf auch die Verfasser hinweisen (S. 127). Selbstverständlich kann nicht allein der Erfolg wissenschaftlich evaluiert werden, sondern es können wissenschaftliche Grundlagen für die Entwicklung von Praxisprojekten herangezogen werden, deren Wirkung sich dann erst noch zeigen muss. Um immerhin in diesem Sinne von einer ‚best practice‘ sprechen zu können, hätten in einer Darstellung mit wissenschaftlichem Anspruch dann aber eben die jeweiligen wissenschaftlichen Grundlagen diskutiert werden müssen.

Im siebenten Kapitel werden „Internationale Entwicklungen“ angesprochen, in einem ersten Unterkapitel „Länderübergreifende Regelungen“. Es geht dabei um Empfehlungen, die vom Ministerkomitee des Europarats an dessen Mitgliedstaaten gegeben wurden: die European Prison Rules (CM/Rec (2006)2); die European Rules for Juvenile Offenders Subject to Sanctions or Measures (CM/Rec (2008)11) und die European Probation Rules (CM/Rec (2010) 1). Nun kann es sicher nicht schaden, vor allem die letztgenannte Empfehlung in Deutschland immer wieder zu erwähnen, weil sich dabei durchaus Defizite in der Bekanntheit feststellen lassen, was allerdings auch für andere Europaratsempfehlungen gilt, die nicht genannt werden (z.B. 2012 (12) betreffend ausländische Gefangene oder die CM/Rec(2014)3 betreffend als gefährlich eingestufte Straftäter sowie zu Community Sanctions and Measures 2017 (3)). Europaratsempfehlungen dürften oftmals deswegen wenig zur Kenntnis genommen werden, weil verbreitet die Haltung vorherrscht, diese seien eher für Staaten wie Russland oder die Türkei gedacht, wohingegen es in Deutschland ohnehin ausgefeilte, menschenrechtlich fundierte gesetzliche Grundlagen gäbe. Einem solchen Eindruck kann man aber sicher nicht durch eine höchst allgemein gehaltene Auflistung der Inhalte begegnen, sondern nur durch eine (exemplarische) Befassung damit, welche Anforderungen bereits erfüllt sind und welche eben nicht. Sogar Schaden fügt man dem Anliegen, ihnen stärkere Geltung zu verschaffen, mit der (auch hier ohne jede Fundstelle getätigten) Behauptung zu: „Diese Grundsätze sind rechtlich nicht bindend, sondern bieten den Mitgliedstaaten Orientierung für die eigene Gesetzgebung und Politik und zeigen anerkannte Standards für die Arbeit in den verschiedenen Arbeitsfeldern der Resozialisierung auf.“ (S. 129). Schließlich hat das Bundesverfassungsgericht doch bereits 2006 im Gegenteil festgestellt: „Auf eine den grundrechtlichen Anforderungen nicht genügende Berücksichtigung vorhandener Erkenntnisse oder auf eine den grundrechtlichen Anforderungen nicht entsprechende Gewichtung der Belange der Inhaftierten kann es hindeuten, wenn völkerrechtliche Vorgaben oder internationale Standards mit Menschenrechtsbezug, wie sie in den im Rahmen der Vereinten Nationen oder von Organen des Europarates beschlossenen einschlägigen Richtlinien und Empfehlungen enthalten sind.“ (BVerfG, Urteil vom 31.05.2006, 2 BvR 1673/04, 2 BvR 2402/04, Rn. 63, juris).

Das zweite Unterkapitel von Kapitel sieben bezieht sich auf „länderspezifische Entwicklungen“. Auch hier hätte eine gezielte Auswahl mit Erläuterung, welche Entwicklung außerhalb Deutschlands aufgrund genau welcher Unterschiede zur hiesigen Situation inwiefern, worauf, in welcher Weise und auf welcher wissenschaftlichen Erkenntnisgrundlage vor dem Hintergrund welcher Zielvorstellung übertragenswert erscheint, durchaus interessant sein können. Dies gilt jedoch nicht für die stattdessen erfolgte, wahllos erscheinende Aneinanderreihung weithin unbelegter Ausführungen betreffend England/Wales, Norwegen, Österreich, Schweiz und USA. Beispielhaft nur dies: Zu der ebenso idealisierenden wie veralteten Darstellung betreffend England/Wales wird als einzige Quelle „Burke 2015“ genannt (S. 140), die Quelle dann aber nicht im Literaturverzeichnis aufgeführt. Zudem wird damit ein ausgewiesener Kritiker der aktuelleren Entwicklungen in der englischen/walisischen Bewährungshilfe für die positive Präsentation dieses Beispiels von Entprofessionalisierung und Ökonomisierung herangezogen (vgl. nur Lol Burke (2016): Where Did It All Go Wrong? Probation Under New Labour and the Coalition, in: Probation and Politics, Hrsg.: Maurice Vanstone/Philip Priestly, Palgrave Macmillan, London, S. 33-57).

