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Sieglind Ellger-Rüttgardt: Inklusion. Vision und Wirklichkeit

Cover Sieglind Ellger-Rüttgardt: Inklusion. Vision und Wirklichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. 204 Seiten. ISBN 978-3-17-029386-1. D: 23,00 EUR, A: 23,70 EUR, CH: 32,90 sFr.
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Thema

Mit dem Begriff der Inklusion verbindet sich ein Paradigmenwechsel im Verständnis von Behinderungen. Diese werden nicht mehr als persönliches Merkmal von Personen verstanden, sondern ihre Entstehung wird als Wechselwirkung von bestimmten Beeinträchtigungen einer Person mit einstellungs- und umweltbedingten Barrieren begriffen. Hierdurch verändert sich nicht nur die Zuschreibung von Behinderungen, sondern auch der Blick auf die Möglichkeiten bei der Sicherstellung von Teilhabe indem Umweltfaktoren mehr Beachtung erfahren.

Dieses soziale Verständnis von Behinderung ist nicht erst mit der UN Behindertenrechtskonvention (UN-BRK) in die Fachdiskussion getreten, wurde durch diese aber, gerade in Deutschland sehr stark gefördert. Inzwischen sind Fragend der Überwindung von Barrieren und der Ermöglichung von Teilhabe erfreulicherweise nicht mehr nur Bestandteil einer Fachdebatte, sondern eines breiten öffentlichen Diskurses.

Dass Inklusion nicht allein auf den Bereich der schulischen Bildung fokussiert, sondern alle Bereiche des Lebens umfasst, wird inzwischen auch immer häufiger wahrgenommen. Trotzdem dominieren Fragen der schulischen Inklusion immer noch die öffentliche Debatte und hier die Frage, in wie weit Förderschulen perspektivisch erhalten werden sollten, oder überwunden werden müssten. Wie der Untertitel des rezensierten Buches schon andeutet, geht es der Autorin um genau die Differenzierung zwischen den Wünschen, die sich mit dem Konzept der schulischen Inklusion verbinden und der aktuellen Wirklichkeit.

Autorin und Entstehungshintergrund

Die Autorin hat bis zu ihrem Ruhestand als Professorin für Allgemeine Rehabilitationspädagogik und Lernbehindertenpädagogik an der Humboldt-Universität zu Berlin unterrichtet. Die von ihr bearbeiteten Forschungsschwerpunkte konzentrieren sich auf den Umgang mit Behinderung im Kontext der Schule, berühren aber auch weitere Felder, wie die historischen Entwicklungen, internationale Vergleiche und berufliche Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen. Dieses breite thematische Interesse schlägt sich auch im pragmatischen Anliegen dieses Buches nieder. So begrüßt Ellger-Rüttgardt, dass zum Thema eine breite und intensive gesellschaftliche Debatte stattfindet, kritisiert aber an dieser, dass es meist um ein für oder wider in Bezug auf Inklusion geht, anstatt zu thematisieren, wie Inklusion praktisch verwirklicht werden kann. Hierzu greift sie einerseits die aktuellen politischen Debatten im Bereich der schulischen Entwicklung auf und stellt diese, entsprechend ihrem Forschungsprofil, sowohl in ihren historischen, wie internationalen Kontext. Ihr Ziel ist es „eine Reflexion der Vision Inklusion in ihrem komplexen Bedingungsgefüge“ (S. 9)zu leisten.

Aufbau und Inhalt

Das Buch ist übersichtlich gestaltet und setzt sich mit dem Thema in zehn Kapiteln auseinander.

Während die ersten Kapitel eher hinführenden Charakter haben und Grundlagen darstellen, werden in den späteren Kapiteln konkretere Themen der aktuellen pädagogischen Unterstützung von Kindern mit Behinderungen oder auch anderen Ausgrenzungsrisiken behandelt. Exkurse und teilweise ausführliche Interviewsequenzen sind optisch deutlich vom eigentlichen Text getrennt. Durch die langen Interviewsequenzen kommen vor allem Personen mit praktischen Erfahrungen zu Wort und schildern ihre Sicht auf die Debatte im Gesprächston. Jedes Kapitel schließt mit einem knappen und pragmatisch wertenden Fazit ab.

