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Interdisziplinäres Autorenteam Witten (Hrsg.): Heal Your Hospital

Cover Interdisziplinäres Autorenteam Witten (Hrsg.): Heal Your Hospital. Studierende für neue Wege der Gesundheitsversorgung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. 240 Seiten. ISBN 978-3-86321-240-7. D: 16,90 EUR, A: 17,40 EUR, CH: 23,90 sFr.
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Thema

Der Titel verspricht Innovation, nämlich neue Wege in der Gesundheitsversorgung.

Herausgeber – Autorinnen und Autoren

Die Herausgeber, das „Interdisziplinäre Autorenteam Witten“, sind gleichzeitig die Autorinnen und Autoren dieses Werkes. Fünf von den Autorinnen und Autoren stehen im Medizinstudium (Levka Dahmen; Claudia Schlösser; Sören Schulz; Moritz Völker; Johanna Werner), zwei haben das Studium abgeschlossen (Sebastian Beltz; Ruth Kania). Einer der Autoren ist Gesundheits- und Krankenpfleger und hat einen Bachelor of Arts in Philosophie, Politik und Ökonomie mit den Schwerpunkten Gesundheit und Strategieentwicklung (Matthias Thamm). Nur ein Autor (Julian Grah) hat mit einem Studium der Philosophie, Politik und Ökonomik mit Schwerpunkten im Bereich der Organisationsentwicklung und Unternehmensführung fachlich zunächst nichts direkt mit dem Gesundheitswesen zu tun.

Aufbau und Inhalt

In einer gemeinsam verfassten Einleitung spricht das „Interdisziplinäre Autorenteam Witten“ den Grundkonflikt an, in dem sich die Autorinnen und Autoren befinden: „Der Wille, in diesem System tätig zu werden, und das Wissen um die Fallstricke unserer Ideale, bringen uns in Not.“ (S. 11). Und dann wird nicht eine Lösung angeboten, aber das Vorgehen für eine gemeinsame Suche: „Wir wollten die Ursachen des Übels erkennen und Wege finden, unsere Ideen für ein besseres Gesundheitssystem von morgen einzubringen.“ (S. 11). Wie in solchen Situationen nicht ganz unüblich, wird nach einem „Paradigmenwechsel im System“ gerufen (S. 13). Dieser Paradigmenwechsel müsse hinführen auf ein menschengemäßes Gesundheitssystem, das beiden, dem Individuum Patient und dem Individuum Heilberufler, gerecht wird. Die folgenden neun Beiträge sollen zeigen, was es mit diesem Paradigmenwechsel auf sich hat.

Die ersten beiden Beiträge widmen sich dem Individuum in einer individualisierten Medizin und dem informierten Patienten (Levka Dahmen, Das Individuum in einer individualisierten Medizin; Claudia Schlösser, Fit als Patient). Unter dem schillernden Titel der individualisierten Medizin verbergen sich mehrere Phänomene, so auf der diagnostischen Seite die genetische Analyse und auf der therapeutischen Seite die individualisierte Arzneimitteltherapie. Darüber hinaus geht es um die Anwendung etwa von allgemeinen Empfehlungen, Richtlinien und Leitlinien. Die Autorin plädiert für die Schaffung einer integrativen und individualisierten Medizin, wie sie sich in den USA als akademische Richtung herausgeprägt hat. In der Sache geht es um ein medizinisches Versorgungsangebot, das ganzheitlich auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingeht und das die Koproduktion zwischen Arzt und Patient in den Blick nimmt.

Das Thema des zweiten Beitrages nimmt einen Aspekt dieser Koproduktion zwischen Arzt und Patient auf: den fitten Patienten. Dabei geht es einerseits um den gesundheitlich informierten Patienten und andererseits um den an den Entscheidungs- und Behandlungsprozessen zu beteiligenden Patienten. Ziel ist eine partizipative Entscheidungsfindung, d. h. die Herstellung eines Interaktionsprozesses mit dem Ziel, unter gleichberechtigter aktiver Beteiligung von Patient und Arzt auf Basis geteilter Informationen zu einer gemeinsam verantworteten Übereinkunft zu kommen (S. 31). Dieses Ziel ist als Erfordernis bereits in den Vorschriften zum Behandlungsvertrag formuliert (§ 630c Abs. 1 und 2 BGB). In der Folge widmet sich der Beitrag aber in der Hauptsache den Möglichkeiten für Patienten, sich im Internet zu informieren. Dabei wird die aktuelle und mögliche zukünftige Rolle des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG) bei der unabhängigen Informationsaufbereitung herausgestellt.