Erst im achten Kapitel mit dem Titel „Komplexleistung Resozialisierung“ dieselbe definieren zu wollen, käme sehr spät, könnte an dieser Stelle lediglich Sinn geben, wenn dabei Schlussfolgerungen aus den vorherigen Kapiteln gezogen würden. Dies findet allerdings nicht statt, vielmehr wird lediglich die bereits oben zitierte Behauptung getätigt, die Bedeutung sei offenkundig (S. 153), wobei man sich im Falle des Zutreffens dieser Behauptung wiederum fragen dürfte, worin eigentlich dann der Mehrwert dieser Bezeichnung liegen sollte. Ersichtlich geht es um systemisches und integratives Denken sowie Case-Management, wobei letzteres dann im nächsten, dem 9.Kapitel erläutert wird. Auch hier findet sich wieder die unreflektierte Übernahme diverser fremder Grafiken.

Im zehnten Kapitel wird dann immerhin deutlich, dass es sich insgesamt um einen Ansatz des „Reso-Management“ handeln soll. Wohlklingende Formulierungen im Sinne des auch empfohlenen „Reso-Marketing“ (S. 170 f.) reichen bis hin etwa zu der gewagten These: „Im Sinne des Case- und Care-Managements kommen Organisationen und deren Vertretern auch anwaltschaftliche Aufgaben zu.“ (S. 164). Solche Behauptungen können freilich eine Begründung nicht ersetzen, weshalb diese Ziele nun gerade mit dem vorgeschlagenen Modell erreicht werden sollten. Zwar trifft es zu, dass es „noch immer nur wenige Ergebnisse aus Evaluationen vorheriger Modellprojekte“ gibt (S. 175). Umso weniger kann man sich aber natürlich eine Auseinandersetzung mit bestehenden wissenschaftlichen Erkenntnissen einfach ersparen.

Im elften Kapitel „Reso-Systementwicklung“ wird entgegen dem Namen kein System entwickelt, sondern es geht letztlich um die Frage der Durchsetzung des (diffusen) Leitbildes einer Komplexleistung Resozialisierung, wobei als Kontext ein „kriminalpolitisches Kraftfeld“ beschrieben wird, das sich „überwiegend zwischen den Polen Medien und Kriminalpolitik“ bewege (S. 184) und dem gegenüber es gelte, ein „kriminalpolitisches Kraftfeld“ herzustellen, „in dem weitestgehend alle Kräfte gleich stark wären“ wie es 1977 als Voraussetzung der Entstehung des Strafvollzugsgesetzes bestanden habe (S. 185).

Als sollte diesem „kriminalpolitischen Kraftfeld“ gedient werden, springt nun im zwölften Kapitel unvermittelt die „Opferorientierung“ ins Bild, gefolgt von einem dreizehnten Kapitel „Landesresozialisierungs- und Opferschutzgesetze“. Zwischen den Zeilen klingt ein gewisser Groll durch, der sich auf die Veröffentlichung des „Diskussionsentwurf[s] für ein Landesresozialisierungsgesetz, Nichtfreiheitsentziehende Maßnahmen und Hilfeleistungen für Straffällige“ (vgl. Heinz Cornel u.a. 2015, Forum Verlag Godesberg) bezieht, den die Arbeitsgruppe, der Maelicke ursprünglich angehörte, nach dessen Ausscheiden ohne ihn veröffentlichte (S. 190). Statt nun aber eine fundierte Auseinandersetzung mit diesem zu führen und der Leserin zu erläutern, weshalb der vorherige von Maelicke, den er 2014 schon veröffentlichte, nun an welcher Stelle und aus welchen Gründen überlegen sein sollte, wird er schlichtweg als weiteres Anhängsel am Ende des Buches unkommentiert abgedruckt. Hier schließt sich der Kreis zum Vorwort, wonach Chancen und Notwendigkeiten ebenso offenkundig seien wie Gegenargumente und Widerstände (s.o.). Weshalb es dann allerdings überhaupt dieser Publikation bedurft haben sollte, bleibt ebenso wie die Suche nach echten Argumenten in derselben offen.