Im Folgenden wird der Inhalt der auf die Einführung folgenden Kapitel kurz vorgestellt:

Kapitel 2 – „Inklusion und Exklusion: der Blick auf die Geschichte“. Die verschiedenen Formen des Umgangs in historischer und kultureller Differenzierung lassen sich als Veränderungen zwischen den Polen Inklusion und Exklusion beschreiben. Um heute wirksame Veränderungen anstoßen zu können ist es daher notwendig, den jeweiligen historischen Bildungszusammenhang für die aktuellen Strukturen zu bedenken. Hierzu wird zunächst der allgemeine gesellschaftliche Umgang mit Behinderung betrachtet, um dann im zweiten Teil die Entwicklung der Heil- und Sonderpädagogik und ihr jeweiliges Verhältnis zur Allgemeinpädagogik zu beleuchten. Die knapp gehaltenen Ausführungen verdeutlichen die Entwicklungen und stellen Motivationen und Methoden für Aufbrüche in der Pädagogik in den Kontext der Zeit. Es werden auch Hemmnisse und Gegenbewegungen geschildert. Dem historischen Verständnis für Entwicklungen wird eine hohe Bedeutung, auch für die Gegenwart, beigemessen: „Nur wer die Gründe für Scheitern und Vergessen kennt, gewinnt für die Gegenwart ein reflektiertes Bewusstsein für die Bedingungen einer erfolgreichen inklusiven Schule“ (28).

Kapitel 3 – „Das Recht auf Teilhabe: die UN-Behindertenrechtskonvention und andere internationale Dokumente“. Es werden die Bemühungen um eine verbesserte rechtliche Stellung von Menschen mit Behinderungen auf nationaler, aber vor allem auf internationaler Ebene wiedergegeben. Dabei wird verdeutlicht, dass die UN-BRK weder das erste wichtige Dokument, noch das letzte im internationalen Diskurs war. Die unterschiedlichen Aussagen werden vor allem in Bezug auf Bildung beleuchtet und dabei die sehr unterschiedliche Situation in den verschiedenen Teilen der Welt, aber auch innerhalb Europas, herausgestellt. Ein Kernargument des Kapitels ist, dass internationale Vereinbarungen jeweils einer Adaption bedürfen, die den Blick auf die strukturellen und kulturellen Gegebenheiten eines Landes richtet. Von daher hält die Autorin die Aussage, dass besondere Institutionen der schulischen Bildung internationalen Abmachungen zuwiderlaufen, für unrichtig.

Kapitel 4 – „Inklusion als gesellschaftspolitische Aufgabe“. Gleich zu Beginn des Kapitels macht die Autorin deutlich, dass aufgrund der globalen Verwobenheit Gesellschaften nicht isoliert betrachtet werden können. Ökonomische Zusammenhänge, aber auch Migrationsbewegungen, führen zu permanenten Veränderungen und einer Zunahme an Verwobenheit. Hierauf reagieren viele Personen mit Verunsicherung, was sich in einer Verstärkung nationalistischer Bewegungen ausdrückt. Im Kontext dieser Veränderungen und auch solchen in der Arbeitswelt, stellt Ellger-Rüttgardt soziologische Verwendungen der Begriffe Inklusion und Exklusion vor. Diese arbeiten mit verschiedenen Differenzkategorien, nach denen Einschluss und Ausschluss in gesellschaftliche Zusammenhänge, aber auch mit Blick auf Ressourcen, organisiert sein kann. Auch bei Fragen der Bildungsgerechtigkeit sind eine Reihe von Faktoren von Bedeutung, die über Erfolg oder Misserfolg einer Bildungsbiographie entscheiden. Die Lebenslagen von Menschen mit Behinderungen sind sehr unterschiedlich, so dass sie nicht als homogene Gruppe betrachtet werden können. Es wird daher in diesem Kapitel verdeutlicht, dass Inklusion als Teil einer gesamtgesellschaftlichen Aufgabe zu verstehen ist und dass eine Fixierung allein auf Menschen mit Behinderungen in diesem Zusammenhang zu kurz greift, vielmehr muss die Komplexität moderner Gesellschaften Beachtung finden.