Im dritten Beitrag werden ärztliches und pflegerisches Personal in den Blick genommen (Sebastian Beltz, Matthias Thamm, Arbeitskrise im Gesundheitswesen). So wird beispielhaft der Arbeitsalltag eines Assistenzarztes geschildert. Gerügt werden die Belastung mit arztfremden Aufgaben und die Arbeitsüberlastung bei Ärzten. Auch auf die Arbeitsbelastungen bei den Pflegenden wird eingegangen. In diesem Zusammenhang wird ein strukturelles Problem angesprochen: die interdisziplinäre Zusammenarbeit mit den anderen Berufsgruppen im Krankenhaus. Aufgrund einer Erhebung von 2011 ist die Zufriedenheit mit der Zusammenarbeit für die Qualität im Gesundheitswesen ein wesentlicher Aspekt (S. 51 ff.). Nach dieser Erhebung ist die Zusammenarbeit zwischen Pflegenden und Ärzten im Durchschnitt zufriedenstellend, während die Zusammenarbeit mit der Geschäftsführung bemängelt wird. Aus Sicht der Autoren sind im Krankenhausalltag die Pflegenden die an erster Stelle stehenden Ansprechpartner für Patienten (S. 55). Die Autoren befassen sich dann mit der Frage, wie eine Erhöhung der Steuerungs- und Entscheidungskomptenzen von Pflegenden zu besseren Arbeitsabläufen und erhöhter Qualität beitragen kann. Sie plädieren für mehr Gestaltungsfreiheit für die Pflege (S. 59) und sehen die Zukunft einer qualitativ hochwertigen und ökonomisch erfolgreichen Krankenbehandlung bei der Entscheidung im Team.

Die Arbeit im Team wird im folgenden Beitrag thematisiert (Ruth Kania, Vertrauen durch Interaktion). Der Beitrag setzt mit einer ausführlichen Schilderung des Arbeitsauftrages Blutentnahme ein, gefolgt von Fehlern bei der Blutentnahme, um sich dann mit den Schnittstellen im Krankenhaus und den Kommunikationsabläufen zu befassen. Der dann folgende Appell „Kommunikation verbessern!“ ist nicht ganz neu, trifft aber immer wieder den Kern des Problems insbesondere bei der Schnittstellengestaltung.

Die Kooperation im Krankenhaus ist auch Gegenstand eines weiteren Beitrages (Johanna Werner, Julian Grah, Matthias Thamm, Vom Kranken- zum Gesundheitshaus – ist so etwas möglich?). In weiten Teilen des Beitrages wird eine Mischung aus Erlebnisberichten und Allgemeinplätzen geboten. Man mag sich fragen, wie hilfreich eine Feststellung ist, dass es seit Urzeiten in Formen des Zusammenlebens und Arbeitens von Menschen Hierarchien gegeben habe und dass aus Mythen hervorgehe, die Götter würden die Menschen führen (S. 91). Erst der Bericht über die Klinik Havelhöhe (S. 100 ff.) wirkt erhellend für den Leser. Am Beispiel dieser Klinik wird erläutert, wie sich veränderte Organisations- und Verantwortungsstrukturen positiv auf die Krankenbehandlung auswirken können. Hier hätte man gerne noch mehr Konkretes erfahren, so z. B. zur Frage, wie sich die Position der Pflegenden und deren Zusammenarbeit mit den anderen Gesundheitsberufen im Einzelnen darstellt.

In einem fast 60-seitigen Beitrag geht es um die vielgestaltigen Fragen der Finanzierung des Gesundheitswesens, auch wenn der Titel des Beitrags das so nicht vermuten lässt (Moritz Völker, Streifzug durch das Gesundheitssystem). Dieser Beitrag ist journalistisch verfasst; wissenschaftliche gesundheitsökonomische Literatur wird kaum verwendet. Der angesichts der trockenen Materie durchaus kurzweilig verfasste Beitrag ist lesenswert für alle, die einen schnellen Einblick in die Finanzierung des Gesundheitswesens – vom Gesundheitsfonds bis zur Fallpauschale – haben wollen.

Die Integrierte Versorgung – jetzt gesetzlich überschrieben mit „Besondere Versorgung“ (§ 140a SGB V) – ist Thema des Beitrages von Moritz Völker und Sören Schulz (Wege in die Integrierte Versorgung). Ausgangspunkt der Thematik ist die Spaltung der Versorgung in die Sektoren der ambulanten und der stationären Versorgung. Die Autoren versuchen, sich dem ziemlich komplexen Thema, zu dem eine Fülle an Literatur vorliegt, eher journalistisch zu nähern, mischen diese Darstellungsweise aber auch mit gesundheitspolitischen Appellen (S. 170: „Wir fordern, dass die Kommunikation in der Medizin im 21. Jahrhundert ankommt!“). Die Darstellung der gesetzlichen Grundlagen, als solche angekündigt (S. 172), nimmt nur die frühere Modellvorhabensregelung zur Kenntnis. Die Änderungen des § 140a SGB V werden nicht geschildert. Wichtige Hinweise für eine funktionierende integrierte Versorgung werden aber in der Darstellung des Beispiels „Gesundes Kinzigtal“ (S. 180 ff.) gegeben. In diesem Zusammenhang wird auch auf die Prävention eingegangen (S. 189 ff.). Freilich wird dieses Thema gleich wieder verlassen und es wird zum Thema Patientensouveränität gesprungen.