Im vierzehnten Kapitel wird dann unternehmerisches Vokabular auf das Feld der Straffälligenhilfe angewendet bis hin zur „Wertschöpfungskette Resozialisierung“. Begriff und Konzept wurden von Maelicke schon zuvor verwendet, an Überzeugungskraft gewonnen haben sie durch das nun vorgelegte Werk nicht. Überantwortet man einen derart eingriffsintensiven Bereich staatlichen Handels jedoch einer ökonomischen Logik, so ist es mehr als begründungsbedürftig, weshalb dies nicht zu Lasten der diesem System zwangsweise Unterliegenden und ihrer Reintegration, voraussichtlich aber auch dem angestrebten Erfolg der Rückfallprävention mehr schaden als nutzen sollte. So zeigte sich aktuell, dass das von den Verfassern vielfach als Vorbild gepriesene britische Bewährungshilfesystem alles andere als erfolgreich ist, noch nicht einmal gemessen an ökonomischen Kriterien (HM Inspectorate Probation, Enforcement and Recall, Februar 2018, https://tinyurl.com/yc2jh6vx). Daran ändert auch die Forderung nach Forschung und Entwicklung, nach einer „F & E als Innovationsstrategie“ (S. 199 f.), nichts. Sie deutet vielmehr in dieselbe Richtung. Statt sich an bezogen auf diesen Bereich bestehenden Konzepten zu orientieren, die schon mehr als genug Schwierigkeiten bieten (vgl. das demnächst bei Springer erscheinende, von Walsh et al. herausgegebene Werk „Evidenzorientierte Kriminalprävention in Deutschland“), soll sich auch die Forschung offenbar dem ökonomischen Diktat unterordnen.

Wie dies nun schließlich zu der im fünfzehnten Kapitel im Rahmen eines „Ausblicks“ empfohlenen Desistance-Orientierung (S. 206 f.) passen soll, die gerade in kritischer Auseinandersetzung mit einer Vielzahl von in dem Buch empfohlenen Herangehensweisen entstanden ist, bleibt – wie vieles andere – offen. Ob das im sechszehnten und letzten Kapitel (nach dem Ausblick) vorgestellte Kölner RESI-Projekt der Desistance-Orientierung näher kommt, wird nicht besprochen. Weshalb und inwiefern dieses Projekt als besonders leuchtender Leuchtturm zu betrachten sein soll, weshalb und inwiefern es gar „die Wirksamkeit des Konzepts der Komplexleistung praktisch und wissenschaftlich nachgewiesen“ (S. 210) haben sollte, wird nicht deutlich, sondern schlicht behauptet. Erfolgreich im Sinne der zuvor im Buch besprochenen politischen Durchsetzung jedenfalls war RESI nicht, denn es wurde nicht weiterfinanziert. Erst recht kann ein wissenschaftlicher Nachweis nicht an den angeführten Evaluationsergebnissen festgemacht werden, da die Evaluation keine Kontrollgruppe analysierte, sodass offen bleibt, ob die festgestellten positiven Wirkungen auch ohne das Projekt eingetreten wären. Zwar spricht viel dafür, dass es sich tatsächlich um ein vor dem Stand der wissenschaftlichen Erkenntnis sowie der Desistance-Forschung sinnvolles Projekt handelt, dies wäre dann aber theoretisch zu begründen gewesen statt einen eindeutigen empirischen Nachweis zu behaupten.

Einer wissenschaftlichen Basierung der Praxis von Straffälligenhilfe nicht zuträglich ist auch der Umgang mit Quellenangaben, wenn als Beleg für Aussagen regelmäßig ein gesamtes Werk, jedoch keine Seitenzahlen o.ä. angegeben werden, die Nachvollziehbarkeit gewährleisten würden. Es ist zuzugeben, dass diese Vorgehensweise nicht wenig verbreitet ist. Das macht sie jedoch nicht weniger ärgerlich.

Fazit

Anstelle der angekündigten wissenschaftlichen Fundierung einer „Komplexleistung Resozialisierung“ bietet das Buch leider nur eine lose Aneinanderreihung von Texten zu unterschiedlichen Themen, denen es durchgehend an wissenschaftlichen Belegen sowie der Auseinandersetzung mit naheliegenden Gegenargumenten mangelt. Das Buch verfällt über weite Strecken einer dem Feld der Ökonomie entstammenden Sprache, mittels derer die doch eigentlich erst zu begründenden Ergebnisse immer schon als Erfolg präsentiert werden. Es handelt sich dabei um eine Art „Resozialisierungs-Marketing“, das dem in der Tat komplexen Thema der Resozialisierung und seinem politisch fragilen Stellenwert nicht gerecht wird. Es wird sicher nicht zu einem Durchbruch im Sinne eines menschenrechtlich fundierten und an Desistance-Forschung ausgerichteten Umgangs mit strafrechtlich in Erscheinung getretenen Personen verhelfen. Vielmehr wird die einem solchen Modell folgende Resozialisierung genauso oberflächlich sowie an Effizienz statt nachhaltiger und gerechter Effektivität ausgerichtet sein, wie das in diesem Buch präsentierte Konzept.


Rezensentin
Prof. Dr. Christine Graebsch
Dipl.-Krim. Hochschullehrerin an der Fachhochschule Dortmund, Fachbereich Angewandte Sozialwissenschaften, Leiterin des dortigen Strafvollzugsarchivs.
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Zitiervorschlag
Christine Graebsch. Rezension vom 29.03.2018 zu: Bernd Maelicke, Christopher Wein: Komplexleistung Resozialisierung. Nomos Verlagsgesellschaft (Baden-Baden) 2016. ISBN 978-3-8487-2845-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21255.php, Datum des Zugriffs 18.11.2018.


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