Kapitel 5 – „Gerechte Bildung: Die Inklusive Schule“. Das Kapitel schließt damit, dass das „Gebot der Stunde“ ein „mühsame[r], langwierige[r] Prozess der Reform“ sei, statt einer „Revolution“ (S. 79). Dementsprechend sollten Sondersysteme auch nicht einfach abgeschafft werden, sondern das gesamte Schulsystem auf den Prüfstand gestellt werden. Begründet wird diese Position mit Verweis auf die historische Entwicklung, nach der nämlich das deutsche Schulsystem noch nie egalitär organisiert war. Wird die Forderung der Inklusion, so wie von der UNESCO dargestellt, weit verstanden, sollen alle potenziell randständigen Schüler von einer inklusiven Schule profitieren. Gleichzeitig ist das bestehende Schulsystem aber in seiner Ausrichtung selektiv und Debatten über die bestehenden Strukturprobleme weitgehend zum Stillstand gekommen. Es werden Veränderungsversuche, wie die Einführung der Primarschule in Hamburg, beschrieben und gezeigt, dass eine so umfassende strukturelle Anpassung, wie die Forderung der Inklusion nicht als bildungspolitische, sondern als gesamtgesellschaftliche Debatte gesehen werden muss. Für diese müssen aber Eltern und pädagogische Fachkräfte gemeinsam überzeugt werden. Erfolgreiche Implementationen sind vor allem auf Ebene der einzelnen Schule umzusetzen, wo die entscheidenden Voraussetzungen in den Blick genommen werden können. Die verschiedenen Aspekte der Qualität pädagogischer Förderung werden beschrieben und herausgestellt, dass diese als der entscheidende Ansatzpunkt für eine gelingende Förderung aller Schüler einer Schule anzusehen ist. Nach Ellger-Rüttgardt sollen Veränderungen in Richtung einer Ausweitung inklusiver Beschulungen weiterverfolgt werden, allerdings nicht getrieben von einer technokratischen Machbarkeitsidee, sondern aufgrund einer historischen Informiertheit in Bescheidenheit und in kleinen wirksamen Schritten.

Kapitel 6 – „Vorreiter in Sachen Inklusion: Die Stadtstaaten Berlin und Hamburg“. Es werden in diesem Kapitel die Entwicklungen im Bereich der inklusiven Beschulung in Hamburg und Berlin mit Blick auf den historischen Verlauf und die strukturellen Besonderheiten beschrieben. Die entscheidenden reformpädagogischen Ansätze liegen jeweils in den 1970er und 80er Jahren. Die einschlägigen Evaluationen und gesetzlichen Veränderungen werden beschrieben und um Interviews und Presseartikel aus den Städten ergänzt. Herausgearbeitet werden neben dem Verlauf in den Stadtstaaten vor allem die Faktoren, die entscheidend für die unterschiedliche Entwicklung waren. In Hamburg ist hauptsächlich „eine stetige organisatorische und finanzielle Nachsteuerung“ (etwa bei Fortbildungen, Supervisionen, Diagnostik, gesetzlichen Veränderungen, Beratungslandschaft, etc.) dafür verantwortlich, dass „die Spanne zwischen bildungspolitischer Rhetorik und erfolgreicher Praxis“ (S. 108) vergleichsweise verkleinert werden konnte.