In keinem Werk zu Fragen des Gesundheitswesens darf ein Beitrag zur Qualität fehlen (Sören Schulz, Qualität – eine Frage der Perspektive). Der Autor liefert hier eine sehr eingängige und trotzdem immer problemorientierte Darstellung der Qualitätsthematik, geht auf Fragen der Nutzung von Qualitätsdaten und der Zukunft der Qualitätsmessung ein. Ausführlich thematisiert wird auch die qualitätsabhängige Vergütung (S. 216 ff.). Der Beitrag kann durchaus als gediegene Einführung in die Qualitätsthematik und der mit ihr verbundenen Problematiken verstanden werden.

Im abschließenden Beitrag wird noch einmal das große Tableau der künftigen Gestaltung des Gesundheitssystems aufgestellt (Sebastion Beltz, Gesundheit gemeinsam gestalten). Vor dem Hintergrund der Botschaften aus den vorhergehenden Beiträgen wird die Gesundheit, nicht die Krankheit als Ausgangs- und Zielpunkt gestellt. Die Verengung der beteiligten Gesundheitsberufe auf die Heilberufler (S. 232) irritiert etwas, auch wenn darunter jeder im Gesundheitssystem Tätige verstanden werden soll (vgl. den Hinweis der Autoren S. 11, Fußnote 2). Ein Elf-Punkte-Katalog schließt den Beitrag ab.

Diskussion und Fazit

Dass bei einem solchen Sammelwerk von Studierenden keine grundlegende und systematische wissenschaftliche Aufarbeitung der Kernfragen unseres Gesundheitssystems erwartet werden kann, sondern dass es sich bei den Beiträgen nur um die Einspeisung je individueller Erfahrungen, Einblicke und Lösungsansätze handeln kann, versteht sich von selbst. Trotzdem fragt man sich, warum nicht durchgehend und konsequent zumindest der Versuch gemacht worden ist, eine wissenschaftliche Herangehensweise an die einzelnen Themen zu pflegen. Die Ansprüche der einzelnen Autorinnen und Autoren waren hier offensichtlich sehr unterschiedlich. Deshalb fällt es auch schwer, die einzelnen Beiträge einer gemeinsamen Würdigung zu unterziehen: Wird hier versucht, die Probleme seriös zu analysieren, um darauf dann Handlungsmöglichkeiten zu diskutieren? Handelt es sich eher um journalistisch geprägte Darstellungen? Steht der Appellcharakter im Vordergrund? Damit verknüpft ist auch die Frage, wem man die Lektüre eines solchen Sammelbandes empfehlen kann: Den Studierenden, den Lehrenden, den Akteuren des Gesundheitswesens?

Vielleicht sind das die falschen Fragen eines Rezensenten, der sich vornehmlich mit wissenschaftlicher Literatur auf dem Gebiet des Gesundheitswesens befasst. Vielleicht wäre ein anderer Blickwinkel auf das Werk hilfreicher. Ein solcher Blickwinkel wäre etwa auf die Befindlichkeit von kritischen Studierenden gerichtet, die ein sehr hohes persönliches und intellektuelles Engagement für das Gesundheitswesen, sein angemessenes Funktionieren und für das Zentrum aller Aktivitäten, die gesundheitliche Versorgung der Bevölkerung und der Bürgerinnen und Bürger, mitbringen. Denn bei der Lektüre der einzelnen Beiträge dieses Werkes verspürt man eine Grundhaltung, die nicht von Hochnäsigkeit, überheblicher Kritik und Massstablosigkeit geprägt ist, wie sie mancherorts auch von durchaus seriösen Journalisten und Wissenschaftlern gepflegt wird, wenn sie vom „maroden Gesundheitssystem“ sprechen. Die Autorinnen und Autoren dieses Werkes unternehmen es, sich das Gesundheitssystem und die Anliegen der Verbesserung dieses Gesundheitssystems im besten Sinn des Wortes zueigen zu machen. Und damit ist auch die wichtigste Botschaft dieses Bandes beschrieben, die in Punkt 10 des Thesenkataloges (S. 242) von den Autorinnen und Autoren selbst genannt wird: „Die Motivation der beteiligten Akteure ist der Grundstein guter medizinischer Versorgung. Diese kann nicht diktiert, sondern nur gefördert und unterstützt werden.“ Die Autorinnen und Autoren haben dazu mit ihren Beiträgen selbst schon einen engagierten Beitrag geleistet.


Rezensent
Prof. Dr. Gerhard Igl
(Universitätsprofessor a.D., Universität Kiel)
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Zitiervorschlag
Gerhard Igl. Rezension vom 29.12.2016 zu: Interdisziplinäres Autorenteam Witten (Hrsg.): Heal Your Hospital. Studierende für neue Wege der Gesundheitsversorgung. Mabuse-Verlag GmbH (Frankfurt am Main) 2016. ISBN 978-3-86321-240-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21258.php, Datum des Zugriffs 24.08.2019.


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