Kapitel 7 – „Pädagogische Professionalität im Wandel“. Dargestellt wird das Spannungsverhältnis zwischen einem professionellen Interesse am Wohl des einzelnen Kindes dessen Entwicklung unterstütz werden soll und der Einbindung in eine Organisationsstruktur, die von diversen Strukturen und Veränderungen geprägt ist. Zunächst wird die Debatte um die Belastungen des Lehrerberufes (Häufigkeit von Burnout) und die Versuche, Schule technokratisch zu optimieren, thematisiert. In der Entwicklung des deutschen Schulsystems dominierte bisher an allgemeinen Schulen eine Orientierung an einer homogenen Schülerschaft. Daher werden mit Blick auf die Erfordernisse einer inklusiven Schule weitreichende Veränderungen für notwendig gehalten und besprochen (allgemeine Lehrerbildung, berufliche Identität von Sonderpädagogen, Veränderungen der pädagogischen Berufsrolle, neue Unterrichtskultur, Zukunftsszenarien für Schulen). Das Kapitel schließt mit einer Sammlung von Zitaten von Lehrkräften, die zu ihren Erfahrungen mit inklusiver Beschulung interviewt wurden und die verdeutlichen, wo Herausforderungen überwunden werden müssen, aber auch welche positiven Effekte zu beobachten sind. Insgesamt geht die Autorin davon aus, dass eine segregierende Beschulung für bestimmte Schüler weiterhin notwendig bleiben wird und auch die Gefahr besteht, dass Schüler mit bestimmten Beeinträchtigungen von einer inklusiven Schule nicht profitieren.

Kapitel 8 „Wie läuft es im Ausland mit der Inklusion? Drei europäische Beispiele“. Wie im Kapitel 3 wird in diesem die internationale Ebene in den Blick genommen. Für die Länder Frankreich, Luxemburg und Schweden wird jeweils die historische Entwicklung des Bildungssystems und die Situation von Kindern mit Behinderungen vorgestellt. Es zeigt sich dabei die hohe Bedeutung von Entwicklungspfaden in denen Veränderungen erfolgen. So finden Anpassungen nach und nach und graduell, aber nicht fundamental statt. Auch kann nicht von parallelen oder ähnlichen Entwicklungen gesprochen werden. Die Entwicklung und Charakteristika des jeweiligen Bildungssystems werden knapp und übersichtlich dargestellt. Im Ergebnis spricht sich die Autorin gegen einen undifferenzierten und idealisierten Blick in andere Länder aus. Stattdessen erfordert die Übertragung von Konzepten, dass die historische Entwicklung mit bedacht wird und Veränderungen am Bildungssystem auch im Zusammenhang mit gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen stehen. So zeichnen sich gerade in Schweden in den letzten Jahrzehnten auch eher segregierende Entwicklungen ab.

Kapitel 9 – „Das «Kreuz mit den Lernschwachen» – oder Grenzen der Pädagogik“. Die Autorin nimmt die aktuelle Diskussion um Inklusion so wahr, dass bei Forderungen nach Abschaffungen des Förderschulsystemes es vor allem um Förderschulen mit dem Förderschwerpunkt lernen geht und weniger um Schulen für Kinder mit Sinnesbeeinträchtigungen. Sie zeichnet den Verlauf der historischen Diskussion dieser Schulform nach, die „in dieser Ausprägung in keinem anderen Land existiert“ (S. 145). Bei dieser historischen Betrachtung deckt sie auf, wie ähnlich die Argumente den heutigen waren, die damals für bzw. gegen diese Schulform ins Feld geführt wurden. Gleichzeitig wird die Diskussion wieder durch einen Blick auf die historische Entwicklung in Frankreich erweitert. Die exkursartig vorgestellten Erfahrungsberichte von Diskussionen an Versuchsschulen und deren Warnung vor einem Dogmatismus werden in das historische Bild ebenso eingearbeitet, wie die Hinweise, dass die sozialen Entstehungsbedingungen von Lernschwierigkeiten und Schulversagen schon seit über 100 Jahren Bestandteil der Fachdebatte sind. Aus den dargestellten Argumenten wird das Fazit gezogen, dass Fragen der Organisationsstruktur des Unterrichts – also ob in Sonderschulen oder Sonderklassen oder aber in den allgemeinen Klassen – weniger ausschlaggebend sind,, als die Qualität der pädagogischen Arbeit. Hierunter wird verstanden, dass die Schulen die teilweise aus dem Umfeld des Schülers erwachsenden Defizite kompensieren und in einem sozialräumlichen Netzwerk umfassende Unterstützung bieten und helfen, die Ausbildung von Resilienz zu fördern. Schließlich wird der Blick auch zeitlich über die Schullaufbahn hinaus gewendet und die Frage der Inklusion in die Arbeitswelt thematisiert. Im Fazit wird die Schlussfolgerung gezogen, dass der Umgang mit den „Lernschwachen“ Schülern in keinem Schulsystem und in keiner Organisationsform (auch international) bisher befriedigend gelöst wurde und daher die Frage nach der Organisation des Unterrichts offensichtlich nicht entscheidend sei. Stattdessen wird appelliert, dass sämtliche Schulen sich der Aufgabe annehmen müssen, dass die enge Verbindung aus Armut, Herkunft und begrenzten Zukunftschancen durch gute Förderung überwunden werden müsse.

Kapitel 10 – „Resümee und Perspektiven: Eine Mitte für alle“. Im letzten Kapitel werden die verschiedenen Diskussionsstränge des Buches zusammengefasst, aber auch perspektivisch weitergeführt. So wird ein Szenario für ein differenziertes, aber auch egalitäreres Schulsystem vorgestellt, dass aber an die bestehenden Traditionen anknüpft. Entsprechend der Grundthese des Buches, dass große Veränderungen am Schulsystem immer auch gesellschaftliche Veränderungen sind, wird hier für schrittweise Veränderungen plädiert, die mit verschiedenen Geschwindigkeiten auf die unterschiedlichen Erfahrungen Rücksicht nimmt und nicht zwangsweise eine Vereinheitlichung anstrebt. Mit Verweis auf eine über 200 Jährige Geschichte, die erforderlich war um das Recht auf Bildung aller Schüler durchzusetzen, wird auch vor der Abschaffung der Förderschulen gewarnt und die Gefahr gesehen, dass ansonsten neue Sondersysteme in Heimeinrichtungen oder medizinischen Institutionen geschaffen werden könnten. Auch vor übertriebenen Erwartungen, die sich mit einer Dekategorisierung verbinden, wird gewarnt. Ellger-Rüttgardt weist auf die Gefahr hin, dass ein undifferenziertes Unterstützungssystem den individuellen Anforderungen nicht gerecht würde und die Fachlichkeit der neun sonderpädagogischen Förderschwerpunkte zu erhalten sei. Unter Verweis auf die Diskussion um die stark gestiegene Zuwanderung weitet sie den Blick auf die Potentiale, die sich mit einer inklusiveren Gesellschaft verbinden und die auch andere Ausgrenzungsrisiken als Behinderung mit beachtet. Das Motto eines Konversionsprozesses aufgreifend („Eine Mitte für alle“) plädiert sie dafür, die Chancen die sich mit der Debatte um Inklusion verbinden zu nutzen, um sich für „die Vision einer menschenfreundlichen und solidarischen inklusiven Gesellschaft“ einzusetzen.

Diskussion

Der Untertitel des Buches „Vision und Wirklichkeit“ benennt die beiden Pole der Diskussion in diesem Werk. Einerseits würdigt die Autorin die Hoffnungen, die sich mit dem Konzept der Inklusion verbinden und stellt das innovative Potential der Debatte um Inklusion dar. Andererseits wendet sie sich aber auch gegen eine Idealisierung inklusiver Ansätze, die teilweise in unrealistischer und unpragmatischer Weise die Herausforderungen übersehen, denen Bemühungen um Inklusion gegenüberstehen. Gerade hier argumentiert sie vehement zugunsten eines realistischen Blicks, der sich auch an innovativen Konzepten orientiert, dabei aber nicht die Gegebenheiten außer acht lässt. Sie beklagt, dass alle bildungspolitischen Debatten von einer großen Diskrepanz zwischen bildungspolitischem Anspruch und der schulischen Realität gekennzeichnet waren und warnt davor, auch bei der Debatte um Inklusion diesen Fehler fortzusetzen. Diesen zum Teil übersteigerten Erwartungen setzt sie daher die Beschreibung der Wirklichkeit in sehr differenzierter Art und Weise entgegen. Hier spiegeln die Kapitel ihre Forschungsschwerpunkte äußerst informativ wieder. Sie stellt die aktuellen Debatten und Entwicklungen im schulischen Bereich in fast jedem Kapitel in den historischen Kontext.

Auch die Darstellungen der historischen internationalen Entwicklung und Debatten ist bereichernd und wird fruchtbar auf die fachlichen Fragen angewendet. Einen dritten Schwerpunkt bilden die fundierten Einblicke in die Schulversuche der Stadtstaaten Hamburg und Berlin, die von der Autorin offensichtlich intensiv begleitet wurden. Gerade aus diesen Erfahrungen bringt sie pragmatische Hinweise in den Diskurs ein. Wie in der Darstellung des Inhalts schon aufgezeigt schließt sie sich der Meinung der „Vertreter der Praxis“ an, welche „die Notwendigkeit der Existenz von Sonderschulen bis auf Weiteres unterstreichen“ (S. 178-179).

Neben der differenzierten Darstellung der historischen Entwicklung und dem fruchtbaren Blick auf die schulische Realität ist aber die vergleichsweise unkritische Darstellung der Sondereinrichtungen als bedauerlich anzusehen. Hier werden die in der Debatte vorgebrachten Einwände gegen Sonder- und Förderschulen, aber auch gegen die Angebote im Bereich der beruflichen Integration, allenfalls am Rande erwähnt. Es wird nicht thematisiert, dass die Sondersysteme ihrerseits nicht selten eher die Integration in Sondersysteme befördern, und somit die volle Teilhabe an der Gesellschaft erschweren. Hier hätte ein kritischer Blick auf diese Angebote auch einen wichtigen Aspekt der aktuellen (schulischen) Wirklichkeit beleuchtet und geholfen, vergangene Visionen realistisch zu überprüfen.

Sicherlich Zutreffend ist ihre Analyse, dass eine Abschaffung der Förderschulen allein nicht hilfreich erscheint, sondern dass Voraussetzungen zu schaffen sind, die es allen Schülern ermöglicht, die notwendige Förderung zu erhalten. Sie stellt deutlich dar, dass hierzu neben einem erst nach und nach stattfindenden Mentalitätswandel (bei Lehrern, Schülern, Eltern und der gesamten Gesellschaft) auch Fortbildungen und Ressourcen erforderlich sind.

Fazit

Ein sehr informatives Buch, das in der lebhaften Debatte über die Vision der schulischen Inklusion durch Einblicke in die historische Entwicklung und die Erfahrungen in anderen Ländern die fachliche Auseinandersetzung realistischer und pragmatischer machen will. Es wird dabei eher das Anliegen verfolgt, die Wirklichkeit als die Vision Inklusion darzustellen. Ein kritischerer Blick auf das bestehende Förderschulwesen hätte die ansonsten sehr differenzierte und gut leserliche Darstellung ausgewogener gemacht.


Rezensent
Matthias Kempf
M.A. Bildung und Soziale Arbeit, Dipl. Soz. Arb., wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentrum für Planung und Evaluation Sozialer Dienste (ZPE) der Universität Siegen
Homepage www.uni-siegen.de/zpe/mitglieder/wissenschaftlich/k ...


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Zitiervorschlag
Matthias Kempf. Rezension vom 08.03.2017 zu: Sieglind Ellger-Rüttgardt: Inklusion. Vision und Wirklichkeit. Verlag W. Kohlhammer (Stuttgart) 2016. ISBN 978-3-17-029386-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/21268.php, Datum des Zugriffs 16.06.2019.


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ISSN 2190-9245

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